Pop-Anthologie

Kate Bush: „Wuthering Heights“

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Niemand, der „Wuthering Heights“ von Kate Bush einmal gehört und ihr Tanzvideo gesehen hat, wird das Lied je wieder vergessen. Inspirationsquelle war der gleichnamige Roman von Emily Brontë, die in dieser Woche 200 Jahre alt geworden wäre.

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© dpaKate Bush, 1978

Überirdisches Klaviergeklimper, sphärische Klänge einer Harfe – dann diese hohe Mädchenstimme, die singt: „Out on the wild and windy moors …“ Und dann der Refrain. Dieses insistierende, sich wiederholende:

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window.

Niemand, der „Wuthering Heights“ von Kate Bush einmal gehört hat, wird das Lied je wieder vergessen. Selbst wenn man den Roman „Wuthering Heights“ von Emily Brontë nie gelesen oder eine der zahlreichen Verfilmungen und TV-Serien gesehen hat, – man weiß einfach, dass man Zeuge einer Geistererscheinung ist, dass man einem Geist zuhört. Einer verlorenen Seele, die den angeredeten Heathcliff auf die andere Seite, in ihr Reich zu ziehen versucht, und vielleicht auch das Publikum gleich mit.

Kate Bush war 19, als sie mit „Wuthering Heights“ ihren ersten Hit hatte: Die Single erschien am 20. Januar 1978 als erste Auskoppelung ihres Debütalbums „The Kick Inside“. Bush hatte gegen den Rat ihrer Plattenfirma EMI und ihrer Mentoren in der englischen Prog-Rock-Szene wie David Gilmour von Pink Floyd auf „Wuthering Heights“ als ihrer ersten Single überhaupt bestanden. Anfang März stand der Song nach einem zügigen Aufstieg in den UK-Charts auf Platz Eins und blieb dort vier Wochen lang. Kate Bush war die erste Musikerin, die das mit einem selbst komponierten und getexteten Lied schaffte. Die Single und das ganze Album waren weltweit sehr erfolgreich, es gab zahlreiche Top-Ten-Plätze. In den Vereinigten Staaten schaffte „Wuthering Heights“ nur Platz 85 der Charts, obwohl für den Markt sogar ein eigenes Musikvideo aufgenommen wurde.

Heute hat dieses Video selbst Kultstatus: Kate Bush vollführt hier, in ein knallrotes Kleid gehüllt, rote Nelken im langen Haar, eine Tanz-Performance, die klassische Ballet-Figuren, expressionistische Tanz-Formen und Pantomime verbindet. Und das alles in einer diffus an die Yorkshire Moors erinnernden Landschaft, in der Emily Brontës „Wuthering Heights“ spielt (auf Deutsch meist als „Sturmhöhe“ übersetzt). Zum Schluss verschwindet die Gestalt Bushs langsam in dieser Landschaft, wie eine Geistererscheinung oder eine der Feen, die in den Höhlen der Pennington Cracks hausen sollen. Eine Sequenz, die man genauso in den englischen Folk-Horror-Filmen der Sechziger und Siebziger finden kann, zum Beispiel im legendären „Wicker Man“ von Anthony Shaffer und Robin Hardy. In diesem Folk-Horror-Kultfilm spielt auch jener Mann mit, von dem Bush ihr Bewegungsrepertoire gelernt hatte: Lindsay Kemp. Kemp, 1938 geboren, wurde in den Sechzigern berühmt für seinen experimentellen, expressiven Tanz- und Pantomime-Stil. Er war Teil der queeren Londoner Theater- und Performing-Arts-Kultur und hatte maßgeblichen Einfluss auf David Bowies Bühnen-Persona Ziggy Stardust. Bush war seit 1976 seine Schülerin, der Song „Moving“ auf „The Kick Inside“ ist Kemp gewidmet.

