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Sherlock, Stranger Things & Co.: Wie in Fernsehserien geraucht wird

| 6 Lesermeinungen

Lässig balancierte Glimmstengel haben das Kino groß gemacht und den Aufstieg des Serienfernsehens begleitet. Dann kam das Rauchverbot, heute wird jede Zigarette dreimal umgedreht. Wo glüht noch was? Elfte Folge unserer Reihe „Serienversteher“.

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Sherlock (Benedict Cumberbatch) kämpft in der Folge „Im Zeichen der Drei“ mit seiner Nikotin-Sucht.

Humphrey Bogart, James Dean, Marlon Brando oder Clint Eastwood sind ohne Tabak kaum vorstellbar. Würde man der Filmgeschichte die Zigarette entziehen, blieben unzählige leere Hände und Münder zurück, die nichts mit sich anzufangen wüssten.

Warum passt die Zigarette eigentlich so gut zum Film und zu stilisierten Schauspieler-Porträts? Liegt es daran, dass sie als eine Art Seelenrequisit imstande ist, auch am fast ruhenden Körper eine innere Bewegung anzudeuten? Zweifellos ist sie fotogen, bringt Linien und Achsen ins Bild, die das Anschauen interessanter machen. Nicht zuletzt zeigt das beim Inhalieren verzogene Gesicht eine Bereitschaft, sich zu sammeln, das eigene Leben zu überdenken und zu ändern. Das erzeugt Spannung. Paradoxerweise verlieren viele Situationen durch den Einsatz einer Zigarette an Künstlichkeit. Mit Zigarette in der Hand oder im Mundwinkel ist der Schauspieler nicht einfach nur da, er tut auch etwas, wenn es auch meist vollkommen nutzlos ist.

Erst die Kippe, dann die Ermittlung: Humphrey Bogart in dem Noir-Klassiker „Die Spur des Falken“ (1941)

Über das Rauchen im Film gibt es inzwischen zahlreiche Bücher und Dokumentationen. Unbeachtet bleibt darin meist, dass das Motiv in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine völlig neue Entwicklung durchlaufen hat. Vor allem im Serienfernsehen – dort also, wo man sich erzählerisch auch heute noch Zeit für eine Zigarette nehmen kann – hat das Rauchen eine neue dramaturgische Funktion übernommen.

Schien immer irgendwie aus Solidaritätsgründen zu rauchen: Götz George als Schimanski

Um diese Entwicklung zu erkennen, muss man sich zunächst in die verqualmten Polizeistuben der frühen Fernsehserien zurückversetzen, muss sich in Deutschland etwa an den von Erik Ode gespielten „Kommissar“ (ab 1969) hinter einer dicken Rauchwolke erinnern, an den Zigarrenraucher Walter Richter im ersten „Tatort“ (1970) oder an Schimanski in den Ruhrpott-Kneipen der achtziger Jahre. Wobei der ermittelnde Raucher, der das Denken bei gezielter Tabakinhalation zu intensivieren versucht, schon seit Sherlock Holmes und Maigret ein liebevoll zitiertes Klischee darstellt.

Das Rauchen als integraler Bestandteil von Unterwelt und Bildkomposition: gemäldehaftes Werbefoto für die „Sopranos“

Doch irgendwann um die Jahrtausendwende herum, parallel zur Renaissance des epischen Serienfernsehens in Amerika, kam allmählich Sand ins Getriebe. Da gab es auf der einen Seite Produktionen wie die „Sopranos“ (HBO ab 1999) oder „Mad Men“ (AMC ab 2007), in denen das exzessive Rauchen eine besondere Eigenweltlichkeit betonen sollte, über die man fast schon wieder schmunzeln musste, auf der anderen Seite solche, deren Handlungen im neuen Jahrtausend angesiedelt waren. In dieser Phase hatte der Nichtraucherschutz bereits so sehr an Bedeutung gewonnen, dass das Bildschirm-Paffen in Bundesbehörden oder der Gastronomie nur noch unrealistisch gewirkt hätte. Mit einem Mal wollte jede vor der Kamera entzündete Zigarette wohl überlegt sein.

