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Serienversteher: „Stranger Things“

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Die preisgekrönte Netflix-Serie beginnt wie ein typischer Teeniefilm. Doch dann gewinnt die Suche nach zwei verschwundenen Jugendlichen plötzlich enorm an Tiefe. Was geht hier vor? 

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41091754© NetflixEs geschah 1983: die Clique um Nancy, Barb und Steve

Das Genre der Mystery- und Horrorfilme ist überlaufen mit Klischees: der Nebencharakter, der beschließt, man müsse, trotz des benachbarten Axtmörders, dringend mal nachts im Wald spazieren gehen; eine kreischende Cheerleaderin, die im richtigen Moment stolpert; der Protagonist, der sich zum Ziel setzt, dem verfluchten Haus auf den Grund zu gehen, statt die Beine in die Hand zu nehmen.

Wie es aber gelingen kann, solche Klischees in echte Figuren zu verwandeln, das zeigt die Mysteryserie „Stranger Things“ von Netflix: Vier Jungs im besten Middle-School-Alter spielen, natürlich im Keller, „Dungeons and Dragons“. Betont schrill werden sie, ausgerechnet in den entscheidenden Sekunden, von einer ungeduldigen Mutter zurück in die Realität gezerrt. Der Tag neigt sich dem Ende zu, widerwillig verabschieden sich Dustin, Will und Lucas von Mike, um die Heimfahrt anzutreten, allerdings nicht, ohne vorher noch einen Blick ins Obergeschoss des Hauses geworfen zu haben. Dort telefoniert Nancy, der Prototyp einer großen Schwester, auf dem Bett liegend gerade mit ihrer besten Freundin.

Welch harmlos-heimelige Kulisse. Wäre es nicht eine Schande, wenn sich hier plötzlich eine Katastrophe übernatürlichen Ausmaßes ereignete?

This image released by Netflix shows Winona Ryder in a scene from "Stranger Things." Ryder was nominated for a Golden Globe award for best actress in TV drama on Monday, Dec. 12, 2016. The 74th Golden Globe Awards ceremony will be broadcast on Jan. 8, on NBC. (Curtis Baker/Netflix via AP) |© NetflixSie ist meistens aufgelöst, hat aber den richtigen Riecher: Für die Rolle der Joyce wurde Winona Ryder für einen Golden Globe nominiert und gewann mit dem „Stranger Things“-Ensemble den Screen Actors Guild Award.

Nun, eine Nacht aus einem Horrorfilm später, gräbt die ordnungsgemäß zerstreute, alleinerziehende Mutter Joyce in der Sofaritze nach ihren Autoschlüsseln. Diese sind zwar schnell gefunden, doch ist die Freude darüber nur von kurzer Dauer, da Will, ihr jüngster Sohn und ambitionierter D’n’D-Spieler, nicht auffindbar ist. Als er sich auch in der Schule nicht blicken lässt, kommt das nächste Klischee ins Spiel: Ein verbraucht wirkender Kleinstadtcop mit tragischer Hintergrundgeschichte sowie einer dazu passenden Vorliebe für einsame Saufgelage, Donuts und Kaffee. Konfrontiert mit einer aufgelösten Joyce, die steif und fest darauf besteht, ein vermisstes Kind sei bereits eins zu viel, hält sich sein Arbeitseifer zunächst in Grenzen.

Weil aber ein Rudel Klischees nicht ohne einen Alpha auskommt, bietet „Stranger Things“ endlich mal wieder einen von diesen uninteressanten Antagonisten, der standardmäßig seine Pflicht erfüllt, sodass man ihm standardmäßig die Pest an den Hals wünscht. Genauer gesagt ist der Bösewicht eine Gruppe, die nicht, wie so häufig, ein gewissen- und gesichtsloses Unternehmen repräsentiert, sondern hier eine, streng davon abzugrenzende, gewissen- und gesichtslose Regierungsorganisation. Deren Ziel kennt niemand so ganz genau (Unterkategorie 5b), weshalb sich Massenvernichtungswaffen (Unterkategorie 5d) nicht ausschließen lassen.

Den regierungsnahen Bösewichtern jedenfalls, so wird in der ersten Folge enthüllt, ist ein Mädchen ausgebüxt, wobei die Annahme, man wolle es vielleicht nur wegen eines vergessenen Mathebuchs nochmal sprechen, ob des verschwörerischen Tons, spätestens aber wegen der ABC-Schutzanzüge relativ schnell versiegt.

