Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Master der Manipulation in der Krise

Während der Pandemie müssen sich psychologische Experimente von Studenten aufs Internet beschränken. Damit wird nicht nur ein alter Generationenvertrag gebrochen – die Täuscher werden auch leicht mal zu Getäuschten.

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Experiment am Offenen Campustag in Hamburg

Das berühmteste Experiment der Psychologie war eine Mischung aus Schweiß, Nacktheit und körperlicher Nähe. Im Stanford-Prison-Experiment hatte der amerikanische Psychologe Philip Zimbardo männliche Studenten zu Gefangenen oder zu Wärtern gemacht, um das Böse in ihnen zu wecken, das angeblich in jedem Menschen stecke. Er musste dem Bösen dann hin und wieder nachhelfen, wie wir rückblickend wissen. Was Zimbardo hingegen im Handumdrehen geschafft hat: Die Psychologie in einen legendären Ruf und in ebenso nachhaltigen Verruf zu bringen. Ethische und methodische Maßstäbe des Fachs wurden seit diesem Experiment im Jahr 1971 generalüberholt, damit man überhaupt guten Gewissens von einer Wissenschaft sprechen konnte.

Inzwischen gibt es genügend bessere Experimente, an denen meine Kommilitonen und ich schon teilgenommen haben und die uns in diesem Jahr, dem Jahr der Bachelorarbeit, nun endlich auch als Instrumente zur Verfügung gestanden hätten. An deutschen Psychologie-Departments gilt ein Generationenvertrag, mit dessen Hilfe die Forschung sich selbst am Leben hält. Als Erstsemestern wurde uns eingebläut, dass wir eine bestimmte Zahl von Versuchspersonen-Stunden sammeln müssten, um drei Jahre später eigene Forschung durchführen zu dürfen, spätestens dann verstehe man auch den Sinn der Regel.

Diese äußerst praktische Lektion in Wissenschafts-Philosophie ist die unglamouröse Seite am nachgefragten Studienfach Psychologie: Ins Fell des Versuchskaninchens zu schlüpfen hilft dabei, ein wenig ehrlicher über den Sinn und Unsinn von Forschung nachzudenken. Zu tiefgründigen Überlegungen etwa gibt es Gelegenheit, während man sich ein Gel vom Kopf wäscht, das die EEG-Kappe benötigt, um dort elektrische Aktivität zu messen, oder wenn man fürchtet, die eigenen kognitiven Fähigkeiten könnten nicht mehr zurückkehren, nachdem die Transkranielle Magnetstimulation sie einmal blockiert hat.

Wir misstrauen dem Computer

Psychologinnen und Psychologen haben auch heute noch die Möglichkeit, den Zimbardo in sich zu entdecken: Ohne Skrupel trennen sie Kleinkinder von ihren Eltern, um etwas über die Unzulänglichkeiten ebendieser Eltern zu erfahren, die gutmütig den Raum verlassen haben. Probanden müssen wahlweise enttäuscht oder getäuscht werden, denn sie dürfen weder Hypothesen noch Studiendesign kennen, damit Experimente zum Ziel führen. Wenn aus dem Studium der Psychologie also keine Master der Manipulation hervorgehen, wie gern mal unterstellt wird, so bildet es doch zumindest Lügner aus. Die Lüge und die Verheimlichung gehören zum Handwerkszeug.

Wer seinen Abschluss im digitalen Sommersemester 2020 macht, ist nun allerdings selbst der Betrogene: Der Generationenvertrag kann nicht eingehalten werden, das Labor ist abgeriegelt. Die Experimente, die gerade in den Copy-Shops der Republik gebunden werden, waren reine Online-Studien. Plattformen wie „SoSci Survey“ und „Unipark“ sind auf diese Art der Forschung spezialisiert und stellen die zugrundeliegende Software zur Verfügung.

Beim Durchklicken merkt man schnell: Es ist die denkbar größte Entfernung zum Altmeister Zimbardo. Vom berüchtigten Stanford-Gefängnis kommend, der totalen Institution, ist die Psychologie ins Netz abgewandert, wo nichts je total ist, sondern wo immer 15 Browser-Tabs gleichzeitig offen stehen. Und wo sich keine der beschriebenen Forschungs-Methoden mehr einsetzen lassen.

Nicht einmal die Täuschung der Versuchspersonen, zum Beispiel die Simulation weiterer Akteure, klappt online gut. Wir glauben unseren Mitmenschen im persönlichen Kontakt, dass im Nebenraum jemand sitzt und an derselben Studie teilnimmt. Dem Computer aber misstrauen wir, haben wir doch mehr als einmal gelernt, Verdacht zu schöpfen, wenn er uns für vermeintliche Personen in der Nähe interessieren will. Selbst wenn die Lüge diesmal mit dem Logo einer renommierten Uni beglaubigt ist.

