Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Ein Leben ohne Credit Points

Jahrelang strebten Studenten nach hohen Punktzahlen. Dann plötzlich ein Systemausfall in den universitären Institutionen. Alles auf Null. Ist das jetzt eine Dystopie – oder eine Utopie? Eine Kurzgeschichte.

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Wenn das Unerklärliche in den Alltag einbricht: Szene aus der Netflix-Produktion
„Stranger Things“

Sieh nur zu, dass du nicht stolperst, Erstsemester. Und halt‘ die Tasche ruhig ein bisschen fester. Es treiben sich Diebe herum, im dichten Staub. Du aber solltest besser einen klaren Kopf bewahren.

Der Staubnebel lichtet sich von Zeit zu Zeit, der Wind scheint ihn langsam zu bezwingen. Als würde der Boden sich mit ihm auftun, enthüllt er in der Mitte des Campus ein brutales Loch, das nicht ins Bild passen will, aber dennoch da klafft, zwischen den halben Universitätsgebäuden. Die  Stockwerke sind zu ihren blanken Stahlgerippen reduziert, der Rest der menschlichen Baukunst wurde zermalmt von hungrigen Feuern. Die Natur hat sich bereits daran gemacht, ihr Eigentum zurückzuerobern. Auf der Unitoilette hat sich binnen einer Woche ein neues Biotop gebildet, die sanitären Anlagen sind sauberer denn je. Wie vergänglich wir doch sind, wie hochmütig wir doch waren.

Unmengen von Glas und Stahl sind zerschmettert worden und mit ihnen die geballte Sicherheit der Institution Universität. Dabei schien unser Leben doch so handzahm und so berechenbar. Selbst die Zeit war geknechtet worden, um sie kleinlich nach Semestern zu ordnen. Doch diese Zeiten sind vorbei, sie müssen mit den Akten der Universitätsverwaltung verbrannt sein. Als wäre unser Alltag nur eine Schablone für die Apokalypse gewesen. Mittlerweile ist es mehr als zwei Wochen her, dass uns alles um die Ohren geflogen ist. Ein halber Monat nur, ein ganzes Leben.

Wir haben ihn nicht kommen sehen, den Ausfall, aber er war uns eine Lehre, ganz ohne regelmäßige Teilnahme an irgendeinem Seminar. Und wir haben auch keine einzige Studie zitieren müssen, um zu erkennen, wie fragil unsere Zivilisation ist. Das haben wir im Feld gelernt.

Ein chinesisches Sprichwort besagt, dass man nur lange genug entspannt am Bach sitzen muss, um zu sehen, wie die Leichen seiner Feinde vorbei schwimmen. Wir müssen prokrastinierend eine ganze Weile dort gesessen haben, wenn man bedenkt, was alles den Bach runtergegangen ist: ermattete Prüfungsordnungen, ausgemergelte Deadlines. Ein beiläufiges „Fühlen Sie sich körperlich prüfungsfähig?“ scheint ihnen melancholisch nachzuhallen. So viele verblasste Termine schwimmen dahin, und dort, wo der Fluss in ein anderes Gewässer mündet, muss sich ein riesiger Kalender gebildet haben. Vollgestopft mit mündlichen Prüfungen und anderen Nichtigkeiten.

Leistungsdruck und Prüfungsängste haben sich aufgelöst, wie giftige Brausetabletten. Wisst ihr noch: Eine Zahl mit einer Nachkommastelle, die über ein Leben entscheidet, zumindest hat es sich doch so angefühlt! Eine Handvoll Zahlen auf einer Liste, die an einer Tür hängt oder manuell in ein tabellenartiges Programm auf einer Internetseite übertragen wurde. Das sollte dann die Zeit und die Arbeit der letzten Jahre widerspiegeln. Wir haben so viele Nerven und so viel Zeit für diese Zahlen eingetauscht. Eine seltsame Währung. Und jetzt fließen all die abstrakten Konzepte von Credit Points und Leistungsnachweisen zu irrealen Erinnerungen verblasst im Bach an uns vorbei. Wie sind wir damals nicht alle zu Nihilisten geworden?

Die Sonne ging unter, dann wieder auf und wir waren all unserer Leistung entledigt, standen wieder am Nullpunkt.

