Pop-Anthologie

Merle Travis/Tennessee Ernie Ford: „Sixteen Tons“

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Dieser Arbeiter-Song wurde erst zum populären Klassiker, als sich ein echter Performer seiner annahm. Die Geschichte des Lieds führt zurück in die Kohlereviere Kentuckys – und die Tiefen menschlicher Grundgefühle.

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© getty imagesTennessee Ernie Ford

Ein Blick in die amerikanischen Billboards von 1955 zeigt: Vor allem Liebes-Schnulzen und gut gelaunte Rock’n’Roll-Nummern dominieren die Charts – von „Unchained Melody“ über „Love is a Many Splendored Thing“ zu „Rock Around the Clock“. Ein Titel tanzt bei all der lyrischen Unbekümmertheit dann aber doch aus der Reihe: Tennessee Ernie Fords „Sixteen Tons“, das zunächst die Country-Billboards anführte, bis das Lied schließlich acht Wochen lang auch zur Nummer Eins der Pop-Charts wurde. Ein Klarinetten-Riff und ein paar geschnipste Off-Beats, schon zieht Ford mit seinem sonoren Bass-Bariton a cappella in die düstersten Untiefen vom Leben eines Malochers: „Some people say a man is made outta mud, “ wird da auf die biblische Vorstellung vom aus Staub erschaffenen Menschen angespielt.

Eine Band in ihrer reduziertesten Form besorgt das rhythmische Grundgerüst: Mit Upright-Bass und Schlagzeug folgt der grimmige Angriff auf die Erzählung von der angeblich gottgegebenen Klassenstruktur der Gesellschaft, hier aus Sicht des vermeintlich dümmlichen, aber körperlich kräftigen Armen: „A poor man’s made outta muscle and blood / Muscle and blood and skin and bones / A mind that’s a-weak and a back that’s strong.“ Später, in der zweiten Strophe, wird diese Außen- zur Selbstzuschreibung, wenn der Protagonist seine Biografie in wenigen, fatalistischen Zeilen skizziert: Düster war es am Tag der Geburt, und dann ging es auch mehr oder weniger direkt in die Mine, Kohle abbauen und sich vom Vorarbeiter einen blöden Spruch anhören: „I was born one mornin‘ when the sun didn’t shine / I picked up my shovel and I walked to the mine / I loaded sixteen tons of number nine coal / And the straw boss said ‚Well, a-bless my soul'“.

Um „Sixteen Tons“ historisch zu begreifen, muss man nochmals sieben Jahre früher ansetzen – beim Country-Musiker Merle Travis, der als Urheber von Musik und Text gilt. „You load sixteen tons, what do you get? / Another day older and deeper in debt“ , so beschreibt der Refrain lakonisch die knochenharte Arbeit des Minenarbeiters, die keinen auskömmlichen Lohn mit sich bringt, sondern die Malocher nur weiter in die Schuldenfalle treibt. Bezahlt wurden die Kumpel nicht mit Bargeld, sondern mit trucks und tokens – einer Art Guthaben in Münzform, das passender Weise ausschließlich in firmeneigenen Warenläden, den Company Stores, eingelöst werden konnte.

Um die Quasi-Leibeigenschaft zu vervollständigen, hausten Arbeiter oft in firmeneigenen Unterkünften, deren Miete selbstredend ebenfalls vom Lohn abgezogen wurde. Travis übersetzte diesen Umstand in eine Anrufung seines  Protagonisten an den heiligen Petrus, ihn nicht ins Himmelreich zu rufen, schließlich schulde er seine Seele doch dem Company Store: „Saint Peter don’t you call me ’cause I can’t go / I owe my soul to the company store“. Ob die Zitate allerdings tatsächlich von Travis’ Vater und Bruder stammten, wie dieser behauptete? Beide arbeiteten seinerzeit tatsächlich in einer solchen Mine in Muhlenberg, Kentucky. „Did Coal Miners ‚Owe Their Souls to the Company Store‘?”, fragte das Journal of Economic History 1986 nach dem Dichtungs- und Wahrheitsgehalt von ‚Sixteen Tons‘. Den menschenunwürdigen Arbeitsumständen wurde 1938 jedenfalls im Rahmen des “Fair Labor Standard Acts“ teilweise ein Ende bereitet. (Später meldete sich gar ein weiterer angeblicher Urheber zu Wort: Der Folksinger George S. Davis behauptete, den Song bereits in den dreißiger Jahren als „Nine-to-ten tons“ verfasst zu haben – als Autor vermerkt ist bis heute aber Travis.)

