Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Alles nur zum Schein

| 11 Lesermeinungen

Studenten genießen viele Vorteile, vom günstigen Nahverkehr bis hin zu reduzierten Tarifen bei Krankenkassen. Deshalb schreiben sich viele für einen Studiengang ein, an dem sie gar nicht interessiert sind.

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Nicht alle Immatrikulationen sind ernst gemeint.

Während ihrer Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin schreibt sich Hanna an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz für den Studiengang Philosophie ein. Nicht um Vorlesungen zu besuchen oder Klausuren zu schreiben, sondern wegen des Semestertickets. „Weil ich während meiner Ausbildung ein Jahr lang nichts verdient habe und mir das reguläre Ticket deshalb nicht leisten konnte, habe ich die Möglichkeit genutzt“, erklärt sie.

Das Semesterticket der Mainzer Universität ist auch in Frankfurt und Umgebung gültig, wo Hanna ihre Ausbildung macht. Da die Semestergebühren in Mainz niedriger sind als jene in Frankfurt, fällt ihr die Wahl leicht. Zu Beginn jedes Semesters überweist Hanna der Universität 322 Euro Semestergebühren, 1358 Euro weniger als für sechs reguläre Monatstickets im RMV-Gebiet.

Anspruch auf Kindergeld

Nicht nur Studieren liegt im Trend – auch so zu tun als ob. Einige schreiben sich als Fake-Studenten ein, andere vergessen nach ihrem Abschluss mit Absicht ihre Exmatrikulation. So auch Sophie: „Ich habe mein Studium abgebrochen und stattdessen angefangen zu arbeiten. Mein Studententicket nutze ich weiterhin, wer weiß, vielleicht will ich eines Tages ja doch wieder studieren“. Ein Scheinstudium lohnt sich aber noch aus anderen Gründen: Studierende können Museen und Theater vielerorts ermäßigt, teilweise sogar umsonst besuchen. Und wen das nicht reizt, den locken Rabatte in Fitnessstudios, Bars, beim Einkaufen oder das günstige Zimmer im Wohnheim.

Ein Studium kann zudem den Anspruch auf Kindergeld bis zum Ende des 25. Lebensjahrs aufrechterhalten. „Das sind immerhin 200 Euro im Monat und somit ganze 1200 Euro im Semester zusätzlich“, sagt Sophie. Darüber hinaus zahlen immatrikulierte Studenten häufig geringere Beiträge für ihre Krankenversicherung und wer nicht mehr als 20 Stunden pro Woche arbeitet und dabei weniger als 450 Euro im Monat verdient, kann sogar kostenlos in der Familienversicherung der Eltern bleiben.  

Hilfreich ist die Immatrikulationsbescheinigung auch für junge Erwachsenen, die ihre Zeit zwischen Studium und erster Festanstellung für ein Praktikum nutzen wollen. Ohne sie sind viele Stellen gar nicht zu bekommen, denn auch Unternehmen profitieren vom Studentenstatus – für Studierende müssen sie weniger Sozialabgaben zahlen.

Auf den ersten Blick scheint auch Bafög als zinsgünstiger Kredit ein Anreiz für eine Einschreibung zu sein. Da der Staat jedoch nur Studenten fördern will, die ordnungsgemäß ihre Studienleistung erbringen, wird auf dem Bafög-Amt genauer hingeschaut. In den meisten Fällen wird nach dem vierten Semester ein Nachweis über erbrachte Leistungen verlangt.

In Düsseldorf studiert jeder vierte zum Schein

Naturgemäß tauchen Scheinstudenten nicht in Statistiken auf. Schätzungen geben die meisten Hochschulen nur ungern ab: „Es ist nicht klar abzugrenzen, ob Studierende von vorneherein keine Ambitionen hatten, ihr Studium ernsthaft anzugehen oder nicht“, begründet ein Sprecher der Goethe-Universität Frankfurt seine Ablehnung des Begriffs „Scheinstudent“. Es werde Studierenden schließlich in der Regel nicht vorgeschrieben, in einem bestimmten Zeitraum eine gewisse Anzahl von Prüfungen abzulegen, erklärt er weiter. Anfragen bei den Universitäten Darmstadt und Mainz ergeben ähnliche Auskünfte. 

Die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf möchte für mehr Transparenz sorgen. Sie geht derzeit von 8000 immatrikulierten Scheinstudenten aus. 35.000 Studierende zählt die Heinrich-Heine-Universität offiziell, demnach studiert jeder vierte Student nur auf dem Papier. Eine Schätzung sei für Hochschulen wichtig, nur so könnten organisatorische Probleme vermieden werden, sagt ein Sprecher der Universität und erklärt weiter: „Deshalb wissen wir, dass die Universität derzeit trotz der hohen Zahl von Studierenden weder neue Hörsäle noch Parkplätze braucht“. Besonders auffällig sei die Steigerungsrate nach Abschaffung der Semestergebühren in Nordrhein-Westfalen gewesen: „Zuvor waren gerade mal 700 Studierende für ein Zweitstudium eingeschrieben, im Semester darauf ganze 9000.“

Auf Kosten des Steuerzahlers

Die Technische Universität Darmstadt weiß anderes zu berichten. Dort erbringe nur ein geringer Anteil der Studierenden über längere Zeiträume hinweg keine Studienleistungen. In Hessen gebe es aber auch die Möglichkeit, Studierende zu exmatrikulieren, wenn innerhalb von zwei Jahren keine Leistungspunkte erbracht werden.  

