Pop-Anthologie

A-WA: „Habib Galbi“

| 4 Lesermeinungen

Mit „Habib Galbi“ erreichte 2015 erstmals ein vollständig arabischsprachiger Song die Nummer eins der israelischen Charts. Gleichzeitig wurde der Song der israelischen Frauenband A-WA auch in arabischsprachigen Ländern ein Hit. Er beruht auf einem uralten Klagelied jemenitischer Frauen, das fast durch Zufall wiederentdeckt wurde.

***

 

„Liebe meines Herzens, meiner Augen / Wer hat dich, wie durch einen Fluch, gegen mich aufgehetzt? / Auf dass er esse, ohne satt zu werden“ – die für westliche Ohren exotische Dramatik des Textes zeichnete die Lieder jemenitischer Frauen über Generationen aus. Diese Lieder, zu denen „Habib Galbi“ gehört, wurden mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, da die Frauen im Jemen nicht lesen oder schreiben durften. Aufgezeichnet wurde „Habib Galbi“ erst in Israel in den fünfziger, sechziger Jahren, von einem Mann: einem jemenitisch-israelischen Sänger namens Shlomo Mogaa.

Und wiederentdeckt wurde es von A-WA, der Band, die aus den drei israelischen Schwestern Tair, Liron und Tagel Haim besteht. Sie mischten es mit Hip Hop, elektronischen Beats und anderen musikalischen Genres und landeten damit 2015 einen Hit. Ihre Großeltern väterlicherseits kamen mit einem unter dem Decknamen „Operation Fliegender Teppich“ bekannten Flugtransport aus dem Jemen nach Israel. Per Flugzeug wurden so zwischen 1949 und 1950 mehr als 40.000 bedrohte jemenitische Juden nach Israel gebracht – beinahe die gesamte jüdische Gemeinde des Landes. Die Eltern der Haim-Geschwister wiederum zogen in einen winzigen, idyllischen Ort in der Negevwüste, wo die drei Musikerinnen aufwuchsen.

Oft besuchten sie die Großeltern in Gedera, einer Stadt im Zentrum Israels mit einer großen jemenitischen Gemeinde. Dort tauchten sie in eine Art Mini-Jemen ein, hörten Arabisch – im besonderen Dialekt der jemenitischen Juden, in dem sie auch „Habib Galbi“ singen – und tanzten auf Hochzeiten jemenitische Tänze, die auch im Musikvideo von „Habib Galbi“ zu sehen sind. Diese Einflüsse aus ihrer Kindheit flossen in ihr kreatives Schaffen mit ein und machten den Song und das dazugehörige Musikvideo zu einem Gesamtkunstwerk aus Musik, Tanz, Kleidung, Schmuck, Grafik und jemenitischer Folklore.

Der Beat und das Erzählerische des Hip-Hop fügt sich in „Habib Galbi“ mit den uralten Gesängen aus dem Jemen zu einer erstaunlichen Einheit. Doch auf zweitem Blick erstaunt das eigentlich nicht so sehr: denn erstens war auch jene Musik improvisiert und rhythmisch. Die Frauen sangen die Lieder immer dann, wenn sie unter sich waren. In der patriacharlischen Gesellschaft, in der sie lebten und in der sie als Frauen unterdrückt wurden, durften sie sich nicht offen beschweren oder gar großartig zu Worte melden. Daher entstanden ihre Lieder beim Wäsche waschen oder kochen. Oft trommelten sie dazu mit ihren Ringen oder Nägeln auf Haushaltsgegenstände aus Blech, wie Pfannen oder Töpfe.

Und ähnlich wie im Hip-Hop erzählten sie in ihren Liedern Geschichten, und zwar sehr emotionale. Sonst zum Schweigen verdammt, konnten sie in diesen kathartischen Liedern endlich ihr ganzes Herz ausschütten, zum Beispiel darüber, dass sie einen Mann heiraten mussten, den sie nicht liebten, oder – wie in „Habib Galbi“ – über einen Liebhaber, der sie verlassen hatte: „Liebe meines Herzens, meiner Augen,“ heißt es in „Habib Galbi“ weiter, „Ein Jahr und zwei Monate ist er nicht zu mir zurückgekehrt, Hört! er ging und trieb mich in den Wahnsinn.“

Wie Historiker recherchieren Tair, Liron und Tagel Haim von A-WA ihre eigene kulturelle Geschichte, damit sie nicht verlorengeht. Und in Liedern wie „Habib Galbi“ verarbeiteten sie ihr musikalisches Erbe zu etwas Neuem, das ihnen Fans in ganz Israel, in Europa, den Vereinigten Staaten, aber auch in Ägypten, Marokko, dem Jemen, Saudi Arabien und anderen arabischsprachigen Ländern bescherte. „Habib Galbi“ war arabischen Zuhörern natürlich von der Sprache her zugänglich. Die Muttersprache der drei Schwesten ist Hebräisch. Dennoch war Arabisch für sie eine natürliche Wahl bei ihren Songs, da die Sprache ihrer Großeltern sie in den Kreis ihrer Familie zurückversetzte und ein Teil ihrer Identität verkörpert, der tief in ihnen verwurzelt ist.