Merle Travis’ Version strotzt vor Sarkasmus. Als Prolog erklärt er in wenigen Worten das Company-Store System, endend mit den Worten: “That sounds pretty bad, but even that’s got a brighter side to it”. Den synkopischen Rhythmus, der dem Song sein dringliches Treiben verleiht, prägt hier schon das Gitarrenspiel Travis‘. Unfassbar smooth trägt wiederum Tennessee Ernie Ford den trotzigen Fatalismus gut sieben Jahre später vor, der schließlich zum beschriebenen Charterfolg wird. Die spartanische musikalische Begleitung bleibt nahezu im gesamten Song identisch und in der Struktur repetitiv, lediglich eine einsame Trompete begleitet den Sänger im Refrain, am Ende gesellt sich noch ein E-Piano dazu.

Unversöhnlich von Anfang an

Beschreiben die ersten Strophen noch reale Lebensumstände, werden die letzten in eine kampfeslustige Groteske überhöht: „Fightin‘ and trouble are my middle name“. Bei „Can’t no-a high-toned woman make me walk the line” – von nichts und niemandem und schon gar keiner schrillen Frauenstimme lässt sich der Sänger zur Raison bringen – hört man Ford gar kurz auflachen. Ob die rohe Gewalt, die in der finalen Strophe geschildert wird, als Resultat von Unterdrückung und Ausbeutung präsentiert oder nicht vielmehr das Bild eines realen oder vermeintlichen Arbeiter-Machismo der Lächerlichkeit preisgegeben wird, bleibt dem Zuhörer überlassen: „If you see me comin‘, better step aside / A lotta men didn’t, a lotta men died” – schon viele Männer, warnt der Vortragende, seien gestorben, weil sie ihm nicht aus dem Weg gehen wollten. Seine Fäuste nämlich sind aus Eisen und Stahl, und mindestens eine davon wird ihr Ziel schon treffen: „One fist of iron, the other of steel / If the right one don’t a-get you, then the left one will”.

Erst Tennessee Ernie Ford vermochte es, „Sixteen Tons“ zu Pop und Plattengold werden zu lassen – ob trotz oder gerade wegen seines Textes, darüber lässt sich streiten. Ausschlaggebend waren sicher auch die zeitgenössische Instrumentierung, die lässige Coolness sowie der zeitliche Abstand zu den im Song beschriebenen Umständen. Innerhalb der Americana-Arbeiterlieder sticht „Sixteen Tons“ heraus: Wo zum Working-Man-Epos sonst die Identifikation mit der harten, aber letztlich doch ehrlichen und in jedem Fall identifikationsstiftenden Knochenarbeit gehört, ist Travis’ Songtext bei allem Unterhaltungswert von Anfang an unversöhnlich und bleibt es bis zur letzten Zeile.

Vielleicht brauchte es die Zwischenstufe des reinen Performers, um das Kumpel-Thema massentauglich zu machen. Tragik plus Zeit ergibt hier vielleicht einfach Pop. Selbst als irgendwie Lohnabhängiger konnte man lautstark seine dem Arbeitgeber geschuldete Seele abfeiern, so fern die eigene Lebensrealität auch von der leibhaftigen Ausbeutung entfernt sein mochte. Dass der Weg vom Konkreten zum Allgemeinen funktioniert, bezeugen nicht zuletzt die 1001 Coverversionen, von Johnny Cash bis hin zur biederen Nachkriegsschmonzette eines Freddy Quinn, in diversen Sprachen und Stilen, die wiederum aus Fords seinerseits bereits gecovertem Lied entstanden.

Das Arbeiter-Sujet blitzt manchmal gar visuell aufbereitet durch, schön auf Zeitgeist gebürstet und hochglanzlackiert: Wenn das Saxofon-Solo in der cheesy Achtzigerr-Jahre-Version von Eric Burdon im zugehörigen Videoclip durch das nebelverhangene Stahlwerk dröhnt, zum Beispiel. Das Prinzip „Pop“ wirkt indes auch in die Gegenrichtung: Als der Song erst einmal populär geworden ist, wird der Countrysänger Merle Travis auf die große Bühne geladen, um das Original vorzutragen – und er greift dabei auf jenes Opening-Riff zurück, mit dem sein Nachfolger das Lied zum unverkennbaren Markenzeichen gemacht hat.

