Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

16. Okt. 2018
von Anna Wronska
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Mein Kind, das Ungeheuer

© Picture AllianceEs ist nur eine Phase? Ja, und man nennt sie Kindheit.

Eltern sind darauf programmiert, ihre Kinder toll zu finden. Sie können gar nicht anders, als sie ständig zu bewundern und jede neue Fähigkeit zu feiern, als sei es das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein Kind sie erwirbt (und dann gleich so ausgesprochen perfekt beherrscht, nicht wahr?). Und so verwundert es nicht, dass auch mein Mann und ich große Fans unserer Kinder sind. Unser vierjähriger Sohn Ben ist, wie wir finden, ein aufgewecktes, empathisches, lustiges Kind. Ein echter Goldschatz. Außer manchmal. Da wird er zum Inferno.

Der Wutanfall kommt meistens aus heiterem Himmel, die Auslöser sind vielfältig. Ben muss zum Beispiel den Fernseher nach zwei Folgen „Dino-Zug“ (fragen Sie nicht) ausmachen. Es spielt keine Rolle, dass er weiß, dass er immer nur zwei Folgen gucken darf. Oder er muss sich die Schuhe anziehen (was er hervorragend selber kann, bestimmt besser als alle anderen Kinder in der Geschichte der Menschheit). Oder mein Mann oder ich beenden nach mehreren Verwarnungen das wilde, unfallträchtige Wettrennen, das er mit seinem Kumpel gerade durch die Wohnung veranstaltet. Manchmal ist es aber auch „nur“ der falsche Becher beim Abendessen, die falsche Hose für die Kita. Ein falscher Satz, der falsche Zeitpunkt für irgendetwas.

Natürlich rufen nicht immer die gleichen Situationen einen Wutanfall hervor, das wäre viel zu einfach, weil berechenbar. Manchmal laufen die genannten Szenen völlig konfliktfrei ab. Oft genug aber bricht für 10 bis 15 Minuten die Hölle los. Ben fängt an zu brüllen, entweder mit Text („Manno! Ich will aber noch eine Folge!“ /“Ich ZIEH mich aber nicht an!“/ „Du blöde Kackwurst!“) oder ohne, was fast noch schlimmer ist, weil das Brüllen einem schon rein akustisch durch Mark und Bein geht. Er wirft mit Gegenständen – bestenfalls mit Sofakissen, schlimmstenfalls mit hölzernen Eisenbahnschienen. Wenn es richtig doof läuft, wird auch noch gehauen und getreten.

Dass Ben mal sauer wird, ist nichts Neues. Als er kleiner war, gab es auch Heulattacken, aber die waren kurz und leicht erträglich, denn man wusste: Das Kind versteht vieles einfach noch nicht, es kann seine Bedürfnisse und seinen Frust nicht anders mitteilen, die Folgen seines Handelns noch nicht abschätzen etc.. Doch mit vier Jahren versteht Ben schon eine Menge. Er weiß, was er will, was er darf – und was weh tut. Deshalb ist es schwierig, ihm bei den beschriebenen Aggro-Attacken nicht bewusste Provokation und gar Boshaftigkeit zu unterstellen. Und das ist ungeheuer schmerzhaft: Mein geliebtes Kind, ein Scheusal? Dabei bemühen wir uns seit Jahr und Tag, Ben liebevoll, aber konsequent zu erziehen, ihm soziale Kompetenz und Rücksichtnahme zu vermitteln. Wir finden, dass das im Großen und Ganzen auch funktioniert. Doch die Ausraster kommen trotzdem.

Dass es sich um normale Entwicklungsphasen handelt, habe ich mir schon oft gesagt, um mich zu trösten, und höre den Satz auch oft von Freunden und Verwandten. Das stimmt wahrscheinlich auch, aber es hilft nicht wirklich weiter, weil man nie weiß, was genau für eine „Phase“ das dann gerade sein soll, wie lange sie dauert, ob und wie oft sie wiederkehrt und wie man sich als Elternteil darauf jeweils richtig verhält. Zum anderen klingt es auch nach einem allzu durchsichtigen Rechtfertigungsversuch: „Das ist nicht mein Kind, das ist nur eine Phase!“ Es verfängt nicht wirklich, wenn die „Phase“ einen gerade wieder einmal gerade mit einem großen Bauklotz nur knapp verfehlt hat. Auch der Erklärungsversuch „Das hat er sich in der Kita abgeguckt“ ist zwar verlockend, aber tröstet ebenso wenig. Es ist eben keine „höhere Macht“ und keine Ausnahme und kein anderes Kind, sondern wirklich mein Sohn, der sich so verhält.

Bemerkenswerterweise spielen sich die Wutanfälle fast immer nur bei uns zu Hause ab; die klassische Kernschmelze vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt haben wir bislang nicht erlebt. Auch in der Kita können sie es nicht fassen. Ben sei im positiven Sinne ein „unauffälliges“ Kind; zusammen mit seinen Kumpeln hecke er zwar manchmal Quatsch aus, aber nichts, was uns Sorgen machen müsste, heißt es von den Erziehern. Er könne sich lange selbst oder mit anderen beschäftigen, ohne dass sie intervenieren müssten; kleinere Konflikte könne er selbst lösen. Bens Kontakterzieherin hat uns kürzlich stattdessen eine erstaunliche Erklärung für seine Wutanfälle geliefert: „Er testet seine Grenzen aus – und das nur bei euch Eltern, weil er sich eurer Liebe immer sicher sein kann.“

Moment mal. Mein Kind weiß, dass ich es bedingungslos liebe und glaubt, dass es sich seine Amokläufe deshalb erlauben kann? Na toll. Was als Aufmunterung gemeint war, macht die Ratlosigkeit erst einmal nur größer. Denn das heißt ja, dass es mit den Wutanfällen weniger schlimm wäre, wenn Ben diese Gewissheit nicht hätte. Kann man seinem Kind zu viel Liebe geben? Fordern wir es dazu heraus, uns auf der Nase herumzutanzen, indem wir ihm signalisieren, dass wir es auch dann liebhaben, wenn es ein Kotzbrocken ist? Es gibt sicher Menschen, die das so sehen, noch vor nicht allzu langer Zeit war es geradezu ein Erziehungsgrundsatz: Zuneigung gegen Benehmen. Wer nicht parierte, den hatten sich die Eltern eben nicht richtig erzogen – und der wurde schlimmstenfalls nicht nur mit Liebesentzug, sondern auch mit Gewalt bestraft. Wie wir heute zum Glück wissen, ist das verheerend und hat mit Erziehung überhaupt nichts zu tun. Die Erzieherin hat mir mit ihrer Interpretation klargemacht: Es gibt nichts, das wir tun könnten, um die Wutanfälle zu verhindern, weil Kinder in einem gewissen Alter eben ihre Grenzen austesten und es keine Alternative dazu gibt, sie dabei mit Liebe zu begleiten. Wir müssen einfach da durch.

Im Grunde wissen mein Mann und ich auch ganz genau, wie das geht. „Ruhe bewahren, Ruhe bewahren!“, ich sage es mitunter sogar laut zu mir selbst, während der kleine Wutbürger um mich herum tobt. Bloß nicht schreien, sonst schreit er noch lauter. Auf Abstand gehen, aber ihm trotzdem zeigen, dass wir ihn nicht alleine lassen. Aber das ist nicht so einfach. Die Versuchung, seine Macht als Erwachsener auszuspielen, ist in diesen Momenten groß, und wir tun es auch: indem wir Konsequenzen androhen und umsetzen – beispielsweise alle Spielzeuge, die geflogen sind, für den restlichen Tag verschwinden lassen. Das wirkt mal besser, mal schlechter, aber wir ziehen es durch. Manchmal gehen mir allerdings zugegebenermaßen die Ideen für geeignete Konsequenzen aus, die idealerweise in logischem Zusammenhang zu dem Unfug stehen sollen, den Ben macht (beispielsweise: Wer keine Schuhe anziehen will, geht auch nicht auf den Spielplatz). Ich habe mich auch schon heulend aufs Sofa gesetzt und Ben gesagt, dass ich jetzt echt nicht mehr weiß, was ich machen soll. Das hat ihn so überrumpelt, dass er vergaß, sich weiter aufzuregen – aber das dürfte ein Einmaleffekt gewesen sein.

Ich wünschte, ich hätte nach all den Wutanfällen der letzten Monate nun endlich einmal eine Antwort darauf, was die richtige Reaktion ist und, besser noch, wie man sie verhindert. Doch letztlich kann uns wohl niemand sagen, wie man sich als Elternteil richtig verhält in dieser „Phase“, die sich Kindheit nennt. Wir müssen uns jeden Tag neu durchkämpfen und ausprobieren. Immerhin: Bens Wut schlägt am Ende von unendlich langen 15 Minuten oftmals schlagartig in enormen Kuschelbedarf um. Dann ist, schwupps, der kurzzeitig verlorene Goldschatz wieder da. Und mit ganz viel Glück ist der Becher beim Abendessen sogar auch mal genau der richtige.

16. Okt. 2018
von Anna Wronska
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09. Okt. 2018
von Martin Benninghoff
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Frisch geschlüpft, schon getauft?

Und wenn das Baby nicht will?

Vermutlich habe ich ein Mal zu viel eine katholische Taufe besucht.

Immer dann, wenn der Priester am Taufbecken den Eltern und Paten die Frage „Widersagt ihr dem Satan, dem Urheber des Bösen?“ in dieser oder einer ähnlichen Formulierung stellte, wäre ich am liebsten sofort aus der Kirche gelaufen oder aus dem nächstbesten Kirchenfenster gesprungen. „Ich widersage“, die erwartete Antwort, machte die Sache nicht besser, es ist für viele nur die Kapitulation vor einem Kirchen-Schauspiel, das sie unter Androhung familiärer Konsequenzen zu ertragen bereit sind.

Es ist schon klar, dass Theologen an dieser Stelle einhaken möchten, um mir die Abrenuntiatio diaboli einzuordnen und zu erklären. Aber aus einer lebensweltlichen Perspektive gedacht, sind Begriffe wie „Satan“ und „das Böse“ schlichtweg keine, die ich aussprechen möchte. Da kann man mir gleich drohen, den Rest meines Lebens mit Bruder Malachias von Hildesheim aus „Der Name der Rose“ eine karge Kemenate bei Wasser und Brot zu teilen, natürlich bei entsprechender täglicher Bibel-Exegese auf Latein.

Aber nicht nur deshalb haben wir uns erst einmal gegen die Taufe unseres Sohnes Elias entschieden – katholisch wäre die ohnehin nicht geworden. Die Taufe ist vielmehr für Katholiken und Protestanten eine ernste Sache, ein Sakrament. Also nichts, das man aus gesellschaftlichem Druck oder Opportunismus unterschreiben sollte. Das Kind wird durch sie ein Leben lang in die Glaubensgemeinschaft der Christen aufgenommen, und wenn die Eltern damit wenig anfangen können, warum sollte es für das Kind gut sein? Wobei: Ganz so einfach ist der Fall bei mir nicht, dazu später mehr.

Längst ist die Taufe kein gesellschaftliches Muss mehr. Zwar sind die Zahlen immer noch beachtlich: 2016 wurden laut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 163.000 Kinder evangelisch getauft, 2015 etwas mehr als 161.000. In der römisch-katholischen Kirche wurden 2015 laut Statistischem Bundesamt 167.226 Kinder getauft, die Verteilung zwischen Protestanten und Katholiken entspricht ungefähr dem Verhältnis der beiden Konfessionen in Deutschland. Mittlerweile sind geringfügig mehr Menschen katholisch als evangelisch getauft, das war einmal umgekehrt. Allerdings ist bei beiden Konfessionen die Taufbegeisterung seit Jahrzehnten im Sinkflug begriffen, daran können auch gelegentliche Tauf-Hypes wie zuletzt im ansonsten eher säkularen Berliner Kiez Prenzlauer Berg nichts ändern.

Das Gute ist: Dass die Taufe heute kein Muss mehr ist, sondern eine freiwillige Feier mit ungewisser Bedeutung  für die Zukunft, führt zu einer Entkrampfung des Themas. So dachte man früher, ein Säugling, der ungetauft stirbt, würde nicht von Gott angenommen werden. Solcher Kinderglaube ist zumindest in hiesigen Breitengraden wenn auch nicht ausgestorben, so doch zumindest marginalisiert. Sowohl die römisch-katholische Kirche als auch die EKD halten so etwas für unvereinbar mit dem Bild eines liebenden Gottes. Allerdings: Auf dem Rückzug ist damit auch das Unhinterfragte und Hingenommene, das Tradierte und Eingeübte, eben das Religionsverständnis früherer Generationen.

Wer heute sein Kind taufen lässt, muss wissen warum. Wer heute sein Kind nicht taufen lässt, muss wissen warum. Ein paar Diskussionsanregungen, kein Anspruch auf Vollständigkeit:

Warum ein Kind taufen?

