Pop-Anthologie

Otis Redding: „Sittin’ on the Dock of the Bay“

| 9 Lesermeinungen

Otis Reddings größter Hit klingt, als wäre er im Meeresschaukeln zwischen Morgenkaffee und Fish & Chips zur Welt gekommen. Doch die Geschichte des Lieds ist auch von Kalkül geprägt – und von Tragik.

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Otis Redding beim Monterey Pop Festival 1967

Das Meer mit seinen Wellen. Eine Gitarre und ein Bass, ein paar Akkorde, dann der Sänger mit den ersten Worten: schon entfaltet sich das Panorama. Wir sehen, was das Ich des Songs sieht, aber wir sehen auch den Mann, der am Hafen in der Sonne sitzt und auf den glitzernden Pazifik schaut. Schiffe und Fähren laufen ein und wieder aus, ein buntes Hin und Her, während die Sonne höher steigt. Überall herrscht Bewegung, reglos bleibt nur der Betrachter, der die Wanderung schon hinter sich hat: aus Georgia im Südosten ist er in den Westen nach San Francisco gekommen, voller Hoffnungen, die enttäuscht wurden. Sitzen, Nichtstun, Einsamkeit, damit beginnt sein Tag und endet wieder.

So lapidar und wahr ist diese Geschichte, die kaum eine ist und doch zu jedem Hörer „Auch du!“ sagt. Repetition ist ja das halbe Leben, und der Pendler im morgendlichen Stau, der das Lied auf dem Weg zur Arbeit hört, sähe vielleicht lieber den weiten Ozean vor sich als die Autoschlange. Das Gefühl, seine Zeit zu verschwenden, kennt auch der, der einen Job hat, und in den Fächern Einsamkeit und Einerlei promovieren könnten die meisten. Immerhin schimmert San Francisco im Licht, und vielleicht sind die Menschen dort freundlicher und großherziger als in Macon, Georgia, wo Otis Redding aufwuchs und wo einem 1941 geborenen Schwarzen kaum mehr als zwei Wege nach oben offen standen: Sport oder Musik.   

Auf einem Hausboot in Sausalito

Musik war lukrativ, aber auch sie folgte der Segregation in Schwarz und Weiß. Es gab zwei Charts, eine für Rhythm & Blues, die andere für Pop. Auf den für R&B war Otis Redding schon einige Jahre zuhause und reich geworden. Auf einer Europa-Tournee, organisiert von seinem Label Stax, erfuhr er erstmals, wie auch ein weißes Publikum außer sich geriet, wenn er und seine schwarzen Kollegen Soul spielten. Im Juni 1967 trat er in Monterey auf, der „Mutter aller Pop-Festivals“. Auch dort versetzte er ein weißes Publikum geradewegs in den Rausch.

Kurz zuvor war das „Sergeant Pepper’s“-Album der Beatles erschienen, ein Evangelium der Postmoderne voller Anspielungen und Zitate, realisiert mit artistischer Aufnahmetechnik. Meilenweit entfernt schien diese Musik von der emotionalen, dem Moment entspringenden Improvisationskunst des Soul. Otis Redding war dennoch fasziniert, spürte den Zukunftswind. Keineswegs wollte er imitieren, aber er wollte auch nicht zurückbleiben. „Nothing’s gonna change“ galt nicht für ihn.

Als er im August einen Auftritt in San Francisco hatte, bot ihm Bill Graham, Besitzer des berühmten Filmore-Clubs, sein Hausboot in Sausalito an. Was für ein wunderbarer Ort! Schlafen, Relaxen, Stille und Ausblick genießen, über ein neues Album nachdenken und Ideen auf der Gitarre ausprobieren – alles war möglich dort. Und wirkt der Song, der Redding in die Hall of Fame katapultieren würde, nicht, als wäre er im Meeresschaukeln zwischen Morgenkaffee und Fish & Chips zur Welt gekommen?

Der tödliche Unfall drei Tage später

In Wirklichkeit entstanden dort nur die ersten beiden Zeilen und ein paar chords. Die eigentliche Geburt fand im Herbst im Stax-Studio in Memphis, Tennessee statt, in Zusammenarbeit mit seinem Freund, dem weißen Gitarristen und Songwriter Steve Cropper. In einem Interview erzählt Cropper, dass er es war, der den autobiographischen Hinweis auf Georgia in die Lyrics einfügte und ebenso den genialen Doppelvers: „I’m sittin’ here restin’ my bone/ And this loneliness won’t leave me alone“.

