Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Arzt werden im Online-Studium?

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Wer ortsungebunden Medizin studieren will, begegnet seit wenigen Monaten einem Online-Anbieter. Die Kurse finden, unabhängig von Corona, auf einer Lernplattform statt, der Praxisteil in Krankenhäusern. Hat das Zukunft? Ein Online-Besuch.

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Die Bundesärztekammer ist skeptisch, ob ein reines Onlinestudium für Mediziner sinnvoll ist.

Nicht erst seit Corona dürfte vielen Studenten die Vorstellung vertraut sein, sich gelegentlich von zu Hause aus bei Lehrveranstaltungen zuzuschalten. Die sechs Medizinstudenten, die an diesem Dienstagmorgen mit mir in einem Kurs vor ihren Computern sitzen, dürfen sich, was das angeht, schon mal glücklich schätzen: Ihr Seminar an der privaten Hochschule EDU (keine Abkürzung, sondern ein Eigenname) findet online statt – so wie auch alle anderen theoretischen Kurse bis zum Abschluss. Wie mag das zugehen? Der Besucher ist gespannt.

Kurz nach 10 Uhr: Die sechs Studis und ihr Dozent haben sich auf der Lernplattform eingeloggt und sind mit Webcam und Mikrofon zugeschaltet. Ihre Videos sind im Browser unten auf dem Bildschirm zu sehen, am Rande der Chat und in der Mitte die Präsentation des Dozenten. Am oberen Rand sind Buttons, auf denen man etwa Mikrofon und Kamera ausschalten kann. Das Ganze sieht aus wie eine Mischung aus Powerpoint und Skype-Konferenz. Nach der Begrüßung feuert der Dozent gleich mal die erste Frage in die Runde und nimmt dabei – Worst-Case-Szenario in jedem Seminar – die Erste unaufgefordert dran. Die Studentin weiß zum Glück Antwort und bestimmt den nächsten, der antworten muss.

Die Anforderungen an die Mitarbeit in der kleinen Gruppe sind hoch, hinter seinem Vordermann verstecken kann sich keiner. Nach der Fragerunde halten die Studenten kurze Referate rund um das Thema des Tages, stets begleitet von den Powerpoint-Folien, die anatomische Abbildungen zeigen. Der Gast im Kurs, der in seinem eigenen Studium schon so manches Seminar erlebt hat, bei dem die Stille nach einer Dozenten-Frage endlos war, muss sagen: Produktiver geht es offline auch nicht zu. Obwohl der größte Vorteil in diesem Fall natürlich die geringe Gruppengröße von nur sechs Teilnehmern ist.

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Seit eineinhalb Jahren gibt es den Bachelor of Medicine an der EDU. Mehr als 50 Studenten sind mittlerweile im Studiengang eingeschrieben, der zusammen mit dem Master auf den Arztberuf vorbereiten soll. Nach acht Wochen Theorieunterricht folgen stets eine Prüfungswoche und vier Wochen Praxisteil in einer der kooperierenden Kliniken in Deutschland. Als Sitz der digitalen Hochschule habe man Malta gewählt, weil das Land als erstes eine EU-Richtlinie umgesetzte habe, die Abschlüsse an digitalen Hochschulen möglich macht, sagt Jürgen Laartz, Geschäftsführer der Digital Education Holdings (DEH), die die Trägerin der Hochschule ist.

Der ehemalige Unternehmensberater Laartz hat die Hochschule zusammen mit zwei Professoren gegründet. „Wir wollen mit unserer Ausbildung mehr den Lerngewohnheiten der heutigen Generation folgen“, sagt er. „Das heißt: mehr digitale Inhalte und Lernformate.“ Kern der theoretischen Ausbildung sei kollaboratives Lernen, bei dem in den Kleingruppen etwa fiktive Patientenfälle bearbeitet werden. In der Unterrichtsstunde an diesem Morgen wäre das der Fall einer Freundin, die sich beim Skifahren verletzt und die man vor Ort angemessen versorgen muss: Wie soll man die Verletzungen am besten diagnostizieren und wie weiter vorgehen? Die Studenten tragen die Antworten zusammen. Neben den Seminaren gibt es im Theorieteil auch Online-Vorlesungen.

