Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Humboldt wäre eine Verbesserung

| 7 Lesermeinungen

Vor mehr als zweihundert Jahren formulierte Wilhelm von Humboldt seine berühmt gewordenen Gedanken zur Universität. Was ist von seinem Bildungsideal an heutigen Hochschulen geblieben? Eine Erinnerung aus aktuellem Anlass.

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Standfest: Wilhelm von Humboldt vor der nach ihm benannten Universität in Berlin

Wilhelm von Humboldt wurde im Jahr 1809 mit der Leitung der „Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts“ in Preußen betraut. Preußen befand sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Krieg mit Frankreich und hatte 1806 eine so schwere Niederlage gegen die napoleonischen Truppen erlitten, dass es große Teile seines Staatsgebiets verlor. Daraufhin leitete König Friedrich Wilhelm III. Neuerungen in die Wege, die unter dem Namen „Preußische Reformen“ in die Geschichte eingegangen sind. Diese Reformen wurden großflächig auf den Ebenen der Verwaltung, des Militärs, der Städteordnungen und schließlich auch im Bereich der Bildung durchgeführt; für die Umsetzung der letzteren wurde Wilhelm von Humboldt vorgesehen. Er sollte sowohl Ideen für eine Reform des preußischen Schulsystems entwickeln als auch an der Gestaltung der neu zu gründenden „Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin“ mitwirken.

Humboldt verfasste Zeit seines Lebens diverse Schriften rund um das Thema Bildung. In seiner bekanntesten Schrift zum Universitätswesen, „Über die innere und äußere Organisation der wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ formulierte Humboldt einige Gedanken, die uns bis heute beschäftigen. Der „Hauptgesichtspunkt“ von Universitäten solle die Wissenschaft sein, schreibt er. Die Universität bildet die Spitze des Bildungssystems. Die Schule soll als elementare Einrichtung eine umfassende Allgemeinbildung vermitteln, auf das Berufsleben vorbereiten und die Schüler zugleich dazu befähigen, ein Studium an der Universität aufzunehmen.

Wie der Titel der Denkschrift nahelegt, beschäftigt sich Humboldt separat mit einer inneren und einer äußeren Ausgestaltung von Universitäten. Zur äußeren Organisationsform schreibt er: „Der Staat muss seine Universitäten weder als Gymnasien noch als Specialschulen behandeln, und sich seiner Akademie nicht als einer technischen oder wissenschaftlichen Deputation bedienen.“ Humboldt sieht das Einwirken des Staates als sinnvoll und notwendig an, um die Existenz von Universitäten abzusichern. Sie sollen als Institutionen einen festen und beständigen Platz in der Gesellschaft einnehmen können und zudem von finanziellen Nöte in Forschung und Lehre nicht behelligt werden. Der Staat soll nicht nur die Freiheit der Wissenschaft garantieren, sondern auch bei der Auswahl der Wissenschaftler maßgeblich mitbestimmen. Die Wissenschaft solle zunächst für ihre eigenen Zwecke und frei von politischen oder wirtschaftlichen Zwängen betrieben werden, diene auf diese Weise früher oder später aber auch den Interessen des Staates.

Bekenntnis zu Humboldt

Würde Humboldt den heutigen Zustand der Bildungslandschaft gutheißen? Einerseits können staatliche Universitäten heute vom Staat eröffnet und geschlossen werden und Professoren sind Staatsbeamte, was durchaus Humboldts Idealvorstellung entspricht. Andererseits reicht die staatliche Förderung, von der die Universitäten abhängig sind, oft nicht aus. Zwar gibt es zusätzliche Förderungen durch öffentliche Einrichtungen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die akademische Projekte unterstützen, aber dies führt nach Einschätzung vieler zu einer großen Produktion überflüssiger Texte und zu unsinniger Bürokratie. Die Finanzierung der Wissenschaft durch Drittmittel würde Humboldt sicher nicht befürworten: Faktisch wird die Freiheit der Wissenschaft an Universitäten beeinträchtigt und staatlichen und wirtschaftlichen Interessen untergeordnet.