© Allstar/LIONSGATE TELEVISIONRauchzwang in der Werbebranche, doch am Set kamen nur Kräuterzigaretten zum Einsatz: Jon Hamm als Don Draper in „Mad Men“

Rauchen? Nein, danke

Ein gutes Beispiel für diese verlorene Unbefangenheit bot in jüngster Zeit die Serie „This Is Us“ (NBC ab 2016), in deren erster Folge dem Zuschauer eine bemerkenswerte Szene präsentiert wird. Da blickt ein Vater durch die Scheibe der Geburtenstation auf seine gerade zur Welt gekommenen Zwillinge, ein drittes Kind starb im Mutterleib. Hinzu tritt ein Feuerwehrmann und schüttelt den Kopf über das Schicksal, das ihm an diesem Tag widerfahren ist. Er fand einen Säugling vor der Feuerwehrstation und brachte ihn hierher, ins Krankenhaus. Jetzt liegt das schwarze Baby neben den Zwillingen. Der Feuerwehrmann bietet dem Zwillingsvater eine Zigarette an, der jedoch lehnt ab – und beschließt im nächsten Moment, das gefundene Kind zu adoptieren.

Diese Szene, sie spielt im Jahr 1980 und der Feuerwehrmann raucht dann eben alleine auf der Geburtenstation, enthält eigentlich alle Zutaten für die existentielle Zigarette unter Männern alter Schule. Doch die aus dem Western oder dem Film noir bekannte Überlebenshilfe-Zeremonie unterbleibt ostentativ, wobei man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass der für seine Tabak-Aversion bekannte Sender NBC mit dieser vorbildlichen Zurückweisung zugleich den Zuschauer erziehen wollte.

Die Schleichwerbung wurde vermieden, eine verborgene Botschaft an den Zuschauer nicht: Szene aus „This Is Us“

Die Büchse der Pandora

Eine noch eindeutiger moralische Dimension erhält die Zigarette in der Showtime-Serie „The Affair“ (ab 2015), in welcher der Bücher schreibende Familienvater Noah Solloway und die junge Kellnerin Alison Lockhart, die vor kurzer Zeit ihr Kind verloren hat, ein Verhältnis beginnen. Aus mehreren Perspektiven rekonstruiert die Serie im Stile von Kurosawas Filmklassiker „Rashomon“, wie es dazu kam. Auffällig dabei, dass sowohl Noah als auch Alison eine Zigarette als Ausgangspunkt für ihren Seitensprung darstellen. Die Logik dahinter soll sich wohl wie folgt ausnehmen: Etwas, das gesellschaftlich so wenig anerkannt ist wie die Zigarette, schafft im gemeinsamen Genuss eine Verschworenheit, die auf weitere moralische Verfehlungen vorbereitet.

Eine hübsche Pointe besteht dann darin, dass beide Charaktere in ihrer jeweiligen Erzählversion darauf bestehen, der andere habe die Zigarettenpackung, diese Büchse der Pandora, zuerst geöffnet. Der Zigarette wird dabei eine erhebliche symbolische Kraft zugesprochen, die jedoch letztlich durch eine stark vereinfachende Küchenpsychologie aufgeladen wird – eine erstaunlich schlichte Entscheidung innerhalb dieser sonst so intelligenten Produktion.

© Screenshot ShowtimeWer hat die verhängnisvolle Zigarette nun angeboten: Noah (Dominic West) oder Alison (Ruth Wilson)? Die Erinnerung an ein und die selbe Szene trügt auch bei der Kleidung, die in beiden Versionen abweicht.

Das Pausenhof-Ritual

Würde Sherlock Holmes heute noch rauchen? In der BBC-Neuinterpretation mit Benedict Cumberbatch (ab 2010) versucht er jedenfalls, es sich dauerhaft abzugewöhnen. Er raucht, wenn überhaupt, meist in Anwesenheit seines Bruders – in der Serienfolge „Sein letzter Schwur“ zum Beispiel im Rahmen eines pubertären Pausenhof-Rituals, das eine der ganz seltenen emotionalen Verbindungen zwischen den Brüdern schafft. Ist es Zufall, dass genau dieses Ritual seit einiger Zeit in vielen amerikanischen Serienproduktionen eine bemerkenswerte Konjunktur erlebt?