Wir sind nichts, aber dafür sind wir wenigstens frei.

Fraglich ist nur, wie wir das hier alles überleben. Wie uns zurechtfinden, in dieser Ämterlosigkeit, in diesem Chaos?

Und gibt es fürs Überleben überhaupt Credit Points?

Es muss alles ganz harmlos angefangen haben, so tragen es die Universitätsältesten in ihren Liedern und Legenden von Ohr zu Ohr:

So finster war der Morgen,
Die Stadt, vor Ahnung grau,
Doch bist du ohne Sorgen,
Riecht selbst Benzin wie Tau.

Sie sollte recht behalten,
Die triste Schlucht der Stadt,
Wer soll die Points verwalten,
Uns machen wieder satt?

Verschlossen bleibt die Glastür,
Das Wartezimmer leer,
doch Licht und Sehnsucht führen
uns traurig noch zum akademischen Studien- und Prüfungsamt der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Jemand muss durch null geteilt haben. Keiner weiß, was genau passiert ist. Doch ebenda fing es an, beim Prüfungsamt, kurz ASPA. Es war der Knotenpunkt aller Studierenden und gleichzeitig Patient Zero. An dieser Behörde liefen all unsere Fäden zusammen, es zog an uns, wir tanzten. Wir haben uns alle untergeordnet, unser ganzes Leben (sogar Metrik und Reimschemata).

Und was passiert mit Marionetten, deren Fäden durchtrennt werden?

Es gibt mindestens so viele verschiedene Diagnosen, wie es hier zum Supergau kommen konnte, wie für den Untergang Roms.

Möglich, dass jemand eine Prüfung zu spät angemeldet hat und damit versehentlich durchgekommen ist. Zur Prüfung aufgetaucht ist, sie bestanden hat. Eine einzige Note nur, an einer Stelle, die es im System gleichzeitig gibt und nicht gibt und auf einmal steht das tertium non datur infrage. Denn etwas Beliebiges, ein Wort, ein Zustand oder eine Note kann entweder wahr, also existent sein oder eben nicht. Existenz oder Nichtexistenz. Ein Drittes ist ausgeschlossen, aber dennoch auf so provokante, dreist grinsende Art und Weise da.

Und da hatten wir es, das Lindenblatt zwischen den Schultern des alles umspannenden Systems.  Von da konnte das Gift sich ausbreiten, ein Universitätsorgan nach dem anderen lahmlegen, zerfressen, ersticken. Denn die interne Verwaltungslogik basiert auf ineinander verschachtelten Notwendigkeiten. Ein System, das die Komplexität des menschlichen Lernprozesses auf Einsen und Nullen reduziert, kann mit einem „vielleicht“ in sich selbst nicht existieren. Es muss den Fehler ausmerzen, doch der ist ja vom Eintrag der Note an selbst Teil des Systems. Also muss es sich selbst auffressen, wie ein Ouroboros, eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt.

Und wir haben zugesehen.

Zwischen ungläubiger Belustigung und Fassungslosigkeit hin und her schwankend, aber letztendlich einfach hilflos. Auch in unserem Lachen.

Das ASPA ist zuerst umgefallen. Zuerst waren alle Noten schwarzweiß, wie gewohnt, dann erhielten sie einen seltsamen Rotstich und räkelten sich zuletzt in allen Farben des Regenbogens auf den Prüfungsprotokollen der Professoren und in den Tabellen online. Überhaupt schien sich das System an dieser Stelle seiner eigenen Freiheit entgegenzustrecken. Ob es wusste, das dies gleichzeitig sein Ende bedeuten würde?

Auf einmal konnte man die Zahlen dabei beobachten, wie sie in fremden Zeilen und Spalten herumstanden. Zuerst ganz sachte und verstohlen. Als hätte man sie erwischt, beim Übertreten einer Grenze, verzweifelt ein Geheimnis in sich tragend. Dann sahen wir, wie sie zusammenkamen, sich alle gleichzeitig ihrer Kommata entledigten und die Grenzen der Tabellen in einer triumphalen  Geste niederrissen. Heute gibt es keine Nachkommastellen mehr, nur noch ganze Zahlen. Und es scheint, als seien sie glücklich mit ihrer neuen Existenz. Sie können ihren ursprünglichen Sinn nicht mehr erfüllen und das erfüllt sie. Ironisch, nicht wahr?