  • Menschen werden in Religionen hineinsozialisiert, man lernt den Glauben nicht neutral-wissenschaftlich. Nur wer dabei ist, kann sich ein Bild machen.
  • Glaube ist nicht in erster Linie eine rationale Angelegenheit, sondern wird über Emotionen vermittelt. Kinder hinterfragen nicht direkt logische Lücken, sie nehmen hin, das kann stabilisierend wirken.
  • Im Glauben transportieren sich schöne Emotionen und Erlebnisse der Kindheit, an die man sich ein Leben lang erinnern kann: Trost und Erhabenheit, Weihnachten, Ostern, Erntedank.
  • Das Christentum vermittelt christliche Werte wie Nächstenliebe.
  • Die Taufe ist eines der großen Riten, die das Leben strukturieren. Wie sonst später die Konfirmation oder Kommunion, Hochzeit und Trauerfeiern.
  • Kindergartenplatz oder Job bei einem kirchlichen Träger? Die können als Gemeindemitglied einfacher zu bekommen sein.
  • Kirche macht einen vertraut mit Kirchenmusik und anderen kulturellen Errungenschaften.
  • Kirche schafft Gemeindeleben, sorgt für soziale Kontakte und für Taufpaten, die eine besondere soziale Beziehung eingehen. Und von Paten gibt es Geschenke.
  • In manchen Regionen fällt das Kind auf, wenn es nicht getauft ist (bayerische Landstriche, katholisches Rheinland).

Warum eine Taufe unnötig ist:

  • Wer etwas über Religion erfahren möchte, sollte sich lieber aus anderen Quellen informieren und die Religionen miteinander vergleichen. Nur so kann man sich ein neutrales Bild machen.
  • Glaube ist eine irrationale Angelegenheit, die Kinder noch nicht durchschauen. Man sollte sie damit nicht indoktrinieren.
  • Ein Mensch sollte selbst entscheiden, ob er Kirchenmitglied sein möchte. Kindtaufen sind daher abzulehnen.
  • Wenn die Eltern nichts mit Kirche zu tun haben: Wäre es nicht rückgratlos, wenn sie ihr Kind trotzdem taufen ließen?
  • Weihnachten und Ostern kann man auch feiern und als wichtig erachten, ohne getauft zu sein.
  • Die sogenannten christlichen Werte speisen sich auch aus anderen Quellen. Ein aufgeklärter Humanismus braucht keine Kirchen.
  • Riten und Lebensereignisse sind wichtig, aber dafür braucht es die Kirche nicht: Im Osten wird mitunter noch die Jugendweihe gefeiert, bei Hochzeiten können freie Redner für Feierlichkeit sorgen.
  • Für einen Säugling ist der Taufvorgang eine Zumutung. Deswegen brüllen ja viele Kinder die Kirchengemeinde in Grund und Boden.
  • Wer nicht getauft ist, zahlt später keine Kirchensteuer.
  • In manchen Regionen fällt das Kind auf, wenn es getauft ist (Teile von Ostdeutschland, Berlin, Großstadtmilieus)

Das entscheidende Argument der Taufgegner ist die kindliche Religionsunmündigkeit bei Kindtaufen, ein schlagendes Argument. Ein Säugling oder Kleinkind hat keinerlei Einfluss, in welches Bekenntnis es geworfen wird. Es müsste sich später als Erwachsener in einem aktiven Willensakt dazu durchringen, aus der Kirche auszutreten, wenn es damit nichts anfangen kann. So etwas ist schwer, für manche zumindest, mit einigem Abstand vergleichbar mit der Abgabe einer Staatsbürgerschaft.

Andererseits: Wem das schwerfällt, bleibt besser sowieso gleich dabei. So geht es mir seit Jahren. Ich lebe in einem permanenten kognitiven Dissens, finde vieles, was die Evangelische Kirche in Deutschland tut, unterstützenswert, manches lehne ich ab, bin aber eher ein Papiertiger ohne aktives Engagement. Heute wäre mir die Kirche wohl nicht wichtig genug, um in sie einzutreten. Insofern war meine Kindtaufe gut für die Kirche und wohl auch für mich,  zumindest da ich keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Im Gegenteil: Gerne erinnere ich mich an die „Konfi-Zeit“ zurück, mit all den Freizeiten und Freunden. Aber eine freie Entscheidung, ja eine Entscheidung schlechthin, war die Taufe natürlich überhaupt nicht.

Ein Ausweg aus dem Dilemma ist die spätere Taufe im religionsmündigen Alter von 14 Jahren. Jugendliche können ja trotzdem ungetauft am Konfirmationsunterricht teilnehmen und sich, wenn es denn zusagt, kurz vor der Konfirmation taufen lassen. Strenggenommen wäre die Konfirmation als Erneuerung des Taufversprechens dann hinfällig, aber wer möchte dann schon auf die Feier verzichten? Auch bei den Katholiken gibt es die Möglichkeit der Erwachsenentaufe. Und in der Schule können ohnehin alle Ungetauften den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht besuchen, um sich die Sache erst einmal in Ruhe anzuschauen.

Zudem gibt es zunehmend mehr Anbieter von freien Taufen, so wie es auch freie Trauredner gibt. Mir persönlich wäre eine freie Taufe zu inhaltsleer, bei einer Trauung kann ich mir das aber gut vorstellen. Wir haben deshalb erst einmal rund um den ersten Geburtstag von Elias ein kleines Willkommensfest in der Familie gefeiert, weil uns solche Rituale durchaus etwas bedeuten. Als Ersatz-Taufe wollten wir das nicht verstanden wissen, das war es nicht. Solche Rituale abzuschaffen scheint mir in einer immer stärker atomisierten Gesellschaft, in der es außer Weihnachten und Fußball-Weltmeisterschaften kaum noch Ereignisse gibt, die (fast) alle teilen, wenig erstrebenswert. Mit der richtigen Taufe warten wir vorerst noch – und überlegen dann nochmal, ob sie vielleicht später eine Option für den Kleinen ist.  Oder eben nicht. Dann muss ich vorerst auch nicht dem Satan abschwören, was mir meinen Alltag doch erheblich erleichtert.

09. Okt. 2018
von Martin Benninghoff
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02. Okt. 2018
von Janosch Niebuhr
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So gelingt die Vegetarisierung der Eltern

© Picture AllianceDass vegetarische Kinder Gemüse essen, ist natürlich ein Gerücht. Aber es gibt wirklich sehr viele Nudeln auf der Welt.

Als Kind dachte ich, „vegetarisch“ sei irgendwas Schlimmes. Eine Krankheit vielleicht, irgendwas im Kopf, das nicht so richtig funktioniert und deshalb auf den Magen schlägt. „Vegetarier“ waren mir in etwa so unheimlich wie die Leute auf dem RAF-Fahndungsplakat, das in unserem Bahnhof hing. Blassgesichtig, düster, mit leicht irrem Blick. Natürlich kannte ich keine Vegetarier. Woher auch? In meiner Familie gab es zwar fleischlose Tage, aber die waren der knappen Haushaltskasse geschuldet. Und selbst an diesen traurigen Tagen wurde mindestens eine Wurstdose geöffnet – wahlweise Bierschinken, Schwartenmagen, Blutwurst oder Hausmacher Bratwurst. Auf meine Pausenbrote bekam ich immer Kalbsleberwurst aus dem Golddarm und die Liste meiner Lieblingsgerichte führte bis zur Oberstufe Kaninchenbraten an, gefolgt von Wiener Schnitzel und Grillhähnchen. Mit irgendeiner Beilage und verkochter Gemüsedekoration. Ich glaube, meine Ernährungsgewohnheiten haben sich damals nicht sehr von denen in meiner Alterskohorte unterschieden. Es gab keine Ankläger, nirgends, vor allem nicht am eigenen Esstisch. Es war der unschuldige Frühling meiner Fleischeslust.

Das hat sich inzwischen verändert. Sehr verändert. Das liegt aber nicht an den Berichten und Dokumentationen über die Massentierhaltung, an dem Wissen über die Konsequenzen unseres Fleischkonsums für Umwelt und Gesundheit oder an einer romantischen Ahnung vom Leid der Tiere. Nein. Zeig mir ein schönes Steak und ich finde immer noch 1000 Gründe, warum ein Veggieday der Weg in den Bevormundungsstaat ist. Es bleibt dabei: Erst kommt das Fressen, dann die Moral (und die Vernunft). Nein, das, was inzwischen alles verändert hat, ist einzig und allein die tonlose Frage unserer ältesten Tochter, wenn das Mittagessen auf den Tisch kommt: „Ist das mit Fleisch?“

In Gedanken habe ich schon verschiedene Antworten auf diese Frage durchgespielt:

  • die aggressiv-linguistische zum Beispiel: „Das ist Chili con Carne. Con Carne! Das heißt: ‚Mit Fleisch!‘. Nicht Chili con Körner!“
  • oder die aggressiv-vergleichende: „Weißt du wie viele Menschen auf dieser Welt froh wären, wenn etc. pp.“
  • oder die aggressiv-anthropologische Antwort: „Ohne Fleischkonsum hätte es nie eine menschliche Zivilisation gegeben.“
  • oder, ganz fies, die aggressiv-besorgt-medizinische: „Wir müssen echt aufpassen, dass du keine Mangelerscheinungen entwickelst. Vielleicht sollten wir mal wieder eine Blutprobe machen lassen.“

Man darf ja mal träumen. In Wirklichkeit beantworten meine Frau oder ich die Frage, ob denn Fleisch im Essen sei, in der Regel mit einem schlichten „Nein“. Falls wir rumdrucksen, beschränkt sich unsere Tochter auf die eindeutig als fleischfrei identifizierbaren Teile des Essens – Nudeln zum Beispiel, Kartoffeln, Reis. (Seltsamerweise können wir sie fast nie davon überzeugen, dass Gemüse und Salate auch zu den fleischfreien Speisen zählen.) Jetzt könnte man ja sagen: Lass sie doch – ihr Problem, wenn sie tatsächlich auf Fleisch verzichten möchte. Bleibt mehr für alle anderen übrig. Es gibt da nur einen Haken: Das Ganze ist ansteckend. Unser Fleischkonsum in der Familie ist radikal gesunken, obwohl wir nur eine praktizierende Vollzeit-Vegetarierin bei fünf Familienmitgliedern haben. Wir anderen sind wohl Flexitarier geworden, ohne darüber nachgedacht zu haben. Plötzlich gibt es Linsen statt Lende, Aufstrich statt Aufschnitt. Und das liegt nicht an irgendeiner aggressiven Rhetorik, mit der unsere Älteste uns das Fleisch madig macht. Sie verdreht auch nicht die Augen, wenn – selten genug – mal ein Braten auf dem Tisch steht. Sie klagt nicht an, sie zeigt uns auch keine PETA-Videos auf ihrem Handy über Schweinemastbetriebe oder Rinderhinrichtungen. Nein. Sie schweigt, füllt sich gegebenenfalls ihren Teller mit einer vegetarischen Sättigungsbeilage und lässt uns in Ruhe. Weiterlesen →

02. Okt. 2018
von Janosch Niebuhr
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27. Sep. 2018
von Chiara Schmucker
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Ekelst du dich noch – oder isst du schon?

© Picture AllianceFalls Sie ganz sicher sind, dass Sie hier statt dieser niedlichen Ultraschallaufnahme lieber eine nachgeborene Plazenta gesehen hätten, googeln Sie einfach.

„Was möchten Sie nach der Geburt mit Ihrer Plazenta anstellen?“ – Freundlich ruhen die Augen der Hebamme beim Infogespräch zur Geburtsanmeldung in der Klinik auf mir. „Du musst ein kleines Stück davon essen“, hat eine Freundin mir eingeschärft. „Da wird die Bindung zum Kind enger, du bekommst keine Wochenbettdepression und das Stillen klappt besser.“ Sie selbst habe nach der Geburt ihres Sohnes ein fingernagelgroßes Stückchen hinuntergewürgt („Schmeckte nach nichts, ich schwör’s!“), dann die Plazenta in einer Tüte mit nach Haus genommen, im Garten vergraben und einen Baum darauf gepflanzt.

Nur zur Info: Die Plazenta, auch Mutterkuchen genannt, ist etwa handgroß und ein halbes Kilo schwer. Die eine Seite blutrot und fleischig, die andere schleimig-glänzend, durchzogen von verästelten Blutgefäßen, die an einen Baum erinnern. Mediziner und Hebammen haben ein Faible für dieses Organ, das die Babys im Mutterleib versorgt; doch die Begeisterung überträgt sich eher selten auf werdende Eltern. Bei den Fotos der Plazenta, mit denen den Chefarzt der Gynäkologie den Infoabend im Krankenhaus eröffnete, drehte sich einigen Männern im Saal der Magen um. Die Frauen übten schon mal meditative Bauchatmung.

Dieses schwabbelige Ding essen? Allein von der Vorstellung wird mir flau, obwohl ich nicht generell ein Problem mit Blut oder Fleisch habe – Rindersteaks können nicht blutig genug vom Grill auf meinem Teller landen.

In den vergangenen Jahren hat sich ein regelrechter Hype entwickelt um das Essen der Nachgeburt, Plazentophagie oder wenig beschönigend auch „Plazenta-Kannibalismus“ genannt. Kim Kardashian oder Schauspielerin Alicia Silverstone („Clueless“) haben sich aus ihren Plazenten Pillen drehen lassen und schwören auf deren heilende Wirkung. Findige Apotheken bieten auch in Deutschland an, aus einem bohnengroßen Stück Plazenta Globuli herzustellen, die Frau und Kind durchs Leben begleiten. Selbst Männer bleiben offenbar nicht verschont: Tom Cruise soll die Plazenta seiner Tochter gegessen haben, Jamie Oliver hat auf Instagram einen Kuchen aus Plazenta gepostet. (Das war kein Scherz von wegen Mutterkuchen, er meinte das ernst!)