Und wie halten es Scheinstudenten mit dem sozialmoralische Aspekt? Ihre finanziellen Vorteile werden ja hauptsächlich von Steuergeldern finanziert. Ein schlechtes Gewissen hat Hanna nicht: „Ich hatte nicht das Gefühl, jemandem etwas wegzunehmen.“ Aber wäre es nicht sinnvoll, entschlossener gegen Scheinstudenten vorzugehen?


11 Lesermeinungen

  1. Vergünstigungen sind nicht das schlimmste
    Ja, der ÖPNV ist besonders günstig mit dem Semesterticket.
    Ja, als Student bekommt man häufig Ermäßigungen für Eintrittskarten.

    Nein, das ist nicht das schlimmste was Scheinstudenten ausnutzen.

    Ich finde es wesentlich schlimmer, dass es jedes Jahr aufs neue Abiturienten die wirklich studieren WOLLEN in ihrem Wunschstudiengang an ihrer Wunschuni keinen Platz bekommen, weil die Kapazitäten nicht ausreichen.
    Dass dies nicht nur an Scheinstudenten liegt ist klar, da spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle. Aber vor allem bei sehr beliebten Fächern ist der Andrang groß und Scheinstudenten nehmen denen die es ernst meinen schlicht weg eine Chance.

    • Kapazitäten
      Die Aussage, dass Scheinstudierende Studienplätze blockieren würden ist i.d.R. nicht zutreffend.

      Schließlich immatrikulieren sich die allermeisten in Fächern, die nicht zulassungbeschränkt sind, d.h. wo alle Bewerber zugelassen wurden.

  2. Kein Vorgehen von Unis gebraucht
    Ich bin selber Student einer deutschen Universität. Das auch ganz richtig und mit Leistungen. Ich glaube nicht, dass es ein Vorgehen von Seiten der Unid benötigt. Vor allem kann ich mir bei dem Organisationstalent meiner Uni auch nicht vorstellen, dass sie es hinbekommen würde wirksame Maßnahmen umzusetzen. Außerdem hat die Uni ja durchaus ein Interesse an mehr Studenten, dann das bringt ja schließlich Geld. Ich denke viel eher, dass es sinnvoll wäre Azubis die kein Geld bekommen oder nur sehr wenig im ÖPNV und den anderen genannten Bereichen gleichzustellen. Soweit ich weiß hat das NRW (vllt. auch andere Bundesländer?) ja auch bereits in einigen Bereichen getan. Ich schätze das würde einige Scheinstudenten weniger bedeuten. Denn das Argument hoher Kosten ist ja durchaus nachvollziehbar. Wenn ich 1000€ spare, würde ich das auch tun.
    Bei arbeitnehmenden Personen kann ich das nicht nachvollziehen. Dort finde ich es auch nicht angebracht und sozialmoralisch auch schwierig zu begründen.

  3. Diese Situation hat System. Zum Glück kann man Systeme ändern
    Das System ist einfach: Studieren kostet nichts, bringt aber viele Vorteile.

    Darüber könnte man immerhin diskutieren. Nach dem Motto:
    Je höher die Qualität, desto höher der Nutzen für die Studenten, desto mehr Studiengebühren.

    Aber das System hat noch eine zweite Seite: je mehr inskribierte Studenten, desto mehr Geld aus der staatlichen Giesskanne. Unabhängig davon ob die Studenten davon einen Nutzen haben, oder ob sie überhaupt erscheinen.

    Daher haben nennenswerte Teile des Unversitätsbetriebes ein hohes Interesse daran, den status quo zu erhalten. Weil die Finanzierung ihrer Institute davon abhängt.

    Die Steuerzahler weden zur Kasse gebeten, aber nicht zu viel.
    Die Studienrichtungen mit vielen echten Studenten sind chronisch unterfinanziert, und die Studien mit den vielen Geisterstudenten freuen sich über den Geldsegen.

    In dem ganzen System findet sich anscheinend niemand der das Nest beschmutzt indem er das Grundprinzip in Frage stellt: Universitäten sind „eh da“. Studieren hat gratis zu sein. Jeder hat das Recht, beliebig oft beliebige Fächer zu studieren. Auf Kosten der Allgemeinheit. Und Studenten haben ein Recht auf möglichst viele Vergünstigungen.

    Es geht natürlich auch anders.
    Nur will eben hier niemand öffentlich drüber reden.
    Weil Status Quo, weil erebt von deinen Vätern, weil „immer schon“, weil ehda.

