Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Promotion – ja oder nein?

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Viele Studenten fragen sich, wie es nach dem Studium weitergehen soll. Wann ist eine Promotion das richtige, auf welche Arbeitsbedingungen sollte man sich einstellen? Erster Teil unseres Leitfadens.

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Alle Studierenden müssen sich früher oder später mit der Frage auseinandersetzen, ob sie eine Laufbahn an der Universität oder auf dem freien Arbeitsmarkt beginnen möchten. Entscheiden sie sich für die Universität, steht das Schreiben der eigenen Doktorarbeit auf dem Programm. Doch der Weg zum Doktortitel birgt einige Herausforderungen, und es gibt viel, was man vorab darüber wissen sollte. Zwei Lehrende und zwei Promovierende der Georg-August-Universität Göttingen erzählen im Gespräch, was es zu beachten gibt.

Vorweg ein paar wichtige Begriffe: Die offizielle Bezeichnung für eine Doktorarbeit ist die Dissertation. Dabei handelt es sich um die erste eigene wissenschaftliche Arbeit größeren Umfangs zu einem noch unbearbeiteten Thema. Wenn die Doktorarbeit erfolgreich vollendet wurde, steht die Promotion an: Das ist die Verleihung eines akademischen Grades, des Doktors. Jemand, der eine Doktorarbeit schreibt, wird deshalb in diesem Artikel als Promovierender oder Doktorand bezeichnet. Die Promotion ermöglicht es dem Absolventen, an einer Universität zu forschen und zu lehren. Sie ist somit zugleich der Schlüssel zu einer beruflichen Karriere an der Universität.

Wer sich dazu entschließt, eine Doktorarbeit zu schreiben, sollte bereits eine Idee davon haben, was er im Anschluss beruflich machen möchte und sich fragen, ob eine Promotion dafür notwendig ist oder zumindest später Vorteile auf dem Arbeitsmarkt bringen könnte.

Durststrecken und frustrierende Erfahrungen

Barbara Schaff, die als Professorin für Englische Philologie an der Universität Göttingen regelmäßig Promovierende betreut, rät: „Hinter der Entscheidung für eine Promotion sollte ein klares Berufsziel stehen. Strebt man eine Promotion nur an, weil man sich davon bessere Jobchancen oder ein höheres Gehalt erhofft, dann sollte man es lieber lassen.“ Am wichtigsten sei es allerdings, intellektuelle Neugier für das eigene Fach und die eigenen Themen zu haben.

Das sieht Valentin Blomer ähnlich, der als Professor für Mathematik an der Universität Göttingen lehrt. „Ein Promovierender sollte eine Mischung aus Talent, Spaß und Fleiß mitbringen“, findet er, „aber ganz besonders Enthusiasmus ist wichtig. Ohne Freude und Interesse an der eigenen Arbeit kann man eine Promotion nicht schaffen, weil sonst das notwendige Durchhaltevermögen fehlt. Dann wird ein Doktorand auch kaum eine Zukunft in seinem gewählten Bereich haben.“

Von der Universität wird für die Anfertigung einer Doktorarbeit meist ein Zeitraum zwischen drei und fünf Jahren vorgesehen; die tatsächliche Dauer ist aber von vielen Faktoren abhängig – etwa von der Fragestellung, der Arbeitsweise und den persönlichen Lebensumständen des Promovierenden. Am besten ist es, sich mit den Lehrenden des eigenen Fachs über den Rahmen der individuellen Arbeit zu unterhalten.

Da die Promotionszeit mehrere Jahre in Anspruch nimmt, sollte ein angehender Doktorand bereit sein, viel Zeit in die Doktorarbeit zu stecken und immer wieder neue Motivation aufbringen können, wenn es mal nicht so läuft wie geplant. „Man muss sich auf Durststrecken und auch auf frustrierende Erfahrungen während der Promotionszeit einstellen. Das gehört dazu, wenn man über einen so langen Zeitraum an einem einzigen, sehr spezifischen Thema arbeitet“, sagt Vania Morais, die ihre Doktorarbeit derzeit am Institut für Romanische Philologie der Universität Göttingen schreibt. Sie findet es wichtig, beim Schreiben nicht den roten Faden zu verlieren und sich immer wieder vor Augen zu halten, welche Fragen die Doktorarbeit behandeln soll.