Ich werde meine Plazenta sicher nicht als Steak braten, in Lasagne oder Spaghetti Bolognese verarbeiten oder getrocknet und gemahlen ins Müsli rühren. Dabei könnte ich das problemlos tun: Step-by-Step-Anleitungen für die Verwendung der Plazenta in der heimischen Küche gibt es im Internet. Nicht weil ich feige bin oder nicht wüsste, dass meine Plazenta ein Super-Organ ist, das mein Baby mit allem ausstattet, was es braucht, und es zugleich gegen Gift- und Schadstoffe abschirmt. Sondern genau aus diesem Grund. Die Gefahr besteht, dass ich mein Kind durch das Plazentaessen mit Krankheitserregern anstecke oder Schadstoffen belaste. Ich bin sicher, dass es einen Grund hat, dass der Körper die Plazenta nach der Geburt abstößt und für jedes Kind neu bildet.

Da kann mich auch nicht umstimmen, dass selbst vegetarische Säugetiere ihre Plazenta auffressen. Möglicherweise brauchen Tiere nach der Geburt Eisen und Nährstoffe aus der Plazenta und nehmen die Schadstoffe in Kauf. Vielleicht wollen Rinder oder Schafe verhindern, dass Fressfeinde durch den Geruch angelockt werden. Ein in deutschen Krankenhäusern eher unwahrscheinliches Szenario. Auch habe ich noch nie davon gehört, dass eine Frau nach der Geburt unstillbares Verlangen nach einem Happen Plazenta hatte.

So jung der Hype um das Verspeisen der Plazenta ist – es geht noch schräger: „Lotusgeburt“ heißt das neue Stichwort. Das Kind wird dabei nicht abgenabelt, sondern bleibt mit der Plazenta verbunden, bis die Nabelschnur sich optisch in den getrockneten Schwanz einer überfahrenen Ratte verwandelt hat und von alleine abfällt. Das soll Babys einen sanfteren Start ermöglichen und einen Energie-Booster fürs ganze Leben geben. Beim täglichen Salzen und Einreiben der Plazenta mit Ölen und Kräuern ist die ganze Familie dabei. Möchte jemand das Baby auf den Arm nehmen, bekommt er die Plazenta in einer Tasche mit dazu gereicht. Positiver Nebeneffekt: Niemand beharre mehr darauf, das Neugeborene auf den Arm nehmen zu dürfen. Ekelfaktor? Ziemlich hoch. Dabei werden Fans der Lotusgeburt in Internetforen nicht müde zu betonen, dass die Plazenta bei richtiger Pflege überhaupt nicht stinke und man sie, nachdem sie vollständig ausgetrocknet sei, sogar aufheben könne. Schon die Indianer sprachen der Nabelschnur schließlich magische Kräfte zu. Kritiker warnen vor Schäden am Nabel und Infektionsgefahr.

Ich bin meiner Plazenta sehr dankbar dafür, dass sie mein Baby bis zu seiner Geburt so gut versorgt. Und doch will ich danach nichts mit ihr anstellen. Komische Vorstellung, in einigen Jahren mit den Nachbarn bei einem Glas Weißwein unter einem Plazentabaum zu sitzen. „Ach ja, der wächst so wunderbar, weil wir hier vor Jahren meine Plazenta verbuddelt haben. Prost!“ Unsere jetzige Wohnung hat auch gar keinen Garten. Was also tun? Im Balkonkübel vergraben? Oder in der Hofeinfahrt? Gedanklich sehe ich mich schon in einer konspirativen Nachtaktion mit Schäufelchen und Plazenta bewaffnet in der begrünten Verkehrsinsel vor unserem Haus herumscharren.

Wie gut, dass es auch für so hoffnungslose Plazenta-Verweigerer wie mich eine geeignete Lösung gibt: Ich kann meine Super-Plazenta für die Forschung spenden. Die Option kann man im Personalbogen der Klinik ankreuzen, dann gehört die Plazenta nach der Geburt dem Krankenhaus. Ich hoffe, der Chefarzt grillt sie sich nicht zum Salat.

27. Sep. 2018
von Chiara Schmucker
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25. Sep. 2018
von Martin Benninghoff
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Glückliche Kindheit – auf dem Land oder in der Stadt?

© Astrid Lindgrens Värld Was hätte Michel aus Lönneberga wohl alles in der Stadt anstellen können?

Wir wollen aufs Land ziehen. Ein Satz wie eine Sturzgeburt. Gestern noch jung und hip und Großstadtbewohner – heute Familienmensch und plötzlich verantwortlich für einen neuen Menschen, der andere Bedürfnisse hat als man selbst. Irgendwann zwischen 30 und 40 setzt dann bei manchen Eltern die Stadtflucht ein, sie ziehen aufs Land in ein Dorf, in eine Kleinstadt – oder in den Speckgürtel einer Metropole. Das klingt ja zu verführerisch: Auf dem Land ist mehr Platz, die Blumen blühen, die Bienen summen, die Welt ist noch in Ordnung. Soweit die Klischees. Aber ganz davon abgesehen, dass Land nicht gleichbedeutend mit Astrid Lindgrens Bullerbü oder Michels Katthult-Hof ist, und nicht jeder Landbewohner ein freistehendes Eigenheim mit großem Garten, gleich einen ganzen Bauernhof oder einen Streichelzoo zur Verfügung hat: Wo lebt es sich denn nun besser, auf dem Land mit all dem Platz, dem Grün und Güllegeruch, oder der Stadt mit all ihren Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten?

Die Frage berührt mehr als das bloße Familienglück, denn, so viel sei vorweg gesagt, eine glückliche Kindheit ist überall möglich. In einem föderal organisierten Land wie Deutschland, das erst spät zur Einheit fand und gedanklich noch immer in kleine Fürstentümer zersplittert ist, wird die Debatte schlichtweg schon seit Jahrhunderten geführt, oft unversöhnlich: Schon im Mittelalter galten Städte in den Augen vieler Landbewohner als dreckig, korrumpiert und voller schräger Vögel, Diebe und Hurenböcke aller Art. Städter reagieren zu allen Zeiten sauer bis belustigt, wenn sie solche pauschalen Urteile hören. Die Landeier! Keine Ahnung haben die! Auch heute noch spielen Stadt-Land-Konflikte eine Rolle, zum Beispiel als der ehemalige Berlin-Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky seinen Bestseller „Neukölln ist überall“ veröffentlichte. Der Berliner Kiez mit dem hohen Migrantenanteil und den sozialen Problemen ist spätestens seitdem vor allem auf dem Land so etwas wie die Chiffre für Parallelgesellschaften und Kriminalität. Und überhaupt für alles, was in der Stadt schieflaufen kann.

Dass das einseitig ist, wissen zum Glück nicht nur diejenigen, die gerne in Neukölln abends rausgehen, die Restaurants besuchen und die quirligen Straßen mit ihren abwechslungsreichen Angeboten an Geschäften nutzen. Soziale Probleme, Gewalt und Kriminalität kommen ebenso vor in Neukölln, Schwarz-Weiß-Erzählungen aber helfen keinem weiter, es sei denn, man fühlt sich wohl in seinen Elfenbeintürmen an Ressentiments und Klischees. Und so verhält es sich generell mit den Klischees über Stadt und Land: Wer Dörfer für Kulissen der neuen Folge von „Bauer sucht Frau“ hält, wird im Hunsrück, Westerwald oder der Schwäbischen Alb nur Bauerntölpel entdecken. Wer Städte für den Hort aller gesellschaftlichen Probleme schlechthin hält, wird nur noch Clanstrukturen erkennen und selbst die Eisdiele unter Aspekten der Schutzgeldkriminalität betrachten. Dass beide Haltungen in ihrer Pauschalität blanker Unsinn sind, muss hier nicht weiter erörtert werden. Im harmlosen Fall dienen Stereotype ja auch nur der Auszeit und der Erholung für stressgeplagte Städter und Landbewohner – Zeitschriften wie „Landlust“ leben davon. Auch der Deutsche Alpenverein, der in seiner neuesten Ausgabe des „Panorama“-Heftes eine Geschichte bringt, in der die Großstadt als mehr oder minder übler Gegenpol zum idyllischen Alpenland herhalten muss, stimmt gelegentlich in den Chor ein. Als wenn das die Alternativen sind.

Dabei ist das eine Erwachsenendiskussion: Für Kinder ist die intakte Natur zwar wichtig, aber nicht für die Erholung. Kinder brauchen ein vernünftiges soziales und familiäres Umfeld und viel Kontakt zu Gleichaltrigen. Was nützt einem Kind die schöne Blumenwiese, wenn es darauf alleine spielt? Was nutzen die vielen kulturellen Angebote einer Großstadt, wenn es vereinsamt in einer Hochhaussiedlung hockt? Darüber hinaus haben Stadt und Land ihre Eigenheiten – und damit auch Vor- und Nachteile:

Entdeckerland

Kinder wollen auf Entdeckertour gehen, bauen, basteln, gestalten. Solche Räume gibt es in Dörfern, im Wald, auf abgeernteten Feldern. Aber auch in Städten, auf Spielplätzen, Bauspielplätzen, in Parks. Studien und der gesunde Menschenverstand belegen allerdings, dass Landkinder früher auf eigene Faust losziehen, derweil Stadtkinder länger an der Hand der Eltern unterwegs sind, aus nachvollziehbaren Gründen: Autoverkehr, Straßenbahnen, Fahrradfahrer, insgesamt die viel größere Bevölkerungsdichte, sorgen für größere Gefahrenquellen. Die Luft ist in der Regel auf dem Land besser, das ist natürlich ein wichtiger Standortfaktor, der fürs Land spricht. Die Zahl der Atemerkrankungen soll deshalb in urbanen Gegenden höher sein. Luftschadstoffe können Krankheiten wie Pseudokrupp begünstigen, aber dazu reicht auch eine Raucherwohnung auf dem Land.

Gleichaltrige

Je älter Kinder werden, desto mehr treten sie aus dem elterlichen Schatten und desto wichtiger werden gleichaltrige Freunde. Kinder lernen so, sich mit anderen auseinanderzusetzen, Bündnisse zu schließen, sich zu behaupten – und Empathie für die Bedürfnisse anderer zu entwickeln. Zwar kann es in ländlichen Gemeinden einen stärkeren Zusammenhalt durch die gewachsenen Nachbarschaften und oftmals umtriebigen Vereine geben, dafür ist die Betreuungsquote in Städten höher, auch weil das Angebot an Betreuungsmöglichkeiten besser ist. Der engere Raum und die Bevölkerungsdichte in Städten sorgen für dichte Kontaktmöglichkeiten, in der Siedlung, den Spielplätzen, auf den Bürgersteigen und Innenhöfen. In Städten sind die Distanzen kürzer – vor allem die Eltern von Teenagern auf dem Land dürften ein Klagelied anstimmen, dass sie ihre Kinder überall hinfahren müssen, weil der öffentliche Nahverkehr so schlecht ausgebaut ist.

Vorbereiten fürs Leben

Dörfer und Landkreise sind in der Regeln homogener, was die soziale und kulturelle Herkunft angeht. Wer in Großstädten aufwächst, erfährt Migration zum Beispiel nicht nur als Medienthema, sondern als Alltag. Alltag in der Nachbarschaft, in der Schule, auf dem Spielplatz. Und im persönlichen Kontakt verliert vieles den Schrecken, das gilt genauso für die soziale Herkunft: Zwar separieren sich die Bevölkerungsschichten und Einkommensklassen auch in der Stadt. Wer in Berlin-Charlottenburg lebt, tut dies in anderer Nachbarschaft als in besagtem Neukölln. Aber die Distanzen sind geringer, man begegnet sich leichter. Wenn man nicht gerade im Nobelstadtteil Grunewald wohnt und mit seinem Porsche nur direkt auf die Autobahn nach Potsdam fährt, wird man als Berliner zwangsläufig leichter andere Lebensentwürfe kennenlernen als zum Beispiel in einem kleinen Dorf an der Mosel. Das kann anstrengend sein – in der Regel gewinnt man aber mehr als man verliert. Und da wir alle in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft leben, kann es nicht schaden, schon als Kind ein wenig vorbereitet zu sein.

Im Idealfall haben alle die freie Wahl, wo sie leben. Aber die Mietpreissituation zwingt gerade junge Familien oder Alleinverdiener in die Außenbezirke oder ganz aufs Land. Die Gutverdiener können es sich leisten, in die Reißbrett-Siedlungen am Stadtrand zu ziehen, die oftmals nicht schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind. Ob einem das gefällt, ist Geschmackssache: Zum einen sind die oft ideal für Kinder, weil bestens ausgestattet mit Spielplätzen, und der Verkehr hält sich auch in Grenzen. Andererseits neigen diese Siedlungen zur sozialen Homogenität und damit Abgeschlossenheit. Eltern sollten ja auch nicht ihre eigenen Bedürfnisse vergessen und überlegen, wo sie sich am wohlsten fühlen. Und dann gibt es ja noch den Urlaub, um das zu genießen, was einem sonst im Alltag fehlt: Wandertouren für den Städter, Städtereisen für die Dorfbewohner. Als Auszeit für stadtgeplagte Städter oder landgenervte Landbewohner. Und als Horizonterweiterung.

