Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Betelnuss – die Volksdroge Südasiens

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Der Betelbissen ist auf Indiens Straßen allgegenwärtig. In prallgefüllten Backen hält die Stimulanz ihre Konsumenten wach und satt. Woraus besteht er – und was macht ihn so unwiderstehlich?

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© Dominik HufGrundlage des Betelbissens ist ein Blatt des Betelpfefferbaums, Stücke der Arekanuss und gelöschter Kalk. Die Zugabe weiterer Gewürze folgt den jeweiligen Vorlieben des Konsumenten.

Viele Menschen in Süd- und Südostasien haben die Gewohnheit, Betel zu kauen. Dabei handelt es sich um die Arekanuss der Betelpalme, die mit anderen Substanzen zu einem mundgerechten Produkt vermischt wird. Dieser „Betelbissen“ wird etwa eine Viertelstunde lang gekaut, wobei das rötliche, mit Speichel vermischte Endprodukt ausgespuckt wird. In diesem Teil der Erde sind Menschen mit prall gefüllten Backen ebenso allgegenwärtig wie rote Flecken auf Straßen und an Hausmauern. Das Kauen von Betel wirkt auf den Konsumenten stimulierend und ist schon seit Jahrtausenden ein Bestandteil der sozialen und religiösen Praktik im südasiatischen Kulturkreis (vgl. Stöhr 1982: 953).

Der Tuktuk-Fahrer deutet auf meine Wasserflasche und gibt für mich unverständliche Laute von sich. Ratlos überreiche ich ihm mein Wasser, weil ich denke, dass der Mann in der schweren Stadthitze Rajastans durstig sein muss. Er schüttet sich darauf einen großen Schluck in seinen Mund, spült ein wenig durch und spuckt dann, zu meiner Überraschung, das Wasser wieder aus. „What you’r doing?“ frage ich ein bisschen verärgert, doch der Fahrer winkt verständnislos ab und wiederholt den Vorgang zwei weitere Male. Kopfschüttelnd bekomme ich mein Wasser zurück und wir versinken im quirligen und lauten Verkehr Jaipurs. Der Mann ist mit seinem sonderbaren Verhalten, so stelle ich im weiteren Verlauf meiner Reise fest, keine Ausnahme. Das beschriebene Phänomen ist in ganz Indien verbreitet. Die Leute spucken aus Tuktuks, Autos oder von Motorrädern herunter. In Bussen oder Zügen wird dieselbe Handlung vollzogen.

Die Kommunikation wird zur Herausforderung

Das Kauen von psychoaktiven Substanzen gehört zum Alltag, das Vermischen in der Innenhand ist allgegenwärtig. Dabei wird Pulver auf die Handfläche gegeben und mit gelöschtem Kalk verknetet. Um die einzelnen Bestandteile zu zerkleinern wird darauf eingeklatscht.

Die wohl populärste Form dieses Kauprodukts ist das selbsthergestellte Pan. Bei Pan handelt es sich um eine Mixtur auf Grundlage der Arekanuss. Dabei wird in die Baumblätter des Betelpfeffers die zerkleinerte Arekanuss gegeben, ein wenig wässriger Löschkalk hinzugeschmiert und schließlich mit Gewürzen wie Nelke, Kardamom, Kampfer, Muskatnuss, Zimt, Kokosnuss oder Ingwer verfeinert (vgl. Stöhr 1982: 956). Der Kalk wird hinzugegeben, um es dem Organismus zu erleichtern, die Alkaloide aufzunehmen (vgl. Gupta & Ray 2003: 419ff.). Je nachdem, in welcher Region der Bissen zubereitet wird, werden noch Katechu oder Gambir, beides Pflanzenfarbstoffe, hinzugegeben. Zuweilen wird dem Produkt auch ein wenig feingeschnittener Tabak beigemischt, das ist aber eine spätere Entwicklung – Tabak hat sich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts durch globale und koloniale Entwicklungen ausgebreitet (vgl. Walther 1982: 377).

© Dominik HufAuf engstem Raum wird das Pan präpariert – hier in einem Shop in Kalkutta.