Unterstützung in Graduiertenschulen

Wenn man eine Idee für die Doktorarbeit hat, muss man sich für einen Weg entscheiden, auf dem man promovieren möchte. Das bekannteste Format ist die Individualpromotion, die auch Dominique Franke gewählt hat. Sie schreibt ihre Doktorarbeit im Fach Ur- und Frühgeschichte und wusste schon während des Studiums, dass sie promovieren möchte. „Ich habe mich mit meiner Idee für die Doktorarbeit gezielt an einen Professor gewendet, der einen ähnlichen Forschungsschwerpunkt hatte wie ich. Allerdings hat er mir ein anderes Thema vorgeschlagen, welches ich jetzt bearbeite. Es läuft nicht alles immer nach den eigenen Vorstellungen bei der Promotion“, erzählt Franke. Der Vorteil einer Individualpromotion ist, dass der Promovierende alle aufkommenden Fragen und Probleme unmittelbar mit dem Betreuer klären kann.

Wer direkt bei seinem Doktorvater oder seiner Doktormutter promoviert, hat manchmal die Möglichkeit, zusätzlich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl des Betreuers zu arbeiten. Wenn keine Stelle frei ist, kann die Promotion auch extern erfolgen, was allerdings ganz eigene Schwierigkeiten birgt. „Eine Individualpromotion ist insofern von Vorteil, als man nicht programmgebunden promoviert und somit auch zeitlich ungebunden ist. Dafür muss man sich aber auch um die eigene Finanzierung kümmern und eine enorme Selbstdisziplin mitbringen. Man muss sich auch der Einsamkeit des Forschenden bewusst sein, denn eine Promotion in den Geisteswissenschaften ist erstmal eine sehr einsame Angelegenheit. Deshalb empfehle ich immer, sich mit anderen Promovierenden oder wissenschaftlichen Mitarbeitern im Fach auszutauschen“, sagt Professorin Barbara Schaff.

Unterstützung während der Promotionszeit finden Individualpromovierende in Graduiertenschulen, die häufig an Universitäten angeschlossene Einrichtungen sind und dazu dienen, die Doktoranden miteinander zu vernetzen und zu fördern – etwa durch Reisekostenbeihilfe, Kurzstipendien und vor allem durch Beratung. Die Schulen arbeiten fächerübergreifend und binden sowohl Individualpromovierende als auch solche aus Promotionsprogrammen ein. So gibt es beispielsweise in Göttingen vier Graduiertenschulen, in die alle Promovierenden durch ihre Einschreibung an der Universität aufgenommen werden: Eine für Geisteswissenschaften, eine für Sozialwissenschaften, eine für Naturwissenschaften und eine für Forst- und Agrarwissenschaften.

Zusammenarbeit mit Anderen oder individuelle Betreuung?

Promovierende, die sich eine Zusammenarbeit mit anderen zu einem bestimmten Thema wünschen, können ihre Doktorarbeit auch in einem Graduiertenkolleg schreiben. Die Graduiertenkollegs werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und sind zeitlich begrenzte Forschungsprogramme mit einem klaren thematischen Schwerpunkt. Da die Kollegs meistens interdisziplinär ausgerichtet sind, können sich die Promovierenden bei ihren Arbeiten gegenseitig unterstützen. Die DFG vergibt Stipendien und Stellen für Graduiertenkollegs, auf die sich Promovierende direkt bewerben können (siehe auch den Stipendienlotsen des Bildungsministeriums).

„Am besten ist es, sich zu überlegen, welcher Weg für einen persönlich infrage kommt“, rät Professorin Barbara Schaff. Lege ich Wert auf enge Zusammenarbeit mit Anderen oder auf individuelle Betreuung? Möchte ich möglichst frei und ungebunden arbeiten oder ein strukturiertes Programm haben, in dem ich mich bewege? Hilfe können sich Studierende nicht nur bei den Beratungsstellen einzelner Universitäten, sondern auch direkt bei den Graduiertenschulen und der DFG holen.