„Sixteen Tons“

Some people say a man is made outta mud
A poor man’s made outta muscle and blood
Muscle and blood and skin and bones
A mind that’s a-weak and a back that’s strong

You load sixteen tons, what do you get?
Another day older and deeper in debt
Saint Peter don’t you call me ’cause I can’t go
I owe my soul to the company store

I was born one mornin’ when the sun didn’t shine
I picked up my shovel and I walked to the mine
I loaded sixteen tons of number nine coal
And the straw boss said „Well, a-bless my soul“

You load sixteen tons, what do you get?
Another day older and deeper in debt
Saint Peter don’t you call me ’cause I can’t go
I owe my soul to the company store

I was born one mornin’, it was drizzlin’ rain
Fightin’ and trouble are my middle name
I was raised in the canebrake by an ol’ mama lion
Can’t no-a high-toned woman make me walk the line

You load sixteen tons, what do you get?
Another day older and deeper in debt
Saint Peter don’t you call me ’cause I can’t go
I owe my soul to the company store

If you see me comin’, better step aside
A lotta men didn’t, a lotta men died
One fist of iron, the other of steel
If the right one don’t a-get you, then the left one will

You load sixteen tons, what do you get?
Another day older and deeper in debt
Saint Peter don’t you call me ’cause I can’t go
I owe my soul to the company store


7 Lesermeinungen

  1. Eric Burdon
    Live! Ich hatte das Vergnügen Eric mehrmals live zu sehen. Jedesmal ein Gänsehaut-Vergnügen. Kann man nur empfehlen. 1989, Mannheim, Capitol Club…ein Wahnsinnskonzert, zB. 2h 40 min. Dann mehrmals in Austria: Wels, Spielberg, Vienna. a must…

  2. Möglichkeiten genutzt
    Hier werden die Möglichkeiten gut genutzt, die der Online Journalismus bietet. Dass ein Countrysong Mal so für voll genommen wird, als käme er von Bob Dylan, freut mich sehr.

  3. Klasse
    Danke für diesen wirklich informativen Beitrag über einen meiner Lieblingssongs.

  4. 16 tons auf Deutsch
    Ausgezeichnete Darstellung dieses Liedes, das das Elend der Kumpels im Amerika der 30er Jahredoch recht anschaulich darstellt.
    Allerdings wäre ein Hinweis auf Freddy Quinns deutsche Version noch hilfreich gewesen! Immerhin wurde dem Lied, ich glaube noch zu Adenauers Lebzeiten der politische oder klassenkämpferische Inhalt vollständig genommen: “Sie hieß Mary Ann”, damals ein Erfolgsschlager der Seemannsromatik.

  5. Ganz herzlichen Dank ...
    … für diesen detailreichen, kenntnisreichen und wunderbar flüssig geschriebenen und mit toller Musik unterlegten Artikel. Ich habe Country-Musik schon als Kind geliebt – neben den Hausaufgaben lief immer ‚American Forces Network Bremerhaven‘ auf dem alten Röhrenradio meines Vaters mit den Country Charts, und in jeder freien Minute wurden die Songs auf der Gitarre nachgespielt – aber diese Betrachtung eines Songs, der mir noch immer im Ohr ist, mit der Herkunft des Stückes und der Weiterentwicklung in der Pop-Ära setzt auf die Erinnerung und das freudige Wiedererkennen noch viel Wissen drauf, das man damals einfach nicht hatte. Dafür vielen Dank, und dafür, daß ich noch einmal in Gedanken für einen Moment als Teenager an meinen Hausaufgaben sitzen durfte.

  6. Ein klasse Song!
    Wir waren damals begeistert, auf jeder Fete lief er immer wieder, den Text könnten alle auswendig…und noch heute erfreut er gelegentlich vom USB-Stick im Auto.

  7. ZEITDOKUMENT
    DER sONG IST HEUTE SO AKTUELL WIE DAMALS, HÖRT SICH KLASSE AN

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