Der selbsthergestellte Betelbissen (Pan) wird auch in kleinen Straßenläden „frisch“ zubereitet, gemäß den geschmacklichen Vorlieben des jeweiligen Konsumenten. Wobei die jüngere Generation eher die kommerzialisierte Form „Guthka“ bevorzugt, da diese ohne rote Verfärbung des Speichels und der Zähne auskommt. Insgesamt sind die unterschiedlichen Formen des Betelbissens in Süd- und Südostasien so vielfältig wie die dort vorherrschenden Sprachen und Kulturen.

Der etwas mollige Ladenverkäufer ruft in einer unverständlichen Lautfolge durch die Gasse zu seinem Freund hinüber. Die Unverständlichkeit beruht allerdings nicht auf der von ihm gesprochenen Sprache, Hindi, sondern auf seiner Aussprache mit prall gefülltem Mund. Hier in den Gassen Varanasis gibt es fast alle hundert Meter einen kleinen Pan-Shop, und fast überall wird die Kommunikation zur Herausforderung. Die Unterhaltung gestaltet sich in etwa so, als redete man mit jemandem, dessen Mund mit Essen gefüllt ist. Was in der westlichen Kulturwelt als unhöflich und anstößig angesehen wird, ist hier Bestandteil des alltäglichen Lebens. Auch das unbekümmerte Ausspucken des zerkauten Restprodukts mitten auf die Straße, vor die Füße vorbeigehender Passanten, wird nicht als Respektlosigkeit aufgefasst.

Ein Zug voller Betelnuss-Konsumenten

Der Betelbissen ist in Indien seit Jahrtausenden verbreitet. Schon in den frühen hinduistischen „Veden“ finden die Betelverkäufer unter dem Sanskritwort tambulika Erwähnung. Und aus den Reiseberichten Marco Polos geht hervor, dass die Inder schon Ende des 13. Jahrhunderts rund um die Uhr mit dem Betelkauen beschäftigt waren (vgl. Moser-Schmitt 1982: 941f.).

Die Sonne am frühen Nachmittag brennt gnadenlos. Hupende Autos und Motorräder wirbeln Staub auf. Am Straßenrand entspannt sich eine Kuh, nicht weit entfernt schlafen Hunde unbekümmert in den Tag hinein. Ich stehe an einem kleinen Straßen-Essensstand und genieße die frittierte Kost. Die Brücke vor mir führt in den westlichen Teil der Stadt Moradabad im Bundesstaat Uttar Pradesh. Während ich das kleine Mahl zu mir nehme, staune ich darüber, wie viele Leute in kürzester Zeit an dem mobilen Laden halten. Die Leute aller Altersgruppen kaufen jedoch nichts zum Essen ein, sondern lediglich die kleinen Gutkha-Tütchen. Gerade hält ein Motorrad mit drei jungen Männern an. Der Fahrer ruft auf Hindi etwas zum Verkäufer, welcher ihm sogleich das begehrte Produkt aushändigt. Ohne vom Motorrad abzusteigen oder den Motor abzustellen, vermischt der Fahrer die beiden Päckchen, gibt die Mischung in seinen Mund, tritt den ersten Gang seines Motorrads rein und braust davon. Die komplette Szenerie spielt sich in wenigen Augenblicken ab.

Pan-Shop in den engen Gassen Varanasis

Das Kauen der Betelnuss kennt keine Einschränkungen auf bestimmte soziale Milieus, es „wird als Zeichen des guten Geschmacks gesamtgesellschaftlich akzeptiert“ (Moser-Schmitt 1982: 941). Zudem wird Betel im Rahmen von religiösen Zeremonien den Göttern geopfert. Denn auch die Götter sind dem Kauen von Betel zugeneigt: „Lebenswasser, das Unsterblichkeit verschafft, ist der Götter Nektar, doch Betel ihr Ambrosia“ (Stöhr 1982: 968). Zum guten Ton gehört es auch, einem Gast Betel anzubieten. Betel, so die symbolische Bedeutung, repräsentiert „das Angenehme“ und ist ein Glückszeichen mit besonderer Potenz. Der durch das Pan rot verfärbte Mund war lange Zeit ein Indikator für individuelles Wohlbefinden und wich erst in den jüngeren Generationen einem westlichen Schönheitsideal.