Wie auch immer: das Lied sollte „something big“ werden, ein Markstein, und das wurde es. „Sittin’ on the Dock of the Bay“ erreichte Platz 1 der amerikanischen Billboard-Charts und hielt sich über Wochen in den Hitparaden der Welt. Die Version, die wir hören, entstand am 7. Dezember 1967, für Otis war sie wohl noch nicht die endgültige, was vor allem den Ausklang betraf: das Pfeifen war improvisiert und sollte vielleicht durch ein weiteres Textstück oder ein instrumentales Solo ersetzt werden. Pfeifen klingt fidel und harmlos, zu harmlos für den stummen Mann auf den Docks, den niemand will.

Drei Tage nach dieser Aufnahme, am 10. Dezember, stieg Redding mit seiner Band in seine Privatmaschine, um zu einem Konzert nach Madison, Wisconsin zu fliegen. Sie gerieten in ein Unwetter, das leichte Propellerflugzeug trieb durch Regen und Wind und stürzte wenige Kilometer vor dem Ziel in den Lake Monona. Einzig der Trompeter Ben Cauley  konnte sich aus dem eisigen Wasser retten.

Otis Redding starb mit 26 Jahren. „Sittin’ on the Dock of the Bay“ wurde im Januar 1968 veröffentlicht, Lied und Autor posthum mit Preisen und Ehrungen überhäuft. Sein Zustandekommen war Zeichen der Hoffnung: ein schwarzer, aus der christlichen Tradition der Gospels kommender Sänger und Komponist, ein weißer Texter, Producer und Gitarrist, ein jüdischer, in Berlin geborener und vor den Nazis geflohener Impresario, der für Jazz und Soul brannte, ein Plattenlabel, das von einem Weißen gegründet und von einem Schwarzen geleitet wurde – different people, working together successfully. Ihre Lebenslinien kreuzten sich im richtigen Moment. Dass sie einander verstanden, war Glück. Auf der dunklen Seite bleiben die Toten und ihre Angehörigen, und der einsame Mann in den Docks.

„Sittin’ on the Dock of the Bay“

Sittin’ in the mornin’ sun
I’ll be sittin’ when the evening comes
Watchin’ the ships roll in
Then I watch ’em roll away again

I’m sittin’ on the dock of the bay
Watchin’ the tide, roll away
I’m sittin’ on the dock of the bay
Wastin’ time

I left my home in Georgia
Headed for the Frisco Bay
’Cause I have got nothin‘ to live for
Looks like nothin’s gonna come my way, so

I’m just come sittin’ on the dock of the bay
Watchin’ the tide roll away
I’m sittin’ on the dock of the bay, wastin’ time

Looks like nothin’s gonna changin’
Everything seems to stay the same
I can’t do what ten people tell me to do
So I guess I’ll remain the same

I’m sittin’ here restin’ my bones
And this loneliness won’t leave me alone
This two thousand miles I roamed
Just to make this dock my home

Now I’m just sittin’ on the dock of the bay
Watchin’ the tide roll away
Sittin’ on the dock of the bay
Wastin’ time

(Steve Cropper / Otis Redding)


9 Lesermeinungen

  1. Anonymous sagt:

    Wo sitzt Otis eigentlich?
    Wunderschönes Lied, aber im Text ist mir bis heute die erste Zeile unklar.
    Auf dem Dock? Ein Dock,jedenfalls gross, wie wir es verstehen, gibt es in Sausalito nicht. Und auf Docks zu sitzen, ist gar nicht so üblich… ausser
    das Wort bezeichnet etwas anderes, als wir Europäer meinen. Dafür spricht auch das sonderbare „of the bay“. Das Dock der Bucht, z.B. das
    Dock der Kieler Bucht, was hiesse das? Es kann eins, zwei, drei, viele ge-ben… es sind aber alle eigentlich keine „Docks der Bucht“, sondern wel-che an der Bucht.

