Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Forschung in drei Sätzen

| 24 Lesermeinungen

Wissenschaftler sollen verständlich sprechen. Aber nicht jeder ist ein Drosten. Kann man allgemeine Verständlichkeit lernen? Das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation ist davon überzeugt.

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Sie können es: der Virologe Christian Drosten und der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar

Ob Bachelorstudent oder grauhaariger Wissenschaftler, es gibt eine Sache, die sich in der Universitätslaufbahn nicht ändert: Forschungsergebnisse wollen verständlich kommuniziert werden. Wissenschaft thront nicht in einem Elfenbeinturm, sie befindet sich mitten in der Gesellschaft. Eltern interessieren sich für die Masterarbeit des Kindes, Geisteswissenschaftler versuchen jahrtausendealte Fragen zu beantworten, und große Teile der Bevölkerung warten auf  Lösungen für die Probleme, die mit dem Klimawandel einher gehen. “Die Wissenschaft ist ein zentraler Motor unserer Gesellschaft. Miteinander in den Dialog zu treten, ist daher wichtig”, sagt Beatrice Lugger, Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWik) in Karlsruhe.

Zwei Drittel aller Deutschen vertrauen der Wissenschaft “voll und ganz” oder “eher”, wie das Wissenschaftsbarometer der Initiative Wissenschaft im Dialog in einer repräsentativen Umfrage im Mai dieses Jahres herausfand. Ein Viertel sei unentschieden. Nur jeder Zehnte gab an, der Wissenschaft “nicht” oder “eher nicht” zu vertrauen. Trotz der geringen Zahl der Skeptiker – die öffentlichen anti-wissenschaftlichen Stimmen von Klimaskeptikern und Corona-Verweigerern sind ein beachtetes Phänomen der Fake-News-Ära. “Wissenschaftler sollten unbedingt in der Lage sein, hierzu eine Gegenstimme zu liefern”, sagt Lugger. Es hört sich banal an, aber vor allem sie können das öffentliche Bild der Wissenschaften beeinflussen. Forscher wissen, wie Wissenschaft funktioniert, dass sie ein langsamer Prozess ist und sie ebenso aus Ergebnissen wie aus Scheitern besteht. Darüber sollte man mehr sprechen, findet Lugger.

Beatrice Lugger

Gute Wissenschaftskommunikation heißt also nicht einfach, Forschungsergebnisse verständlich zu kommunizieren, sondern als Wissenschaftler mit der Bevölkerung in einen Dialog zu treten. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Ergebnisse der Wissenschaftler können mitunter Anwendung finden und die Forscher können Rückkopplungen aus der Gesellschaft aufnehmen. Lugger hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Gespräch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Dabei setzen die studierte Chemikerin und ihr Team bei den Wissenschaftlern selbst an und fördern deren Kommunikationsfähigkeit. Denn wenn es Forschenden nicht gelingt, ihre Themen allgemeinverständlich auszudrücken, liegt das meist nicht an mangelnder Intelligenz der Bevölkerung, sondern an den Wissenschaftlern selbst. Und wo niemand etwas versteht, kann kein Dialog stattfinden.

Die zwölf Stilregeln

Der Knackpunkt für gute Wissenschaftskommunikation scheint zu sein: Wissenschaftler müssen eine Übersetzungsarbeit aus der Fach- in die Alltagssprache leisten. Dabei müssen sie ihre Kernbotschaft bewahren. Zwar ist die Fachsprache gut und wichtig, ermöglicht doch sie erst den genauen Blick der Wissenschaft. Genauso wichtig ist es als Experte aber, die Detailversessenheit auf ein notwendiges Minimum reduzieren zu können, sodass der Inhalt noch richtig ist, die Aussage aber ohne fachsprachliches Wörterbuch verstanden werden kann. Eine leichte Aufgabe ist das nicht. Die Fachsprache in den Wissenschaften hat zugenommen. Zu dem Ergebnis ist das schwedische Karolinska-Institut gekommen, das Fachzeitschriften verschiedenster Disziplinen von 1881 bis 2015 auf ihren prozentualen Anteil von Fachwörtern untersucht hat. Überdies ist die Wissenschaftssprache in den meisten Disziplinen Englisch und für viele Begriffe gibt es keine deutsche Übersetzung. In diesem Dschungel der Unwägbarkeiten müssen Wissenschaftler die richtigen Worte finden.

