Pop-Anthologie

Harold Arlen/Ted Koehler: „Ill Wind“

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„Ill Wind“ könnte eine Art amerikanischer Ur-Song sein. Er wurzelt im Jazz, blühte im Bluesgesang und hat noch viele spätere Liedermacher inspiriert. Seine Genialtiät hört man allerdings am besten in der Originalaufnahme des Komponisten Harold Arlen, den manche in einer Liga mit Gershwin sahen.

***

© dpaDer Komponist: Harold Arlen

„Ill Wind“

Blow
Ill wind blow away
Let me rest today
You’re blowing me no good
No good

Go
Ill wind go away
Skies are oh so grey
Around my neighborhood
And that’s no good

You’re only misleading
The sunshine I’m needing
Ain’t that a shame
It’s so hard to keep up
With troubles that creep up
From out of nowhere
When love’s to blame

So
Ill wind blow away
Let me rest today
You’re blowing me no good
No good
No good

 

Allein über die unterschiedlichen Intonationsmöglichkeiten, das erste Wort dieses Liedes zu singen  – „blow“ – könnte man wohl ein Buch schreiben. Billie Holiday singt es mit einem ihrer typischen Tonabstürze: Da weiß man sofort, dass der besagte Wind nichts Gutes mit sich bringt. Ella Fitzgerald singt den Ton dagegen von unten an, um dann ihrer ganzen Gesangsperformance über schmierigem Orchester eine Art Silberstreif zu verleihen, der eigentlich nicht zum Text passt. Es ist ein tieftrauriger Text über Nöte des Lebens, in den man vieles hineinlesen kann. Wie man sich das lyrische Ich vorzustellen hat, erfährt man vielleicht am besten von Frank Sinatra. Der nämlich singt das Stück auf seinem Konzeptalbum „In the Wee Small Hours“. In der blauen Stunde, früh am Morgen, gewinnt die Zeile „Let me rest today“ eine besondere Konkretion – weil man eben weiß, dass hier einer schlaflos sich grämt und sich wenigstens für irgendwann später am Tag Ruhe erhofft.

Bereits in John Heywoods englischer Sprichwortsammlung von 1546 findet sich die Formulierung eines „yll wynde, that blowth no man to good“, die sich so ähnlich im modernen Englisch erhalten hat. Auf sie griffen der Komponist Harold Arlen und der Textdichter Ted Koehler zurück, als sie 1934 diesen Song für ihre letzte Show im berühmten Cotton Club schrieben. Die erste Gesangsinterpretin war Adelaide Hall, ein wichtige Figur der „Harlem Renaissance“. Sie erinnert sich an einen besonderen Auftritt: „There were twenty-four girl dancers behind me all dressed in grey and I was in pink. It was the first show ever that had nitrogen smoke rise from the floor on stage.“

Auch dieses Setting scheint indes kaum zum Lied zu passen. Es hat nichts Glamouröses an sich, und es läge nicht fern, seinen Fatalismus auch auf die Lage der Schwarzen zu beziehen. Kurz nach dem Debüt des Songs im Cotton Club musste dieser wegen der Unruhen in Harlem von 1935 schließen, bei denen Farbige denunziert, ihre Geschäfte geplündert und viele Menschen verletzt wurden.  „Skies are oh so grey / Around my neighborhood“ – auch diese Zeile gewinnt in diesem Licht nachträglich eine konkrete Bedeutung. Und sie wird sie noch oft gewinnen, wenn vom Blues infizierte Stimmen den Text singen, eben auch Billie Holiday, in deren Werk „Ill Wind“ dann wie eine Vorstufe zur Gewalt-Eskalation von „Strange Fruit“ wirkt.