    Und dann wundern wir uns, warum wir nach Zuse nicht mehr viel Informationstechnologie erfunden haben, nicht das world wide web entwickelt, Social Media gerne mitbenutzen aber nicht mit-entwickeln, bei der Netzwerktechnologie auf China hoffen, bei Consumer Electronics auf Südkorea, und Photovoltaik und Windkraftwerke gern importieren.
    Die Autoindustrie steht noch gut da, und „harte“ Technik wie Maschinenbau hat in Deutschland eine solide Basis. Robotics wir eher anderswo mit Hochdruck entwickelt, wir mögen das nicht so.

    Unter den 25 reichsten Menschen der Welt sind zumindest 14, die Ihr Milliardenvermögen nicht ererbt sondern selbst geschaffen gaben: durch Ideen und Lösungen, die die Welt verändert haben. In den letzen paar Jahrzehnten!

    Deutsche sind nicht darunter.

    Die Welt verändern, Innovationen zu erfolgreichen Produkten machen, und damit viel Geld verdienen: das ist hier nicht populär. Die Universitäten haben das auch eher nicht als top Prioritäten.

    Man könnte dieses System änden, nur hat anscheinend niemand Interesse daran.

  4. Hier fehlt ein Begriff:
    Betrug. Vielleicht sind auch Jura-Studenten dabei; die müßten es ganz genau wissen. Das ist mindestens auf der Stufe von Schwarzfahren oder Ladendiebstahl. Der Tenor des Beitrages geht eher Richtung „sportliche Betätigung“. Hier sollten ernsthafte Sanktionen in Erwägung gezogen werden.

    • Kein Betrug
      @GAST (19. Februar 2020 um 14:08 Uhr). Ex-Jura-Student hier. Es ist kein Betrug. Die Täuschung über das Studium erfolgt gegenüber der Uni, die aber keinen Schaden davonträgt (im Gegenteil, ja sogar von mehr Studenten durch Zuwendungen des Landes profitiert). Der „Schaden“ beim Land (höhere Bildungsausgaben) und der Vermögensvorteil (etwa Stundentenstatus für ÖPNV, Museum, Fitnessstudio) beruhen nicht auf derselben, unmittelbaren Vermögensverfügung. Zumal die Uni auch nicht für die anderen Anbieter tätig wird. Der eigentlich Betroffene (ÖPNV, Museum, Fitnessstudio,…) wird dagegen nicht mal getäuscht, da der Stundentenstatus rechtmäßig besteht, indem er unabhängig von Studienleistungen zustandekommt.
      Aus demselben Grund übrigens auch kein Erschleichen von Leistungen.

      Gegenmittel (und wahrscheinlich nach Bologna sogar hilfreich) ist wirklich, wenn die Universitäten die Immatrikulation an das kontinuierliche Erbringen von Studienleistungen knüpfen. Soweit sie das wegen Eigeninteresse ablehnen, könnten die Landesgesetzgeber das durchaus in das jeweilige Hochschulgesetz aufnehmen.

    • Falsch
      Gut, dass Sie kein Jura studieren, dann wüssten Sie, dass die Voraussetzungen des Betrugs in aller Regel nicht erfüllt sein werden.

      Grüße

    • Ob Betrug oder nicht ...
      Scheinstudenten sind Sozialschmarotzer, die Studienplätze bewusst blockieren und die Gemeinschaft schädigen.

  5. Gefühle
    „Ich hatte nicht das Gefühl, jemandem etwas wegzunehmen.“

    Von einem angehenden Akademiker, auch wenn es nur ein Schein-Akademiker ist, sollte man erwarten, dass nicht nur die eigenen Gefühle im Vordergrund stehen, sondern Fakten. Glaubt irgendjemand ernsthaft, er nehme niemandem etwas weg?

  6. ... und die ganzen Kultusminister freune sich, können sie doch...
    … stattlich große Zahlen von ‚Studenten‘ vorweisen, und florierende Universitäten, noch dazu ohne besonders große Geldmittel für die durch virtuelle Studiosi aufgeblähten Universitäten locker machn zu müssen.
    Kurz und knapp: ein „Geschäft“, bei dem alle Beteiligten Vorteile haben – nur der dumme Steuer- und KK-Beitragszahler begleicht die Rechnung. Aber um den schert sich ja kein Aas…

  7. Scheinstudium durch Mobilitätskosten
    Es gibt schlicht kein besseres „Angebot“ für die Nutzung des ÖPNV, als das Semesterticket (was im Bekanntenkreis der häufigste Grund für das „Studieren“ ist).

    Wenn man für ein nicht annähernd vergleichbares Ticket (1000er Ticket Preisstufe B im VRR Bereich für 113,55€ im Monat) in Punkto Reichweite über das doppelte des Semesterbeitrages bezahlt, dann muss man auch die Preise des ÖPNV hinterfragen…

    Wohlgemerkt, dass das Semesterticket für ganz NRW gültig ist und im näheren Umfeld um die Uni auch noch Personen am Wochenende ohne Aufpreis mitbefördert werden können.

    Solange dieser Missstand nicht ausgeräumt wird, wird es meiner Meinung nach immer Schein-Studenten geben.

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