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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Studieren in Teheran

| 9 Lesermeinungen

In Iran ist der Hochschulabschluss fast ein „Muss“ für Jugendliche. Die Zwänge sind vielfältig. Allerdings ist es nicht ganz leicht, Student zu werden. Ein Besuch in der Universität Teheran.

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© Mahya KarbalaiiStudenten auf dem Campus der Universität Teherans

Der Weg zur Teheraner Universität wird in der Enghelab Straße gesäumt von hundert Buchhandlungen. Vor ihren Geschäften tun die Buchverkäufer ihre jeweilige Spezialisierung kund: „Wissenschaft! – Mathematik! – Psychologie! – Second-Hand! – Out-of-Print!“, rufen sie, oder „Bücher von vor der Revolution!“.

Nach etwa 500 Metern enden die Buchhandlungen unvermittelt und lange grüne Eisenstäbe wachsen aus dem Boden, um einen parkähnlichen Bereich abzutrennen. Wie alle iranischen Universitäten ist auch die Teherans irgendwie vom Rest der Stadt abgetrennt – ein Erbe aus der Zeit des Shahs.

Einige Universitäten haben sogar noch getrennten Eingangstore, über denen „Brüder“ und „Schwestern“ steht, was wiederum ein Relikt der islamischen Revolution ist. Aber das hat keine große Bedeutung mehr, innen sind fast alle Universitäten gemischt.

Der Konkour entscheidet über die Zukunft

Wenn man sich dem Tor nähert, erhöht sich die Zahl der jungen Leute. Mädchen tragen lockere bunte Schals, kurze oft körperbetonte Kleidung, die auch schon mal überm Knie beginnt, das Make-up ist in Farbe und Stil abgestimmt, Jungen nehmen an den Vorlesungen in T-Shirts und Skinny-Denim-Jeans teil. Immer wieder sieht man Nasen- oder Ohrenpiercings – bei beiden Geschlechtern. So frei wie die Mode ist auch der gegenseitige Umgang untereinander. Jungen und Mädchen sitzen bunt gemischt in den Hörsälen.

Um die Universität betreten zu können, muss der Besucher einen guten Grund haben. Der beste ist: Student zu sein! Allerdings ist der Weg dorthin nicht ganz einfach.

© ArchivAuf dem 500-IRR-Geldschein, der umgerechnet einen Wert von 1,2 Eurocent hat, ist das Haupttor der Universität Teheran abgebildet, allerdings werden heute nur noch Münzen mit diesem Wert hergestellt.

Zunächst muss man an dem Hochschulzugangtest „Konkour“ teilnehmen. „Konkour“ ist eine Transliteration des französischen Wortes „Concours“. Jeden Juni nehmen High-School-Absolventen an einer landesweiten, standardisierten Prüfung teil, die auf den Lehrinhalten der letzten vier Jahre basiert. Die Punktzahl der Tests bestimmt, für welche Fachrichtung und welche Universitäten sie zugelassen werden: je besser die Punkte, desto breiter die Auswahlmöglichkeit.

Um zum Beispiel in der medizinischen Fakultät der Teheran Universität zugelassen zu werden, muss man beim Konkour unter den Top hundert Studenten von 500.000 Testteilnehmern mit naturwissenschaftlichem Abitur sein! Geschlechtsunabhängig kann jeder bei entsprechender Qualifikation alles studieren, die einzige Ausnahme ist das Studium der Geburtshilfe, die seit der islamischen Revolution nur Studentinnen vorbehalten ist.

Die Hälfte der Studenten sind weiblich

An der Cafeteria der Literarischen Fakultät der Teheraner Universität treffen sich Studenten aller Fachrichtungen. Sie ist die beste auf dem Campus, die Preise dort sind deutlich höher als in der Mensa. Ein Sandwich kostet umgerechnet 2 Euro, während ein warmes Essen in der Mensa für 30 Eurocent zu haben ist.

Siavash, 19, und seine Kommilitonen haben sich zum Mittagessen Panini in der Cafeteria gekauft und setzten sich außerhalb an den Rand des leeren Fischteichs in der Mitte des Hinterhofs. Siavash kommt aus Zanjan, einer kleinen Stadt im Nordwesten von Iran, er studiert im zweiten Semester Metallurgie. Er spielt auch E-Gitarre und sagt, während er sich eine Zigarette anzündet: „Ich hatte eine Band in Zanjan und hoffe, dass ich auch in Teheran eine neue gründen kann. Eigentlich wollte ich Musik studieren, aber mein Vater hat es mir nicht erlaubt. Jetzt bin ich froh. Es gibt bessere Chancen, einen guten Job als Ingenieur zu finden, und daneben kann ich immer noch Gitarre spielen“.