Auch was die Auswahl und Finanzierung von wissenschaftlichen Mitarbeitern angeht, kommt der Staat seinen Pflichten nicht ausreichend nach. Der „akademische Mittelbau“, der aus Assistenten, Hilfskräften und am Lehrstuhl angestellten Spezialisten besteht, ist im Regelfall mit befristeten Verträgen und niedrigen Löhnen konfrontiert. Humboldts Urteil würde insgesamt vermutlich lauten, dass der Staat die Freiheit der Wissenschaft aktuell nicht ausreichend garantiert und fördert. Würde man versuchen, Humboldts Idealen gerecht zu werden, würde die Situation deutlich anders aussehen: Stellen im akademischen Mittelbau müssten staatlich stärker gefördert werden, um finanzielle Sicherheit und berufliche Perspektiven für Wissenschaftler zu schaffen.

Zwar sind Universitäten heute wissenschaftliche Großbetriebe und mit den Institutionen zu Humboldts Zeiten kaum zu vergleichen, andererseits beziehen sich staatliche Universitäten noch immer auf ein humboldtsches Bildungsideal. So beruft sich die Humboldt-Universität zu Berlin (die frühere „Friedrich-Wilhelms-Universität“) auf seine Idee der Autonomie von Universitäten: „Unter ihrem Anspruch bekennt sich die Humboldt-Universität zu Berlin zur Einheit von Forschung und Lehre, zur Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, zum Programm des forschenden Lernens sowie zur institutionellen Verantwortung der akademischen Selbstverwaltung“, so steht es in der Präambel der Universitätsverfassung. Die Werte und Ideale, zu denen sich andere Universitäten bekennen, klingen ähnlich.

Die Sorgfalt des Staates

Wie stellt sich Humboldt nun die Arbeit an Hochschulen vor? Einerseits postuliert er „Einsamkeit und Freiheit“ als vorherrschende Prinzipien für die innere Organisation von Universitäten. Andererseits plädiert er dafür, dass Forschung nur in Zusammenarbeit sinnvoll gelingen und eine langfristige Wirkung haben kann. Die Wissenschaft soll als ein „noch nicht ganz aufgelöstes Problem“ behandelt werden, wodurch sich das Wesen der Universität für Humboldt grundlegend von dem der Schule unterscheidet. In der Schule seien die Kenntnisse abgeschlossen und würden auch als solche vermittelt, während die Forschung an der Universität etwas Unfertiges, sich Entwickelndes darstelle, an dem stetig gearbeitet werden müsse. Wissenschaft solle als etwas „noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes“ gesehen werden. Folge jeder diesem Prinzip, werde das gemeinschaftliche Forschen und Lehren Humboldt zufolge wie von selbst funktionieren.

Humboldts Auffassung von Bildung ist stark von den Ideen der Aufklärung und des Humanismus geprägt: „Der wahre Zweck des Menschen ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste, und unerlässliche Bedingung“, schreibt er schon 1792 in seiner Abhandlung „Wie weit darf sich die Sorgfalt des Staates um das Wohl seiner Bürger erstrecken?“. Humboldts Idealvorstellung entspricht also einer Form von Wissenschaft, bei der die Bildung und die Freiheit des Individuums im Vordergrund stehen.

Alte, neue Fragen

Würde man Humboldt zur inneren Organisation von heutigen Universitäten befragen, so hätte er vermutlich einiges zu kritisieren. Weder seine Idee einer Einheit von Forschung und Lehre noch die Freiheit der Wissenschaft oder gar die aktive Beteiligung von Studenten an der Forschung sind in unserem aktuellen Hochschulsystem Realität.

Folgende, auch für Humboldt relevante Fragen sollten neu diskutiert werden: Wie können Lehre und Forschung sinnvoll verbunden werden? Was bedeutet akademische Freiheit, und wie können junge Menschen an Universitäten derart gebildet und gefördert werden, dass ihre geistigen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung kommen?

Zweck und Aufbau von Bachelor- und Masterstudiengängen sollten neu überdacht werden. Eigentlich soll das Masterstudium heute ja einer Vertiefung der im Bachelor erworbenen Kenntnisse dienen. In der Realität gestaltet es sich aber oft als reine Fortführung des Bachelors: Zahlreiche Prüfungen führen zu einer anhaltenden Verschulung, Studenten nehmen selten an Konferenzen und Tagungen teil, die Masterarbeit wird trotz ihres hohen Anspruchs wissenschaftlich nicht anerkannt.

Wie könnte die Universität aussehen, wenn man Humboldts Ziele kompromisslos umsetzen würde? Sie könnte zu einem Ort des wissenschaftlichen Austauschs werden, an dem Forschung und Lehre zum Beispiel dadurch stärker verzahnt würden, dass Professoren ihre Studenten in Forschungsarbeiten einbinden. Seminare und Übungen gestalteten sich nicht länger als Frontalunterricht mit gelegentlichem Gespräch, sondern dienten in erster Linie der Diskussion aktueller und relevanter Forschungsfragen. Warum werden Bachelor- und Masterarbeiten nicht grundsätzlich veröffentlicht und in Universitätsbibliotheken zugänglich gemacht?