Der Text zu „Ill Wind“, geschrieben von Arlens Partner Ted Koehler, ist so spärlich-minimalistisch, dass man fürchten könnte, die wenigen Worte würden tatsächlich vom nächsten Windstoß davongetragen. Aber die wenigen Worte sind eben auch der Grund für die vielfältigen Auslegungsmöglichkeiten. Ob sie auch irgendwie schon mit der großen amerikanischen Dürre der dreißiger Jahre und dem „Dust Bowl“- Drama zusammenhängen? Immerhin, an einer Stelle merkt man, dass der Grund für die dunkle Stimmung in der missglückten Liebe liegt:

It’s so hard to keep up
With troubles that creep up
From out of nowhere
When love’s to blame

Das ist eine Passage, die ins Great American Songbook passt. Das weniger lyrische, kolloquiale „You’re blowing me no good“ klingt dagegen rauher: Der Song vereint Aspekte von Kunstlied und Blues, deutet vielleicht sogar schon auf spätere Formen des Sprechgesangs hin.

„Ill Wind“ wurde nicht nur erstaunlich oft und ganz unterschiedlich interpretiert, es scheint auch weitere Songs inspiriert zu haben, darunter „Blow Wind Blow“ von Muddy Waters, in dem der Wind gebeten wird, die verlorene Liebe doch zurückzuwehen. Im Werk Bob Dylans gibt es gleich zwei große Folgelieder: neben dem naheliegenden „Blowin‘ in the Wind“ auch noch das seinerseits vieldeutige „Idiot Wind“. In seiner song-enzyklopädischen „Theme Time Radio Hour“ hat Dylan als Moderator leider keine Einzelsendung den Wind-Liedern dieser Welt gewidmet, mit denen man leicht auch eine Doppelfolge hätte füllen können, aber immerhin eine dem übergeordneten Thema „Weather“, nämlich gleich die erste. Darin kommt auch Frank Sinatra vor, und es mag die Anhänger seiner blauen Periode vielleicht etwas beglücken, dass Sinatra sich nicht nur des kranken Herbstwinds, sondern später auch des „Summer Wind“ angenommen hat, der mit seinen einlullenden Melodien offenbar dann alle bösen Erinnerungen letztlich übertönte:

The autumn wind and the winter winds they have come and gone
And still the days, those lonely days, they go on and on
And guess who sighs his lullabies through nights that never end
My fickle friend, the summer wind

Während die Musik dazu dann ihrerseits beim Sonnenschein-Swing angekommen ist, bleibt die von „Ill Wind“, auch abgesehen von den verschiedenen Gesangsinterpretationen, komplex und tiefgründig. Das hört man am stärksten der Originalversion von Harold Arlen an, die inzwischen in einer raren Aufnahme wieder zugänglich ist, auf der er auch selbst singt. Der Krankheitswind hat darin allererst das Klavier erfasst, das in starkem Kontrast zur sanften Stimme böig-gehetzt verschiedene Rhythmen durchläuft. Eine Kommentatorin spricht nicht zu unrecht von „subtle irregularities in rhythm“, die gleichwohl von Arlen intendiert seien – Programm-Musik zum Wind eben. Je öfter man diese Version hört, desto genialer erscheint sie. Barbara Streisand hat Harold Arlen einst als  Amerikas besten Komponisten neben Gershwin bezeichnet: Hier ahnt man, warum.

Interessant ist noch, dass sich auf der besagten Aufnahme eine ansonsten undokumentierte Brücken-Textstelle vor der dritten Strophe findet:

How can I be at ease when you whine through the trees
Where blackbirds are singing the blues?
You rattle my door, I can stand it no more
Weary of hearin‘ bad news

My bluebird would cheer me
If you were here near me
But when you’re around away he goes
Lord only knows my trouble and woes

Das Ausspielen von „bluebird“ gegen „blackbird“ wäre eine eigene Interpretation wert, und ebenso die gospelhafte Wendung „Lord only knows“, die alle Nöte des Textes dann doch noch in einem christlichen Grundvertauen aufgehoben weiß. Dieses Zutrauen hatten viele Interpreten des Liedes vom kranken Wind wohl nicht mehr.


2 Lesermeinungen

  1. Bluebird
    Sie haben völlig Recht, war mir eben auch aufgefallen. Ergibt auch mehr Sinn, der ‚Bluebird‘ würde den Sänger aufheitern, der ‚ill wind‘ vertreibt ihn aber.

  2. Titel eingeben
    Ich möchte auf einen kleinen Transkriptionsfehler hinweisen:
    Harold Arlen singt in der Brücke nach „My bluebird would cheer me“ „If you’d let him near me“ nicht „If you were here near me“.

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