Aus einer kleinen Stadt kommend, spürt Siavash noch immer die Unterscheide zu den großstädtisch geprägten „Tehranis“: „Ich weiß nicht warum, aber ich kann ihnen nicht voll vertrauen. Sie wollen dir nur das Geld ihrer Väter zeigen. Wenn ich meinen Abschluss habe, werde ich entweder zurück in meine Heimatstadt oder ins Ausland gehen“, sagt er beim Anzünden seiner nächsten Zigarette.

© Mahya KarbalaiiHinterhof der Literarischen Fakultät der Universität Teheran während der Mittagspause. Hier treffen sich Studenten aller Fakultäten wegen der Cafeteria im Untergeschoss.

Top-Universitäten in Iran finden sich in Teheran, aber auch in anderen großen Städten wie Tabriz, Isfahan, Shiraz und Mashad. Wer sein Studium im Ausland fortsetzen will, konzentriert sich auf eine der Top-Universitäten.

In den vergangenen mehr als 25 Jahren, nach Beendigung des Kriegs mit dem Irak und den einsetzenden Universitäts-Reformen hat sich die Zahl der Universitätsstudenten verneunzehnfach und erreichte im Jahr 2016 eine Zahl von 4,8 Millionen bei einer Einwohnerzahl von 78 Millionen. Die Bevölkerung wuchs in dieser Zeit „nur“ um das 1,6-fache. Der Anteil weiblicher Studentinnen erhöhte sich um 3000 Prozent und machte, nach den durchaus glaubhaften Zahlen des „Statistikzentrums des Iran“, im Jahr 2016 fast die Hälfte der Studierenden aus.

Oft ist es gut, wenn die Eltern nicht alles wissen

Doch auch private Universitäten gibt es in Iran. Nach der islamischen Revolution im Jahr 1982 gründete der frühere Präsident des Iran, Ayatolah Hashemi Rafsanjani mit der Islamic Azad University (IAU) eine Privatuni, die er unter das Motto „Iranische Bestrebungen für die Globalisierung“ stellte. Die IAU eröffnete bald mehrere Niederlassungen im ganzen Land und hält auch Büros in England, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Libanon und in Afghanistan. Heute ist sie mit 1,7 Millionen Studenten eine der weltweit größten Privatuniversitäten.

Die iranischen Universitäten stehen in dem Ruf, sehr gut in Ingenieur- und Naturwissenschaft auszubilden. Öffentliche Universitäten in Iran waren traditionell kostenlos, aber seit einigen Jahren sind Studiengebühren kein Tabu mehr. Diejenigen mit einer hohen Konkour-Examenspunktzahl können gebührenfrei studieren, die mit schlechtem Ergebnis müssen bezahlen.

© Mahya KarbalaiiDer südliche Teil des Campus‘ der Universität Teheran hat einen besonderen Namen unter den Studenten: Liebesgarten. Es ist ein kleiner hübscher Park mit hohen Bäumen und Sträuchern. Hier versammeln sich Studenten auch, um Geburtstage zu feiern.

Für Fachrichtungen wie Medizin kann die Jahresgebühr bis zu umgerechnet 6100 Euro betragen, für andere etwa 2500 Euro. Im internationalen Vergleich mag dies nicht sehr hoch erscheinen, aber unter Berücksichtigung des jährlichen Einkommens eines durchschnittlichen städtischen Haushaltes von 6800 Euro sind diese Universitätsgebühren erheblich.

Iranische Familien wünschen eine höhere Bildung für ihre Kinder, in erster Linie eine Universitätsausbildung, sie sind aber sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, sie für ihr Leben finanziell verantwortlich zu erziehen.