Sherlock (Benedict Cumberbatch) mit seinem Bruder Mycroft (Mark Gattis) in der Anfang 2014 ausgestrahlten Folge „Sein letzter Schwur“

Vor allem eine fast gleichzeitig gedrehte Variante dieser Konstellation hat sich in den letzten fünf Jahren verselbständigt. Gemeint ist die Nikotin-Zeremonie, die Frank und Claire Underwood in der Serie „House of Cards“ (Netflix ab 2013) regelmäßig am geöffneten Fenster ihrer Wohnung vollziehen. Das Motiv wird in der Serie behutsam vorbereitet. In der ersten Folge raucht der zukünftige amerikanische Präsident Frank Underwood zunächst allein am Fenster, um wieder einmal eine überlebenswichtige Intrige im Kopf zu spinnen. Claire tritt hinzu, Frank reicht ihr seine Zigarette, sie nimmt sie, zieht aber nicht daran, sondern drückt sie mit etwas Verzögerung aus.

In der vierten Folge wird die Zigarette dann zunächst als Verführungsinstrument à la „The Affair“ eingesetzt. Claire trifft einen früheren Geliebten, folgt ihm ins Hotelzimmer, wo dieser ihr ein nostalgisches Päckchen entgegenhält, sie nimmt eine Zigarette, raucht nach alter Gewohnheit, er versucht sie zu küssen. Nur mit einiger Anstrengung widersteht sie und kehrt zu ihrem Mann zurück. Jetzt kommt es zu der ersten geteilten Zigarette der Serie, ein idyllischer Moment zwischen Mann und Frau, der zugleich eine der bestimmenden Fragen der Serie vorwegnimmt: Ist Gleichberechtigung neben einem Alphatier wie Frank Underwood auch nur ansatzweise möglich?

Der Präsident und seine Gattin – vermeintlich privat.

Dramaturgisch gesehen ist diese einträchtige Raucherszene aber auch ein brüchiges Moment. Man blickt in ihr – und eigentlich nur in ihr – auf ein Paar wie jedes andere, eines mit verpassten Träumen und schönen Erinnerungen. Der Zuschauer wird in den Fenster-Szenen dazu verführt, sich mit den beiden zu identifizieren, sich in sie einzufühlen. Doch muss ihm eigentlich schon bald klar sein, dass die gesamte Handlung der Serie und vor allem Franks Ansprachen an das Publikum immer auf die eine Erkenntnis hinauslaufen: dass sich Claire und Frank Underwood eben nicht zur Identifikation eignen, dass sie kein Herz haben und nichts ihre Skrupellosigkeit aufhalten kann.

Die Motive bleiben im Dunkeln

Ein Sprung von den Top- zu den Underdogs im Fernsehen: Auch in der Serie „Better call Saul“ (AMC ab 2015), die in den frühen 2000er Jahren spielt, gibt es das Motiv der geteilten Zigarette. Die beiden Anwälte Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und Kim Wexler (Rhea Seehorn) ziehen sich wiederholt zum heimlichen Rauchen in die Tiefgarage oder eine andere abgeschiedene Ecke zurück, um beruflich keine Angriffsfläche zu liefern. Zugleich sind die beiden sehr eigenwillige Gerechtigkeitsfanatiker mit Tendenz zum Querulantentum. Die geteilte Zigarette in der Tiefgarage veranschaulicht somit auch ihre Unberechenbarkeit.

© Allstar/SONY PICTURES TELEVISIONWas hat er jetzt wieder vor? Jimmy McGill überrascht seine Freundin Kim und den Zuschauer immer wieder.

In „Better Call Saul“ passt die Raucher-Szene erzählerisch perfekt zum Stil der Serie, in der man sich unentwegt fragen muss, was der Hauptfigur Jimmy McGill wohl gerade wieder für eine verquere Idee durch den Kopf geht. Jimmy und Kim, jeder für sich, treffen ihre wichtigsten Entscheidungen bei einer stillen Zigarette, kurz vor dem Filter tritt der andere hinzu und wird über die neuesten Lebensentwürfe informiert. Die Beweggründe aber bleiben meist poetisch im Dunkeln.

Der verinnerlichte kalte Krieg

In der jüngsten Staffel der viel gelobten Netflix-Serie „Stranger Things“ (ab 2016) scheint sich das Pausenhof-Ritual dann fast schon in ein recht freischwebendes Zitat verwandelt zu haben. In der Schlussszene teilen sich die tapfere Mutter Joyce Byers (Winona Ryder) und der Polizisten Jim Hopper (David Harbour) eine Zigarette, obwohl beide ohnehin recht viel alleine rauchen. Joyce Byers hustet sogar, als sei es ihre erste. Recht künstlich plaziert, soll die Zigarette an dieser exponierten Stelle wohl die Sehnsucht nach einer im weitesten Sinne aufregenden Jugend einfangen, die sich durch die ganze Serie zieht.