Abgesehen vom Online-Aspekt ist auch der Praxisteil an der EDU eher ungewöhnlich: Er beginnt für die Studenten schon im ersten Semester. „Wir integrieren den klinischen Alltag von Anfang an in das Studium, sodass auch praktische Aspekte des Arztberufs von Beginn an mit gelehrt werden können“, sagt Laartz. Wie führt man etwa Patientengespräche und was heißt es, emphatisch zu sein? Wenn im Unterricht Patientenfälle behandelt werden, spielen auch solche Fragen immer wieder eine Rolle. „Wenn man das über fünf Jahre hinweg macht, kann man viel mehr Wert auf diesen Teil der Ausbildung legen“, sagt Laartz.

Vanida Schwing beim Distance Learning

Vanida Schwing studiert im ersten Semester, sie ist an diesem Morgen eine der sechs Studenten in dem Seminar. In den Vereinigten Staaten hat sie vorher ein Studium zur Krankenschwester gemacht. Die Abwechslung zwischen Theorie und Praxis gefällt ihr an der EDU gut, sagt sie. „Als Krankenschwester hatte ich Studenten, die vorher noch nie in der Praxis waren. Da finde ich es deutlich besser, wenn man das Praktische nach und nach lernt und nicht erst am Ende auf einen Schlag“, so Schwing. Aufgewachsen ist sie in vielen Ländern, sagt sie, ihre Familie verstreut zwischen Großbritannien, Thailand und den Vereinigten Staaten. Besonders überzeugt hat sie daher die räumliche Freiheit während der Theoriephasen. „Ich muss demnächst meine Familie in Thailand besuchen und kann von da aus trotzdem bequem weiter studieren“, sagt Schwing.

Unter den Dozenten sind laut Jürgen Laartz viele, die auch an anderen Unis als Professoren arbeiten würden. Die meisten Dozenten stammten aus dem akademischen Mittelbau, seien also Mediziner, aber keine Professoren. Von denen würde der Großteil wiederum in Vollzeit an der EDU arbeiten und hätte vorher eine Zusatzausbildung in Didaktik absolviert.

Die Aufnahme an der EDU geht nicht wie so oft über den Numerus Clausus, also die Abiturnote. Vielmehr entscheidet man sich hier vor allem nach einem kognitiven Bewerbungstest und Interviews für die künftigen Studenten. Auf 13 Plätze haben sich immerhin das Fünf- bis Sechsfache an Interessierten beworben, sagt Laartz. Immatrikuliert wird laufend, in Zukunft bis zu neunmal im Jahr.

19.500 Euro kostet es, ein Jahr an der EDU zu studieren. Aber ob das nach fünf Jahren auch zur Approbation in Deutschland führt? Von der Kultusministerkonferenz gibt es dazu bis jetzt noch keine Antwort. Von deren Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) heißt es auf Anfrage des Studentenblogs lediglich, dass „eine Entscheidung hierzu in unserem Haus noch aussteht.“ Auch die Entscheidung der entsprechenden Stelle in Malta, wo der Studiengang akkreditiert ist, fehlt noch.

„Wir liegen mit unseren Anerkennungen im Zeitplan“, sagt Laartz. Es brauche noch den formalen Gleichwertigkeitsnachweis, dass der Abschluss dem eines Regelstudiums nach der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie entspricht. „Wir sind uns sicher, das auch zu erreichen, bevor wir den ersten Bachelorabsolventen haben“, sagt Laartz, dem damit noch etwa eineinhalb Jahre Zeit bleiben.

Die Bundesärztekammer ist skeptisch

Kritik am Studienmodell kommt derweil von der Bundesärztekammer: „Nach intensiver Prüfung und Gesprächen mit den Beteiligten, sieht die Bundesärztekammer ein rein virtuelles Medizinstudium kritisch“, heißt es auf Anfrage. Die Bundesärztekammer bemängelt vor allem, dass sich die Studenten nicht genügend untereinander austauschen und soziale Kompetenzen entwickeln könnten. Laartz sieht das anders. „Ich würde sagen, es ist genau das Gegenteil: Bei uns lernen die Studierenden von Anfang an in Teamstrukturen.“ Auch sähen sich die Studierenden während der Praxisphasen und privat. Das führe zu einem sozialen Zusammenhalt wie an den klassischen Universitäten. Wobei die Zahl an Studenten, mit denen man sich austauschen kann, bei EDU natürlich deutlich geringer ist.