Neben grundsätzlichen Fragen ist die Promotion mit weiteren organisatorischen Aspekten verbunden – etwa, wie eine Doktorarbeit finanziert werden kann und wie es mit Berufsperspektiven aussieht. Darum soll es in einem zweiten Artikel gehen, den wir in der kommenden Woche im Blog veröffentlichen.


16 Lesermeinungen

  1. @ Wolfgang Klein
    Schon etwas von Wissenschaftstheorie gehört.

  2. Dr und Geld
    „Strebt man eine Promotion nur an, weil man sich davon bessere Jobchancen oder ein höheres Gehalt erhofft“

    Natürlich ! Warum sollte man sich das denn sonst antun ? Um einem Impuls der Weltverbesserung zu folgen? Ich arbeite im ÖD und diejenigen dort mit Dr Titel haben das ausnahmslos weil es für die Karriere förderlich ist. Wissenschaftskarrieren hat niemand von denen angestrebt.

  3. Finanzierung
    Meiner eigenen Erfahrung nach ist es in den MINT-Fächern an vielen Universitäten oder an Instituten, wie denen der Max Planck oder Fraunhofer Gesellschaften, die Regel, das Promotionsstellen mit festem Thema und fester Finanzierung ausgeschrieben werden. Häufig sind diese Stellen mit Drittmittelprojekten verbunden und sollen dann in entsprechender Zeit von 3-4 Jahren bearbeitet und abgeschlossen werden.
    Gerade bei experimentellen Arbeiten in den MINT-Fächern sind häufig hohe Kosten mit Promotionsarbeiten verbunden, da neben den Personalkosten oft Materialkosten in ähnlicher Höhe nötig sind. Eine Stelle als Individualpromovierender, wie im Text beschrieben, ist hier schwer zu realisieren und noch seltener zu bekommen.

  4. Wissenschaft als Hobby
    Es muss dringend in den Folgeartikeln deutlich gemacht werden, dass das Vorhandensein eines klaren Berufziels in keinster Weise die Grundlage für den Beginn einer Doktorarbeit sein kann. Als Folge der Abschaffung des Mittelbaus an deutschen Universitäten zeigt sich, um was für eine hohle Phrase es sich bei der so genannten Wissensgesellschaft handelt. Den Beruf Wissenschaftler gibt es zur Zeit so gut wie nicht mehr. Von daher kann jedem, der nicht auf dem Gebiet der Medizin oder Rechtswissenschaften promoviert werden möchte oder der von seiner Arbeit leben muss nur davon abgeraten werden, eine wichtige und produktive Zeit im Leben mit einer Dissertation zu verbringen. Diejenigen, die von der Arbeit von Doktoranden profitieren, sind als Ratgeber denkbar ungeeignet.

  5. Promotion
    Eine Promotion ist eine Frage des Standpunktes und somit sieht das jeder naturgemäß anders.. seit einem Jahr bin ich als externer Doktorand
    wiwi immatrikuliert und ich kann nur bestätigen das es sehr sehr sehr schwer ist…aus finanziellen Gründen lohnt es sich nicht..denn wenn wir einen Zeitbedarf von 48 Monaten annehmen, verliert man bei 60.000 brutto pro Jahr rund 240.000 Euro.. wenn kann es in Tat nur an dem Reiz des forschens liegen oder wie Popper sagte… „Wissenschaft hat kein Ende“.

    Also wenn promovieren, dann nur wegen dem Thema, dem Reiz etwas einmaliges zu machen und wirklich es selbst gemacht zu haben..

    In diesem Sinne viel Freude beim Studierend und ich hoffe, ich kann in 3 Monaten die Professoren mit meinem Konzept überzeugen.

