Pop-Anthologie

Wu-Tang Clan: „C.R.E.A.M.“

| 8 Lesermeinungen

Die Rapper von Wu-Tang Clan suchten Schönheit im Verwahrlosten. Der Song „C.R.E.A.M.“ ist Rückblick auf eine zerrüttete Jugend im New York der 1980er Jahre. Mit welcher Sprache wird sie eingefangen?

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© dpaWu-Tang Clan

Eiskalter Materialismus, wahlweise auch glühende Systemkritik: An Zuschreibungen und Projektionen mangelte es nicht in den 25 Jahren seit der Veröffentlichung von „C.R.E.A.M.“. Als einer der beiden introspektiven Titel auf dem sonst äußerst martialischen Debütalbum des neunköpfigen Wu-Tang Clans weckte der Song Phantasien. Wie zu erwarten erfüllen die vielleicht sprichwörtlichsten Zeilen der Hip-Hop-Geschichte weder die eine, noch die andere. „Cash rules everything around me, Cream, get the money, dollar, dollar bill ya’ll“: Wenn Method Man diesen Singsang im Rückgriff auf Jimmy Spicers „Money (Dollar Bill Y’all)“ anstimmt, bleibt offen, ob „get the money“ als (Selbst-)Aufforderung dient oder das vorgestellte Prinzip bloß illustriert.

Hier geht es in erster Linie um ein Spiel mit Wortklängen. Auch das Akrostichon „Cash rules everything around me“, das mit „Cream“ einen Slangausdruck für Geld ergibt, stellt das strukturierende Potential von Sprache in den Vordergrund (Cream ist übrigens nicht die einzige laktische Metapher für Geld: Notorious B.I.G. hatte seinen „Cheddar“, Odd Future hatten ihren „Feta“ und „Gouda“). In den beiden Strophen bzw. Verses, die von Raekwon und Inspectah Deck gerappt werden, offenbart sich dann der eigentliche Kern des Textes: Wer auch immer die Kontrolle hat, diese beiden Künstler „rulen“ jedenfalls nicht. Man kann dabei zuhören, wie zwei junge Männer im Modus autobiographischen Schreibens überhaupt erst eine ihnen entsprechende Sprache finden – und sie auf ihre Kindheit und Jugend im New York der 1980er Jahre anwenden: inklusive Armut, Vaterlosigkeit, Waffen, Gefängnis und Drogen. Mit den Worten James Baldwins: „If they cannot articulate it, they are submerged.“

I grew up on the crime side, the New York Times side
Stayin’ alive was no jive
Had secondhands, Mom’s bounced on old man
So then we moved to Shaolin land

Der erste Verse von Raekwon erhitzt sich in atemlosen Bewegungen (Rollin’ with this one and that one; Makin’ my way on fire escapes). Die wichtigste ist allerdings die in Richtung „Shaolin land“, womit der New Yorker Stadtteil Staten Island gemeint ist. Raekwon hatte die ersten Jahre seines Lebens in einer berüchtigten Gegend an der Grenze von East New York und Brownsville verbracht. Warum die Mutter den Vater verlässt (bounce), erahnt man, wenn man auch die anderen Songs des Albums „Enter the Wu-Tang (36 Chambers)“ anhört. Auf „Can It Be All So Simple“ verrät Raekwon, dass sein Vater heroinsüchtig war: „Yeah, my pops was a fiend since 16 / Shootin’ that ‚that’s that shit!‘ in his blood stream“ („the shit“ und „that shit“ sind bekanntlich positive Wendungen, die semantische Ambivalenz ist in diesem Fall allerdings offensichtlich). Die Beziehung, die Raekwon per Assonanz zwischen seiner Secondhand-Kleidung und dem als „old man“ bezeichneten Vater herstellt, lässt auch diesen als abgenutzt und verbraucht erscheinen.

Dass Raekwons Mutter mit dem Kind nach Staten Island zog, in den unscheinbarsten der fünf Bezirke New Yorks, ist als Flucht in ein ruhigeres und besseres Leben zu verstehen. Doch die Crack-Epidemie machte in den 1980er Jahren auch nicht vor den Parkhill Housing Projects halt, in denen sie nun wohnten. Der Slangausdruck „Shaolin“ demonstriert derweil, mit welchen Mitteln der Wu-Tang Clan sich seine Welt zusammenbaute: New-Age-Mystik mit verwässerten Nation-of-Islam-Versatzstücken, Comics und Kung-Fu-Filme, die in heruntergekommenen Kinos und nachmittags auf Channel 5 zu sehen waren. Einer davon, „The 36th Chamber of Shaolin“, zog die Rapper hinein in die Welt eines von Willkürherrschaft umgebenes Mönchsklosters in China. Sie brachten sich in Beziehung und verlegten den Film in ihre Erfahrungswelt als Schwarze in den Vereinigten Staaten – Lyrik als Wissensspeicher.