Mona, 20, studiert BioTech. Neben ihrem Studium wollte sie in einem Café arbeiten, aber ihre Mutter hat es ihr nicht erlaubt: „Für Studenten, die aus anderen Städten kommen und im Wohnheim leben, ist es einfacher zu arbeiten – weil ihre Eltern nicht Bescheid wissen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Eine Mischung aus Nostalgie und Moderne

Von der Cafeteria der Literarischen Fakultät aus laufe ich mit Zahra, PhD-Studentin in Bioinformatik, über den Campus. Zahra, 35, kritisiert: „Es gibt einerseits kein Stipendium für Doktoranden, andererseits bittet uns die Universität, keine Jobs nebenbei anzunehmen. Die Universität befürchtet, dass sich dadurch die Ausbildungszeit verlängern könnte. Dabei ist es doch so: Die Hälfte meiner Kurskollegen ist verheiratet, aber wenn sie nicht arbeiten – wie sollen sie ihre Familie ernähren?“ Zahra ist noch Single und lebt bei ihren Eltern.

Die Universität Teheran, gegründet 1934, hat jetzt mehr als 55.000 Studenten. Sie war die erste moderne Universität in Iran und ist ein Symbol für Hochschulbildung. Das Haupt-Tor ist das südlich gelegene, es wurde 1967 aus Beton errichtet und weist eine besondere Form auf. Manche sehen darin die Flügel eines Vogels, der nach oben fliegt, andere sprechen von einem offenen Buch.

© Mahya KarbalaiiDie Absolventen der Architektenfakultät der Universität Teheran haben einen Verein, der sich regelmäßig an der Universität trifft.

Wegen ihrer zentralen Lage in der Stadt, der Nähe zu den wichtigsten Theatern und Kinos, ist die Universität umringt von Cafés. Viel Studentenlebenszeit steckt in ihnen.

Wenige Minuten zu Fuß von der Universität entfernt befindet sich das Café Null im Untergeschoss eines Einkaufszentrums. Seine Plastiktische und Stühle schmiegen sich in eine Ecke; es gibt zwei Gasträume mit Glaswänden: einen zum Rauchen und einen für die Arbeit. Das Raucherzimmer hat auch ein Digital-Piano für jeden, der spielen will. Die Tische sind mit altmodischen Baumwolltischdecken belegt: weiß mit kleinen roten Rosen. Es gibt auch eine Playstation und einen 42-Zoll-Monitor, auf denen Jugendliche FIFA oder Dota2 spielen, die beliebtesten Spiele in Iran. An einem großen Tisch amüsiert sich eine Gruppe Jungen und Mädchen bei „Mensch ärgere dich nicht!“. Eine Mischung aus Nostalgie und Moderne tritt einem hier entgegen.

Die Speisekarte ist ein altes mit der Hand beschriebenes Notizbuch. Die Abwesenheit von Alkohol hat iranische Cafés sehr kreativ werden lassen. Es werden neben Kaffee und Tee auch die verschiedensten Mixgetränke mit Kräutern oder Früchten und mehrere Arten von Smoothies angeboten. Die Preise sind ganz schön hoch. Ein Single Espresso kostet umgerechnet 2 Euro, ein Smoothie 4,50 Euro und ein Snack 10 Euro. Das billigste Getränk ist Tee, 1 Euro.

Die Familie des Mädchens würde nicht zustimmen

Marzieh, Amir und Emad, alle 18, kommen oft hierher, um zu arbeiten oder zu entspannen. Sie kennen sich von internationalen RoboCup-Wettbewerben, den IranOpen, bei denen sie verschiedene Titel gewonnen haben.

Marzieh ist eine Chemie-Studentin aus Teheran und lebt bei ihren Eltern. Sie sagt: „Viele Studenten aus anderen Städten können sich diese Preise nicht leisten. Oft sieht man Jugendliche, die sich einen Snack teilen. Doch der Besitzer ist sehr freundlich, er erlaubt uns, auch eigenes Essen mitzubringen!“

© Mahya KarbalaiiMarzieh, Amir und Emad (von links) treffen sich nach der Vorlesung im Café Null.

„Ein sehr häufiges Hobby unter den Studenten ist es“, erzählt sie weiter, „in traditionellen Cafés Shisha zu rauchen. Für Kino und Theater erhalten wir Rabatt, aber nicht für Konzerte. Konzerte sind teuer, sie sind offenbar nicht für Studenten gedacht!“

Sehr beliebt bei Studenten ist auch das Wandern – ob als Sport oder als Spaß. Teheran ist von hohen Bergen umgeben, die auf mehr als 4000 Meter reichen. Und es ist viel einfacher, von den Eltern die Zustimmung zu einer Gruppenreise zu bekommen, wenn diese von der Hochschule organisiert wird.