Was vor 1975 musikalisch und performativ noch avantgardistisch war, umwehte 1978 allerdings bereits der Flor des Altmodischen: Kate Bushs Debüt-Album und ihre erste Single trafen bei der Pop-Kritik auf keine besondere Begeisterung. Während heute „The Kick Inside“ als eines der bahnbrechenden Alben in der Entwicklung hin zu experimentellen Formen des Pop und des Art-Pop von Björk, St. Vincent, Tori Amos und den Post-New-Wave-Bands der späteren Achtziger wie Suede gilt, war die Platte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sehr deutlich „Old Wave“. Angesagt waren der Minimalismus, die Lakonie und die konzeptuelle vokale Wurstigkeit und Aggression von Post-Punk und New Wave. Zusammen mit Kate Bush debütierte beispielsweise Debbie Harrys Band Blondie in Großbritannien. Ihr Hit „Denis“ war die Nummer Zwei hinter Bushs „Wuthering Heights“. Gegenüber Debbie Harry oder den Frauen des britischen Punk wie Poly Styrene und Viv Albertine wirkte Bushs künstlerische Persona antiquiert, fast schon reaktionär. Ihre hoch emotionalen, aufwendig produzierten Songs sah man in einer Linie mit Art- und Prog-Rock-Figuren wie Gilmour und Peter Gabriel. Kate Bush war 1978 alles, nur nicht cool. Dem Publikum, vor allem aber Bush selbst, war das aber gleichgültig.

In fünf Stunden niedergeschrieben

Bushs „The Kick Inside“ kann man auch als eine Art programmatisches Album verstehen. Sie stellt sich, am deutlichsten mit „Wuthering Heights“ und den dazu gehörigen Videos, in eine konkrete britische Tradition, in der Populär-Kultur und Folklore integrale Elemente der Hochkultur sind, die von der Wiederentdeckung oder besser Neuentdeckung druidischer und anderer vor-christlicher Kulte in lokalen Traditionen durch gelehrte Pfarrer und Landedelleute im 18. und 19. Jahrhundert über die esoterischen Lehren, die von William Blake bis William Butler Yeats ein Fundament englischer Poetiken waren, bis zum eher praktisch-ästhetischem Revival regionaler handwerklicher und mythologischer Traditionen in der Arts-and-Crafts-Bewegung reicht. 

Dieses Verspätetsein gegenüber den ästhetischen Trends der kulturellen Zentren verbindet Kate Bush dabei mit Emily Brontë, von deren Roman „Wuthering Heights“ sie sich inspirieren ließ. Dieser, 1847 veröffentlicht, recycelt Formen der Gothic Novel und des empfindsamen Romans, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung komplett aus der Mode waren. Dazu kommen die Faszination für Rollenprosa und das (Versteck-)Spielen mit unterschiedlichen ästhetischen Personae. Zu allem Überfluss teilen sich beide Künstlerinnen auch noch einen Geburtstag: Am 30. Juli jährte sich der von Brontë zum 200. Mal, Kate Bush wurde 60. „Wuthering Heights“ war Brontës erster und einziger Roman, sie starb wenige Monate nach seiner Veröffentlichung, erst 30 Jahre alt.

© dpaEmily Brontë (1818 bis 1848) |

Angeregt zu ihrem Song wurde Bush aber ursprünglich nicht durch die Lektüre des Romans, sondern durch eine der zahllosen BBC-Serien, vermutlich die von 1967. Erst danach begann sie den Roman zu lesen; den Text zu ihrem „Wuthering Heights“ schrieb sie dann angeblich in fünf Stunden – in der Nacht vom 5. März 1977, so die Künstlerinnenlegende. Sie hat dafür ganze Zeilen aus dem Roman übernommen, vor allem für den Refrain. Jede „Wuthering Heights“-Leserin erkennt die Stimme wieder, die Lockwood, einer der Erzähler der Geschichte von Heathcliff und Cathy, in seiner ersten (und einzigen) Nacht im Gutshof Wuthering Heights hört:

„‘Let me in—let me in!’ ‘Who are you?’ I asked, struggling, meanwhile, to disengage myself. ‘Catherine Linton,’ it replied, shiveringly (why did I think of Linton? I had read Earnshaw twenty times for Linton) ‘I’m come home: I’d lost my way on the moor!’“

Es handelt sich bei Bushs „Wuthering Heights“-Version aber keineswegs um eine Art empathische Kurzfassung des Romans, auch wenn das die Bush-Philologie suggeriert, die noch für jede Zeile des Songs eine Korrespondenz im Roman gesucht – und gefunden hat. Bush schreibt keine SparksNotes mit Musik. Bush erfindet ihre Szene, ihren Cathy-Monolog, neu und leiht der Figur ihre eigene Stimme. Man kann das als die Reaktion einer jungen Frau auf eine der großen dunklen Liebes-Passionsgeschichten der europäischen Tradition lesen – und das so abwertend meinen wie viele Musikkritiker, die lange auf Kate Bushs Beliebtheit vor allem bei jungen weiblichen Fans herumritten: Spät-Pubertät, Fan-Fiction, identifikatorisches Lesen, Mädchen-Musik.

Offensive Formulierung destruktiven weiblichen Begehrens

Oder man macht sich klar, dass Pop-Musik genau das ist: ein Identifikationsangebot für junge Menschen, die noch nicht wissen, wer sie sind. Ein Rollenspiel – für die Performerin und die Fans. Ein Testlauf für Gefühle. Und eine Möglichkeit, Gefühlen eine Gestalt zu geben, die in ihrer Intensität für Mädchen und junge Frauen im „echten“ Leben so nicht vorgesehen sind.

Kate Bushs Cathy ist so jemand: Eine junge Frau, eigentlich noch ein Teenager, die sich nicht in die Rolle der auf ihren Prince Charming wartenden Märchenfrau fügt, genauso wenig wie in die einer Unschuld vom Lande, die sich von der Faszination durch den dämonisch-leidenschaftlichen Liebhaber à la Fifty Shades of Grey überwältigen lässt. Auch wenn Formulierungen wie diese eine solche Lesart nahelegen:

„Ooh, it gets dark, it gets lonely
On the other side from you
I pine a lot, I find the lot
Falls through without you
I’m coming back, love
Cruel Heathcliff, my one dream
My only master“

Aber wer hier Meister, wer Gemeisterte/r ist, lässt sich schon am Anfang des Liedes nicht unterscheiden. Cathy singt: „You had a temper like my jealousy /Too hot, too greedy“ – alle Unterscheidungen verschwimmen in der Intensität der Gefühle, die Heathcliff und Cathy empfinden, vielleicht füreinander, vielleicht ist der andere aber auch die Gestalt des eigenen Selbst-Gefühls. So wie es Brontës Cathy in ihrem berühmten Monolog formuliert: „my great thought in living is himself. If all else perished, and he remained, I should still continue to be; and if all else remained, and he were annihilated, the universe would turn to a mighty stranger: I should not seem a part of it. (….) I am Heathcliff! He’s always, always in my mind: not as a pleasure, any more than I am always a pleasure to myself, but as my own being.“

Bushs Cathy wartet nicht brav im Jenseits auf die verlorene Liebe ihres Lebens. Ihr Wille, sich den anderen anzueignen, ihn zu besitzen, ist so stark, dass sie aus dem Grab, dem Himmel, dem Jenseits zurückkommt, nach Hause, um ihn zu sich zu holen.

Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
You know it’s me, Cathy

Eine selbstbewusste, offensive Formulierung destruktiven weiblichen Begehrens, das man auch 1978 noch, trotz sexueller Revolution, nicht von einer Neunzehnjährigen im Manic-Pixie-Dreamgirl-Look erwartete. Genauso wenig wie die Gewalt-,Wut- und anderen Gefühlsexzesse, mit denen 130 Jahre vorher die dreißig Jahre alte Pfarrerstochter Emily Brontë in ihrem Roman ihre viktorianische Leserschaft und sogar ihre Schwester Charlotte schockierte.