25. Sep. 2018
von Martin Benninghoff
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18. Sep. 2018
von Anna Wronska
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Mit der Gelassenheit kommen die Lösungen

© Picture AllianceKnutschalarm: Ein zweites Kind in der Familie kann ein Riesendrama bedeuten – muss es aber nicht.

Als ich mit meinem zweiten Kind schwanger wurde, mischte sich in die Vorfreude auch die Sorge, ob auch beim zweiten Mal alles gut gehen würde – in der Schwangerschaft, bei der Geburt und überhaupt im Leben zu viert. Man hört und googelt ja so viel, und leider bin ich in solchen Dingen traditionell ein ängstlicher Typ.

Vor zwei Wochen sind wir nun zum zweiten Mal Eltern geworden, und was soll ich sagen: Es ist, Gott (und ein paar Göttern in Weiß) sei Dank, alles gut gegangen. Und nicht nur das. Trotz der gewaltigen Umstellung, die wir gerade durchleben, sind mit unserem zweiten Sohn eine Zuversicht und ein Selbstvertrauen bei uns eingezogen, die ich bis vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte – und die ich nach der Geburt meines ersten Kindes vor vier Jahren auch nicht (so früh) so empfunden habe. Das liegt zum einen sicher daran, dass unser Zweitgeborener, Lukas, bislang ein ausgesprochen entspannter Zeitgenosse ist. Er trinkt, schläft, pupst, wie es sich für ein Neugeborenes gehört und sieht dabei – da bin ich zugegebenermaßen befangen – relativ possierlich aus. Drama ist nur angesagt, wenn das Essen nicht schnell genug geliefert wird, da kommt er ganz nach mir.

Es kann aber nicht allein am Kind liegen, denn unser großer Sohn Ben war, wenngleich etwas anstrengender, auch alles andere als ein schwieriges Kind. Mein Mann und ich haben vielmehr in den letzten Tagen bemerkt, wie sehr wir uns mit und seit der Geburt von Ben verändert haben: Wir haben einfach unglaublich viel gelernt. Das klingt banal, doch es war uns nicht so bewusst. Einiges an Erlebtem und Erlerntem kommt jetzt, da sich die Szenen wiederholen, erst wieder – und hilft uns, diesmal gelassener zu bleiben. Wir zucken nicht jedes Mal zusammen, wenn Lukas anfängt zu schreien oder sich beim Trinken einmal verschluckt. Wir halten und heben ihn vorsichtig, aber wissen auch, dass sein Arm nicht gleich abfällt, wenn man ihn durch den Ärmel zieht. Wir fotografieren seinen Windelinhalt bei auffälliger Färbung nicht, um ihn mit der Bildersuche von Google abzugleichen (wovon ich an dieser Stelle auch explizit allen anderen Eltern abraten möchte). Wir haben unsere Babywaage von vor vier Jahren noch, benutzen sie aber nicht – denn Lukas ist zwar wie sein Bruder ein zierliches Kind, aber es reicht, wenn die Hebamme ihn wiegt und uns sagt, dass er zunimmt. Und während es bei Ben bereits in der Klinik allerlei Hilfsmittel zum Füttern gab, weil das Stillen nicht gleich perfekt klappte, habe ich mir diesmal mehr Zeit gegeben (und auch das Klinikpersonal war geduldiger), und siehe da, es funktioniert – und zwar ohne Still-Tracking-App, die mich bei Ben monatelang wahnsinnig gemacht hat.

Nun ist all dies natürlich sehr subjektiv und kann bei anderen ganz anders laufen; ganz sicher gibt es Familien, in denen das erste Kind weniger Trubel verursacht hat als das zweite, aus welchen Gründen auch immer. Nicht zuletzt kann ich nur deshalb so halbwegs lässig daherreden, weil ich zwei gesunde Kinder habe, die über ihre Neugeborenen-Ansprüche hinaus keine besonderen Bedürfnisse haben. Aber wir haben drei frisch gebackene Elternpaare in unserem Freundeskreis, die Ähnliches berichten wie wir: Entspannteres zweites Kind, entspanntere Eltern – und umgekehrt, denn vermutlich wirkt sich die Gelassenheit der Eltern auch wiederum positiv auf das Kind aus. Das bestätigt auch meine Hebamme.

Das heißt natürlich nicht, dass wir den Dreh nach den ersten zwei Wochen für alle Zeit raus haben. Vielleicht ist das noch eine Art trügerische Neugeborenen-Glückshormonblase, in der wir uns bewegen. Natürlich mache ich mir weiterhin Sorgen um nunmehr zwei Kinder – und das, machen wir uns nichts vor, perspektivisch bis zu meinem letzten Atemzug auf dieser Welt. Bislang nur in Ansätzen erprobt ist beispielsweise, wie unsere zwei Söhne miteinander auskommen. Bisher akzeptiert Ben den Neuzugang ohne Probleme und beklagt sich auch nicht, wenn ich längere Zeit mit dem Baby beschäftigt und daher nicht für ihn verfügbar bin. Hier hilft es ungemein, dass mein Mann zu Hause ist und übernehmen kann. Spannend wird, wie sich das nach seiner Elternzeit entwickelt. Was mache ich, wenn Ben einen seiner seltenen, dann aber überaus eindrucksvollen Wutanfälle bekommt, während ich allein mit den Kindern bin und das Baby stille? Keine Ahnung. Aber der Gedanke daran macht mich nicht verrückt. Irgendetwas wird mir dann schon einfallen.

Ich bin mittlerweile überzeugt: Gelassenheit kann man sich nicht vornehmen oder einreden oder aufzwingen, aber man erlangt sie sukzessive durch seine Erfahrungen, auch die schlechten. Zumindest solange am Ende immer alles gut geht, und das tut es gottlob in den allermeisten Fällen. Und mit der Gelassenheit kommen die Lösungen. Für den Typ Bedenkenträger, zu dem ich charakterlich gehöre, ist das eine ungeheuer erleichternde Erkenntnis. Und es gibt vielleicht auch anderen werdenden Eltern eines zweiten Kindes – gerade solchen, die mit dem ersten Kind am Anfang eine harte Zeit hatten – etwas Zuversicht, dass alles gut wird. Weil sie schließlich nicht von Null anfangen müssen, auch wenn kein Kind ist wie das andere. Zugegeben, es gibt im Leben keine Garantie für ein „Happy End“ – aber so ein „Happy Beginning“ ist ja auch schon eine ganze Menge wert.

18. Sep. 2018
von Anna Wronska
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13. Sep. 2018
von Janosch Niebuhr
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Die Wahrheit über Kindergeburtstage

© Picture AllianceKlar ist so ein Kindergeburtstag spaßig. Für die Kinder.

Es wird Zeit, die Wahrheit über Kindergeburtstage zu erzählen. Also über die Geburtstagsfeiern der eigenen Kinder. Eltern kennen die Wahrheit zwar, aber sie sprechen nicht darüber. Vor allem nicht mit anderen Eltern. Da ist nur dieser Blick, wenn die Kinder abgegeben werden. “Wann soll ich N.N. (Name des Kindes, das mit Geschenk in den Händen ungeduldig neben einem Erwachsenen steht) wieder abholen?” Und in diesem Blick der abgebenden Eltern liegt so viel Mitleid, so viel Verstehen, manchmal aber auch, ja: Schadenfreude. Die Konvention verlangt, dass die gastgebenden Eltern fröhlich lächelnd, mindestens aber völlig entspannt antworten: “Ach, wie es euch passt. So um sechs rum.” Nur absolute Anfänger würden die eigentliche Botschaft überhören: Punkt 18 Uhr ist Schluss – und wehe, ihr holt eure Blagen später ab!

Ein Freund – Vater von sieben Kindern – sagte vor unserem ersten Kindergeburtstag, dass wir diese Veranstaltungsreihe irgendwann hassen werden. Inzwischen haben wir (mit unseren drei Töchtern) 25 Kindergeburtstage hinter uns – und immer, wenn wieder einer ansteht, denke ich vorher: Der Freund hatte Recht. Kindergeburtstage sind die Pest, sie lassen Eltern schneller altern als übermäßiger Alkoholkonsum oder Kettenrauchen. Sie nehmen regelmäßig so viel Familienressourcen (Energie, Nerven, Geld) in Anspruch, wie sonst für eine ganze Woche Normalbetrieb zur Verfügung steht. Und sie führen in 10 von 10 Fällen zu Streitereien – vor allem vorher („Auf den Einladungen fehlt unsere Adresse!“, „Diesmal kannst du das Catering übernehmen!“, „Hast du an die Tütchen gedacht?“). Manche gastgebende Eltern bekommen bei der Planung so schlechte Laune, dass sie ihre Kindergeburtstage übrigens bewusst auf sonntags von 11 bis 14 Uhr legen, damit möglichst auch die anderen Eltern schlechte Laune bekommen („Wir freuen uns, wenn du Zeit hast!“)

Wie konnte es so weit kommen? Was hat dazu geführt, dass aus fröhlichen Erinnerungsfeiern an beglückendste Familienereignisse (Kind kommt auf die Welt!) stresserfüllte Events mit eigenem Projektmanagement wurden? In meiner Kindheit im Paläolithikum war das jedenfalls ganz anders. Glaube ich zumindest. Ich war ja damals auf der anderen Seite, Konsument elterlicher Dienstleistungen. Aber ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass meine Eltern an meinen Kindergeburtstagsfeiern irgendwie in Erscheinung traten. Irgendwann stand da ein Rührkuchen auf dem Tisch und ein Krug Kakao. Das muss wohl meine Mutter hingestellt haben. Die Freunde kamen (allein, ohne Erwachsene, ohne schriftliche Einladung), wir spielten (allein, ohne Erwachsene), wir aßen und tranken (allein), dann gingen sie wieder (allein). Schluss. Wenn meine Freunde weg waren, habe ich mit meinen Geschenken gespielt (allein) – und irgendein Erwachsener hat wohl aufgeräumt. Ich kann mich nicht erinnern, was meinen sechsten von meinem siebten, achten oder neunten Geburtstag unterschieden hätte. Es gab immer Kuchen, Gäste und Geschenke. Mehr war nicht. Aber ich glaube, ich hatte Spaß.

Es gibt nun verschiedene Theorien, warum Kindergeburtstage heutzutage ganz anders ablaufen. Anders ablaufen müssen. Warum Kindergeburtstage längst eventisiert sind. Warum sie inszenierte Ereignisse geworden sind, interaktiv und erlebnisorientiert. Und warum es so schwer fällt, sich dem zu widersetzen. Früher war ein Kindergeburtstag ein Kalendertag mit Kuchen, Gästen und Geschenken – ob der Spaß brachte oder nicht, hing von vielen Dingen ab, am wenigsten aber von den Eltern. Heute ist der Kindergeburtstag ein Event – und für den sind die Eltern verantwortlich. Haben sie sich zumindest erfolgreich eingeredet. Ein Event ist „ein zu Werbezwecken inszeniertes Ereignis bzw. Erlebnis“ (Metzler-Lexikon Kultur der Gegenwart). Das stimmt auch für Kindergeburtstage: Ein erfolgreicher Kindergeburtstag bringt immer Distinktionsgewinne für die feiernden Kinder, vor allem aber für die verantwortlichen Eltern: „Letztes Jahr hatten wir ja schon die GPS-geführte naturkundliche Schatzsuche mit Kletterwand und anschließendem Töpfern. Vielleicht können wir dieses Jahr im Polizeimuseum einen Kriminalfall lösen oder ins Kino oder ins Spaßbad gehen. Oder einfach mal nur zuhause Papier schöpfen.“ Weiterlesen →

13. Sep. 2018
von Janosch Niebuhr
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11. Sep. 2018
von Martin Benninghoff
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Wenn Eltern nur noch über ihre Kinder sprechen

© dpa picture allianceAn der Käsetheke sollte man unbedingt die Kinder thematisieren – das gibt kostenlose Kostproben.

Wenn Sie keine Kinder haben, dann kennen Sie das: Eltern, die nur über ihre Kinder und deren Großtaten sprechen, aber sonst fast jedes interessante Thema auslassen. Oder aber Sie haben schon ein paar Jahre Elternschaft auf dem Buckel, Ihr Nachwuchs hat etwas an Glanz und Unfehlbarkeit verloren (was normal ist), und Sie haben Distanz gewonnen. Distanz und die Erkenntnis, dass Ihre Kinder zwar großartig und natürlich die schönsten, besten, klügsten und genialsten Exemplare der Welt sind, aber eben doch nur unter anderen schönsten, besten, klügsten und genialsten Kindern der Welt. Dann dürfte es Ihnen bisweilen lächerlich vorkommen, wie frischgebackene Eltern über ihr Kind sprechen. Wenn Sie wohlwollend sind, dann lächeln Sie nur und erinnern sich an die Zeit, als Ihr Kind gerade auf die Welt gekommen war. Und verstehen plötzlich, warum junge Eltern so sind wie sie sind.