Amir und Emad sind im ersten Jahr für Imformatik eingeschrieben. Teilzeit arbeiten sie als App-Entwickler bei einem Start-up. Jeder verdient 500 Euro pro Monat. „Es ist eigentlich nutzlos, sich an der Universität einzuschreiben“, sagt Amir lachend, „ich tue es nur, um dem Militärdienst zu entkommen. Was sie uns an der Uni in vier Jahren beibringen, können wir in zwei Monaten bei der Arbeit lernen“.

Emad fügt hinzu: „Abgesehen vom Militärdienst erwarten unsere Familien von uns einen Hochschulabschluss. Und wenn wir heiraten wollen, würde die Familie des Mädchens nicht zustimmen, wenn der Junge keinen Universitätsgrad vorweisen kann.“

Taxifahren war nicht, was ich wollte

Ein zweijähriger Militärdienst ist für iranische Männer obligatorisch, doch solange sie studieren, kann der Dienst hinausgeschoben werden. Die Universität ist dann Mittel zum Zweck. Dies gilt auch für im Ausland Studierende. Diese müssen ihren Dienst zwar, sobald sie nach Iran zurückkehren, ableisten, aber unter wesentlich besseren Voraussetzungen: Die Hochschulausbildung verkürzt die Dauer ihres Militärdienstes und befördert sie in einen höheren militärischen Rang. Ein Kandidat mit Promotion zum Beispiel erhält bereits beim Eintritt den Rang eines „Zweiten Leutnants“ und muss nur 40 Tage statt zwei Jahre Lang dienen. Manchmal wird der Militärdienst auch durch Forschungsarbeiten für die Regierung ersetzt, und im Falle einer patentierten Erfindung kann der Besitzer ganz vom Wehrdienst befreit werden.

Insgesamt muss man sagen: Der Wettbewerb in Iran ist hart, denn dreißig Prozent der Bevölkerung sind zwischen 20 und 35 Jahren alt. Reza, 28, ist ein Tap30-Fahrer. „Tap30“ ist die iranische Version von Uber und funktioniert mit einer App, die von Amir und Emad entwickelt wurde. Im stürmisch-chaotischen Verkehr Teherans beschwert sich Reza über sein Leben: „Ich habe so viel Zeit und Geld verschwendet, um einen Master in Informatik zu bekommen. Jetzt arbeite ich als Taxifahrer, weil ich keinen richtigen Job finden kann. Ist es das, was ich im Sinn hatte, als ich mich für die Universität entschied?“

Die überwiegende Anzahl von Hochschulabsolventen geht ohne direkt umsetzbare Fähigkeiten von der Hochschule in den Job. Die Arbeitslosenquote bei Uniabsolventen in Iran liegt laut dem Statistikzentrum des Landes bei über 40 Prozent.

Für iranische Eltern ist das Studium eine ausreichende Begründung dafür, ihre Kinder finanziell zu unterstützen und ihnen ein angenehmes Studentenleben zu ermöglichen. Ob das wohl der Grund ist, warum sich in reiferen Jahren so gut wie jeder Perser seine Universitätszeit zurückwünscht?

Sämtliche Folgen unserer Reihe „Feldforschung“

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9 Lesermeinungen

  1. Kein Relikt
    Ich kann mich „Cornelius“ nur anschließen und die Aspekte, die er genannt hat, ebenfalls hervorheben.

    Allerdings sollte man einen Schritt weitergehen: Eine wohlmeinende Darstellung schön und gut, aber zu behaupten, dass Geschlechtertrennung ein Relikt der Revolutionszeit sein soll, ist für viele Bereiche nicht zutreffend.
    Dafür gibt es Beispiele vom internationalen Marathon in Teheran, bei dem Frauen eine segregierte Strecke liefen und auch von der Schach-WM der Frauen (s. auf https://www.iranhumanrights.org/)
    Und noch vor etwas unter einem Jahr wurde berichtet, dass 30 Studierende mit 99 Peitschenhieben (!!!) bestraft worden waren, weil sie eine gemischt-geschlechtliche Party feierten – PRIVAT! (https://www.nytimes.com/2016/05/28/world/middleeast/iranian-students-lashes-party.html)

    Die FAZ und andere Blätter sollten dringendst aufhören, diese religiöse Zwangsherrschaft zu legitimieren (durch affirmative Berichterstattung) und stattdessen ihre Solidarität mit den DissidentInnen erklären. In solch einem Text sollten auch sie zu Wort kommen. Weil viele hier beklagen, dass ach so viele schlechte Berichte über den Iran kommen: Wie soll man denn sonst über ein Regime berichten, das Holocaust-Karikaturen Wettbewerbe veranstaltet? Das tausende Menschen hinrichtet (sogar öffentlich an Baukränen baumeln lässt), weil sie schwul sind oder kritische Meinungen haben? Wie soll man berichten über ein Regime, das Israel mit der Vernichtung droht und für Menschenrechte nichts als Hohn und Spott übrig hat?