Mädchen-Musik eben.

***

Kate Bush: „Wuthering Heights“

Out on the wiley, windy moors
We’d roll and fall in green
You had a temper like my jealousy
Too hot, too greedy
How could you leave me
When I needed to possess you?
I hated you, I loved you, too

Bad dreams in the night
They told me I was going to lose the fight
Leave behind my wuthering, wuthering
Wuthering Heights

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Ooh, it gets dark, it gets lonely
On the other side from you
I pine a lot, I find the lot
Falls through without you
I’m coming back, love
Cruel Heathcliff, my one dream
My only master

Too long I roam in the night
I’m coming back to his side, to put it right
I’m coming home to wuthering, wuthering
Wuthering Heights
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
Ooh, let me have it
Let me grab your soul away

You know it’s me, Cathy
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold


38 Lesermeinungen

  1. Mystik in Reinkultur
    Damals bei der Bundeswehr das 1. Mal gehört, war ich sofort fasziniert
    von dem Song, obwohl ich ihn nicht wirklich verstand.
    Erst jetzt, praktisch nach Jahrzehnte, eröffnet sich mir die ganze Mystik dank der hervorragenden Recherche der Autorin.
    Vielen, vielen Dank dafür.

  2. 20er Jahre
    Der Tanzstil stammt aus den 20er Jahren: Laban Schule und vor allem Mary Wigman.
    War auch in Deutschland im Rahmen der damaligen Körperkultur populär.

  3. Vom ersten Ton an
    ließ das Lied aufhorchen und mich dann nicht mehr los. Ohne den Text zu verstehen spürte ich schon damals intuitiv etwas mystisches außergewöhnliches weibliches..

  4. Danke
    für den so inspirierenden und klugen Artikel 🙂

  5. Titel eingeben
    Als „immer mal wieder“ Fan von Progrock der 70ziger, und das mit Jahrgang 94, bin ich wohl noch viel weiter aus der Zeit gefallen als Kate Bush damals. Wuthering Heights kam allerdings recht spät auf meiner Entdeckungsreise. Zuvor begegneten mir die (für mich damals) größeren Kulturschocks, wie Emerson, Lake & Palmer, die frühen Genesis, welche ja auch noch harmlos waren, Yes oder auch mal ein bisschen obskurer Krautrock.

    Danach wirkte Wuthering Heighs erst einmal schon recht normal für meine Ohren, trotzdem allerdings noch befremdlich. Meine komplett uneingeweihten Freunde waren überfordert, wussten nicht so recht was sie da gesehen und gehört haben.
    Aber der Song wächst und wächst, sodass ich wette, dass jeder der ihm eine Chance gegeben hat, spätestens beim dritten Mal wie Kate durch den Wald hüpft.

  6. Sehr schön geschrieben
    Ein toller Text zu zwei außergewöhnlichen Künstlerinnen und dem sie verbindenden Werk.
    Einzig zum Tanzstile Kates mag ich anmerken, dass er weitgehend klassischer „Jazzdance“ der 70er Jahre ist. 🙂

    Das Video hab ich Jahrzehnte nicht gesehen – eben dafür gleich mehrfach. Das Lied ist nach wie vor faszinierend.

  7. Großartig
    Danke für diese großartige und detailreiche Hintergrundgeschichte zu einer phenomenalen Künstlerin der Siebziger und Achtziger und ihrem ersten Album.

  8. Meine Jugend holt mch ein
    Für mich war und ist Mrs. Kate Bush eine Stimme, die mich immer wieder fasziniert. Ich hatte das Glück diese LP zu erstehen. Und noch heute höre ich diese LP (mit allen Kratzern eines Plattenspielers!) – ein Genuss.

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