“Wichtig ist, sich an seinem Gegenüber zu orientieren. Kommunikation muss auf Augenhöhe geschehen”, sagt Lugger. Das ist zwar eine Binsenweisheit, aber die Umsetzung bleibt eine Herausforderung. Wäre es anders, gäbe es ja keine Probleme. Luggers Institut bietet daher Seminare zur verständlichen Kommunikation auf Augenhöhe an. Erfolgreiche Kommunikation heißt für sie: zielgruppengerechte Kommunikation. Dabei seien fünf Faktoren zu berücksichtigen: Wer ist meine Zielgruppe? Welcher Sprachstil ist passend? Welches Thema interessiert meine Zielgruppe? Welches Ziel verfolge ich? Welches Medium nutze ich dafür? Für den passenden Stil vermittelt das Institut zwölf einfache Regeln, die helfen, sich einfach auszudrücken. Auch viele Texter oder Journalisten richten sich danach. Die zwölf Stil-Regeln hat das NaWik in Form eines Kleeblatts visualisiert. Die Aussage ist klar: Das Glück, verstanden zu werden, liegt so nah.

Abbildung des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation

Um zu überprüfen, ob man die Regeln der klaren Kommunikation verinnerlicht hat, empfiehlt die NaWik-Direktorin eine Art Probe: “Man sollte in drei knackigen Sätzen formulieren können, woran man gerade arbeitet.” Wer das schafft, hat seine Kernbotschaft gefunden. Bis es soweit ist, heißt es: Üben. Damit kann man nicht früh genug anfangen. Es ist schon paradox. Im Studium werden junge Menschen fit für die Wissenschaft gemacht, sie lernen, mit sperrigen Begriffen umzugehen und komplex zu denken. Werden sie Wissenschaftler, sollen sie das kompliziert Gelernte dann plötzlich auch einfach ausdrücken können, um in den geforderten Dialog mit allen eintreten zu können. Gelernt haben sie das aber nie. Wenn es nach Lugger ginge, würde die Wissenschaftskommunikation zur curricularen Ausbildung eines Wissenschaftlers gehören.

Freilich hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten einiges getan. 1999 unterzeichneten die wichtigen deutschen Wissenschaftsorganisationen das Memorandum PUSH (“Public Understanding of Sciences and Humanities”), indem sie sich dazu verpflichteten, den Dialog mit der Öffentlichkeit zu fördern. Seitdem werden Kommunikationspreise vergeben, der Bundestag diskutiert immer wieder über die Relevanz der Wissenschaftskommunikation und 2012 wurde das gemeinnützige NaWik von der Klaus-Tschira-Stiftung und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ins Leben gerufen, um die Ausbildung in wissenschaftlich verständlicher Kommunikation zu fördern. Am KIT wurde auch ein Departement für Wissenschaftskommunikation gegründet, das nicht nur professionelle Kommunikatoren ausbildet, sondern die  Wissenschaftskommunikation auch wissenschaftlich betrachtet. Im September veranstaltete das NaWik zum ersten Mal eine Konferenz für kommunizierende Wissenschaftler, die künftig jährlich stattfinden soll.

Dass die Wissenschaftskommunikation noch starken Verbesserungsbedarf hat, darin ist sich Lugger sicher. Bisher liege die Hauptanstrengungen meist in der institutionellen Kommunikation, also zwischen professionellen Öffentlichkeitsabteilungen und Kommunikatoren. Tatsächlich haben fast alle Universitäten und Institute heute gut funktionierende Öffentlichkeitsabteilungen – “innerhalb des Wissenschaftssystems gibt es bisher aber kaum Anerkennung für jene, die sich für die Wissenschaftskommunikation engagieren”, sagt Lugger. Wie könnte man Abhilfe schaffen? Vor allem die zentralen Ressourcen Zeit und Geld, sagt Lugger. Also alles wie immer. Derweil können Studierende und Forschende schon einmal in ihrer Freizeit üben, die eigene Forschung in drei Sätzen darzustellen. Das kann eine Menge Einsichten auslösen.


24 Lesermeinungen

  1. Anonymous sagt:

    Dr. re. nat.
    Das ist alles sehr schön gesagt und völlig richtig. Noch wichtiger wäre es allerdings, wenn offensichtliche, beweisbare Tatsachen anerkannt und nicht aus politisch-ideologischen Gründen von der öffentlichen Diskussion von vornherein
    ausgeschlossen würden.