Für den akademischen Mittelbau würde Humboldts Ideal eine erhebliche Verbesserung bedeuten. Als vom Staat eingesetzte Akademiker würden sie in ihrer Stellung als Spezialisten und Experten respektvoller wahrgenommen und gefördert werden.

Humboldts Ideale bieten auch heute noch viel Potential für die Ausgestaltung der Universitäten. Doch momentan ist zum Beispiel die Einheit von Forschung und Lehre nichts weiter als eine Idealvorstellung. Dabei ließe sich durch wenige Änderungen der universitären Strukturen die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, die „universitas magistrorum et scholarium“, wie sie schon im Mittelalter existierte, neu beleben. Denn so, wie es im Moment um die Hochschulen in Deutschland bestellt ist, kann es nicht weitergehen.


7 Lesermeinungen

  1. Humboldt lebte in einer anderen Zeit
    Der Staat, war in Falle ein König. Weder der König, noch Humboldt hätten die Ideologinnen von der „Genderwissenschaft“ an ihre Universität berufen. Die Universität Humboldts war ein wissenschaftlicher Kleinbetrieb, der dem Adel und Großbürgertum vorbehalten war. Heute bilden Hochschulen und Universitäten des Rückgrat unserer Gesellschaft aus. Die größten Universitäten sind mittlerweile eigene Mittelstädte in den Großstädten. Die Leitung praktisch Bürgermeister von 50 000 Einwohnerstädten.
    Für die Freiheit von Forschung und Lehre brauchte man damals nicht viel Geld. Heute gibt es genügsame Fachbereiche/Fakultäten, die praktisch nur Personalkosten verursachen, aber auch Bereiche, wie die Experimentalphysik deren Forschung viele Millionen € kostet. Wir haben 306 öffentliche Hochschulen in Deutschland, davon 105 Universitäten. Welches Budget soll denn jede Hochschule bekommen, damit Forschung und Lehre wirklich frei sind? Eine Groß-Uni hat ein Budget von ~600 Mio € pro Jahr. Wenn es die DFG nicht geben würde, hätten die Forscher zwar viel weniger Papierkrieg, würden aber durch die, sich zwangsläufig ergebenen, Redundanzen viel mehr Steuergelder verschwenden.
    Was äußerst kritisch zu betrachten ist und wo sich ein Weg zurück zu Humboldt durchaus lohnen würde, ist das Thema Drittmittel und Kooperation mit der Wirtschaft. Die Univeritäten sind unser Gehirn brauchen eine nüchterne und unabhängige Sicht auf die Dinge. Zudem sollte der Staat endlich zu einem aktiven Rechte- und Patentmanagement übergehen. Die Rechte an den Sachen, die deutschen Hochschulen erforscht werden, gehören dem Staat und nicht irgendwelchen Hochschullehrern oder gar Kooperationspartnern. Ein aktives Management dieser Rechte würde Arbeitsplätze in Deutschland sichern und dem Staat oder den Univeritäten massive Zusatzeinnahmen bescheren. Ein in Deutschland erfunden und in China gebaut, können wir uns nicht mehr leisten.

  2. "Professoren sind Staatsbeamte,
    was durchaus Humboldts Idealvorstellung entspricht“ (Zitat Artikel). Dies dürfte bezeichnenderweise die einzige Vorstellung Humboldts darstellen, die das heutige Universitätssystem noch in idealer Weise verkörpert.

    Aber im Ernst – erfüllen Professoren hoheitliche Aufgaben ? Ist Freiheit der Forschung prinzipiell nur über den Status als Staatsbeamte möglich ? In beiden Fällen muss die Antwort „Nein“ heißen.

    Universitätssysteme in europäischen und außereuropäischen Ländern, die nach allen Rankings deutlich abschneiden als das deutsche, kennen keinen Professorenstatus als Staatsbeamte. Die Freiheit der Forschung ist dort dennoch nicht schlechter.

    Das Konstrukt, Professoren zu beamten, stellt heute eher einen Nachteil dar. Starre Besoldungssysteme erlauben weder eine hohe Attraktivität für internationale Spitzenkräfte, noch eine Abstufung für unterdurchschnittliche Leistung. Sie sind der Flexibilität von Universität und Forschung abträglich.