  6. Erfahrungen aus Universität, Consulting, Industrie-Forschungszentrum
    Die wichtigste Lehre aus eigener langjähriger Erfahrung in drei völlig unterschiedlichen Berufsfeldern -Universität, Consulting, Forschungszentrum in der Industrie (MINT-Bereich)- besteht darin, sich mehrere Möglichkeiten offen zu halten. Eine Dissertation, PostDoc-Stelle und schließlich Professur anzustreben, bedeutet angesichts der geringen Anzahl von tenure-track Stellen ein extrem hohes Risiko. Eine Professur zu ergattern ist nicht nur von der eigenen Forschungsexpertise und -leistung abhängig, sondern bedarf auch einer erheblichen Portion individuellen Zufalls (Fachrichtung, Zeifenster, Kommissionsentscheidungen).

    Man sollte stets darauf achten, in MSc, Dissertation und PostDoc-Zeit seine Forschungsthematik und -projekte so auszuwählen, dass man in die industrielle Forschung wechseln kann. Diese Entscheidung sollte in der Regel spätestens bis Ende Dreißig gefallen sein. Danach wird ein Wechsel schwierig bzw. ist von speziellen Konstellationen eigene Expertise & Bedarf des Unternehmens abhängig.

    Industrielle Forschung ist kein Notbehelf für universitäre Forschung, die sich nicht über eine Professur erreichen ließ. Beide Bereiche haben Vor- und Nachteile. Die „Freiheit“ akademischer Forschung, die viele eine akademische Karriere anstreben lässt, wurde in den letzten 20 Jahren de-facto zunehmend abgebaut.

    Die größte Fehlentscheidung, die man in Sachen MSc, Dissertation und Post-Doc treffen kann, ist diejenige, sich auf ausschließlich Grundlagenforschung zu konzentrieren.

    Ich habe in meinem Fachbereich zu viele sehr gute Wissenschaftler gesehen, die sich mit 40, 50 Jahren oder älter über schlecht bezahlte Lehraufträge oder temporäre Stellen durchgeschlugen. Andere sind schließlich auf völlig fachfremde Stellen, häufig mit nachteiligen Konditionen aufgrund des sehr späten Berufseinstieg, gewechselt.

  7. Graduiertenschulen
    Über den Sinn von Graduiertenschulen kann man streiten. Sie strukturieren das Promotionsstudium vergleichsweise stark, weswegen mitunter sogar von einer „Verschulung“ des Promotionsstudiums gesprochen wird. Ob sich diese weitgehende Strukturierung, die immer auch eine Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit der Doktoranden bedeutet, mit dem Ziel einer eigenständigen wissenschaftlichen Leistung, die die Dissertation ja sein sollte, gut verträgt, ist zumindest diskussionswürdig. Es ist zwar fraglos, daß Graduiertenschulen i.a. die Zeit bis zur Promotion verkürzen und die Erfolgsquote erhöhen, aber ob sie auch immer tatsächlich eigenständige, mit der wissenschaftlichen Freiheit umzugehen verstehende Forscher hervorbringt, kann man zumindest bezweifeln. Je stärker die Strukturierung und die Leitung, um so schwächer ist oft die Ausbildung der Selbstdisziplin, die zu entwickeln vielleicht auch Ziel einer Promotion ist. Politisch ist aber natürlich die höhere Anzahl von Doktortiteln, die in kürzerer Zeit erreicht werden, sehr erwünscht. Damit ist über die Qualität des Ergebnisses aber noch nicht viel gesagt. Mir erscheinen Graduiertenschulen oft wie das Analogon zu dem Trend, mehr Menschen zum Abitur zu führen, indem man einen größeren Anteil der Kinder auf das Gymnasium schickt. Die höheren Abschlußzahlen sind politisch natürlich nützlich. Ob sie tatsächlich ein höheres Bildungsniveau dokumentieren, darf bezweifelt werden.

  8. Eigenständige Leistungen ohne Promotionsverfahren
    Wissenschaftlich eigenständige Leistungen lassen sich auch außerordentlich erbringen, ohne ein Promotionsverfahren zu durchlaufen. Sie gelten dann als promotionsgleich, berechtigen aber nicht dazu, den Doktorgrad öffentlich zu führen. Weil es ohnehin nicht darauf ankommt, ob jemand über diesen Namenszusatz verfügt oder nicht, sondern allein auf die gewonnenen Erkenntnisse, liegt es weitaus näher, sich dafür zu entscheiden und auf alles Beiwerk ansonsten zu verzichten.