Aber es gibt Fälle, da mag man kaum noch wohlwollend sein, auch wenn man eigene Kinder hat. Wenn andere den lieben langen Tag über nichts anderes mehr sprechen und Euphorie und Hingabe nur noch entwickeln, wenn es um die eigenen Kinder geht. Am Telefon. Auf Feiern. Auf Whatsapp mit albumlangen Bilderkaskaden der lieben Kleinen, wie sie irgendwo herumturnen. Und wenn man es wagt, ein anderes Thema anzuschneiden – sagen wir mal: Alexander Gerst auf der Raumstation ISS –, dann schaffen es diese Personen tatsächlich, den Bogen zu schlagen: „Nein, ich könnte das nicht, so lange von der Familie getrennt sein.“ Was wäre aus der Welt bloß geworden, wenn James Cook im Hafen von Plymouth die Gangway zur Seite gelegt hätte mit den Worten: „Nein, ich kann das nicht, ich will bei der Familie bleiben.“ Oder Reinhold Messner am Fuße des Mount Everest gesagt hätte, „ach wisst Ihr, ich bleibe lieber in Südtirol“. Die Welt wäre wohl, vorsichtig formuliert, ein weniger armseliger geraten.

Zugegeben, das ist ein bisschen polemisch. Aber nur ein bisschen: Wir haben selbst ein Kind, und ich spreche auch gerne über den Kleinen, seine Entwicklungsschritte und die Dinge, die er tut. Es ist auch unser wichtigstes Thema. Es ist doch völlig normal, wenn junge Eltern sich über ihren Nachwuchs freuen und in den ersten Wochen kein anderes Thema mehr haben. Sie sind stolz, sie sind auch gefordert, denn gerade beim ersten Kind sind Eltern in eine neue Rolle geworfen, die nicht so leicht auszufüllen ist. Hinzu kommen gesellschaftliche Erwartungshaltungen, wie man sich als Eltern zu verhalten hat – und hier macht sich verdächtig, wer nicht im siebten Himmel schwebt. Das ist sinnvoll: Wer sein Kind gar nicht thematisiert, es also im wahren Sinne des Wortes nicht ausreichend zum Thema macht, könnte sein Kind tatsächlich vernachlässigen. Mindestens emotional, manchmal auch physisch.

Aber wann wird aus einer guten Sache eine pathologische? Wenn Eltern gar kein anderes Thema mehr kennen und all ihre Wünsche und unerreichten Ziele auf das wehrlose Kind projizieren? Das liegt nahe, zumal Psychologen meinen, dass gefestigte Persönlichkeiten etwas seltener die Kinder thematisieren als labilere Charaktere. Nicht weil sie ihre Kinder weniger lieb haben oder sie gar vernachlässigen, sondern weil sie sich nicht ausschließlich über die Kinder definieren. Sie definieren sich nicht nur als Vater oder Mutter, sondern eben auch als Individuum, das alleine wertvoll ist. Und über Beruf, Hobbys, vielleicht politische Einstellungen und allgemein Haltungen. Ist das egoistisch? Nein, denn diejenigen, die kein anderes Thema mehr kennen außer ihre Kinder, tun dies nicht nur, weil sie sie abgöttisch lieben, sondern sie lenken damit von sich selbst ab, schieben ihre Kinder ins Rampenlicht, um sich selbst im dunklen Schutzraum zu verbarrikadieren.

Dabei müsste ihnen klar sein: Wer viel über seine Kinder preisgibt, der erzählt vor allem viel über sich selbst. Wie schnell wird aus der Schilderung übers Kind ein impliziter Vortrag über die Weltsicht der Mutter oder des Vaters. Plötzlich steckt man mittendrin in der Betreuungsdebatte, bekommt Weisheiten zu den Geschlechterrollen untergejubelt oder zu Ausländern. Gerade bei Vollzeitmüttern erstaunt, wie sehr sie die Erziehung ihrer Kinder mit politisch-gesellschaftlichen Vorstellungen durchtränken, ohne sie explizit zu benennen. Da entwickeln Mütter eine Verve, die man von ihnen gar nicht gewohnt war, eine Verve zwischen Aggression und Euphorie, zwischen Offenheit und Abwehr. Solche Leute erscheinen besonders verletzlich, sie sind immer in der Gefahr, dass eine Bemerkung übers Kind sie schmerzt. Souveränität sieht anders aus.

Solange vor allem Mütter das Gros der Erziehungsarbeit in Deutschland übernehmen, bleibt das wohl auch ein besonders ausgeprägtes Mutter-Phänomen. Vollzeitmütter beschäftigen sich einfach am längsten und ausdauerndsten mit den Kindern, und zugleich erfahren sie weniger Einflüsse von außen. Darüber beschweren sich viele Mütter, vor allem wenn die Kinder langsam „aus dem Gröbsten heraus sind“. Viele umtreibt das Gefühl, nicht hinreichend anerkannt zu sein, im Gegensatz zu den berufstätigen Müttern. Sie fühlen sich dann gedrängt, Leistung zu zeigen in ihrem Tätigkeitsfeld, und das ist die Kindererziehung. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, bei der man am ehesten Anerkennung bekommt, wenn man beruflich erfolgreich ist, ist das eine rationale Reaktion.

Aber ist sie auch gesund? Ja und nein. Ja, sie ist gesund, weil Kinder von der Zuwendung profitieren. Nein, sie ist ungesund, wenn Eltern aus ihrer Elternrolle etwas Hervorgehobenes ableiten, sich gar den Kinderlosen überlegen fühlen, die die wunderbaren Gefühle und Erlebnisse, die mit dem Kinderkriegen einhergehen, nicht erlebt haben. Das ist dann der Punkt, an dem Kinderlose aus dem Gespräch aussteigen, obwohl natürlich etwas dran ist. Aber der Fokus auf das Kinderthema ist nur dann sozial verträglich, wenn das Gegenüber nicht außer Acht gelassen wird. Beziehungen funktionieren nicht, wenn der eine erzählt und der andere nur artig zuhören muss. Das gilt für Freunde, erst recht gilt das für Beziehungen, die plötzlich Schlagseite bekommen, weil der eine Partner nur noch Augen für das Kind hat, aber nicht mehr für die Zweisamkeit, in der es mal nicht um den Nachwuchs geht. Stellen Sie sich im Gegenzug vor, Ihre Freundin spricht nur noch über ihren Job – wer könnte das auf Dauer ertragen?

Nicht zuletzt haben die Kinder ein Recht auf Eltern, die souverän mit beiden Beinen im Leben stehen – und sich für andere Themen interessieren. Sie haben ein Recht auf Privatheit, müssen nicht permanent im Spotlight ihrer Elternaufmerksamkeit stehen. Sie dürfen sich zurückziehen, ihre eigenen Schutzräume ausfüllen. Und dazu gehört ein gesundes Umfeld an Familie, Freunden und Bekannten, das nicht das Weite sucht, weil die Eltern nur noch über die Kinder reden. Das ist wie mit den Urlaubsbildern: Die ersten 30 bis 50 mögen interessant sein, danach wird es einfach nur noch zur Qual und man sucht verzweifelt den Notausgang. Da hilft es auch nicht, dass der Bildervortrag gut gemeint ist.

11. Sep. 2018
von Martin Benninghoff
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06. Sep. 2018
von Tanja Weisz
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Rock’n’Roll für Anfänger

© dpaDies ist der Beginn einer wunderbaren Liebesgeschichte.

Gestern hab ich es wieder getan. Werde ich es je lernen? Während mein Teenager in der Schule abhängt, saß ich brav wie die Lottofee zur festen Vorverkaufszeit am Rechner, tippte meine Kreditkartennummer ein und kaufte horrend teure Konzerttickets. (Weihnachten und Geburtstag zusammen, Kind!) Für eine Band, die noch ganz okay ist, wenn man das mit den Erfahrungen des ersten gemeinsamen Konzertbesuchs vergleicht. Aber dazu später.

Die Sache ist halt: Es geht dabei nicht ohne mich. Ob ich die Musik nun mag oder nicht – in die meisten Veranstaltungen werden Kinder unter 14 nicht alleine reingelassen, ein gepeinigter Erwachsener muss immer dabei sein. Und mein Geld wollen die auch noch.

Aber abgesehen vom schnöden Mammon: es geht hier um die musikalische Prägung meines Kindes, um den ewigen Stempel, den Musik unserem Nachwuchs in diesem Alter aufdrücken wird. Was meine Tochter heute mit 13 in hibbelige Aufregung versetzt, wird sie angeblich in 20 Jahren noch gut finden. Der Autor Seth Stephens-Davidowitz hat das in der New York Times überzeugend dargelegt. Er hatte die Lieblingslieder von Spotify-Usern untersucht und dabei festgestellt, dass bestimmte Songs von bestimmten Altersgruppen favorisiert wurden. Soweit wenig überraschend, aber er konnte eingrenzen, dass diese Lieblingssongs gerade in der Pubertät der User herausgekommen waren. Sprich: Was Jungs mit 14 gehört hatten, fanden sie fast immer auch noch mit 38 gut, die Mädchen entwickelten im Alter von 13 Jahren die größte Treue zu bestimmten Hits.

Ich möchte zumindest dabei sein, wenn die Musik während der Pubertät ein Ausrufezeichen setzt und die musikalische Früherziehung mit einem Wisch vom Brett fegt. Trommelnde Zweijährige, tanzbärige Vierjährige, Kinderchor in der Grundschule. Hat alles nix genutzt, denn nun stehen wir hier und müssen diesen Lärm ertragen.

An das erste Mal kann ich mich leider noch sehr gut erinnern. Ich dachte arglos, dass wir eine unbekannte Band in einem kleinen Saal zu sehen bekämen, wahrscheinlich würde das Publikum aus dem Türsteher, uns und den Eltern der Möchtegernmusiker bestehen. Es war doch ein ziemlicher Schock, als ich stattdessen auf eine Menschenschlange voller pickeliger junger Nerds traf, die sich einmal um die Konzerthalle gewickelt hatte. Wir reihten uns ein und ich durfte fortan nicht reden, nicht wippen, und vor allem nicht auffallen, denn sonst wäre mein Kind im Boden versunken.

Viele Eltern – hauptsächlich Mütter – standen ebenfalls schweigend und gottergeben in der Schlange. Und sie standen lange. Sie zahlten den wahren Preis, weil ihre Kinder ja noch zu klein sind, um sich den Spaß alleine reinzuziehen.

Als wir dem Eingang näherkamen, mehrten sich die verheulten Gesichter jener, die zwar rechtzeitig eine Karte gekauft, aber eben nicht daran gedacht hatten, sich erwachsenen Begleitschutz zu besorgen. Ich hätte spontan eine ganze D-Jugend-Mannschaft adoptieren können.

Drinnen dann erwartbar wildes Getöse und jede Menge schlaksige junge Menschen, die steif wie sperrige Möbelstücke im Raum standen und den Lärm mit stoischer Miene über sich hinwegbrausen ließen. Kein Tanz, keine Ekstase, nix.

Für die ahnungslos hereinstolpernden Eltern sahen die wild tätowierten Menschen auf der Bühne irgendwie alle gleich aus. Vorprogramm oder Hauptact, die Unterschiede schienen, was die Qualität der Geräusche oder der Performance anging, minimal. Obwohl man weder eine Melodie hörte noch eine Textzeile verstehen konnte, bewegte mein Kind wie hypnotisiert die Lippen mit. Und nicht nur meines, auch die Kinder der anderen waren demselben Kult verfallen.

Die Erwachsenen wichen vor diesem Anblick an die hinterste Wand zurück. Dort war es etwas leiser – und dort war die Bar. Erst war alles etwas umständlich, schließlich war jedes Elternteil wie eine wandelnde Garderobe mit mehreren Jacken und Taschen behängt und versuchte, die Brut in der Hitze des Raumes noch regelmäßig mit Wasser zu versorgen. Aber irgendwann verließen sich alle drauf, dass die Kinder in der drangvollen Enge gar nicht umfallen konnten, wir setzten uns auf die Kleiderberge und trösteten uns mit einem Bier. Irgendjemand gab eine Runde Ohrstöpsel aus. Und ich fühlte mich plötzlich wie meine eigene Großmutter.

Die Band von damals (aka 2017) ist zum Glück Geschichte. Aber jetzt ist die Tochter ja auch 13 und es kommt nun richtig drauf an. Nach einer ausufernden Lana-del-Rey-Phase werden wir uns also Anfang nächsten Jahres Panic! At The Disco ansehen. Damit ich vorbereitet bin, hat mein Kind mir schon angedroht, auf der nächsten langen Autofahrt mehrere CDs „zur Einstimmung“ mitzunehmen. Noch lächele ich.

Denn auch ich habe aufgerüstet. Nach Songs gesucht, die ich damals mit 13 gehört habe. Nicht die Top 10, sondern etwas aus jener Radiosendung, die ganze Alben laufen ließ und die ich spätabends mit dem kleinen Radio unter der Bettdecke gehört hatte. Bad Company und Kansas, seit der Plattenspieler verschrottet wurde, nicht mehr gespielt, waren damals mein Geheimrepertoire.

Als ich einzelne Songs auf Youtube wiederfinde, kann ich sofort die Texte mitsingen. Aber nicht nur das, ein Gefühl stellt sich sofort wieder ein: Meine eigene Welt erobert zu haben. Das, was damals nicht jeder in meiner Klasse kannte und hörte. Diese Musik gehörte nur mir und nur ich konnte sie verstehen. Sie pochte sich direkt in mein Herz hinein, in meinen Bauch, in jede Faser.

Heute kommt noch ein neues Gefühl hinzu: Das sind musikalische Vorlieben, für die ich mich schämen sollte. Aber das geht ja gar nicht, ich war doch 13 und wurde geprägt! Vielleicht kann ich mich daran erinnern, wenn ich das nächste Mal an ihre Zimmertür klopfe und kopfschüttelnd auf die fremden Töne dahinter lausche.