    • Hoheitliche Aufgaben
      Aber natürlich üben Professoren hoheitliche Aufgaben aus. Jede Prüfung stellt einen Verwaltungsakt dar, der verwaltungsgerichtlich überprüft werden kann. Erst recht eine Promotion. Wenn man derlei privatrechtlich organisieren will, würde es bedeuten, mit jedem Studierenden einen Ausbildungsvertrag anschließe zu müssen. Will das wer?

  3. Wilhelm von Humboldts ideale Universität
    … war die University of Michigan in Ann Arbor, die zu seinen Lebzeiten von einem Humboldtschüler gegründet wurde. Die erst viel später nach ihm benannte Berliner Uni folgte nie Humboldts Prinzipien.

  4. Schule vergessen
    Was die Universität angeht, kann ich den Artikel sehr unterstützen. Allerdings war W.v.Humboldt auch sehr fortschrittlich, was das Schulsysteme angeht: eine Schule für alle! Das haben wir bis heute nicht erreicht.

  5. Praktikabilität
    Einige Forderungen des Textes lassen sich für Menschen, die schon mal an einer Universität tätig waren, sehr leicht beantworten:
    Master- und Bachelorarbeiten werden nicht öffentlich zugänglich gemacht, da man an den Universitätsbibliotheken bereits nicht mehr weis, wohin man mit den ganzen gedruckten Dissertationen soll.
    Die Erfindung der elektronischen Dissertation in neuerer Zeit ist nicht etwa dem Fortschritt zu verdanken, sondern der reinen Not des Platzmangels in den Bibliotheken. Übrigens wird keine Veröffentlichung so selten nachgefragt, wie eine Dissertation.
    Ganz selten wird eine Dissertation öfter als einmal in zehn Jahren ausgeliehen, wenn überhaupt. Der Großteil der Dissertationen steht auf ewig ungelesen in den Bibliotheken, bzw. schlummert in den Computer-Jagdgründen.
    Natürlich gibt es glückliche Ausnahmen, die sehr häufig nachgefragt werden, aber diese erscheinen meist sowieso als Monographie auf dem Buchmarkt.
    Die Nachfrage nach Master- oder Bachelorarbeiten dürfte noch deutlich geringer sein. Auch wenn man mal das Glück hat, eine dieser Arbeiten zu einem gewünschten Thema zu ergattern, so stellt man doch sehr schnell fest, dass diese nicht unbedingt so leicht zu verwerten sind, wie die doch anspruchsvollere Dissertation. Die Informationen in der Master- oder Bachelorarbeit hat man meistens schon selbst aus der Literatur recherchiert, bisher habe ich darin noch nie etwas bahnbrechendes Neues gefunden. Dies ist auch nicht die Aufgabe der einfachen Abschlussarbeit, die nur nachweist, dass man eben in der Lage ist, wissenschaftlich zu arbeiten, aber die Erkenntnisse müssen nicht zwangsläufig neu oder wirklich relevant sein. Es ist eine Art Arbeitsprobe, die im positiven Fall zu einer Dissertation führen kann. Man zeigt gewissermaßen, dass man das Rüstzeug hat, aber die Schlacht ist damit noch nicht gewonnen. Es ist also nur effizient, nicht jede Abschlussarbeit zu veröffentlichen.
    Die Drittmittelakquise ruiniert die heutigen Universitäten mehr, als man sich vorstellen kann. Dies ist ein Don-Quichotterie des ökonomischen Diktats, statt Zeit und Nerven in Forschung und Lehre zu investieren, kommt zur überbordenden Verwaltungsakribie noch die Forderung, sich jenseits des Elfenbeinturmes noch mit dem schnöden Mammon zu beschäftigen, ja sozusagen neue Formen des Bettlertums zu erlernen, um dann wirtschafts- und industrieabhängige Forschungszweige zu etablieren. Dieser Lobbyismus durch die Vordertür ist bereits rundweg gelungen. Ein Exemplum ist der Studiengang Agrarwissenschaften. Dort werden Bauerskinder zu Akademikern geadelt, sie lernen dort die Gebrauchsanweisungen der Industrieprodukte zu verstehen.
    Es gibt in den Agrarwissenschaften keine Agrarwissenschaft jenseits der industriellen Agrarwissenschaft, ja es soll sie auch nicht geben! Deshalb protestieren Bauern in dem vollen Glauben, dass sie keine andere Möglichkeit der Bewirtschaftung ihres Betriebes haben, als die von der Industrie vorgegebenen chemischen Lösungsmöglichkeiten. Das ganze hat System und wird als einzig gangbarer Weg der Agrarwirtschaft gepredigt und geglaubt.