Wir schreiben die Achtziger, die Arbeit mit den überirdischen Kreaturen ist getan, jetzt kann die Zigarette herumgereicht werden.

Die angeführten Beispiele zeigen deutlich: Die Zigarette ist im Serienfernsehen der vergangenen Jahre einerseits seltener, andererseits wichtiger geworden. Mit der Zigarette in der Hand werden auf dem Bildschirm die wichtigsten Entscheidungen und die größten Gefühle geteilt, wobei die Zigarette zuweilen überfrachtet wird.

Vielleicht sollten sich die vielgepriesenen amerikanischen Serien beim Einsatz der Zigarette eine Scheibe an zwei deutschen Produktionen abschneiden, die auch international sehr erfolgreich waren. In „Weißensee“ und „Deutschland 83“ wird derart viel gepafft, dass man schon beim Zuschauen Kopfschmerzen bekommt. Zigaretten werden hier ohne erkennbaren Hintersinn, ähnlich wie bei „Mad Men“, einfach weggeraucht, sie sind allenfalls ein Symbol für den verinnerlichten kalten Krieg jener Jahre, in denen sie entzündet werden.

Die Zigarette im amerikanischen Serienfernsehen aber schmeckt oft nicht nur moralinsauer, was Gift für jede Unterhaltung und jede Kunst ist, sondern auch zunehmend schal. Vor allem die Originalität des Pausenhof-Rituals hält sich in Grenzen. Zeit für die Schulglocke.

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6 Lesermeinungen

  1. Keine Gardinen
    Sehr geehrter Herr Ebbinghaus,
    das Rauchen ist interessant, das (Rotwein-)Trinken ist interessant, aber vor allem ein anderes Phänomen, über das ich seit Jahren beim Anschauen von Spielfilmen und Fernsehserien reflexhaft und mit gewissem Vergnügen sinniere. Die Menschen haben bemerkenswert oft keine Gardinen oder Rollläden vor den Fenstern. Ein Großteil der Krimi-Morde entfiele glatt, könnte der Stalker im Garten nicht so gut beobachten, wie es sich das potenzielle Opfer gerade im Fernsehsessel bequem macht oder es am Herd die Suppe umrührt. Keine Ahnung, wie viele Familien im wahren Leben gleichermaßen gut zu beobachten sind. Evtl. ist man da in anderen Ländern auch offener als bei uns.

  2. Früher
    Noch eine Serie, die in der Vergangenheit spielt und in der extrem viel geraucht wird: Life on Mars.

    Wirkte auf mich wie bei Mad Men etwas aufgesetzt, auch wenn die Autoren vielleicht nur vorführen wollten, wie normal es früher war.

  3. Tabaksponsoring der Filmindustrie?
    In den Filmen (aus USA, Frankreich, Westdeutschland) der 1960er und 1970er Jahre wurde geraucht am laufenden Band. Der Verdacht liegt nahe, dass Gelder von der Tabakindustrie flossen. Dieses Kapitel haben Filmhistoriker noch nicht erschlossen.

  4. Rauchverbot
    In aktuellen! deutschen Krimis wird geraucht wie immer. Man schert sich überhaupt nicht um das Rauchverbot. Dabei stört es mich besonders, daß die „Guten“ rauchen, die Kommissare und dann ihre Kippen wegwerfen, was eine Ordnungswidrigkeit darstellt.

  5. lucifer
    Die Zigarette kann auch die andersGuten kennzeichnen. Lucifer und seine scharfe Dämonin Mazikeen rauchen. Die normGuten rauchen nicht.

    OT nur im Originalton ansehen.

  6. Titel eingeben
    Geraucht wird viel weniger bis gar nicht.Das ist gut so. Früher war das ein Anstoß das Rauchen auszuprobieren und auch Raucher zu werden.
    Heute sieht man leider in den Fernsehserien und Spielfilmen ,das bei jeder Gelegenheit
    Alkohol getrunken wird,überwiegend Wein und Bier. Ob diese Darstellung für Jugendliche
    Vorteilhaft auswirkt ist zu bezweifeln.

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