06. Sep. 2018
von Tanja Weisz
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04. Sep. 2018
von Anna Wronska
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Jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne

© Picture AllianceDoppeltes Glück, doppelter Ärger? Langweilig wird es zu viert jedenfalls sicher nicht.

Neulich hatte ich einen dieser angeblich typischen Schwangeren-Träume: intensiv, hyperrealistisch, quasi in HD. Ich war in der Klinik zum Babykriegen, aber ich hatte keine Wehen, sondern bin allein von Untersuchungszimmer zu Untersuchungszimmer getigert. Und in jedem dieser leeren, trostlosen Räume brach ich in Tränen aus, weil ich nirgends meinen großen Sohn Ben finden konnte. Die Verzweiflung fühlte sich so real an, dass ich heulend aufgewacht bin. Vermutlich die Hormone.

Der Traum war aber auch auf eine Art symptomatisch. Ich befinde mich im Endspurt meiner Schwangerschaft – wobei „Spurt“ etwas in die Irre führt, wenn man gute 15 Kilo zugenommen hat und auf elefantösen Beinen voller Wasser- und ganz vielleicht auch Fetteinlagerungen eine Kugel vor sich herträgt, in die das Baby vermutlich auch im Kindersitz reinpassen würde. Es sind damit auch die letzten Wochen allein mit unserem großen Sohn. Und während wir uns alle sehr auf den Zuwachs freuen, schleichen sich immer wieder auch Momente der Wehmut ein. Denn es ist toll mit Ben, auch inklusive der obligatorischen Negativ-Ausreißer im Familienalltag.

Ich hatte schon einmal dieses beklemmende Gefühl, dass ein Kapitel meines Lebens endet und ich noch gar nicht so weit bin: ein paar Stunden nach Bens Geburt, als er im Krankenhaus im Beistellbett schlief, mein Mann ebenfalls eingeschlafen und zum ersten Mal alles ruhig war. „Warum muss alles anders werden? Es war doch schön, so wie es war!“, dachte ich und schniefte in die Kissen. Bitte nicht falsch verstehen: Ben ist ein absolutes Wunschkind. Es war wohl der klassische Baby Blues: der Hormonabfall nach der Geburt, verbunden mit der Erschöpfung und dem Gefühl der Überforderung angesichts dieses hilflosen Bündels.

Nach dieser Heulattacke sollte das bisher wunderbarste neue Kapitel meines Lebens beginnen. Aber Veränderung macht eben nicht immer nur Freude, oder zumindest nicht bei mir, oder zumindest nicht sofort. Vermutlich wird es diesmal ähnlich sein. Der große Unterschied ist, dass diesmal kein sorgenfreies Pärchendasein endet, sondern noch ein weiterer kleiner, ziemlich wichtiger Mensch von der Veränderung betroffen ist. Dabei mache ich mir eine Sorge ganz sicher nicht: dass mir die Liebe ausgeht. Sie kennen vermutlich den Spruch: „Die Liebe ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ Ich finde ihn schrecklich ausgelutscht und kitschig und wahr. Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass ich mein zweites Kind genauso lieben kann wie das erste, und dass das erste kein bisschen Liebe dafür abgeben muss.

Nur: Die Zeit und die Kraft, die man zur Verfügung hat, verdoppeln sich leider nicht. Und selbst das mit der verdoppelten Liebe ist einem fast Vierjährigen nicht so einfach zu vermitteln. Deshalb gehen mir immer wieder dieselben Fragen durch den Kopf – wie vermutlich tausenden anderen Eltern vor der Geburt ihres zweiten Kindes: Wie kommt der große Sohn damit klar, dass er bald nicht mehr die alleinige Nummer eins zu Hause ist, dass er gelegentlich zurückstecken muss, weil das Geschwisterchen gerade verarztet wird? Fühlt er sich womöglich weniger geliebt? Wie sorgen wir dafür, dass die Eifersucht nicht zu groß wird und der eine dem anderen in einem unbeobachteten Moment nicht die Augen auskratzt? Wie werden wir den unterschiedlichen Bedürfnissen zweier Kinder, die altersmäßig doch recht weit auseinander sind, gleichermaßen gerecht? Was macht all das mit unserem Alltag und, ach so, unserer Ehe?

Wir haben versucht, in den vergangenen Wochen und Monaten ein paar Grundsteine dafür zu legen, dass der Start ins Leben zu viert gelingt. Wir haben viel mit Ben über die Ankunft seines Bruders gesprochen – wobei er, bei entsprechender Tagesform, mit großer Begeisterung aufzählte, was er dem Kleinen alles beibringen wird. Wir haben den Babybauch gemeinsam gestreichelt, bequatscht und beobachtet, wie er sich in alle möglichen Richtungen ausbeult (ein alieneskes Gefühl, das ich definitiv nicht vermissen werde). Wir haben Erklärbücher angeschaut, in denen man den moderaten Bauch einer stets wohlfrisierten, strahlenden Mama lustig auf- und zuklappen kann, um darin mal kurz nach dem Rechten zu sehen (alles sehr kindgerecht und sehr absurd). Nicht gelungen ist uns leider, eine zufriedenstellende Antwort auf Bens Frage zu finden, wo Babys sind, bevor sie geboren werden („War ich vorher in der Schublade?“ – „Nein, du warst nicht auf der Welt.“ – „War ich im Himmel?“ – „Nein. Du warst einfach nicht da.“ – „Aber wo WAR ICH?!“). Falls Sie hier einen Rat haben, gerne her damit!

Wir werden ihm in den nächsten Tagen noch eine Babypuppe kaufen, die er schon mal umsorgen kann – ja, auch Jungs dürfen Babypuppen haben. Ein kleines Geschenk für Bens ersten Besuch im Krankenhaus wird es ebenfalls geben; wir werden allerdings explizit nicht behaupten, es sei vom Baby, um in dessen Namen schon mal gute Stimmung beim großen Bruder zu machen. Wenn man ständig betont, dass das Neugeborene außer Heulen, Pupsen und Trinken anfangs noch nicht viel kann, ist es vermutlich für den großen Bruder nur bedingt glaubwürdig, dass es kurz nach der Abnabelung noch schnell im Spielzeugladen um die Ecke shoppen war.

Ob all diese Vorbereitungen etwas nützen? Ich weiß es nicht. Vielleicht läuft er trotzdem Amok, wenn er merkt, dass der Kleine WIRKLICH nach Hause mitkommt und WIRKLICH da bleibt. Im Moment können wir uns nicht vorstellen, dass es Probleme gibt. Erst gestern küsste er morgens unvermittelt meinen Bauch und sagte: „Tschüss, Baby! Dein großer Bruder geht jetzt in die Kita!“, und ich wäre fast wieder mal in Tränen ausgebrochen. Die Hormone.

Mamas dicke Trommel ist bisher jedenfalls „nur“ ein Kuriosum und der Inhalt noch keine Gefahr. Doch schon sehr bald nach der Geburt wird die neue Familienkonstellation auf eine erste harte Probe gestellt: Fünf Tage nach dem geplanten Kaiserschnitt wird der große Bruder vier Jahre alt, und er freut sich seit Monaten auf seine erste richtige Geburtstagssause. Die wird am Tag des Geburtstags selbst nicht klappen, das weiß er schon, aber immerhin sind dann die Großeltern da und werden ihn schon mal ein bisschen verwöhnen. Aber natürlich wollen wir auch, dass er möglichst bald darauf auch mit ein paar Freunden auf die Pauke hauen kann. Wenn das aufgrund des Babys nicht klappt, würde er uns und ihm das übelnehmen. Einen zweiten Kindergeburtstag zu planen, ist allerdings schwer, solange man nicht weiß, ob beim ersten alles gutgeht, wann ich aus dem Krankenhaus nach Hause komme und was dann noch vorzubereiten ist.

Bei all diesen Unwägbarkeiten gibt es einen ganz großen Fels in der Brandung: meinen Mann. Er weiß, dass er als Vater eine genauso bedeutende Rolle in der ganzen Sache spielt wie ich, und dass es auch von ihm abhängen wird, wie das Leben zu viert funktioniert. Das überrascht mich selbst nicht wirklich; wäre er nicht so, wäre ich wohl kaum (noch) mit ihm verheiratet. Aber leider ist es wohl bis heute nicht ganz selbstverständlich. Weil er von Anfang an genauso für unseren großen Sohn da war wie ich (nicht in Stunden vielleicht, aber in Zuwendung und Geduld und allem anderen) und Ben genauso „Papakind“ wie „Mamakind“ ist, mussten wir ihn nicht erst darauf vorbereiten, dass er in den nächsten Wochen zeitweise ein bisschen mehr mit seinem Vater zusammen sein wird als mit mir. Im Gegenteil, es werden schon eifrig Pläne für coole Vater-Sohn-Ausflüge geschmiedet. Insgeheim bin ich vielleicht diejenige, die hier ein klein wenig eifersüchtig werden könnte. Aber das sind bestimmt nur… Sie wissen schon.

04. Sep. 2018
von Anna Wronska
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30. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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Elternabend – der ultimative Bildungskanon

© Picture AllianceMit den Zahlen fängt es an, und bald pauken sie Wildschweingebisse: Der Lehrplan erschließt sich nicht jedem.

Ich lese zurzeit das Buch „Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert“. Geschrieben hat es der Bildungsredakteur einer großen deutschen Wochenzeitung, die angeblich gern von Lehrern abonniert wird. (Vielleicht auch von den Lehrern meiner Töchter! Wer weiß…) Aber ich lese es natürlich nicht wegen meiner Kinder. Wie alle Erwachsenen lese ich Bildungskanones immer fürs eigene Ego: Abgleichen, ob das eigene Halbwissen noch konkurrenzfähig ist. „Ja klar, das muss man kennen!“, „Das ist jetzt aber wirklich sehr speziell!“, „Das muss ich vielleicht auch mal lesen/anschauen/anhören/verstehen. Irgendwann“.

Natürlich bin ich einigermaßen erleichtert, wenn am Ende herauskommt, dass ich von den kanonisierten Werken doch einige kenne. Star Wars zum Beispiel, Harry Potter und „Der Mond ist aufgegangen“ (leider nicht alle Strophen). Das bisschen, was dann noch fehlt (zum Beispiel „Das Ziegenproblem. Denken in Wahrscheinlichkeiten“ aus der Feder eines anderen Redakteurs der gleichen Wochenzeitung) kommt auf meine To-Do-Liste. Solche Wissenslücken sind leicht zu schließen.

Schwieriger sind die Lücken zu füllen, auf die ich in regelmäßigen Abständen durch die Schule meiner Kinder gestoßen werde. Im Elternabend der 4. Klasse zum Beispiel, der Klasse meiner Mittleren. Da sitze ich zusammen mit anderen Eltern an viel zu kleinen Tischen, knabbere an einem alten Schokoladenkeks und lasse meinen Blick über die Lernposter an den Wänden schweifen. Ach ja, Plusquamperfekt und Präteritum und Perfekt und Futur 1. Schöne Zeiten waren das. Die Deutschlehrerin erzählt gerade etwas über die Lerninhalte in ihrem Fach, das Ganze gebe es aber später für die Eltern auch als Handout. Entspannte Gesichter. Dann, ohne Vorwarnung: „Und, wer weiß, welche Zeitform das hier ist: ‚Du wirst es schaffen‘?“ Stille im Klassenzimmer. Mikado-Stille. Jetzt nur nicht bewegen. Die Deutschlehrerin schaut die Eltern erwartungsvoll an. Keiner rührt sich.

Natürlich wissen wir Eltern, was für eine Zeitform das ist. (Meine Jüngste würde sagen: „Das ist doch babyeierleicht“) Aber das war so nicht abgemacht! Wir müssen hier nichts beweisen! Wer jetzt antwortet, blamiert sich entweder oder er outet sich als Lehrerschleimer und Streber. Die Deutschlehrerin kürzt die peinliche Stille ab, nuschelt etwas von „Zukunft, das wissen Sie ja alle“, dann stellt sie den Rest des Unterrichtstoffs vor. Weitere Überraschungen gibt es nicht mehr. Auch die Deutschlehrerin hat jetzt verstanden, dass wir Eltern nicht abgeprüft werden wollen. Ob es denn noch Fragen gebe. Jetzt kommt er, der Gegenangriff, sie hat es nicht anders verdient! Eine Mutter formuliert ihn: Ob denn der Genitiv überhaupt keine Verwendung mehr finde, gar nicht mehr geübt würde. „Die Kinder verwenden immer dieses falsche ‚wegen dem‘“, erklärt die Mutter mit leichter Empörung in der Stimme. Die Deutschlehrerin schaut die Mutter etwas irritiert an. Das hat sie nun davon, die Pädagogin! Kommt sie uns mit Konjugation, schlagen wir Eltern mit Deklination zurück. Doch, natürlich, der Genitiv nach „wegen“ würde auch noch geübt, erwidert die Deutschlehrerin leicht ermattet. Tatsächlich sei es aber schwierig, weil er in der Umgangssprache so selten verwendet würde.

Eine unbefriedigende Antwort, meinetwegen, aber wegen dieses/diesem/des/dem Problem(s) würde ich mich jetzt nicht sorgen. Entspannt euch mal, ihr Kulturpessimisten! Überhaupt läuft an unseren Schulen vieles sehr sehr gut, besser als die ewige Bildungsdebatte vermuten lässt. Oder in den Worten des oben erwähnten Bildungsredakteurs der großen deutschen Wochenzeitung: „Wenn morgens um acht im ganzen Land die Schulglocken klingeln, dann wird damit nicht der Untergang des Abendlandes eingeläutet.“ Weiterlesen →

30. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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28. Aug. 2018
von Chiara Schmucker
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Schwangerschaftsübelkeit? Dann wird’s ein Mädchen!