Hier zählt der Kontext

Der Einfluss von „C.R.E.A.M.“ war wohl auch deshalb so nachhaltig, weil der Produzent des Wu-Tang Clans RZA den Umgang mit Samples modifizierte. Auch schon vor ihm hatten Gruppen wie etwa D.I.T.C. das Repertoire an Vorlagen über einschlägige James-Brown- oder Motown-Songs hinaus erweitert. Auch Pete Rock und DJ Premier machten sich Namen damit, unbekanntere Platten zu verwenden. Bei der Bearbeitung zielten sie allerdings meist auf Kleinteiligkeit: einzelne Drums, abgehackte Töne – die Quellen am Ende oft nur noch mit detektivischem Spürsinn rekonstruierbar. RZA hingegen verhalf mit „C.R.E.A.M.“ einer Technik zu neuer Geltung, die vergessene und verschmähte Platten dezidiert ans Licht zog – und sie damit popularisierte. Inzwischen hat sich das Suchen und Ausstellen möglichst obskurer Platten längst zu einer Praxis entwickelt, die in erster Linie der Ökonomie des Sammelns gehorcht. Beim Wu-Tang Clan zeigte sich ein geradezu solidarisches Verhältnis mit vergessenen oder traditionell deklassierten kulturellen Produkten. In mehreren Interviews legte sich RZA später auf die folgende Ästhetik fest: „We find beauty in things that are neglected.“

Die von Isaac Hayes und David Porter geschriebene Single „As Long as I’ve Got You“ von The Charmels war ein Flop, als sie 1967 auf Volt, dem Schwesterlabel von Stax Records, erschien. RZA kanonisierte den Song. Auf „C.R.E.A.M.“ begnügte er sich damit, die leicht ornamentierte auf- und absteigende f-Moll-Skala des Originals um einen Halbton nach oben zu pitchen, was das Klavier etwas blecherner und aggressiver klingen lässt. Das zweitaktige Sample ist auf beiden Seiten von einem Orgelakkord eingerahmt, der durch den Loop zauberhaft ineinanderfließt. In den folgenden Jahren bereicherte RZA Rap kontinuierlich mit dem typischen Memphis-Sound des Labels, der immer dunkler und ungeschliffener klang, als der des großen Konkurrenten Motown aus Detroit. Booker T. & the M. G.’s, die Hausband von Stax, fügte sich mit ihren schneidenden Gitarrenimpulsen auf dem zweiten und vierten Schlag perfekt in das Kopfnick-Idiom ein, das in den frühen 1990er Jahren die Ostküste bestimmte. Wenn Marley Marl Rap mit James Brown infizierte, dann war RZA für die Renaissance von Stax Records zuständig.

The court played me short, now I face incarceration
Pacin’, goin’ upstate’s my destination
Handcuffed in the back of a bus, forty of us
Life as a shorty shouldn’t be so rough

Die Indifferenz, mit der Raekwon und Inspectah Deck in ihren Verses über Gewalt und vor allem über Sucht sprechen, ist irritierend. Raekwon bekennt, mit 16 angefangen zu haben „woolies“ zu rauchen, also mit Crack angereicherte Joints. Drogenkonsum beschreibt er als den Normal-, nicht den Sonderfall: „No question I would speed for cracks and weed / The combination made my eyes bleed“. Inspectah Deck gesteht sich ein: „I dont know, why I chose to smoke sess“, was im Prinzip offenlegt, dass er sich eben nicht bewusst dafür entschieden hat, Cannabis zu rauchen. Die anrührendste Stelle des Songs ist aber die, in der Inspectah Deck seine Inhaftierung als 15-Jähriger Revue passieren lässt („Life as a shorty shouldn’t be so rough“). Hier zählt der Kontext: Niemand würde der schlichten Einsicht widersprechen, dass Kinder und Jugendliche gute Startbedingungen für das Leben verdient haben. Doch hier wird mehr formuliert als ein „Truism“: Es ist der emotionale Angelpunkt des Songs, weil zum ersten Mal eine Kritik zum Ausdruck kommt, die sich nicht bloß auf die Anpassungsstrategien des Individuums bezieht. Schon wenig später wird wieder in das Register der Sachlichkeit und Resignation gewechselt, das den Song letztlich so beklemmend macht: „It gots to be accepted“.