Weiterhin kritisiert die Bundesärztekammer, dass bestimmte Untersuchungskompetenzen wie Mikroskopie im Online-Unterricht nicht vermittelt werden könnten. Auch dem widerspricht Laartz. „Genau wie alle anderen praktischen Fähigkeiten, kann auch Mikroskopie in den Praxisphasen in der Klinik gelehrt werden – und das ist in unserem Lehrplan auch so vorgesehen“, sagt er.

Die Bundesärztekammer rät derweil „allen interessierten Bewerbern dringend dieses Studienangebot sorgfältig auf seine Tragfähigkeit und vor allem auf die Ermöglichung des angestrebten Studienziels zu prüfen.“ Vanida Schwing jedenfalls hat sich vorgenommen, trotz der Unsicherheit nicht am Studiengang zu zweifeln, weil sie das nur vom Lernen ablenken würde, sagt sie. „Ich glaube, die EDU arbeitet wirklich sehr tatkräftig dran, dass das mit der Anerkennung umgesetzt wird“, so Schwing. Falls man am Ende unter Umständen noch einen Praxisjahr dranhängen müsse, um die Anforderungen zu erfüllen, sei das für sie völlig okay.

Ob sich diese Form der Ausbildung also durchsetzen wird? Laartz und seine Kollegen jedenfalls machen mit großen Schritten weiter. Im Sommer soll die erste Klinik außerhalb Deutschlands – in Spanien – ans EDU-Netz angeschlossen werden. Auch weitere Kliniken in Deutschland sollen folgen, insbesondere im ländlichen Bereich, wo man durch die Ausbildung dort mithelfen will, dem Ärztemangel auf dem Land entgegenzusteuern, sagt Laartz. Seit Anfang März soll die Qualität der Lehre an der EDU von der Universität Maastricht begutachtet werden, um die EDU mit anderen Hochschulen vergleichen zu können. Vorgesehen seien auch Visiten an EDU-Standorten.

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Als bei einer Studentin an dem Morgen das Video etwas hinterherhinkt, scheint der digitale Aspekt des Kurses dann doch etwas hinderlich zu sein. Das Internet im Hotel, in dem sie zurzeit wohne, sei schlecht, entschuldigt sie sich. Wenn sie spricht und dafür ihr Mikrofon aktiviert, sind im Hintergrund Geschirrgeklapper und Musik zu hören – worauf sie ein anderer Student auch scherzhaft aufmerksam macht. Ansonsten erscheint die räumliche Entfernung für den Unterricht an diesem Tag nicht hinderlich zu sein. Manch anderes wird durch die digitale Infrastruktur sogar einfacher: Später im Unterricht machen die Studis ein Quiz zu den Inhalten des Kurses. 14. Multiple-Choice-Fragen, die dem Gast schon bald zeigen, dass er anscheinend nicht gut genug zugehört hat.

Um kurz vor 12 Uhr ist dann erst einmal Schluss und die Gesichter in den Webcam-Videos verschwinden eins nach dem anderen. Zurück bleibt der Eindruck, dass hier eine Einrichtung interessante neue Wege geht, die die Hochschullandschaft bereichern könnten – entscheidend für die EDU-Studenten ist hingegen, dass am Ende des Ganzen auch die Approbation steht.


3 Lesermeinungen

  1. Interessanter Ansatz,
    auch wenn mir nicht klar ist, was man mit einem Bachelor in Medizin einmal anfangen möchte. Lediglich der Master dürfte eine Approbation in D erhalten.
    Zumindest für die Telematikkomponenten eines Herrn Spahn dürften die Absolventen jedoch bestens gerüstet sein. ;-)

  2. Schade...
    … dass es das vor 50 Jahren noch nicht gab. Das hätte ich sofort und mit Begeisterung gemacht!

  3. Unternehmensberater
    Voll die Zukunft. Nicht nur beim studieren sondern auch in der Praxis bei der „Sprechstunde“. Besonders auf dem Land und in weit gezogenen Gebieten. Patienten können ununterbrochen „Abgerufen“ werden und die Med. technische Assistentin kann bei Bedarf zum Blut abnehmen, spritzen, fieber- oder -blutdruckmessen zum Patienten fahren. Der Arzt muss nicht eine Stunde durch die Gegend fahren um 2 Patienten zu Untersuchen. Diese „Arztbesuche“ könnten auch von der Arbeit aus durchgeführt werden. Vor allem würde das auch die Kosten senken. Leider befürchte ich das die unfähigen Beamten 30 Jahre brauchen und sich damit beschäftigen zu klären ob sie sich damit beschäftigen sollen.

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