Pop-Anthologie

Deep Blue Something: „Breakfast at Tiffany’s“

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Kann die Populärkultur, können Filme und Lieder Beziehungen kitten? In vielen Songs ist das ein Leitmotiv. In dem einzigen Hit der Band Deep Blue Something bleibt es eine männliche Wunschvorstellung.

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„You say that we’ve got nothing in common / No common ground to start from” – damit könnte das Gespräch, das Gegenstand von Deep Blue Somethings Sommerhit aus dem Jahr 1995 ist, auch schon zu Ende sein. Doch in dem von einer Einzelstimme vorgetragenen Dialog gibt es eine Gemeinsamkeit, die vielleicht trotz aller Entfremdung der Gesprächspartner voneinander Hoffnung machen könnte. Nämlich Breakfast at Tiffany’s, von dem das Sänger-Ich denkt, „we both kinda liked it“. Wäre das schon ein solcher „common ground“, eine Basis für den Neuanfang in einer ansonsten aussichtslos verfahrenen Situation?

Deep Blue Something, ansonsten eine Marginalie der Pop-Geschichte, haben mit diesem einen Song ein interessantes Reflexionsstück produziert. Nicht nur, weil er ein geradezu paradigmatisches One-Hit-Wonder ist, einer von jenen Songs, die gerade Mitte der 1990er Jahre auffällig zahlreich waren (man denke an die Spin Doctors, Fools Garden, 4 Non Blondes oder Soul Asylum), die, von MTV in fast aller Welt bekannt gemacht, ihre häufig kurzlebigen Bands um ein Vielfaches an Jahren überlebt haben. Breakfast at Tiffany’s ist einer dieser dank Radio und Youtube-Party-Playlisten gebliebenen Songs. Interessant ist er vor allem dadurch, dass sich in ihm eines ansonsten für Radio-Pop seltenen Verfahrens bedient wird: Der Song verhält sich reflexiv zu einem Gegenstand populärer Kultur, zum Film Breakfast at Tiffany’s von Blake Edwards aus dem Jahr 1961 mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle. Dieser Film wird als Erinnerungsfetzen in einem mehrfach wiederholten Vers beschworen, und mit der Frage verknüpft, ob diese gemeinsame Vorliebe denn wohl ausreichend sei, einen „common ground“ zu bilden.  

„We both kinda liked it“

Das Thema ist pop-typisch, eine prekäre zwischenmenschliche Konstellation, eine gescheiterte Beziehung, eine an ihr Ende gekommene Freundschaft, wo es gemeinsam nicht mehr weitergeht („we’re falling apart“) Diesem gefühlten Auseinanderfall wird mit einem Rettungsversuch entgegnet, eben der gemeinsamen Vorliebe für Breakfast at Tiffany’s. Diese aber ist, wie auch die ungleich verteilten Redeanteile andeuten, nicht gleich stark entwickelt. Der Film war zwar Gegenstand gemeinsamer Aufmerksamkeit, irgendwie haben ihn beide auch gemocht („we both kinda liked it“), aber für eine emotionale Verbindung reicht das nicht aus. Breakfast at Tiffany’s ist kein „Klopstock!“-Moment, also keiner, bei dem sich zwei Menschen , wie in Goethes „Werther“, über den Aufruf eines Kunstwerks innig verständigen. Eine Analogie zum Film, in dem Holly und Paul nach einigen Beziehungsturbulenzen doch ihr happy ending erfahren, gibt es nicht. Denn Sie traut dem gemeinsamen Bezugsmoment, der Liebeskomödie, offenbar nicht viel zu.