This image released by Netflix shows Millie Bobby Brown in a scene from, "Stranger Things." The series was nominated for a Golden Globe award for best TV drama on Monday, Dec. 12, 2016. The 74th Golden Globe Awards ceremony will be broadcast on Jan. 8, on NBC. (Netflix via AP) |© NetflixHat besondere Fähigkeiten: Eleven, beeindruckend gespielt von Millie Bobby Brown

Eben dieses Mädchen, mit dem klangvollen Namen Eleven, rettet sich in einen Diner und wird dort, nach anfänglicher Verwirrung, von dessen Besitzer Benny aufgepäppelt. Zudem alarmiert dieser das Jugendamt – und damit leider auch die Bluthunde von der geheimen Regierungsorganisation. Diese schicken eine harmlos wirkende Dame voraus, die sich als Mitarbeiterin des Jugendamtes ausgibt, um Benny zur Begrüßung prompt in den Kopf zu schießen.

Dieser Mord war zwar für die Story nicht notwendig, aber zumindest ist mit ihm lächerlich klar geworden, dass es sich um einen ganz besonders gewissenlosen Antagonisten handelt. Bis jetzt also keine Anzeichen für eine bemerkenswerte Fernsehserie. Oder sind es am Ende  gar die Klischees, die die Serie besonders machen?

Ja!
Also, ich meine: Nein.

41209973© NetflixUnauffällig, aber abgründig: zwei Laborkittel von der Regierung und der Mann mit dem sehr deutsch klingenden Namen Dr. Brenner (Matthew Modine)

So viel steht fest: Alle Figuren werden zunächst wie Klischees vorgestellt, Klischees oder vielleicht besser „Typen“. Wobei eine Figur, die einem Typus entspricht, sich dadurch auszeichnet, dass sie, im Gegensatz zu einer Charakterfigur, nur durch wenige, festgelegte Eigenschaften bestimmt ist. Das Besondere an „Stranger Things“ ist nun aber, dass diese Typen durch eine gefährliche Situation die Gelegenheit erhalten, Charakter zu zeigen.

Das Klischee ermöglicht zunächst den Einstieg in eine vertraute Atmosphäre, in der man sich zu Hause fühlt. Gezeigt wird ein Cop oder eine alleinerziehende Mutter und zwar in Situationen, die dem Zuschauer nur zu gut bekannt sind. Mit relativ wenig Zeit und Aufwand wird klar, was die Zuschauer von der Figur erwarten können, wie diese im Grunde strukturiert ist. Aber eben diese Erwartungen werden schon in der ersten Folge unterlaufen, denn statt dem altbekannten Klischee zu erlauben, uns zu langweilen, wird es für das genaue Gegenteil genutzt – bei „Stranger Things“ viel stärker, als man das zum Beispiel von Spielberg-Filmen her kennt, auf die immer wieder angespielt werden.

image2© NetflixDer Cop (David Harbour) wollte eigentlich seine Ruhe haben – dann erlebt er die Verbrechensserie seines Lebens

Alle Protagonisten von „Stranger Things“ enthalten diese Dynamik. Angefangen bei dem Kleinstadtcop Hopper, dessen Unlust an der Polizeiarbeit schnell und restlos in Professionalität und Wagemut umschlägt. Es gelingt ihm sogar, sich aufrichtig auf die Emotionen der anderen Figuren einzulassen und mit dieser Fähigkeit die hyperventilierende Joyce im entscheidenden Moment zu beruhigen.

Diese wiederum zeigt sich in der Not erfinderisch und schafft es dank großer Eigensinnigkeit, mit ihrem verschwundenen Sohn in Kontakt zu treten. Der wiederholte Versuch des Antagonisten, sie durch Manipulation zum Schweigen zu bringen, scheitert, und zwar vor allem an ihrer Zielstrebigkeit und Standfestigkeit. Diese erfrischende Kehrseite der Figur, von Winona Ryder mitreißend dargestellt, ergibt einen Charakter, der einem unwillkürlich ans Herz wächst, was wiederum erheblich zum Charme der Serie insgesamt beiträgt.

Am auffälligsten ist die angesprochene Dynamik aber bei der prototypischen großen Schwester Nancy zu beobachten – ein ausgesprochen willkommener Umstand, vor allem, wenn man sich in der heiklen Situation befindet, etwas Kluges über diese Serie schreiben zu wollen, ohne gleich den ganzen Plot zu spoilern.

image© NetflixDie vermeintlich strebsame Nancy (Natalia Dyer) wird ihrer Mutter zum Rätsel, nur der Zuschauer lernt sie intensiver kennen.