„Pani, Pani“, „Chai, Chai“, „Samosa, Samosa“ ruft ein Verkäufer nach dem Anderen und quetscht sich mit seinem Gut durch den überfüllten Waggon. Ich stehe, sitze oder lehne, je nachdem, wie es die Situation zulässt, im reservierungsfreien Zugabteil auf der Fahrt von Allahabad nach Varanasi. Blicke ich mich um, so lässt sich nahezu jeder in meiner Umgebung als Gutkha- oder Pan-Konsument identifizieren. Entweder es wird gekaut, mit den Händen die Mischung verknetet, geklatscht oder die verbrauchte Mischung mit reichlich Wasser aus dem Fenster gespuckt. Von den Jugendlichen, die an der Tür sitzen und vorbeiziehenden Mädchen nachrufen über Männer und Frauen mittleren Alters bis hin zu dem alten, halb blinden Mann neben mir, scheint hier jeder seinen Spaß mit der Mixtur zu haben.

Es fehlt an Aufklärung

Ich lasse mich von der Atmosphäre anstecken und nehme das freundliche Angebot eines Mitreisenden an. Wir kauen und spucken immer mal wieder überflüssigen Speichel aus, nach ungefähr 15 Minuten leeren wir unseren Mund dann vollständig und spülen kräftig  aus. Meine Stimmung steigt und ich bin hellwach. War ich zuvor etwas müde gewesen und gelegentlich eingenickt, so beginne ich nun, lebhaft mit anderen Passagieren zu sprechen, herumzuscherzen und aufmerksam die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten. Mein Organismus reagiert in etwa so wie nach einem doppelten Espresso. Allerdings hält der energetische Zauber nur eine halbe Stunde an, was zugleich erklärt, warum Betel so allgegenwärtig ist. Eine Nation oder zumindest eine Region auf Droge.

Ob es sich bei der weit verbreiteten Konsumtion von Betel um ein massenhaftes Suchtphänomen handelt, ist schwer zu sagen. Die Verwendung von psychoaktiven Substanzen ist immer kulturell und gesellschaftlich geprägt (vgl. Dollinger & Schmitdt-Semisch 2007: 8). In der westlichen Kultursphäre würde ein Betelkauer mit permanent gefüllten Backen und rot verfärbten Zähnen wohl als hochgradig abhängig klassifiziert werden. Jedoch würden das die Südasiaten wohl umgekehrt von Europäern behaupten, die große Mengen von Kaffee, Bier oder Wein trinken und dabei Rauchwolken ausblasen.

© Dominik Huf„Gutkha“: Eine fertige Bettelnuss-Mischung, die mit ein wenig Löschkalk vermischt wird

So viel scheint festzustehen: Der Konsum von Betel, besonders unter Beigabe von Tabak, hat ein sehr hohes Abhängigkeitspotenzial (vgl. Gupta & Ray 2003: 421). Die Substanz wirkt schnell, darüber hinaus sind die Bestandteile der Betelmixtur hochgradig krebserregend. Indien hat weltweit die höchste Rate an Mundkrebs-Erkrankungen (vgl. Vidal 2012).

Die Politik in Indien hat das Problem erkannt und versucht durch Verbote und hohe Besteuerung den Konsum einzudämmen. In einigen Bundesstaaten ist die Betelmixtur bereits verboten, jedoch nicht die einzelnen Bestandteile, was zur Folge hat, dass sich die Konsument nun selbst ihre Mischung zubereiten. Es fehlt an Aufklärung über die gesundheitsschädigenden Folgen von Betel (vgl. Gupta & Ray 2003: 426).

Eine nicht zu unterschätzende Auswirkung des Betelkauens wurde bisher noch nicht erwähnt. Betel stillt Hunger- und Durstgefühle (vgl. Stöhr 1982: 959), fungiert in einem Land, das durch massive soziale Ungleichheit und eine nach wie vor hohe Armutsrate geprägt ist, also auch als Essensersatz. In Indien verfügen lediglich geschätzte fünf Prozent der Bevölkerung „über ein Einkommen von zehn US-Dollar und mehr pro Tag“ (Betz 2017: 16). Ein Päckchen Gutkha aber kostet nur etwa ein Rupie und ist somit auch für die meisten Inder spottbillig. Während kleine Snacks auf der Straße zwischen fünf und zwanzig Rupien teuer sind. Die Möglichkeit, teure Mahlzeiten durch den Konsum von Gutkha zu ersetzen, ist damit verlockend (vgl. Vidal 2012).