    Natürlich sollten diese Berichte nicht gegen die Menschen des Iran gerichtet sein. Aber ein Nebensatz über die Probleme, die existieren und mit denen sich die Menschen dort ebenso gut es geht arrangieren, um eine Art Normalität (von der dann hier berichtet wird) zu haben, werden der Sachlage nicht gerecht

    Schließlich noch an den Pädagogen von unten: Das ist eine sehr seltsame Aussage – warum sollte in den ohnehin schon überlaufenden Lehrplänen noch Platz für den Iran sein? Und warum ausgerechnet den Iran? Es gibt auch faszinierende chinesische Literatur, Indien hat eine glanzvolle Kulturgeschichte, es wäre super, wenn die SuS mehr über die Sklavenhalteremirate in der Sahelzone wüssten!

  2. Weitere Aspekte
    In der Tat, ein erhellender Artikel über diejenigen Aspekte des Lebens in Iran, von denen man sonst nicht so viel liest. (Es wird aber auch wenig geschrieben über Studieren in Irak oder in Indonesien, insofern ist das eher ein allgemeiner Verweis darauf, wie wenig wir trotz aller Informationsquellen über die Welt da draußen wissen.)
    Allerdings lässt die Autorin eine Reihe von Dingen unerwähnt, die für Studierende in Iran ebenfalls relevant sind.
    – Segregation nach Geschlecht ist nicht bloß ein „Relikt“ der Revolution, sondern eine stetige Forderung der politischen Hardliner, die drohend über den Universitäten schwebt. Auch gibt es durchaus einen informellen Dresscode für ‚anständige‘ Studentinnen: Schwarzes Kopftuch über grauem oder beigem Mantel.
    – Auch stimmt es nicht, dass „jeder bei entsprechender Qualifikation [geschlechtsunabhängig] alles studieren“ kann. 2012 wurden Frauen von über 70 Studiengängen ausgeschlossen, davon betroffen waren Ingenieurwissenschaft, Atomphysik und Archäologie, aber auch Englische Literatur und Hotelmanagement. Die Begründung: Frauen würden in diesen Bereichen keine Anstellung finden. Revolutionsführer Khamenei begründete das Verbot als eine präventive – fürsorgliche – Maßnahme zum Verhindern späterer Arbeitslosigkeit in „un-femininen“ Berufen.
    – Politisch aktive Studierende und Professoren werden immer wieder willkürlich von Universitäten verbannt. Angehörige der Baha’i wiederum, einer islamischen Minderheit, sind vom Studium grundsätzlich ausgeschlossen.
    – Auch wenn die nach der Revolution proklamierte „Islamisierung der Hochschulen“ nie vollständig umgesetzt wurde – Akademiker genießen weitaus mehr Meinungsfreiheit als normale Bürger -, besteht diese als Ziel für Vertreter des Systems fort. Sie wird immer wieder punktuell vorangetrieben, zuletzt unter Präsident Ahmadinedschad (2005-13).
    Natürlich ist es legitim und wichtig, dem mehrheitlich negativen Iranbild in der deutschen Presse eine andere Sichtweise entgegenzusetzen. Es wäre nur schön, wenn das nicht einseitig geschähe. Iranische Studierende haben viele Sorgen, von denen das Geld und die zukünftige Anstellung nur eine sind. Die Politisierung des akademischen Betriebs ist eine weitere, sehr gewichtige.

  3. Titel eingeben
    Sehr schöner Artikel! Mich würde interessieren, wie die Situation bei den Geisteswissenschaftlern ist? Hat da jemand mehr Informationen?