Eine Art Meta-Psychologie

Die Mehrheit der Studentenschaft wünscht sich in die analoge Zeit und ins reale Labor zurück, wo alles besser war. Doch die Online-Experimente, die es schon länger als das neue Coronavirus gibt, werden wohl auch danach noch fester Bestandteil des Faches (und generell der Sozialwissenschaften) bleiben, denn ökonomisch gesehen sind sie allen anderen Formen überlegen. Einmal hat es ja schon monatelang ohne Labor geklappt, so ließe sich nach der Pandemie für Einsparungen argumentieren.

Doch die Online-Variante hat nicht bloß ihre Beschränkungen, sondern auch ihre Tücken. Besser gesagt, sie verstärkt die Probleme der analogen Forschung, wie zum Beispiel das Problem der Unaufmerksamkeit. Studien müssen einen Anreiz zur Teilnahme schaffen, der darüber hinausgeht, nur der Forschung zu helfen. In den Versuchs-Kämmerchen traf man stets auch ältere Menschen, die sich mit den Experimenten ein Taschengeld dazuverdienen – warum auch nicht? Ob man hier auf ein Bestätigungsformular oder auf einen Geldschein wartete, entscheidend war dabei stets: Man arbeitete gut bei der Studie mit, man wollte sich die Auszahlung verdienen. Die Voraussetzungen für eine konzentrierte Teilnahme waren jedenfalls gegeben, ein wenig fühlte man sich von der Versuchsleitung auch beobachtet.

Im Online-Fragebogen, der ebenfalls vergütet wird, fällt diese soziale Kontrolle weg. Nach Abschluss der Studie können wir nicht mehr klären, wer wo in welchem Geisteszustand daran teilgenommen hat, ob es in der U-Bahn oder bei einer Folge Netflix war. Jetzt rächt sich die Arroganz der Psychologen, die sich gern auf ihre gutgläubigen Versuchspersonen verlassen haben. Aus den Strippenziehern werden Bittsteller. Und aus den großen Täuschern werden potenziell Getäuschte. Denn ohne Labor verliert die Versuchsleitung ihren Heimvorteil, sie muss darum bitten und darauf vertrauen, dass es die Person am anderen Ende des Computers gut mit der Forschung meint.

Hier beginnt also eine Art Meta-Psychologie, bei der sich die Katze in den Schwanz beißt. Welche Antworten des Fragebogens sind überhaupt glaubwürdig? Welche Beantwortungs-Muster verraten einen geübten Schluderer? Und die wichtigste Frage: Beherrschen Probanden eine Spielart von Unaufmerksamkeit, die so geartet ist, dass sie ihnen Zeit und Ressourcen beim Beantworten spart, aber gleichzeitig so gewissenhaft, dass keine verräterischen Muster unterlaufen?

Versuchskaninchen aus der Filterblase

Genau dort, wo es spannend wird, weil es um die menschliche Natur als ganze gehen soll, sind methodische Fragen besonders heikel. Eine zweite Schwachstelle von Online-Studien sind die demographischen Angaben zur Person, weil es auch für diese online keine Garantie mehr gibt. Die Wissenschaft ist auf Repräsentativität ihrer Stichproben angewiesen, Versuchspersonen sollten zufällig aus der Bevölkerung gezogen sein und diese abbilden. Am nächsten kam man diesem Ziel wohl, wenn in der Vergangenheit per Flyer oder per Plakatwerbung auch wildfremde Passanten rekrutiert wurden. Wenn hingegen mehrere Generationen von Psychologiestudierenden eine Vetternwirtschaft bilden und sich nur noch gegenseitig untersuchen, wird ihre Stichprobe nicht bloß W.E.I.R.D. ausfallen (westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch), sondern es werden darüber hinaus Menschen zwischen 18 und 25 Jahren dominieren, die mehrheitlich weiblich sind und ein sehr gutes Abitur haben.

Online-Studien hätten dabei erstmal grundsätzlich das Potenzial, diesem Problem entgegenzutreten. Eine auf Englisch verfasste Studie könnte sogar um die Welt geschickt werden und so jene psychologische Diversität der Menschheit abbilden, für die es längst Belege gibt. Dafür wären wir Studierende aber auf internationale Kontakte der Unis angewiesen, sofern existent. Stattdessen verbleiben die Links zu den Studien in jenen Filterblasen, in denen man sich eine Chance auf zahlreiche Teilnehmer ausrechnet: In der Facebook- und in der Whatsapp-Gruppe, in die auch andere ihre Studien stellen, denn eine Hand wäscht die andere. Oder es wird in der Instagram-Story um Unterstützung gebeten, wobei man auch hier vor allem an vertraute Personen gerät, die zu diesem Gefallen bereit sind.

Man solle im Studium ja zum kritischen Denken ermutigt werden, heißt es in diesem Kontext gerne. Wenn eine Umsetzungsform wie die Online-Studie aber erst zum Status Quo geworden ist – und wenn sie in Pandemie-Zeiten sogar alternativlos ist –, brächte es wenig Erkenntnisgewinn, wenn jede einzelne Studie mit einer kritischen Frage nach ihrer eigenen Daseinsberechtigung endete.