Die vielfältigen Aspekte ihrer Identität – jemenitisch, weiblich, israelisch, Musikerinnen – können sie im heutigen Israel problemlos ausleben. Noch in der Generation ihrer Eltern herrschte eine schizophrene Situation, in der viele Juden, die aus arabischsprachigen Ländern eingewandert waren, sich für ihre „arabische“ Herkunft schämten oder sie zumindest nicht offen auslebten. Ein Staat musste erstmal entstehen,  nationale Einheit war gefragt – und Arabisch wurde mit der Sprache des Feindes assoziiert. Doch in der israelischen Gesellschaft hat sich seitdem viel geändert und das Erbe der Jahrhunderte alten jüdischen Gemeinden aus arabischen Ländern wird mit der neuen Generation, zu der auch die Haim Schwestern gehören, immer mehr anerkannt. Das bewies unter anderem „Habib Galbi“ und war eben auch deshalb so bedeutend: denn zum ersten Mal war damit ein vollständig arabischsprachiges Lied auf der Nummer eins der israelischen Charts.  

Natürlich ist es auch bedeutend, dass dieses Lied Generationen später von drei Frauen jemenitischen Ursprungs gesungen wird, die Dinge tun und sagen können, die ihren weiblichen Vorfahren niemals erlaubt gewesen wären. Noch ihre Großmutter wuchs im Jemen auf und hätte niemals eine selbstständige musikalische Karriere ähnlich der ihrer Enkelkinder einschlagen können. Damit wird das Lied und das Musikvideo, in der die Frauen mit den Genderrollen zwar spielen, aber die Erzählung in die eigene Hand nehmen und dabei auch noch ziemlich cool mit einem Jeep durch die Wüste brettern – auch zu einem feministischen Zeichen der Ermächtigung. Dem Liedtext wird durch die populäre Einkleidung seine dramatische Ernsthaftigkeit entzogen, und doch wird ihm als Bestandteil des neuen Kunstwerks camp-artige Bewunderung gezollt. Denn das Thema, ein gebrochenes Herz, bleibt natürlich immer aktuell. Übrigens kommt bald A-WAs neues Album heraus – ebenfalls komplett auf Arabisch.

 

Übersetzter Text:

Liebe meines Herzens, meiner Augen

Wer hat dich, wie durch einen Fluch, gegen mich aufgehetzt?

Auf dass er esse, ohne satt zu werden

Bei Anbruch des Morgens

War er gekränkt und ging davon

Gekränkt, meine Herrschaften, und ich bin ratlos

 

Meine Liebe brachte meine Augen zum Weinen

Er ging und ließ mich links liegen

Es gibt keine Liebe wie ihn

Liebe meines Herzens, meiner Augen

 

Ein Jahr und zwei Monate ist er nicht zu mir zurückgekehrt

Hört! Er ging und trieb mich in den Wahnsinn

Liebe meines Herzens, meiner Augen

Wem kann ich klagen, der mich verstehen wird?

Bei wem kann ich weinen, der mich trösten wird?

Wer von Euch kann mir helfen?

 


4 Lesermeinungen

  1. Überrascht und bezaubert
    Jemenitische Jüdinnen (zwar in Israel geboren, aber die Elftem aus dem Jemen), das Video ist arabisch gesungen, vieles in der Handlung ist arabisch. Natürlich hatte ich keine Ahnung von A-WA. Die Drei machen aus dem Exotischen etwas zeitgenössisch Kritisches und bezaubern zugleich. Sehr viel Rollenspiel und Umkehrung. Das Holzhacken, der stoppelbärtige Uniformierte, die Fußwaschung, die Frau mit der Axt, drohend. Die Wasserpfeife rauchende (arabische) Dame, die drei männlichen Tänzer, die Sängerinnen tanzen mit. Es wird ein traumhafter Mischmasch. Die Sängerinnen in Pink und in einem Jeep. In der Wüste. Soll wohl irgendeine himmlische Befreiung symbolisieren. Irgendwie passt das Ganze nicht auf seit Jahren rechtslastig regierte Israel. Der Erfolg der Gruppe, des Liedes über Israel hinaus in arabischen Ländern ist ein schmales Hoffnungsfünkchen.

  2. A-Wa
    Hochinteressanter Artikel, sehr gut recherchiert!

  3. Musik ohne Grenzen
    Grenzen sind Linien auf der Haut der Erde. Mehr erst einmal nicht. Dann gibt es die Grenzen im Kopf und die trennen viel.
    Der „Eiserne Vorhang“ war auch eine solche Grenze. Sie teilte Ost und West. Bis in die 90er Jahre war das ein geographischer, politischer und kultureller Begriff. Musik hatte im Kampf der Kulturen die wichtigste Funktion bei der Stiftung von Zugehörigkeit und Identität.
    Im Europa der 2010er Jahre ist diese Grenze verschwunden. Die Rockmusik und die Lebenseinstellung, die damit verbunden war, bedrohte das System Ost so sehr, dass die westliche Kultur zum Bestandteil Teil des Klassenkampfes wurde. Der Osten hat verloren.
    Die arabische und die jüdische Welt wird den künstlichen Konflikt auch mit Hilfe der Lebenseinstellungen überwinden – auch wenn das so von vielen Politikern beider Seiten nicht gewollt ist. Die menschlichere Kultur setzt sich immer durch, denn sie transportierte immer schon Sehnsüchte, Gefühle, Gedanken und Weltanschauungen.
    Rock sei Dank

  4. A-Wa
    Toller Artikel, tolle Band, toller Song. Toda raba! Ihre Andrea

Hinterlasse eine Antwort

Angemeldet als GAST





Noch Zeichen frei

Richtlinien für Lesermeinungen