Der Song entwirft nun über diese Skepsis zwei gegensätzliche Haltungen zu Funktion und Bedeutung populärkultureller Phänomene. Zum einen ist da die durch und durch empathische Position des Sänger-Ichs, dem die eine gemeinsame Vorliebe für den Film bereits eine ausreichende Verbindung zu sein scheint, von der alles weitere seinen Ausgang nehmen könnte. In Übereinstimmung mit Vergemeinschaftungsformen in populärkulturellen Zusammenhänge, bei denen eine gemeinsame Lieblingsband für die Ausbildung von Szene- und Stilverbünden ausreicht, denkt er, eine tief empfundene Begeisterung für ein Buch oder einen Film, das müsse auch hinreichend sein für weitere Zusammengehörigkeit. „The one thing we’ve got” eben, wenn es die eine, alles weitere begründende Sache ist. Demgegenüber ist die andere Haltung, die weiblich bestimmt ist, durch Resignation und Skepsis geprägt. Aus dieser Perspektive ist es aus und vorbei, und daran ändert eine einzige beliebige Gemeinsamkeit auch nichts mehr. Denn ihr, und damit dem Gegenstand populärerer Kultur, wird eben keine bedeutende, schon gar keine lebensbestimmende Rolle zugesprochen. Es ist eben doch nur ein Film. Der eher humorvolle Videoclip zum Song bestätigt dies: die vier Musiker bleiben beim Champagner-Frühstück vor dem Tiffany’s Flagship-Store in New York unter sich. Die Sprechsituation ist einseitig, nur Sänger Todd Pipes kommt zu Wort, sein weibliches Gegenüber ist abwesend.

Wobei diese Konstellation – das Ende einer gescheiterten Beziehung und das Verhältnis von Pop-Emphase und -Skepsis – gerade in den 1990er Jahren nicht untypisch ist. Nick Hornbys High Fidelity (1995) und Benjamin von Stuckrad-Barres Soloalbum (1998) sind von einer ähnlichen Grundspannung bestimmt. Während für die (immer männlichen) Protagonisten Pop und Populärkultur alles sind, bedeuten diese ihren Freundinnen weit weniger. Während die einen glauben, dass Pop die Welt retten könne – und dann doch wohl auch eine kriselnde Beziehung kitten – taugt er für die enttäuschten Freundinnen nicht einmal mehr als Gegenstand von Smalltalk. Der erhoffte Common Ground, er ist keiner. Eine einseitige Hoffnung trägt nicht für zwei. Nicht einmal für ein kurzes Gespräch von vier Minuten und sechzehn Sekunden.

 

„Breakfast at Tiffany’s“

You say that we’ve got nothing in common
No common ground to start from
And we’re falling apart
You’ll say the world has come between us
Our lives have come between us
But I know you just don’t care

And I said „What about Breakfast at Tiffany’s?“

She said, „I think I remember that film“

And as I recall, „I think we both kinda liked it.“
And I said „Well, that’s one thing we’ve got.“

I see you – the only one who knew me
And now your eyes see through me
I guess I was wrong
So what now? It’s plain to see we’re over
And I hate when things are over –
When so much is left undone

And I said „What about Breakfast at Tiffany’s?“

She said, „I think I remember that film“
And as I recall, „I think we both kinda liked it.“
And I said „Well, that’s one thing we’ve got.“

You say that we’ve got nothing in common
No common ground to start from
And we’re falling apart
You’ll say the world has come between us
Our lives have come between us
Still I know you just don’t care

And I said „What about Breakfast at Tiffany’s“?
She said, „I think I remember that film“
And as I recall, „I think we both kinda liked it.“
And I said „Well, that’s one thing we’ve got.“
And I said „What about Breakfast at Tiffany’s?“
She said, „I think I remember that film“
And as I recall, „I think we both kinda liked it.“
And I said „Well, that’s one thing we’ve got.“
And I said „What about Breakfast at Tiffany’s?“
She said, „I think I remember that film“
And as I recall, „I think we both kinda liked it.“
And I said „Well, that’s one thing we’ve got.“

 


3 Lesermeinungen

  1. Danke
    Herzlichen Dank für den unterhaltsamen Text.

  2. Titel eingeben
    Ich habe mir das damals das ganze Album gekauft und ich fand es nicht schlecht. Solche Sachen habe ich in meiner Jugend gemacht, wenn mir ein Lied gefiel.

    Bin der Meinung, dass One Hit Wonder für die Achtziger mindestens so typisch waren wie für die Neunziger.

  3. Penk(e)!
    Genau so ist es. Als wäre es gestern und nicht fast 25 Jahre her.

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