Für weitere Verlockungen sorgt die Industrie, die mit einflussreichen Werbekampagnen neue Produkte auf den Markt bringt. So wird der traditionelle, die Zähne verfärbende Betelbissen in ein farbloses und frischen Atem produzierendes Produkt verwandelt, was vor allem die jüngere Generation anspricht. Verbunden mit dem Glauben, dass das Kauen von Betel-Tabak-Mischungen weitaus ungefährlicher sei als das Rauchen von Zigaretten (vgl. Dhirendra, Madhumita, Khalilur 2006: 71), gilt aus indischer Sicht somit damals wie heute: „Es bringt Glück, pan-supari zu sehen, zu geben [und] zu bekommen“ (Moser-Schmitt 1982: 944).

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Literatur:

Betz, Joachim (2017): Indien. Informationen zur politischen Bildung Nr. 335/2017. S. 12-29.

Blätter, Andrea (2007): Soziokulturelle Determinanten der Drogenwirkung. In: Dollinger, Bernd; Schmidt-Semisch, Henning (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Suchtforschung. S. 82 – 96. VS: Wiesbaden.

Dhirendra, N Sinha; Madhumita, Dobe; Khalilur, Rahman (2006): Smokeless tabacco use and ist implications in WHO south east Asia Region. In: Indian Journal of Public Health. Vol. XXXXX No.2. S. 68-73.

Dollinger, Bernd; Schmidt-Semisch, Henning (2007): Reflexive Suchtforschung: Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Thematisierung von Drogenkonsum. In: Dollinger, Bernd; Schmidt-Semisch, Henning (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Suchtforschung. S. 7 – 33. VS: Wiesbaden.

Gupta, Prakash C.; Ray, Cecily S. (2003): Smokeless tabacco and health in India and South Asia. In: Respirology 8, S. 419 – 431.

Moser-Schmitt, Erika (1982): Sozioritueller Gebrauch von Betel in Indien. In: Völger, Gisela; von Welck, Karin (Hrsg.): Rausch und Realität. Drogen im Kulturvergleich. Band 2. S. 941 – 951. Rowohlt: Hamburg.

Stöhr, Waldemar (1982): Betel in Südost- und Südasien. In: Völger, Gisela; von Welck, Karin (Hrsg.): Rausch und Realität. Drogen im Kulturvergleich. Band 2. S. 952 – 968. Rowohlt: Hamburg.

Vidal, Imka (2012): Indien kämpft gegen die Volksdroge. Zeit-Online. 9. Oktober 2012.

Walther, Elisabeth (1982): Kulturhistorisch-ethnologischer Abriß über den Gebrauch von Tabak. In: Völger, Gisela; von Welck, Karin (Hrsg.): Rausch und Realität. Drogen im Kulturvergleich. Band 1. S. 374 – 386. Rowohlt: Hamburg.


4 Lesermeinungen

  1. Interessante Gewohnheiten
    Sehr schöner informativer Artikel und gut recherchiert.
    Danke

  2. Benares
    Verehrter Autor,
    Vielen Dank für den fundierten Artikel, der von profunder Sachkenntnis zeugt. Bei einem längeren Aufenthalt in Indien 1990 durfte auch ich mich mit diesem Phänomen eingehend befassen. Mit großem Interesse konnte ich in den Regionen zwischen Leh und Trivandrum die Abhängigkeit der lokalen Pan-Rezepturen von den sie bedingenden kulturellen und geographischen Einflussgrößen studieren. Der Pan als Essenz und als Spiegel der ihn hervorbringenden regionalen Kultur. Mit einem Wort, ich wurde zum Pan-Sadhu. Noch Jahrzehnte später beobachte ich mit Freude die Reaktionen der Mitarbeiter in indischen Restaurants im Westen, wenn einen frischen Pan bestelle. P.S.: Mit 60 beschenke ich mich selbst mit einer Reise in die Welthauptstadt des Pans. Benares, ich komme!

  3. Quellenangaben, Danke!
    Sehr schöner Text, und endlich mal einer mit Quellenangaben und der Möglichkeit zur Vertiefung.

  4. Interessant!
    Spannenderen anschaulicher Artikel, herzlichen Dank!

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