    • Titel eingeben
      Daß es ohnehin nicht auf den Namenszusatz ankomme, trifft nicht zu. Ob die Promotionsabsicht nun der Wirtschafts- oder Hochschullaufbahn zugute kommen soll: in beiden Fällen entscheidet der formale Titel. Zwar nicht darüber, was man kann, aber eben sehr wohl darüber, ob man das unter Beweis stellen darf. Insofern widerspreche ich auch Frau Schaff: Insbesondere in Natur-, Ingenieur- oder Wirtschaftswissenschaften (die in der Regel nicht satisfaktionsfähige Medizin hier außer Acht lassend) sind andere Motivationen nixht nur üblich, sondern auch durchaus potentiell zielführend. Für den weiteren Verlauf der Artikelserie wäre also wichtig, auch bei den Gesprächspartner*innen auch außerhalb der Geisteswissenschaften zu schauen.

  9. Unbefristete Stelle nach der Promotion unwahrscheinlich!
    Warum um Himmels willen wird immer wieder in Artikeln zu Dissertationen nicht klar benannt, dass in der Wissenschaft fast alle unbefristeten Stellen unterhalb der Professur abgeschafft wurden und man nach einer Promotion in den allermeisten Fächern ein prekär lebender Nomade wird, der sich bis zur Rente von Vertrag zu Vertrag an verschiedenen Universitäten hangeln muss? Die Wahrscheinlichkeit eine Professur zu ergattern wird regelmäßig von Promovierenden wegen solcher Artikel unterschätzt!

    • "Die Wahrscheinlichkeit eine Professur zu ergattern ..."
      Die ist verschwindend gering. Am ehesten noch an einer Fachhochschule. Wer das nicht versteht, der ist wahrscheinlich auch für eine Promotion zu blöd. In meiner Arbeitsgruppe in den 1980ern gab es drei bis vier Leute, die an ihrer Doktorarbeit geschrieben haben. Nehmen wir mal an, die waren drei bis fünf Jahre tätig, sagen wir fünf zu Rechnen. Der Professor hat seine Stelle etwa 30 Jahre inne. Geteilt durch 5 gibt 6. Mal 4 gibt 24, sagen wir 25 potenzielle Nachfolger während der aktiven Zeit des Professors. Von denen kann rein statistisch einer sein Nachfolger werden. Die restlichen 24 müssen sehen, wo sie bleiben. Die Fachhochschulprofessoren verbessern die Statistik etwas, da die aktuell kein Promotionsrecht haben.
      Insgesamt das ist noch optimistisch. Vor ein paar Monaten habe ich einer Antrittsvorlesung im Bereich Physik beigewohnt, wo es ein etwa 40 Jahre alter Gravitationstheoretiker endlich geschafft hatte, eine außerordentliche (!) Professur zu ergattern. Im Unterschied etwa zu Frankreich wird der akademische Mittelbau in Deutschland extrem schlecht behandelt. Eigentlich stellt man sich zu Beginn seiner Promotion innerlich schon darauf ein, dann in die Industrie zu gehen und mit dem Dr. etwas besser bezahlt zu werden. Ein sehr begabter Kommilitone von mir hat sich zehn Jahre mit einer Habilitation herumgeschlagen. Ich habe den später einmal auf einer Konferenz über Software Engineering getroffen, wo sich herausstellte, dass er schließlich ebenfalls in der Industrie gelandet war und praktisch das gleiche machte wie ich, eben nur mit einem Dr. habil. statt eines „normalen“ Dr.

    • Verhältnis der Anzahl Doktoranden zur Anzahl Professoren
      Sie meinen im letzten Satz, glaube ich, „überschätzt“ statt „unterschätzt“, aber egal.

      Problematisch an der Wissenschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte ist, daß man das Verhältnis der Anzahl Doktoranden zu der Anzahl Professoren erheblich erhöht hat, wobei speziell das Mittel der Graduiertenschulen eingesetzt wurde. Man wollte politisch halt mehr Leute in der Wissenschaft, um sich mit den Zahlen schmücken zu können, aber das durfte nicht viel kosten. Also hat man die Zahl derer überproportional erhöht, die am wenigsten verdienen, also die Zahl der Doktoranden. Dadurch sinkt zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit, nach der Promotion eine Karriere in der Wissenschaft fortsetzen zu können.