***

„C.R.E.A.M.“

Method Man:
Cash rules everything around me
C.R.E.A.M., get the money
Dollar dollar bill, y’all

Raekwon:
I grew up on the crime side, the New York Times side
Stayin’ alive was no jive
Had secondhands, Mom’s bounced on old man
So then we moved to Shaolin land
A young youth, yo, rockin’ the gold tooth, ’Lo goose
Only way I be gettin’ the G off was drug loot
And let’s start it like this, son
Rollin’ with this one and that one
Pullin’ out gats for fun
But it was just a dream for the teen who was a fiend
Started smokin’ woolies at 16
And runnin’ up in gates and doin’ hits for high stakes
Makin’ my way on fire escapes
No question I would speed for cracks and weed
The combination made my eyes bleed
No question I would flow off and try to get the dough all
Stickin’ up white boys in ball courts
My life got no better, same damn ’Lo sweater
Times is rough and tough like leather
Figured out I went the wrong route
So I got with a sick-ass clique and went all out
Catchin’ keys from ’cross seas
Rollin’ in MPV’s, every week we made forty G’s
Yo, nigga, respect mine, or here go the TEC-9
Ch-chick-POW! Move from the gate now!

Method Man:
Cash rules everything around me
C.R.E.A.M., get the money
Dollar dollar bill, y’all
Cash rules everything around me
C.R.E.A.M., get the money
Dollar dollar bill, y’all

Inspectah Deck:
It’s been twenty-two long hard years, I’m still strugglin’
Survival got me buggin’, but I’m alive on arrival
I peep at the shape of the streets
And stay awake to the ways of the world ’cause shit is deep
A man with a dream with plans to make cream
Which failed; I went to jail at the age of fifteen
A young buck sellin’ drugs and such, who never had much
Tryin’ to get a clutch at what I could not
The court played me short, now I face incarceration
Pacin’, goin’ upstate’s my destination
Handcuffed in the back of a bus, forty of us
Life as a shorty shouldn’t be so rough
But as the world turned I learned life is hell
Livin’ in the world no different from a cell
Every day I escape from Jakes givin’ chase
Sellin’ base, smokin’ bones in the staircase
Though I don’t know why I chose to smoke sess
I guess that’s the time when I’m not depressed
But I’m still depressed, and I ask: what’s it worth?
Ready to give up so I seek the old Earth
Who explained workin’ hard may help you maintain
To learn to overcome the heartaches and pain
We got stick-up kids, corrupt cops, and crack rocks
And stray shots, all on the block that stays hot
Leave it up to me while I be livin’ proof
To kick the truth to the young black youth
But shorty’s runnin’ wild, smokin’ sess, drinkin’ beer
And ain’t tryin’ to hear what I’m kickin’ in his ear
Neglected for now, but yo, it gots to be accepted
That what? That life is hectic

Method Man:
Cash rules everything around me
C.R.E.A.M., get the money
Dollar dollar bill, y’all
Cash rules everything around me
C.R.E.A.M., get the money
Dollar dollar bill, y’all

 


8 Lesermeinungen

  1. thanks
    Ich lese jedesmal mit Begeisterung.
    Dank für diese Anthologie.
    Mr.Friday

  2. Titel eingeben
    Sehr guter Kommentar

  3. Mein Lied seit 25 Jahren
    Eigentlich hatte ich gerade nach etwas völlig anderem vom Clan gesucht (nach einem zweiten Wu-Tang Duschvorhang, als Ersatz), bin dann auf diesen Artikel hier gestoßen.
    Das Lied hörte ich 1993 mit 15 auf Yo! MTV Raps das erste mal, und ich habe es geliebt. Wegen der Melodie und dem Style, den Text habe ich damals nicht wirklich verstanden (besonders akustisch), und den Text im Internet nachschauen war damals noch nicht.
    Seit dem Lied, welches bis heute noch mein Lieblingslied ist, bin ich immer noch Fan des Clans.

    Vielen Dank für den Artikel. Es wäre wirklich interessant, wie Sie darauf gekommen sind …

  4. Hip Hop Lyrics
    Ihr Artikel ist Werbung für guten Journalismus! Glückwunsch!

  5. Interessante Abwechslung
    Den Song C.R.E.A.M. hörte ich früher öfters. Der Inhalt hatte sich mir nur halb erschlossen. So gesehen, ist es mal eine interessante Abwechslung, hier in der FAZ etwas über die Hintergründe der Gesangszeilen und den Umgang mit Samples zu lesen. Danke.

  6. Auf den Punkt
    Seit den 90ern lässt mich die Musik von Wu-Tang nicht mehr los. Und selten habe ich einen derart präzisen und guten Artikel über deren Musik gelesen.
    Vielen Dank dafür!

  7. Titel eingeben
    schliesse mich Mr. Smith an! : grossartig.mehr davon.

  8. Bitte mehr davon!
    Keine Klischees oder Pauschalurteile, stattdessen vernünftige Berichterstattung über Rapmusik und Hip Hop Kultur. Bravo!

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