© Picture AllianceSag mir, wie es dir geht, und ich sage dir das Geschlecht deines künftigen Babys – wenn es doch so einfach wäre.

„Ein Junge, eindeutig.“ Die zierlichen Hände meiner italienischen Friseurin (keine Kinder, aber ein Heer von Nichten und Neffen) liegen nur wenige Sekunden auf meinem prallen Babybauch, doch ihr Urteil ist ohne Zweifel. „Junge“, sagt auch meine sehr bodenständige Kosmetikerin, die selbst Sohn und Tochter hat, und deren Begründung dann wiederum so gar nicht bodenständig klingt: „Dieses Jahr wachsen viele Walnüsse an den Bäumen und in Jahren mit vielen Walnüssen gibt es auch viele Jungs.“ Merkwürdig am Nuss-Orakel ist nur, dass gefühlt alle um mich herum Mädchen bekommen. Die Nachbarinnen, die Paare im Geburtsvorbereitungskurs und die Kolleginnen im Büro. Nur ich soll einen Walnuss-Jungen bekommen?

Mein Mann und ich haben uns entschieden, erst bei der Geburt erfahren zu wollen, ob da ein kleiner Bub oder ein Mädchen künftig das Leben mit uns teilen wird. In einer Zeit, in der man alles kontrollieren kann, wollen wir uns ein bisschen Magie erhalten. Das Geschlecht ist zweitrangig, auch wenn wir natürlich sehr gespannt sind. Ich hoffe, dass dieses Kribbeln mir während der Geburt den nötigen Kick für den Endspurt bringt. Außerdem glaube ich, dass der Gender-Wahn noch früh genug vor allem über Mädchen hereinbricht – das muss nicht schon im Bauch beginnen.

Der ausdrückliche Wunsch, sich überraschen zu lassen, ist selten geworden, seit der Ultraschall vor etwa 40 Jahren in Deutschland zur Routine-Untersuchungsmethode geworden ist. Meist lässt sich heute das Geschlecht des Kindes ja schon bestimmen, bevor die werdende Mutter ihre Schwangerschaft überhaupt spürt. Nur zwei von hundert Paaren wollen es heute absichtlich nicht wissen. Wir sind eins davon.

Am meisten Freude bereiten mir die Reaktionen der anderen, wenn wir die Frage, was es wird, nicht beantworten können. „Krass, könnte ich nicht, würde ich nicht aushalten“, ist die häufigste Reaktion – und dabei spielt es keine Rolle, ob die Fragenden selbst Kinder haben oder nicht. „Wie beeindruckend“, sagen andere oder mitleidig: „Oh, wollte es sich nicht zeigen?“ Meine Schwiegereltern nehmen uns das Unwissen erst gar nicht ab und achten sehr genau darauf, ob wir uns nicht doch mal verplappern. „Ach, da bin ich aber froh“, sagt hingegen die Frauenärztin, denn oft wollten Paare schon in der neunten, zehnten oder zwölften Woche unbedingt das Geschlecht wissen, und das setzt wiederum die Mediziner unter Druck. Die Ärztin erwähnt aber auch, dass sie sich auch schon verplappert habe bei Paaren, die sich eigentlich überraschen lassen wollten. Bisher haben wir Glück gehabt.

Da wir geschlechts-informationstechnisch also nicht liefern können, orakelt nun das ganze Umfeld mit. Isst du lieber süß (Tochter) oder salzig (Sohn)? Schläfst du auf der rechten Körperseite (Tochter) oder auf der linken (Sohn)? Auch Brustform, Urin, Herzschlag des Kindes und warme oder kalte Füße gelten als Indizien. Künftige Töchter kommen in den Volksweisheiten übrigens meist deutlich schlechter weg als künftige Söhne: Sie sind angeblich schuld daran, wenn der werdenden Mutter in der Schwangerschaft übel wird, die Haut unrein, der Teint fahl und die Hüften breit werden. „Eine Tochter raubt ihrer Mutter die Schönheit.“ Bei Jungs hingegen – schmale Hüften, spitzer Bauch, volles Haar und strahlender Teint der Mutter. Nur eine Prognose lässt uns etwas erstaunt zurück: Es seien harte Zeiten, sagt ein Freund, es gehe auf Krieg zu – in solchen Zeiten würden vor allem Jungs geboren.

Mehr als Mythen sind die Volksweisheiten nicht, die Trefferquote liegt bei ziemlich genau 50 Prozent. Noch weniger ausschlaggebend ist unser Klopf-Orakel an meinem Bauch. Hallo Baby, klopf klopf, wer bist du? Tritt zweimal, wenn du ein Mädchen bist. Keine Reaktion. Bist du ein Junge? Keine Reaktion. Und dann, nach einigen Sekunden: Pamm, pamm, pamm gegen die Bauchdecke. Unser Baby kommuniziert, aber nicht über sein Geschlecht. Also hilft nur eins: Hundeorakel. Zielsicher schnappt sich unser Hund das Leckerli aus dem blauen Eimer, den rosafarbenen lässt er links liegen. Nur dass er mit der gleichen Orakeltechnik kurz vor dem WM-Finale Kroatien als Fußball-Weltmeister voraussagt, lässt im Nachhinein leichte Zweifel aufkommen.

Als einziges zumindest in Teilen verlässliches Orakel gilt übrigens die Intuition der Mutter, haben Wissenschaftler der John Hopkins Universität herausgefunden. Dumm nur, dass ich anfangs überzeugt davon war, ein Mädchen zu bekommen, dann einen Jungen, jetzt wieder ein Mädchen. Eine gute Freundin hat auch dafür eine Erklärung: Euer Kind wird Transgender. So einfach ist das also. Die rosa Bettwäsche habe ich vorsorglich schon mal gewaschen.

28. Aug. 2018
von Chiara Schmucker
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23. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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Meine, deine, unsere Sachen

© Picture AllianceAuf einem Ohr hört man genug: Kinder sind Experten im Teilen.

Auf unseren Dachboden steigen zu müssen, kommt auf meiner Liste zu vermeidender Familienaufgaben noch vor Spülmaschine ausräumen und Wäsche sortieren, knapp hinter Kaugummi aus dem Papierkorb kratzen. Im Spätsommer rückt der Dachboden sogar auf Platz 1. Dann ist es da oben heiß und stickig, es riecht nach alten Kleidern, vor allem kann hinter jeder Kiste, jedem Dachbalken ein Wespennest hängen. Ein bewohntes. Wenn ich also tatsächlich im Spätsommer die Dachbodentreppe herunterklappe (und mir dabei ein Dutzend Fluginsekten-Leichen ins Gesicht fallen), dann mach ich das nur aus einem einzigen Grund: wegen des Geldes.

Dort oben lagert nämlich, in Kisten, Koffern und Plastiktüten verpackt, ein kleines Vermögen. Gewaschen, gefaltet und sortiert nach Größen, Saison und Anwendungszweck. „98/104“, „110/116“, „122/128“, „Kinderschuhe bis Gr. 30“, „Winterkleidung“ und so weiter. Meine Frau verwaltet dieses Vermögen, bildet regelmäßig neue Portfolios („130/140“ oder „Wandern/Sport“) und initiiert Vermögensumschichtungen, wenn ein Kind eine neue Kleidergröße hat. Begabungsgemäß beschränke ich mich dabei auf einfache Transport- und Handlanger-Dienste, andernfalls gäbe es auf dem Dachboden nur zwei große Müllsäcke: „alte Kinderkleider“ und „alte Kinderkleider – wird noch gebraucht“.

Warten auf ihren erneuten Einsatz: die Kleider der älteren Geschwister

Seit der Erfindung der Mehrkindfamilie – also schon sehr lange – ist das Auftragen von Kinderkleidern eine fest etablierte familiäre Disziplin, die früher offen, inzwischen eher verschämt praktiziert wird. Denn das Wort „auftragen“ ist leider aus der Mode gekommen (im Gegensatz zu Second-Hand-Kinderläden und Flohmärkten). Dabei bezeichnet das Wort eine der besten Nachhaltigkeitsstrategien, die Familien – aber auch jedem anderen Konsumentenhaushalt – zur Verfügung steht. Der Duden definiert „auftragen“ so: ein Kleidungsstück so lange tragen, bis es völlig zerschlissen ist. So weit gehen wir bei uns nicht, aber ich arbeite daran. Ich finde, man muss keine neuen Kinderjeans mit Löchern kaufen, wenn die Löcher auch so kommen. Und shabby chic kriegt man auch hin, wenn jüngere Kinder ihre Möbel von den älteren übernehmen.

Der Vorteil der Mehrkindfamilie ist tatsächlich, dass sie die Abschreibungsdauer von Kleidern, Spielsachen, Büchern, Möbeln deutlich erhöhen kann. Besonders wenn man – wie bei uns mit drei Mädchen– auf Geschlechtsdifferenzierung verzichten kann: Pinkfarbene Unterhosen mit Prinzessinnen und Einhörnern können so meist ohne Widerstände weitergereicht werden. Bis sie nur noch in die Restmülltonne passen. Wenn irgendwo ein Nachhaltigkeitssiegel draufgeklebt werden sollte, dann bitteschön auf die staubigen Kisten, Koffer und Tüten auf unserem Dachboden.

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23. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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21. Aug. 2018
von Martin Benninghoff
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Nicht die Mama!

© DPA Picture AllianceNicht die Mama! Wenn das Baby sprechen lernt, kommen nicht alle Familienmitglieder gut weg.

Wann sollte mein Kind sprechen können? Pädagogen halten den Ball flach und sagen meist, bis zum zweiten Lebensjahr sei fast jedes Tempo in der Entwicklung normal. Einzelne Wörter oder Zwei-Wort-Sätze, je nach der Zeit, die sich ein Kind lässt, je nach Geschlecht. Jungs brauchen nach landläufiger Meinung und wohl auch nach wissenschaftlicher Ansicht etwas länger als Mädchen (hier gibt es allerdings verschiedene Ansichten, wie gravierend die Unterschiede sind). Ruhig Blut also! Bei Elias habe ich mir irgendwann schon ein paar kritische Gedanken gemacht, ob sein Tempo stimmt. Junge hin, Junge her. Wir sprachen viel mit ihm, lasen ihm vor. Er hatte zwar für sein Alter ein umfangreiches passives Wortverständnis: Wenn man ihn bat, holte er einem den Spielzeughammer. Oder er schaltete die Stereoanlage alle dreißig Sekunden aus, worum ich ihn allerdings nie gebeten hatte, wirklich nicht. Aber aktiv sprechen? Das wollte er nur sparsam und mit wenigen Wörtern.

In der Lall-Phase der ersten Lebensmonate bezeichnete er seine Umgebung mit speziellen Wortkreationen, die bis heute nicht im Duden stehen, aber trotzdem von den Eingeweihten, also von uns, verstanden wurden. Als wir beispielsweise auf Reisen mit Wohnmobil waren, weckten uns morgens gelegentlich irgendwelche Krähen, die vor dem Autofenster einen unglaublichen Tumult veranstalteten. Elias war sofort fit und wach – und begrüßte uns und die schwarzen Vögel mit seinem eigens adaptierten Krähensound. Zurück in Deutschland zeigte er großes Interesse an den stets zur Unzeit gurrenden Tauben, die bräsig auf dem Dach hockten, „gurr-gurr“. In einem Anflug geistiger Umnachtung imitierte ich damals die Fluggeräusche der von mir ungeliebten Tauben, etwa so: „faffaffaffaffaffaffaffaffaffa“. Zu meinem Glück intoniert Elias diese Geräusche auch heute noch bei jedem Vogel, der im Tornado-Tiefflug über die Veranda stürzt.

Aus den Zwei-Silben-Lauten entwickelte Elias danach das obligatorische „Mama“. Wie der Name schon sagt, bezeichnet er damit in erster Linie die Mama. Allerdings in zweiter Linie und in stoischer Unbeirrbarkeit bis heute auch mich. Wenn der Kleine auf Mamas Arm ist und ich den Raum verlasse, ruft er mir „Mama, Mama“ hinterher, was in meiner positiven Interpretation so viel heißt wie „Papa, bleib hier“. Hoffentlich heißt es nicht: „Gut, dass Du gehst.“ Wie auch immer, manchmal nennt er mich „Mama“ und schüttelt dabei den Kopf, sozusagen als Nemesis der Mama oder auch: „Nicht die Mama“. Ist das frühkindliche Dialektik? Ganz so schmeichelhaft finde ich das nicht, und daran ist die amerikanische Disney-Serie „Die Dinos“ aus den neunziger Jahren schuld. Das notorisch aufsässige Baby Sinclair bezeichnet darin seinen vertrottelten Vater Earl, einen Baumschubser, eine Art Homer Simpson der Kreide- und Jurazeit, mit hinreißender Konsequenz als „Nicht die Mama“, im amerikanischen Original „not the mama“, um ihn größtmöglich ins Abseits der Familie zu stellen, wo er dank der Schwiegermutter sowieso schon steht.