Noch bevor die Serie richtig ins Rollen kommt, kann man schon erahnen, dass Nancy mehr in sich trägt, als ihr sittsamer, wadenlanger Faltenrock zunächst vermutet lässt. Als sie sich heimlich mit Steve, ihrem Liebsten, der zugleich der schulinterne Playboy ist, verabredet, beweist sie bereits eine gewisse Bereitschaft, Regeln zu brechen, allerdings kommt nie das Gefühl auf, bei dem anständigen Mädchen handle es sich um eine bloße Fassade, die abgelegt wird, sobald die Erwachsenen aus dem Raum sind. Stattdessen scheint es sich eher um zwei authentische Facetten einer einzelnen Figur zu handeln.

Durch das Verschwinden ihrer besten Freundin Barbara mit einem Verlust belastet, der einem Teen-Slasherfilm entsprungen sein könnte (man fragt sich in diesem Zusammenhang, ob Teenager, die dreister Weise Spaß haben wollen und es wagen, Bier zu trinken, in amerikanischen Medien jemals ungestraft davon kommen), entschließt Nancy sich, der Sache auf den Grund zu gehen und zwar mit Gewalt.

image4© NetflixBeim Training mit ihrem neuen Verbündeten Jonathan (Charlie Heaton) beweist Nancy eine ruhige Hand.

In der Umsetzungsphase bildet das muntere, hübsche Mädchen mit den guten Noten, nun eine ungewöhnliche Allianz mit dem Sonderling Jonathan, Sohn von Joyce, Bruder des verschwundenen Will, der ebenfalls die zentrale Dynamik von Klischee und besonderer Abweichung austrägt. Ab Folge Vier beginnen die beiden, bewaffnet bis an die Zähne, einen Schlachtplan umzusetzen, um Barb und Will zu finden.

Wenn Nancy in Folge Fünf bei einer gemeinsamen Schießübung mit Jonathan in wenigen Sätzen die heile Welt ihrer Eltern seziert – die beiden lebten nicht aus Zuneigung, sondern nur noch aus Bequemlichkeit miteinander – und damit ins Herz der vermeintlich intakten, spießbürgerlichen Kleinfamilie trifft, hat sie sich von ihrem ursprünglichen Typus fast restlos entfernt.

Nancy ist jetzt keine naive Jungfrau in Nöten mehr, der man vorturnen muss, wie das Leben geht. Sie versteht es, wie sich zeigt, eine Situation angemessen einzuschätzen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Klugerweise legt sie aber nicht alle Merkmale des Ursprungs-Klischees ab, schließlich ist das Ergebnis einer solchen Entwicklung in den meisten Fällen einfach nur ein neues Klischee. Nein, auch dieser Falle weicht Nancy gekonnt aus.

image5© NetflixDie Schüler Mike, Dustin und Lucas kommen auf der Suche nach Will aus dem Staunen nicht heraus

Das typische Mädchen von nebenan wird also nicht mit einem Fingerschnippen zum abgeklärten Badass, wodurch uns jenes seltsame Zerrbild erspart bleibt, das in schlechten Filmen so oft mit einer resoluten Frau verwechselt wird.

In „Stranger Things“ legt das Klischee zwar die Basis der Figuren, mündet dann aber, in dem meisten Fällen, in charakterliche Komplexität. Die Serie macht das Klischee zu etwas Besonderem, was im Gegenzug die Serie außergewöhnlich macht. Das ist das Geheimnis von „Stranger Things“ – jenseits des rätselhaften Schlusses.

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2 Lesermeinungen

  1. Sehr treffend
    Das hätte ich nicht besser ausdrücken können; genau so habe ich die Serie auch empfunden und freue mich auf die neue Staffel.

  2. Ich hab die Serie schon durchgesehen und von "enormer Tiefe" nichts gemerkt
    Die Serie fängt wie eine Teeniefilm an und bleibt auch dabei. Die größte Enttäuschung: Winona Ryder. Die kreischt sich durch alle Folgen und wird einem dadurch immer unsymphatischer. Zusammengefasst ist die Serie ein harmloser Snack zwischen besseren Serien. Ich werd mir auch die zweite Staffel ansehen aber darauf hinfiebern werde ich sicher nicht.

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