Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Kyffhäuser und kein Ende

| 11 Lesermeinungen

Das Kyffhäuserdenkmal verbindet Mythen mit Geschichte, Barbarossa mit der Reichs- und Wiedervereinigung. Nächste Woche trifft sich die AfD dort. Wie passt das zusammen? Erklärungen eines Jenaer Graduiertenkollegs.

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Friedrich I. Barbarossa, am Fuß des Kyffhäuserdenkmals in Bad Frankenhausen, Thüringen

Das Kyffhäuser-Gebirge in Thüringen, gelegen in der sogenannten „Goldenen Aue“, hat seit jeher Dichter und Denker angezogen. Novalis, Goethe, Wilhelm von Humboldt, sie alle haben die Landschaft mit ihren weiten Ausblicken genossen und sich von ihr inspirieren lassen.

Bereits im frühen Mittelalter gab es hier eine Kaiser- und Königspfalz (Tilleda), nach dem Tod Friedrichs I., dessen Grabstelle unbekannt ist, entstand auf verschlungenen Wegen die Volkssage des Friedenskaisers, der in einer Höhle des Kyffhäuser schläft, bis er eines Tages erwache, das Reich befreie und es einer neuen Blüte zuführe. Der Barbarossa-Mythos, dessen messianische Botschaft die meisten aus einem Gedicht Friedrich Rückerts kennen, war geboren.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde der von Heine verspottete Mythos mit dem Kaiser-Wilhelm-Kult verbunden und in ein monströses Denkmal oberhalb der Reichsburgruine überführt, das wie durch ein Wunder unbeschadet Krieg, Nachkrieg und die DDR-Zeit überstand. Verwandelte es sich nach dem Mauerfall kurzzeitig in eine Art symbolische Attraktion der Wiedervereinigung, die viele Besucher anzog, sind die Zahlen seit einigen Jahren rückläufig. Zuletzt machte das Denkmal dadurch von sich reden, dass die Flügel-Gruppe der AfD sich zu seinen Füßen regelmäßig in einem Gasthof trifft, so auch am 2. September dieses Jahres, an dem Björn Höcke wohl wieder in wolkigen Worten über die integrative Kraft von deutschen Mythen philosophieren wird.

Welche Mythen aber kommen im Kyffhäuser-Denkmal tatsächlich zusammen? Wie passen sie zueinander, was kann man aus ihrer Konstruktion lernen?

Acht mythen-erfahrene Doktoranden des Jenaer Graduiertenkolles „Modell Romantik“ haben sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

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Kyffhäuserdenkmal: Barbarossa in der identitären Krise

Denkmäler sollen Lern- und Konfrontationsorte sein. Was aber, wenn die Botschaft so uneindeutig ist, dass nur noch politisch Rechte etwas lernen wollen und andere nur noch zum Kaffeetrinken kommen? Ein Besuch bei Barbarossa im Kyffhäuser.

Hier geht es zu dem Beitrag von Christin Veltjens-Rösch

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Kaiser-Wilhelm-Denkmäler: Gruseln am deutschen Größenwahn

Was können uns die Kaiser-Wilhelm-Denkmäler in der Provinz heute noch sagen? Gegen die Langeweile vor Ort hilft ein Perspektivwechsel: Man kann sich gruseln. Eine Geisterbahn-Fahrt zu den Wilhelms-Denkmälern von Bruno Schmitz.

Hier geht es zu dem Beitrag von Raphael Stübe

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Kyffhäuser-Sage: „…das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt“

Zur Zeit seiner Erbauung war das Kyffhäuserdenkmal Monument eines wirklich gewordenen Mythos. Seine Aura ist weitgehend verblasst. Aber noch immer ist es ein Beispiel für die messianische Sehnsucht nach dem Ende der Geschichte.

Hier geht es zu dem Beitrag von Hendrick Heimböckel

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Novalisweg am Kyffhäuser: Du hast das Wunder der Welt gesehn

In Deutschland lässt sich auf Wegen wandern, die berühmte Namen tragen: Bach, Goethe, Luther. Aber weshalb sollte man das tun? Auf der Suche nach Antworten entlang des Novaliswanderweges im Kyffhäuserkreis.