    Ökologische Landwirtschaft wird an vielen Universitäten gar nicht unterrichtet. (Und so könnte ich die Liste beliebig mit anderen Fächern fortsetzen. Es wird die Vermittlung und Zucht der Norm betrieben, nicht die zweifelnde Forschung zur Entwicklung alternativer Ideen. Es gibt aber auch positive Gegenbeispiele.)
    Eine Forschung und Lehre im Humboldtschen Sinne ist heute leider nicht mehr praktikabel. Professoren haben gar nicht mehr die Zeit (und vielleicht auch nicht die Lust) in tiefergehende Gespräche mit ihren Studierenden einzusteigen. Die eigene Reputation darf nicht vernachlässigt werden, der Verwaltungszauber fordert enorm viel Zeit und sowohl Gremien als auch andere Verpflichtungen kosten Zeit. Studenten werden eher als lästige Zeitfresser empfunden, einige Professoren bitten Studierende sogar, nicht an ihrem Seminar teilzunehmen, um die Teilnehmerzahl zu reduzieren. Höchstens ein Sprechstundenbesuch im Semester u. a. Abwehrmaßnahmen gegen Gespräche mit Studierenden sind leider üblich, wobei am auch hier anmerken muss, dass es auch im Bereich der Professorenschaft rühmliche Ausnahmen gibt, die Studierende durchaus als Exponenten der eigenen Fähigkeiten und deren Übermittlung ansehen. Diese leider inzwischen seltene Spezies ist meist auch in der Öffentlichkeit erfolgreicher als die „ich habe keine Zeit“-Kollegen.
    Der Beamtenstatus wirkt sich nicht immer positiv aus, wenngleich ich ihn für die Universität so fortbestehen lassen würde.
    Mir ist nicht nur ein Fall eine/s Professor/in bekannt, der/die über ein Jahrzehnt krank gemeldet war. Das mag es geben, nicht jede körperliche oder geistige Konstitution gewährt auf Dauer Gesundheit. Aber es wird eben niemand anders für diese Planstelle eingestellt, die Studenten kommen dann einfach nicht vorwärts, Institute „verrotten“ im wahrsten Sinne des Wortes.
    Es ist also längst Zeit für eine leichte Möglichkeit der Beamtenentlassung. An den Universitäten werden keine Blockierer benötigt, auch von Seiten der Lehrenden nicht. So wie die Zwangsexmatrikulation für faule Studierende oder solche, die nur die Vorteile eines Studierendenausweise in Anspruch nehmen wollen, eine gute Lösung wäre, so wäre auch die schnelle Entlassung von Professoren, die des akademischen Titels nicht gerecht werden können oder wollen sicher für alle Seiten von Vorteil.
    In der Zeit des Inflationsabiturs wird es wirklich wichtig, die Spreu vom Weizen zu trennen und sich besonders um die Studierenden zu kümmern, um sie und ihre Defizite und besonderen Fähigkeiten genau einschätzen zu können.

  6. Kontextabhängigkeit humboldt'scher Ideale
    Wenn es richtig ist, was Karl Jaspers als den Ursprung und den Existenzgrund der Universität bezeichnet, liegt jener allein im „spontanen Wissen und Erkennen um der Wahrheit willen, auch auf die Gefahr hin, dass sie unbeliebt ist und zu Konflikten führt“. Eine Universität muss demnach zuvörderst dazu fähig sein, solch abweisende Praktiken gewärtigen zu können. Wenn beispielsweise längst auf dem Tisch liegende Befunde zur Frage, was würdige Arbeit notwendig vor allem der hiesigen Industrie abverlangt, von einer Gewerkschaft wie der IG Metall von demselben gewischt werden, gilt es, sich als Universität angesichts dessen zu verhalten. Ansonsten steht zu befürchten, dass eine Universität in der Tat nichts anderes als gleichsam ein Fass ohne Boden ist, in das Gelder in Milliardenhöhe hineingeworfen werden können, ohne dass es plumps macht. Es kommt insofern auf den Kontext an, in welchem das Humboldt’sche Bildungsideal hochgehalten wird, damit es nicht zu leerem Gerede verkommt.

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