Die Kommata, die sie jetzt nicht mehr brauchten, überließen sie uns – was die Kommaknappheit, die nach der ersten Woche langsam ernster Wurde, ein wenig entschärfen konnte. Denn die Sekretariate der Fakultäten hatten in einem Anflug von Panik angefangen, Satzzeichen zu horten. Wenn das System zusammenbricht, das einem die Existenzberechtigung schenkt, was macht man da? Man verweigert sich verbissen der eigenen Redundanz und versucht, so viel Bedeutung zusammenzukratzen, wie man nur kriegen kann. Also stempelten die Sekretär*innen bis zur Sehnenscheidenentzündung, immerhin hatten sie ja noch den offizielle Institutsstempel, um Bescheide und Beschlüsse amtlich zu machen. Aber die Bedeutung gehorchte ihnen nicht mehr. „Amtlich“, das war kein institutionalisierter Zustand mehr, auf den man sich verlassen konnte, sondern nur noch ein lausiges Wort. Man stellte fest, dass der Stempel auf gespenstische Weise keine Abdrücke mehr hinterließ, auf dem sonst gehorsamen Blatt Papier, und klammerte sich händeringend an andere Dingen, die doch immer so verlässlich einen Bezugsrahmen aus Regeln geschaffen hatten:

Sie haben es mit den Unterschriften der Professoren versucht. Aber die Linien schienen nicht sie selbst bleiben zu wollen. Kaum verließ der strenge Stahl der Füllfeder das Blatt Papier, ringelte sich der unwirsch geschriebene Name in allen Formen und Farben der Häme. Er wurde mal zum Smiley, der die Zunge herausstreckt, mal zum blanken Hintern, dem Leser frech entgegengestreckt, und auch zu noch profaneren Gestern verbogen sich die Linien.

Schließlich wurden die Satzzeichen zur Währung der Bedeutung. Sie haben noch immer einen Anker in der Welt, ein Leben außerhalb der Universität.

Früher pilgerten wir für organisatorische Informationen zu Veranstaltungen rund ums Studium zu den Sekretariaten und wurden freundlich beraten. Heute betritt man sie fast ehrfürchtig, geradezu ängstlich.

Man bringt ein Geschenk, möglichst wertvoll und etwas noch wertvolleres zum Tausch, wenn man Satzzeichen will. Punkte sind einfach zu bekommen, man braucht sie im Satz ja nur einmal. Es sind die Kommata, die uns so langsam Sorgen bereiten, denn sie werden schon wieder knapp. Doch am schlimmsten steht es um ihn, der am schwierigsten zu bekommen ist – den seltenen Gedankenstrich.

Die Buchstaben sind aus den Büchern der Bibliothek ausgewandert und scheinen eine Art Fight Club gegründet zu haben, der arglose Passanten mit möglichst bunten Komposita beleidigt: „Donaudampfschiffahrts-kapitänsmützenvollidiot“. Das habe ich erst gestern an einer Mauer in Bibliotheksnähe gelesen. Und dahinter „Deine Hose steht offen.“ Die blütenweißen Bücherhüllen der Bibliothek weigern sich entweder, sich zu öffnen, sie schnappen nach neugierigen Händen oder lachen den hoffnungsvollen Leser aus, wenn er perplex ins Leere starrt.

Und die Mensa hat angefangen, hungrige Studenten nicht nur zu beißen, sondern sie gleich ganz zu verzehren. Ein Überlebender hat mir erzählt, er sei dem Fritteusentod nur knapp entkommen.

Doch es gibt Hoffnung. In all dem Chaos hält sich eine Legende hartnäckig: Die Naturwissenschaftler haben ihr eigenes Prüfungsamt weit, weit weg von unseren institutionellen Überresten. Die Geschichten sagen, es sei hinter einem finsteren Wald verborgen, und man müsse sieben Berge überwinden, um dorthin zu gelangen.

Dorthin pilgern wir. Dort soll noch Ordnung herrschen, noch Sinn.

Wir müssen weiter nach Norden. Gerne würde ich berichten ob unsere Sehnsucht diesmal berechtigt war ob wir finden was wir suchen. Doch ich muss verstummen. Die Kommata gehen mir aus.