Wirklich persönlich nehme ich das natürlich nicht, im Gegenteil: Wie mir meine Frau, gelernte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, versichert, zeigt sich darin nur die Tatsache, dass Elias uns als Einheit begreift, die zusammengehört und seine kleine Welt stabilisiert. Also doch Dialektik mit Mama-These und Papa-Antithese, die er in seine eigene, die Welt stabilisierende Synthese überführt. Die Ausdifferenzierung dieser kuscheligen kleinen Behaglichkeit ist ja in vollem Gange, und manchmal verplappert er sich jetzt und sagt „Papa“. Aber es wirkt jedes Mal so, als hätte er sich versprochen. Wenn ich ihm mit dem Wort „Papa“ komme, schaut er mich mit großen Augen an und nutzt die nächste Gelegenheit, vom Thema abzulenken, indem er nach draußen zeigt: „Faffaffaffaffaffaffaffaffa“.

Mittlerweile explodiert seine Sprachentwicklung. Alles und jedes wird bezeichnet, und sei es auch nur der schnöde Kamin am Nachbarhaus. „Min Min“, sagt er dann, und ich weiß kaum, was ich sagen soll, außer: „Ja, Min, äh Ka-Min. Genau, Kamin!“ In unserer Wohnung möchte er derzeit gefühlte hundert Mal am Tag die Treppe hochsteigen. Da ich meistens eher unwillig bin, schiebt er mich mit erstaunlicher Vehemenz vom Gartenstuhl und in Richtung der Treppe, während er im Brustton kleinkindlicher Überzeugungskraft „hoben, hoben“ sagt, eine Mischung aus „hoch“ und oben“. Meines Wissens nach auch ein Begriff, der es bislang nicht in den Duden geschafft hat.

Allerdings ist das eine gefährliche Zeit. Für meine Frau und mich. Nachdem wir neulich ein paar Tage im Urlaub waren, wo man eben abends nochmal irgendwo im Landgasthaus essen geht, sagt Elias zu jedem gefärbten Getränk, egal ob Cola, Apfelsaft oder Wein, „Bier“. Alles ist ihm „Bier“, selbst Bier ist „Bier“ bei ihm, was ja an sich beruhigend ist. Allerdings ließe der Fokus auf Alkohol tief in unsere privaten Gewohnheiten blicken, wenn es denn stimmen würde. Trotzdem fühlt man sich ertappt, wenn er das bei der Tagesmutter permanent zum Besten gibt. Schlimmer aber als das in unserer Kultur allseits anerkannte Rauschgetränk Bier sind die Begriffe, die einem zuhause mal eben herausrutschen, und die ich hier schriftlich nicht wiedergeben will. Die plappert Elias furchtbar gerne nach, so dass ich mich künftig dringend am Riemen reißen muss. Das dürfte allerdings ein auswegloses Unterfangen sein, und ich kapituliere schon in dem Moment, in dem ich diesen Satz hier aufschreibe.

Jedenfalls sind wir mittlerweile sehr entspannt, was die Sprachentwicklung angeht. Die Dinge, die man beherzigen sollte, um den Prozess zu unterstützen, tun wir meistens sowieso: viel sprechen mit dem Kind, auch beim Wickeln erzählen, benennen und erwidern, dem Kind zuhören, Bücher vorlesen und auch mal ein Lied vorsingen, denn mit Sprachmelodie geht vieles leichter. Der Rest kommt dann hoffentlich von selbst. Vielleicht sogar das Wort „Papa“. Eines Tages. Bald. Wenn ihn die Tauben nicht mehr interessieren. „Faffaffaffaffaffaffaffaffa“.

21. Aug. 2018
von Martin Benninghoff
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14. Aug. 2018
von Anna Wronska
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Geplante Geburt: Einmal „Kinderkriegen light“, bitte?

© dpaSchnitt, zack und fertig? So easy ist das mit dem Kaiserschnitt leider nicht.

Ich habe lange überlegt, ob ich wirklich einen Beitrag zu diesem Thema schreiben soll. Denn ich wusste, dass ich mich damit auf vermintes Terrain begebe. Und auf ein sehr intimes noch dazu. Andererseits: Sie werden mich wohl kaum an der Supermarktkasse darauf ansprechen. Und: Es gibt Dinge, die müssen einfach raus.

So wie mein zweites Kind. In wenigen Wochen schon. Und ich habe mich entschieden, dass das per geplantem Kaiserschnitt passiert. Bemerkenswert viele Menschen haben mir seitdem ihre Meinung zu ihrer (mich betreffenden) bevorzugten Gebärmethode mitgeteilt, der überwiegende Teil von ihnen ungefragt. Ja ich weiß, vielleicht hätte ich selbst schlicht den Mund halten sollen. Es geht ja niemanden etwas an, durch welche Art von Öffnung mein Kind erstmals die Welt erblickt. Aber so etwas wie Diskretion hält die Leute ja leider auch nicht davon ab, zu fragen: Und? Wann GENAU ist es soweit? Und wie organisiert ihr die Geburt? Wer bleibt beim großen Bruder, wenn das Kleine sich auf den Weg macht?

Wenn man nicht lügen oder sich irgendetwas zusammenstammeln will, kommt man unweigerlich zu der Antwort, dass im Zuge der Geburtsplanung alles weitgehend terminiert und organisiert sei. Die Top Drei meiner bisherigen Lieblingsreaktionen bzw. Reaktionstypen darauf lauten, in aufsteigender Reihenfolge:

3. „Ach?“ (große Augen, Mund leicht offenstehend, auf weitere Erklärung wartend)

2. „Oh.“ (besorgter Blick, Lesart: „Das tut mir leid. Was stimmt nicht mit dir/euch?“)

1. „Mach das bloß nicht! Diese Wehen MUSS man einfach erlebt haben!“ (in anderen Worten: „Mittendrin statt nur dabei! Am besten mit Krawall und Remmidemmi, dann weißte erst richtig Bescheid! Come on, haben doch vor dir schon Millionen andere Frauen geschafft!“)

Stimmt, aber es sind auch Millionen Frauen und ihre Kinder bei der Geburt krepiert, nur fiel das über lange Zeit nicht weiter auf. Ich habe mir bei der oben genannten Erstplatzierten nicht die Mühe gemacht, meine Entscheidung zu begründen, hier tue ich es kurz: Bei der Geburt meines ersten Kindes vor knapp vier Jahren gab es zu Beginn unerwartete Komplikationen, die letztlich eine sogenannte „eilige sekundäre sectio“ erforderlich gemacht haben (nicht gleichbedeutend mit einem Notkaiserschnitt). Die Stunden zuvor, in denen es aussah, als könnte das Ganze furchtbar schief gehen, waren die längsten und schlimmsten in meinem Leben, und das „erlebt zu haben“, wünsche ich niemandem. Auch, wenn es keine Anzeichen dafür gibt, dass es sich wiederholt – auszuschließen ist es nicht. Da hilft es mir, wenn ich die Ungewissheit zumindest über den Verlauf der Geburt mithilfe der modernen Medizin in nicht unerheblichem Maß reduzieren kann.

Das zweite ausschlaggebende Argument für den Kaiserschnitt ist die zeitliche Planbarkeit der Geburt. Nicht, weil ich zu einer bestimmten Zeit noch arbeiten oder urlauben oder zur Pediküre müsste, sondern, weil wir einen fast vierjährigen Sohn haben, für den ebenfalls bald ein neues Kapitel beginnt. Mein Mann und ich wollen für ihn rund um die Geburt möglichst viel Normalität und wenig Ausnahmezustand. Bei einer spontanen Geburt besteht das Risiko, dass es nachts um drei losgeht, und da die Verwandtschaft weit weg wohnt und Ben noch nicht bei Freunden oder Nachbarn übernachtet hat, wäre das ein echtes Problem. Ein gewisses Risiko bleibt freilich auch bei einem terminierten Kaiserschnitt bestehen – es könnten ja trotzdem vor dem Termin spontane Wehen einsetzen, aber dann greift eben ein Notfallplan, der da heißt: Mama allein ins Krankenhaus, Papa bleibt bei Ben.

Die Menschen in unserem näheren Umfeld, die diese Beweggründe kennen, haben meist Verständnis für unsere Entscheidung und halten sich mit Besserwissereien zurück. Oft sind es nur kleine, unbedachte Formulierungen, die mich aufhorchen lassen: „Wir wollen es erst einmal normal probieren“, zum Beispiel. Eine Bekannte, heute fast 60, erzählte mir über ihren 20 Jahre zurückliegenden Kaiserschnitt, dass sie bis heute bedaure, es nicht „selbst geschafft“ zu haben. Eine Freundin berichtete mit folgenden Worten von der Geburt ihrer Tochter: „Meine Hebamme wollte schon einen Arzt zum Kaiserschnitt holen, aber ich habe mich geweigert, und dann haben sie eben zu viert auf meinen Bauch gedrückt, bis das Kind da war.“ Sie klang stolz, dem Rat der Hebamme nicht gefolgt zu sein. Ich freue mich ehrlich für sie, dass alles gut gegangen ist. Aber vier Leute, die mir mein Kind mit aller Macht aus dem Leib pressen, weil die Geburt von selbst nicht vorankommt? Nichts für mich.

Im Übrigen könnte man trefflich darüber diskutieren, was eigentlich heutzutage eine „natürliche“ oder „normale“ Geburt ist, bis zu welchem Punkt man sie „selbst geschafft“ hat und ab wann nicht mehr: Erst ab der OP? Oder ab der Wehen-Einleitung? Ab der PDA? Ab dem „Draufstemmen“ oder dem Einsatz von Saugglocke/-zange? Ist das überhaupt von Belang – oder geht es nicht einfach darum, dass Mutter und Kind heil aus der Sache herauskommen?

Meine Klinik hat mir zu meiner Kaiserschnitt-Entscheidung übrigens nicht gerade applaudiert – entgegen aller Berichte/Vorurteile, wonach Kaiserschnitt-Geburten für die Krankenhäuser risikoärmer und gleichzeitig lukrativer seien. Die Ärztin klang vielmehr regelrecht mahnend. „Wir unterstützen Sie bei Ihrer Entscheidung, hätten Sie aber ebenso bei einer vaginalen Geburt unterstützt.“ Und, mit Blick auf die Erfahrung der ersten Geburt: „Sie verhindern durch den geplanten Kaiserschnitt keine erneuten Komplikationen, sondern schaffen Risiken für andere.“ Erst fand ich das etwas irritierend, mittlerweile finde die Sachlichkeit der Ärztin eher beruhigend professionell. Sie hat ja nun einmal Recht damit. Außerdem dürfte sie als Expertin wissen, dass eine Schwangere die Entscheidung für einen Kaiserschnitt in der Regel nicht mal eben trifft, weil es nach einer vaginalen Geburt vielleicht untenrum nicht mehr so schön aussähe.

Hier zum Vergleich eine Auswahl der Risiken/möglichen Komplikationen versus der Vorteile der jeweiligen Geburtsarten (laut Infoblatt meiner Klinik):

a) Natürliche Geburt (nach Kaiserschnitt bei einer früheren Geburt): Riss der Narbe, verstärkte Blutungen mit evtl. Notwendigkeit von Bluttransfusionen oder auch der Entfernung der Gebärmutter, Gerinnselbildungen, Infektionen von äußeren Wunden oder inneren Organen, Verletzungen benachbarter Organe, Sauerstoffmangel oder Verletzungen des Kindes.

Vorteile: unverletzte Gebärmutter, keine Bauchwunde, kürzerer Krankenhausaufenthalt, geringere Schmerzen nach der Geburt.

b) Kaiserschnitt: Vorübergehende Anpassungsstörungen des Kindes (Atemprobleme), Wundheilungsstörungen und/oder Entzündungen (z.B. der Gebärmutter, Vereiterung der Bauchdecke, Bauchfellentzündung), erhöhtes Risiko für Placenta praevia (Mutterkuchen an der falschen Stelle) bei späterer Schwangerschaft.

Vorteile: Keine Verletzungen des „Geburtsweges“, keine notfallmäßigen Entbindungsoperationen.

Suchen Sie sich aus, was Sie reizvoller finden. Es dürfte deutlich werden: Nur weil ein geplanter Kaiserschnitt berechenbarer ist, ist er keinesfalls risikofrei oder bequemer oder einfacher. Ja, mir sind bei der Geburt von Ben vor vier Jahren sechs oder zwölf oder 24 Stunden Wehen erspart geblieben, und wer weiß, was noch alles. Aber so eine Bauchwunde ist auch nicht schön, erst recht nicht mit einem Neugeborenen im Arm. Ich habe danach lange gebraucht, bis ich wieder ohne Schmerzen aufrecht stehen, ihn tragen oder lachen konnte. Und diesmal ist auch noch ein lebhafter großer Bruder mit im Spiel.

Auch wenn ich mich bisweilen selbst daran erinnern muss, weil ich insgeheim dann doch ständig diesen leidigen Drang verspüre, es jedem recht zu machen und mich für alles zu rechtfertigen: Ein Kind zur Welt zu bringen, ist keine Mutprobe, und ich behaupte, ich bin durch einen Kaiserschnitt (oder auch zwei) nicht mehr oder weniger Frau und Mutter als eine Frau, die auf natürlichem Weg geboren hat. Seien wir ehrlich: Wenn wir es einmal geschafft haben, sitzen wir doch ohnehin alle lebenslang im gleichen Boot.

14. Aug. 2018
von Anna Wronska
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