  2. Anonymous sagt:

    Forschung in drei Sätzen
    Wer dies kann, wie im Betrag beschrieben, wird dadurch auch selber mehr vom eigenen Metier begreifen und erkennen. Dies gehörte eigentlich zu einer permanenten kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Tätigkeit, nicht nur in sog. wissenschaftlichen Bereichen.

  3. Anonymous sagt:

    Shoutout an YouTuber
    Dieser Artikel hätte die Gelegenheit gehabt, YouTuber zu nennen, die sich mit dem Thema wissenschaftliche Aufklärung befassen. Kanäle wie Minutephysics, MinuteEarth un ThreeBlueOneBrown im Englischen, aber auch MrWissen2Go, Kurzgesagt und MaiLab rühmen sich großer Popularität und besonders Letztere hat sich groß auf die Fahne geschrieben, wissenschaftliche Aufklärung zu betreiben und Fake News zu bekämpfen. Sie hat das sogar in dem gestrigen Jubiläumsstream der RWTH Aachen besprochen.

  4. Anonymous sagt:

    Herr
    Forschung im Leben inplantieren
    Enerie neue Wege gehen
    Arbeitsplatze dardurch für die nächsten 60 Jahren gesichert

    einfach umdenken

  5. Anonymous sagt:

    Wissenschaft in 3 Sätzen?
    Warum forschen denn Mediziner oft Jahrzehnte an Grundlagen wenn man das auch in 3 Sätzen erklären kann? Dann wundert es mich nicht, dass wir z.Zt. ca 80 Mio Virologen in D-land haben.
    Jeder der sich eine Maske auf die Nase setzen kann meint nämlich zur Zeit die Weisheit mit dem ARD/ZDF-Löffel eingefahren zu haben und die hier sehr einseitige Meinungsmache des ach so sympatischen Dr. Drosten und Co schmiert so schön das Gehirn zu. Da braucht es keinen weiteren Ansichten und Argumente, denn die sind leider oft eben nicht in 3 Sätzen zu erklären.

  6. Anonymous sagt:

    Titel eingeben
    Herzlichen Dank für diesen Beitrag. Ich arbeite als Kommunikationscoach und unterrichte Deutsch als berufsorientierte Fremdsprache. In der beruflichen Praxis, wie beispielsweise in der Medizin oder im IT- Bereich bedienen wir uns der spezifischen Fachsprache und vieler Abkürzungen.
    Sowohl meine Schüler, deren Patienten, und auch Kunden oder Leser und Zuhörer sind da schnell überfordert. Fachwissen vorauszusetzen überfordert die Fähigkeit von Nicht-Experten, alle Informationen aufzunehmen. Ich entschlüssele die vielen Fragezeichen mit bildhafter Sprache und einfachen Erklärungen, möglichst in Hauptsätzen. So kommt Information an und kann richtig gespeichert werden.

  7. Anonymous sagt:

    Titel eingeben
    Spätestens wenn Wissen aus den Universitäten in die Politik getragen werden muss, ist eine klare, verständliche Sprache gefragt. In den Ministerien werden auf Basis dieses Wissens politische Entscheidungen getroffen und Gesetze erlassen.
    Wenn Politiker und Beamte die Dokumente der Wissenschaftsräte nicht verstehen, suchen Sie in anderen Quellen nach den nötigen Informationen. Das sind nicht selten professionelle Texte aus den PR-Büros der Verbände und Lobbyisten. Dass diese Texte die wissenschaftlichen Erkenntnisse neutral übermitteln, darf angezweifelt werden.
    Üblicherweise wird das Wissen der Professoren in den Geschäftsstellen der Wissenschaftsräte versprachlicht. Nach meiner Erfahrung sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort offen für die „neue“ Art des Schreibens, müssen aber im Redigieren von Sachtexten geschult werden. Die meisten von waten schon zu lange im Sumpf des technokratisch-bürokratischen Schreibstils der Wissenschaft. Es fällt Ihnen schwer, sich selbst und ihre Texte von Floskeln, Phrasen, Füll- und Push-up-Wörtern zu befreien, aber auch von Passivkonstruktionen und substantivierten Verben. Oft ist ihnen gar nicht bewusst, welche Wörter und Formulierungen damit gemeint sind. Eine Liste mit Signalwörtern für schwer lesbare Sätze ist da sehr hilfreich. Nach dem Workshop beim Wissenschaftsrat der Uni Göttingen sagte einer der Teilnehmenden zu mir: „Es war schön, endlich einmal mit jemandem auf Augenhöhe über dieses Thema sprechen zu können.“ Das hat mir gezeigt, dass der Bedarf an lesenswerten Sachtexten groß ist.
    Andreas Düpmann