    Grüße ben

  4. Iran - ein weißes Blatt in den gymnasialen Lehrplänen. Warum eigentlich?
    Warum lernen unsere Schülerinnen und Schüler in der gymnasialen Oberstufe – und nicht nur hier – in den Fächern Politik, Sozialkunde, Wirtschaft, Deutsch (persische Literatur), Musik NICHTS (!) über den Iran? Wenn Verlage aktuelle Arbeitsblätter über den Iran herausgeben, dann sind diese primär in einem negativen Kontext geschrieben. Negativ – ja, warum wohl? Lehrer sind dann auf die veröffentlichte Meinung über den Iran angewiesen, um im Unterricht sich mit dem Iran, seiner Historie, seinem politischen und wirtschaftlichen System auseinander zu setzen. Die negative Konnotation der Berichterstattung – wenn sie denn als solche überhaupt wahr genommen wird, denn in den fachspezifischen Curricula existiert der Iran in den Länderlehrplänen in der Bundesrepublik nicht => Warum eigentlich nicht? – führt sehr häufig dazu, diese Art der Texte dann nicht zu verwenden.
    Fazit: Der obige Text ist eine rühmliche Ausnahme und ich möchte den Verantwortlichen der Redaktion mein pädagogisch gefärbtes herzliches Dankeschön für diesen Text aussprechen. Für unsere Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler wünsche ich mir viele solcher Texte. Denn hier können sich alle am Bildungsprozess Beteiligte ruhigen Gewissens sich Ihres eigenen (!) Geistes bedienen!

  5. Titel eingeben
    Ein sehr interessanter Beitrag, der zeigt, dass der heutige Iran offensichtlich viel weltoffener ist als man gemeinhin glaubt.
    Berichte dieser Art wären auch aus anderen gesellschaftlichen Bereichen sicher interessant.
    Sicherlich auch für den ein oder anderen in der Entwicklung stehen gebliebenen Exil-Muslim.

  6. Ich freue mich jedesmal
    wenn ich positive Artikel über den Iran in den Medien finde. Ein interessantes Land und interessante Menschen; auch schon vor der Revolution.

  7. Titel eingeben
    Warum wird krampfhaft versucht ein Land wo jährlich 1000 Menschen hingerichtet werden so harmonisch und friedlich dargestellt zu werden.

  8. Schöner Einblick ins Studentenleben im Iran...
    …einen kleinen Einblick ins Studentenleben (auch) iranischer Studenten in Deutschland kann ich gewähren: Ende der 90er Jahre wollten sich immer weniger deutsche Studis die Ochsentour antun, um Ingenieur zu werden.
    So öffnete sich die FH, an der ich seit vielen Jahren tätig bin, in zunehmendem Maße Studenten aus dem „Nicht-EU“-Ausland. Ich selber bin von Anfang an involviert. Mittlerweile haben wir einen Anteil von rund 50% ausländischer Studis. Was ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehe: Lachend, weil sie Geld in unsere Kasse spülen. Weinend, weil sie zum Teil dazu beitragen, das Niveau unserer Ausbildung zu senken. Wer und warum dazu am meisten beiträgt, gehört nicht in diesen Rahmen, nur so viel: Unsere „Perser“ sind es in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht!
    Die meisten der jungen Leute studieren sehr ernsthaft, haben das echte Bedürfnis, nicht nur der eigenen Karriere, sondern auch ihrem Land nach erfolgreichem Auslandsstudium dienlich zu sein.
    Manche stammen unverkennbar aus wohlsituierten Familien, aber nicht alle. Etliche waren schon als Studentische Hilfskraft bei uns tätig, manche mit sehr gutem Erfolg, womit ich nicht nur das Erwerben zusätzlicher Fachkompetenz meine, sondern auch insgesamt das menschliche Vorankommen, also „den Umgang mit Menschen“, über Staats- und Religionsgrenzen hinweg.
    Aus diesem Grund sind uns unsere Iraner lieb und teuer, was bei anderen Herkunftsländern weiß Gott nicht bei allen der Fall ist: Wir müssen uns oft mit völlig unerzogenen, verwöhnten Kindern (die sie auch mit Anfang 20 immer noch sind…) herumplagen. Auch deutschen Kindern, wohlgemerkt…

  9. Sehr interessanter Artikel
    Danke für den spannend und einfühlsam geschriebenen Artikel, der mir einen sehr guten Einblick in das Studentenleben im Iran gegeben hat.
    Auch die Fotos haben mir sehr gut gefallen.
    Das macht Lust auf die nächste Iranreise und gibt mehr Verständnis für die Schwierigkeiten der jungen Menschen im Iran.

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