Hier geht es zu dem Beitrag von Daniel Grummt

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Humboldts Kyffhäuser-Gedicht: Wo Barbarossas wüste Trümmer stehen

Gedichte schreiben, um Verluste zu verarbeiten, ist heilsam. Das dachte sich auch Wilhelm von Humboldt und verfasste jeden Tag eines für seine Frau. Ein Blick auf das private Denkmal des bekannten Bildungspolitikers und eine moderne Erinnerungskultur.

Hier geht es zu dem Beitrag von Alexander Stöger

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Eine Australierin unter Deutschen

Bei einer Exkursion auf den Kyffhäuser darf eine Australierin die Deutschen beim Kulturausflug beobachten. Es gibt Geschichte, Natur und Bratwurst. Aber was fängt man mit alldem an?

Hier geht es zu dem Beitrag von Ruth Barratt-Peacock

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Kaiser-Mythos auf der Bühne: ||: Barbarossa erwacht :|| dal segno

Haben sie einmal das Licht der Welt erblickt, werden Volkssagen schnell flügge und legen verdeckte Wünsche und Hoffnungen ihrer Zeit frei. Mit dem Barbarossa-Mythos auf Bühnentournee durch die Jahrzehnte.

Hier geht es zu dem Beitrag von Hannah Lütkenhöner-Krahe

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Auf einen Kaffee bei den Helden

In einer der schönsten Ecken Thüringens geben sich der Kaiser der Reichseinheit und sein verschlafenes Vorbild Barbarossa ein monumentales Stell-dich-ein. Eine Reise zum Mythos nach dem Ende der großen Erzählungen.

Hier geht es zu dem Beitrag von Mirjam Sauer

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Die hier versammelten Texte entstanden in einem journalistischen Workshop im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Modell Romantik“.

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11 Lesermeinungen

  1. Kiffhäuser
    Warum lädt nicht jemand zum Kiff-In ein? Das wäre doch was, besser als Bratwürste essen; auch für Niederländer geeignet.

  2. Zeugnis unserer Geschichte
    Da übertreffen sich all die Gelehrten gerne darin, dies Zeugnis der Geschichte verächtlich zu machen, befremdlich sei es allemal, versteht der Leser. Und niemand macht sich die Mühe, es als das zu verstehen, was es ist, ein Zeugnis unserer Geschichte, des Verständnisses der Bauzeit. Es wäre ja auch so viel mühsamer, verstehen zu wollen in welchem Kontext es entstand, was es damals bedeutete und was es heute lehrt. Statt dessen lies man hier das Erwartbare. Es ist wohlfeil, die AfD zu erwähnen, aber kann es das gewesen sein? Gibt es nicht noch viel mehr? Geschichte versteht man nicht nur mit heutigem Wissen, sondern auch und insbesondere mit dem Verstehen seinerzeitigen Fühlens und Handelns. Und wir lesen vom befremdlich bombastischen, glorifizierten, dann reisen wir nach Europa und bewundern den Arc de Triomphe.

    • Sie hätten ja recht, wenn es so wäre, aber es geht in den meisten Texten doch gerade um Kontextualisierung