  8. Anonymous sagt:

    Falsche Grundannahmen
    1. Wissenschaftliche Veröffentlichungen sind FÜR andere Wissenschaftler/Experten, nicht für jedermann. Alles immer auf das simpelste zu reduzieren schadet dem wissenschaftlichen Fortschritt und hilft auch nicht irgendwen zu überzeugen! Ausserdem sind wissenschaftliche ERGEBNISSE erstmal Teil eines Erkenntniss-Prozesses, aus dem dann irgendwann eine ERKENTNISS folgt! Diesen Prozess zu öffnen sorgt nur für Fehlinterpretationen durch die breite Masse, wenn Studien falsch gelesen und missverstanden werden.

    2. Um neue Erkenntnisse der breiten Masse zu erklären gibt es Wissenschaftsjournalisten, Fersehen, andere Medien usw. Das ist NICHT Aufgabe der Wissenschaftler, die haben sonst genug zu tun!

    3. Es ist niemandens Aufgabe Verschwörungstheoretiker und andere Idioten zu widerlegen, zu überzeugen und mit ihnen zu diskutieren! Das ist absolut sinnlos, unmöglich und verschwendet Ressourcen. Das Problem dabei ist, dass diese Leute keine logische Diskussionsgrundlage bieten und Ergebnisse leugnen oder schlichtweg nicht akzeptieren.

    4. Niemand kann alles verstehen und von keiner anderen Branche wird erwartet, dass jeder alles versteht. Ich bin Spezialist in meiner Sparte, demanach bringt es die Sparte weiter wenn andere Spezialisten aus der Sparte mit mir darüber diskutieren. Eine Diskussion mit meiner Mutter oder Hernn Müller von nebenan bringt dagegen überhaupt nichts.
    Dafür verstehe ich auch nicht im Detail, was genau mein Automechaniker tut und wenn er ein Problem mit meinem Auto nicht lösen kann hoffe ich darauf, dass er das mit einem anderen Spezialisten diskutiert und nicht mit mir oder Hernn Müller von nebenan. Da bezahle ich auch nicht dafür das Problem toll kommuniziert zu bekommen, sondern dafür, dass das Auto wieder läuft!

  9. Anonymous sagt:

    Titel eingeben
    Ob Virologen, Wissenschaftler oder andere Fachexperten – sie SIND die Experten, die mehr wissen als Du und ich, deshalb vertraue ich ihnen ganz, erst recht, wenn die verschiedenen Virologen ungefähr dasselbe sagen, einfach und für uns alle gut verständlich.
    Ich kann nicht verstehen, warum manche Menschen lieber in Verschwörungs-Theorien verfallen und damit sich und uns viele andere, heftig und unverantwortlich, gefährden.
    ““Man sollte in drei knackigen Sätzen formulieren können”, was man gerade mitteilen möchte. Das kann man Üben.
    Danke für diese gute und wichtige Ausarbeitung.

  10. Anonymous sagt:

    Wenn man schriftlich kommuniziert ...
    … und wenn man schriftlich kommuniziert, sollte man auf die Orthografie zumindest so weit achten, dass kein Unsinn entsteht. Das sollte sich auch das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation zu Herzen nehmen. Die Abbildung auf dieser Seite, die lt. Quellenangabe von diesem Institut stammt, enthält einen Orthografie-Fehler, der zu einem haarsträubenden Unsinn in der Aussage führt: Wenn man lebendig formulieren soll, wie macht man das, bitte schön, wenn man das “aktiv” macht? Was soll “aktives Formulieren” heißen? Und was macht einer, der “passiv formuliert”? Vermutlich ist ja nicht “aktiv statt passiv”, sondern “Aktiv statt Passiv” gemeint. Das wiederum versteht aber nur, wer über Grammatikwissen verfügt.

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