  2. WoischD sagt:

    Titel eingeben
    Otis Redding ist für mich einer der allergrößten Musiker überhaupt!
    Welches opus hätte uns noch erwartet, wenn er nicht so früh von uns gegangen wäre! Die Geschichte ist auch eine aktuelle Lehrstunde für uns alle, wieviel Gutes entstehen kann, wenn „verschiedene Rassen“ zusammen miteinander arbeiten (und das zu jener Zeit!).
    Vielen Dank Frau Thrams!
    PS: Mein Lieblingssong von Otis: „Baby here I am“

  3. Anonymous sagt:

    Wie viele afroamerikanische Texte ist der Text leicht verschlüsselt.
    Das ist schlicht ein Sond über Arbeitslosigkeit.

    „I left my home in Georgia

    Cause I have got nothin‘ to live for
    Looks like nothin’s gonna come my way,“

    (…)

    „I’m just come sittin’ on the dock of the bay
    Watchin’ the tide roll away
    I’m sittin’ on the dock of the bay, wastin’ time“

    Ziemlich leicht nachzuvollziehen.

    Zuhause gab es nichts, da hat er sich auf den Weg gemacht.

    Den ist er bis zur Frisco Bay ans Meer gegangen, wo es nicht mehr weiter ging – und da gab es dann genau dasselbe. Immer noch nichts.

    Darum sitzt er auch dort von Morgens bis abends auf der Straße – in dem Fall das Dock – und kuckt den lieben langen Tag aufs Meer weil er sonst nichts zu tun hat als weiter Zeit zu verschwenden und den Wellen zuzusehen.

    Ein Lied, das die zweite Phase („Second Migration“) der „Great Migration“ besingt;

    https://en.wikipedia.org/wiki/Great_Migration_(African_American)

    Croppers Idee, Geogia ausdrücklich zu erwähnen sollte es We

    • Anonymous sagt:

      Wie viele afroamerikanische Texte ist der Text leicht verschlüsselt Rest
      (Buchstabenbegrenzung hatte zugeschlagen)
      Croppers Idee, Geogia ausdrücklich zu erwähnen, sollte es Weißen erleichtern, die Geschichte aufzuschließen und nachzuvollziehen.
      Zu dieser Zeit war man noch um interkulturelles Verständnis bemüht.

      Die Verschlüsselungsmethode, die noch aus der Sklaverei stammte, war ohnehin problematisch geworden. Einige weiße Herren waren doch dahinter gekommen, was es bedeuten sollte, und junge Schwarze lehnten sie vehement ab, weil sie die Dinge direkt ansprechen, ohne sich „wie die Sklaven“ zu verstecken.

      Cropper hat da einen Mttelweg versucht, der sich letztlich nicht durchsetzte. Diese „leichte“ Verschlüsselung war ein Markenzeichen von STAX. Johnnie Taylor praktzierte das häufig. Das war schon so offen, dass die wahre Bedeutung schnell offenkundig war – und er dafür in vielen Radiostationen gesperrt wurde.

      Reddings Song war so harmlos, so das das bei dem nicht passieren konnte.

  4. Sonturk sagt:

    Sternstunde
    Für mich einer der Songs für die Ewigkeit. Die Geschichte dahinter kannte ich nicht. Das gibt dem ganzen noch eine zusätzliche Tiefe. Manschmal kommen Umstände und Menschen auf einzigartige Weise zusammen, dann entstehen solche Perlen. Selten, aber passiert. Danke für den Artikel.

  5. Alcolaya sagt:

    oh ich liebe ihn immer noch!
    Am Ende meiner Schulzeit mein Liebling. Besonders dieser Song und Try a little tenderness!

    Thank you Otis.

  6. Anonymous sagt:

    Nur wer den Text nicht versteht
    und San Francisco in Großbritannien verortet, kann glauben, dass dieser Song „im Meeresschaukeln zwischen Morgenkaffee und Fish & Chips zur Welt gekommen“ ist.

    „Doch die Geschichte des Lieds ist auch von Kalkül geprägt … “. Von welchem Kalkül? Davon schweigt die Autorin.
    „ … – und Trauer.“ Immerhin die Kurve gerade noch gekriegt.

    Trotzdem danke für die Erinnerung an diesen großartigen Song und dafür, dass ich hier ohne Registrierung kommentieren darf.

  7. Anonymous sagt:

    Sittin' on the Dock of the Bay, Otis Redding
    Es ist sei Jahrzehnten mein Lieblings-Song! Kein anderes Stück kommt mit. Vielen Dank für den Artikel und für die Lyrics. Ich habe mir den Text ausgedruckt. Wahnsinn!!

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