  3. Der Kyffhäuser ist deutsche Geschichte...
    und es ist falsch, in der Nachschau, das als negativ zu bewerten oder als Auswuchs.
    Wer nach Paris fährt, London oder Moskau bewundert dort wie selbstverständlich die Zeugnisse der gleichen Hybris und denkt sich nichts dabei, eben weil Sieger sich auf die positiven Seiten der Symbole und damit verbundener Geschichte beziehen und bestenfalls aus dem Bewusstsein des historischen Erfolges generös die negativen Seiten erwähnen.
    Es ist so typisch deutsch, nicht unintelligent aber unklug aus der heutigen Rückschau eine Kontinuität bis hin zur Katastrophe zu konstruieren, die es schlicht nicht gibt und so nie gegeben hat.
    Natürlich wurde alles auchinteressegeleitet währenddessen und im Nachhinein instrumentalisiert und genutzt und das passiert heute auch wieder, mit der überkritischen Haltung gegenüber dem deutschen Nationalismus.
    Diese Ablehnung gibt erst den Höckes dieser Welt die Möglichkeit diese Felder zu besetzen.
    Die Überhöhung des deutschen Wesens ist auch in seiner Negation nicht weniger anmaßend und ignorant als bei den Nazis selbst!
    Nationalistische Begeisterungsstürme mögen uns heute fremd sein, wegen des gründlichen Missbrauchs den wir national erlebt haben, aber es gibt keinen Grund ins andere Extrem zu fallen und die Entwicklung bis 1914 zu verteufeln, die sich weder ideologisch noch national noch militärisch von den übrigen Großmächten unterschied und in manchen Punkten sogar fortschrittlicher war.
    Wenn etwas die Katastrophen ab 1914 befördert hatte, dann die typisch deutsche Haltung zur Vernunft, die schlicht die Gesetze der Macht verletzen bis heute, weil sie deren Opportunitäten schlicht negiert, wenn es darum geht, was sinnvoll gestaltbar ist und was nicht.
    Erst durch Wilhelm II, der sich simpel im Recht wähnte, wenn er auch einen Platz „an der Sonne“ für Deutschland reklamierte und verkannte, dass man die Machtinteressen zu vieler nicht gleichzeitig infrage stellen kann ohne alle gegen sich zu haben und zu Zweiten die Hybris der Nazis die sich gleich der ganzen Welt überlegen fühlten in gekränktem Stolz und traumatisierter Enttäuschung Willhelminischer Dummheit.
    Wir sind gerade dabei zum dritten Mal Opfer dieser Hybris der“Vernunft“ zu werden mit ungewissem Ergebnis, weil wir nicht erkennen,das „Vernunft“ viel zu häufig eine Ausrede für Opportunität ist, statt für „Richtigkeit“.
    Heute ist ökonomischer Erfolg,das von dem wir glauben, das es unseren Dominanzanspruch rechtfertigt und wieder wenden sich rund um Deutschland viele von uns ab.
    Bleibt nur die Frage, ob sie sich wieder zusammenschließen oder ob wir sie wie andere Großmächte früher schon fest genug im Griff haben, das sie sich fügen müssen. Der Brexit ist da ein interessantes Experiment dazu.

  4. "dessen Grabstelle unbekannt ist"
    liegen die Einzelteile nicht verstreut in Grablegen rund um Antiochia am Orontes, wo er gestorben ist?

  5. De falsche Friedrich
    Zur deutschen Geschichte gehören wohl auch die Irrungen, die manchmal verbreitet werden. So ist es eine schöne Mär, dass dort Barbarossa sitzt, dem angeblich gar der Bart durch den Tisch gewachsen ist. Der Mythos gründet aber auf den Neffen Barbarossas, Friedrich II. von Staufen. Hintergrund dieses Mythos war wohl das Interregnum, das nach Friedrichs Tod 1250 seinen Anfang nahm.

  6. Titel eingeben
    Wir( inwohner der Niederlande) haben das Denkmal besucht und ihre Geschichte gelesen … es ist für uns recht fremd das ein Denkmal das die DDR Zeit überlebt hat ( dank der damaligen Sowjet Behörde und Thüringen) jetz demonisiert wird ! Man darf die Geschichte nicht auflösen… es gehört dazu …und Mann Solte daraus lernen … die Geschichte einfach vernichten weil es nicht politisch passt macht den weg frei für das rechts extremisten denken …

    • Wer plant, das Denkmal zu entfernen?
      Da haben oder wollten Sie etwas falsch verstehen.

      Als im Westen in der Nähe zum Königreich der Niederlande wohnender (Linker Niederrhein – eigentlich ja Maasland) Mensch finde ich es spannend, auf welche Mythen sich so manch wirrer Geist bezieht.

  7. Tonne
    Kaiser Wilhelm, Kyffhäuser, Wagner und Bayreuth.

    Friedrich Nietzsche hätte diesen ganzen schwülen Popanz dorthin getreten, wo er hingehört: in die Tonne.

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