  10. Promotion ja oder nein?
    Mein Doktorvater (Mathematik) hat mir in den 1980er Jahren mal gesagt, ein wichtiger Unterschied zwischen dem Diplom und einer Promotion bestehe darin, dass man mit einer Promotion auch scheitern könne. In der Tat musste ich meine eigene Promotion anders ausrichten als sich herausstellte, dass die tolle Idee, die mein Doktorvater mir zur Untersuchung gab, offenbar nicht realisierbar war. Das hat mich ein oder zwei Jahre gekostet.
    Ich frage mich, ob Geisteswissenschaftler oder Mediziner jemals in diese Verlegenheit kommen. Bei Medizinern kenne ich die Anforderungen durch meine Frau, die als Mikrobiologin (Gentechnologie) mal den Ansatz gemacht hat, bei einem Mediziner zu promovieren. Nachdem er sie nötigen wollte, Forschungsergebnisse von einer anderen Forschungsgruppe zu stehlen, hat sich meine Frau einen neuen Doktorvater gesucht. Als Assistentin des Mannes hatte sie das zweifelhafte Vergnügen, den Medizinern in der Forschungsgruppe bei ihren Mediziner-Promotionen zu „helfen“. Diese unterscheiden sich in ihren Anforderungen durchaus von Dissertationen im MINT-Bereich. Ich würde mal sagen eine Mediziner-Promotion ist ungefähr so viel wert wie ein Diplom/Master-Abschluss im MINT-Bereich.
    Nach allem was ich über Geisteswissenschaften weiß, ist es dort analog, zumal die Arbeit in diesen Fächern wesentlich im Kompilieren bekannter Veröffentlichen oder von Statistiken besteht. Nun ja.

    • Methodik ist nicht Standard!
      Die Unterstellung, dass die Promotionsanforderungen in den Geisteswissenschaften unter denen der Naturwissenschaften liegen, ist schlicht falsch. Die unterschiedliche Methodik – und das methodengeleitete Arbeiten ist das wesentliche Merkmal von Wissenschaft! – impliziert mitnichten einen unterschiedlichen Standard. An dem Punkt also muss klar widersprochen werden, weil die Aussage an der akademischen Realität vorbeigeht.
      Was die medizinische Promotion angeht: Ja, da gab und gibt es schon seit langer Zeit Schwierigkeiten, was die wissenschaftlichen Ansprüche angeht. Die gute Nachricht: Es hat ein Prozess des Umdenkens eingesetzt. Dieser Prozess wird sicherlich noch eine Weile in Anspruch nehmen, aber immerhin ist ein Anfang gemacht.

    • Titel eingeben
      @Wolfgang Klein
      Ich trete Ihnen ungern zu nahe, muss Ihnen aber in aller Deutlichkeit sagen, dass Ihr Wissen um die Geisteswissenschaften allem Anschein nach ziemlich dürftig ist.

    • @Experte und Gast1 - Na, dann klären Sie mich mal auf ...
      Worin besteht denn die Methodik (ggf. Plural) der Geisteswissenschaften/Verwaltungswissenschaften? Behaupten kann jeder viel. Ohne eine verlässliche Methodik zur Wahrheitsfindung ist das alles nur Geschwafel. In der Mathematik werden Sätze durch Beweis hergeleitet. In den Naturwissenschaften werden Theorien durch (mathematischen) Beweis hergeleitet. In der Physik war das schon immer so, und die anderen Naturwissenschaften werden zunehmend mathematisiert. Die Überprüfung erfolgt durch Experiment und Beobachtung. Was genau sind jetzt die Methoden der Geisteswissenschaften, und wonach (ich nehme die Rechtswissenschaften mal aus) wird entschieden, ob Aussagen/Theorien wahr oder falsch sind? Ich meine, Schachspielen gehorcht auch Regeln, aber Schachspielen ist keine Wissenschaft sondern ein Sport.

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