Pop-Anthologie

Iron & Wine: „Promising Light“

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Alles verschwindet, das ist nichts Neues, aber weil es verschwindet, wird es kostbar, auch das ist nichts Neues. Wie ist es mit der Liebe – folgt sie eigenen Gesetzen?

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Wir wissen, wie’s läuft: „Don’t it always seem to go / That you don’t know what you’ve got till it’s gone?“ So fragt Joni Mitchell gegen Ende ihres dritten Albums „Ladies of the Canyon“ (1970), und der ökologische Tenor des Liedes schwächt nicht die generellere Aussage ab, die in dieser Frage steckt.

Sam Beam, der bärtige Barde mit der immer sanften, immer freundlichen Stimme, stellt dieselbe Überlegung ins Zentrum seines Debütalbums „The Creek Drank the Cradle“, das er 2002 unter seinem Künstlernamen Iron & Wine einsang und einspielte.

Auf einem Album, das mit zärtlicher Melancholie von der Verletzlichkeit und Schönheit der Liebe spricht („Love is a crying baby / Mama told you not to shake“) und erzählt von den sommerwarmen Tagen der Kindheit und Jugend, die in der Erinnerung hineinfotografiert sind, ganz gleich, ob als wirkliche Aufnahmen oder als Gedankenbilder („I’ve a picture of you / On your favorite day by the seaside / There’s a bird stealing bread / That I brought out from under your nose“) – auf diesem geflüsterten Album der frühen Lo-Fi-Ästhetik des Künstlers bringt ein Lied die Themen von Verlust, vom Vergehen der Zeit, von vertanen Möglichkeiten und gebrochenen Versprechen, die sich durch das Gesamtwerk von Iron & Wine ziehen, in träumerischer Ruhe kristallisiert zusammen.

In „Promising Light“ sieht der Sprecher sich als den Trottel, der die weite Offenheit des Meeres suchte, anstatt die seichte Schönheit der unbeschwerten Ufernähe zu schätzen, die ihm geboten war: „I was the jerk who preferred the sea / To tussling in the waves“. Aus dem Rückblick heraus sieht er noch einmal ein Mädchen vor sich, mit dem er vielleicht glücklich war, oder glücklich hätte sein können, wenn er in der Umarmung nicht nur eine Gelegenheit gesehen hätte, unbemerkt nach anderen Frauen zu schielen. „Time and all you took / Only my freedom to fuck the whole world“. Was hast du mir gegeben, deine Liebe, deine Zeit? Ja, durchaus, aber was hast du mir genommen? All die Freiheit, all die Zeit, mit dem Ozean an Frauen zu schlafen, von denen ich glaubte, sie würden mir zu Füßen gespült wie die Wellen der Flut. Und heute, heute, wo die Wellen sich längst entfernt haben, heute haben die Wellen dich mit in den Ozean der Anonymität zurückgewaschen, und ich, ich bin allein und suche die Liebe, und in der Liebe suche ich nur dich:

Now I see love
Dragged on the floor where you walked outside
Now I seek love
Looking for you in this other girl’s eyes

Mit erstaunlicher Einfachheit vollführt Beam einen Dreh, der die Dinge auf den Kopf stellt, nur weil Zeit vergangen ist – die Sanduhr, die umgedreht wurde. Als der Sprecher früher mit dem Mädchen zusammen war, wünschte er sich sehnlichst, in ihren Augen eine Andere zu sehen, und heute, wo er in die Augen des anderen Mädchens schaut – es steckt eine gleichgültig-flapsige Unpersönlichkeit in dem Ausdruck „this other girl“ –, sucht er niemanden außer ihr.

Wie viele andere Songs von Beam ist „Promising Light“ ein Rückblicken in Klang und Sprache. Die gehauchte Stimme hat einen sehnsüchtigen, aber nicht ruhelosen Nachtklang, als singe sie sehnsüchtige Gedanken, die in der Stille vor dem Schlaf durch den Kopf flüsterten. Während der Text des Lieds ruhelos auf der Suche zu sein scheint, so wie der Sprecher auf der Suche nach diesem einen Mädchen ist und in allem nichts anderes zu sehen vermag als seine erst heute erkennbare, verlorene Liebe – so spricht die Ästhetik des Lieds eine ganz andere Sprache. Diese Ruhe behaucht alles auch mit Verzweiflung, weil Heute längst zu spät ist: „Now I see love / There on your side of my empty bed“.

Die Knospe des Vergessens

Wie in der Dylan-artig entlangdriftenden, refrainlosen Meditation „The Trapeze Swinger“ (auf der B-Sides- und Rarities-Kompilation „Around the Well“ von 2009) taucht auch hier, wie nebenbei, ein Urmoment zweier Liebender auf: „Now I see love / There in your car where I said those things“. Zwei Menschen sitzen in einem Wagen und unterhalten sich, wie in einem Theater blicken sie nach vorn, blicken einander an, die Enge des Wagens, die Abgeschlossenheit vor der Welt draußen – die Intimität, die so einfach wirkt, wenn sie zufällig geschieht, so beklemmend, wenn man darin eine Rolle spielen muss, die man nicht beherrscht.

Aber vielleicht ist das Fahrzeug ohnehin auch ein Fluchtwagen. Ja, und auch die Zeit selbst ist ein Fluchtwagen, oder? Diese kleinen Momente der Liebenden, ihre Ränder scheinen immer auch von der Zeit zerfressen, wie alles andere auch. In einem späteren Song auf dem Album heißt es: „Promise what you will, something good for me / Time will take it all, and it will, you’ll see“. Ist es nicht so, ganz gleich, was du versprichst, etwas Gutes für mich, die Zeit wird alles nehmen, ja das wird sie, wirst schon seh’n.

Alles verschwindet, das ist nichts Neues, alles drängt fort, alles drängt in die Asche, aber weil es verschwindet, wird es kostbar, auch das ist nichts Neues. Aber vielleicht schaffen wir es, uns durch einen Dreh des Geistes auszutricksen: Was die Zeit uns gibt und nimmt, verblüht in der Wirklichkeit unserer Gegenwart. Gleichzeitig wird alles, was wir haben und was wir verlieren, eingeschlossen in eine harte Knospe des Vergessens. Doch diese Knospe wächst in unserer Erinnerung weiter, wir ahnen noch lange nicht, was bald alles in uns wohnt. Und die Zeit, eben weil sie nimmt, nimmt, nimmt, gerade deshalb nimmt sie uns manchmal auch das Vergessen, und dann blüht in mir das längst Vergangene als ein goldenes Jetzt auf, ganz egal, ob es vorbei ist: „Now I see love“. Das ist alles, was uns bleibt. Aber wenig ist das nicht.

***

„Promising Light“

Time and all you gave
I was the jerk who preferred the sea
To tussling in the waves
Tugging your skirt singing please, please, please

Now I see love
Dragged on the floor where you walked outside
Now I seek love
Looking for you in this other girl’s eyes

Time and all you took
Only my freedom to fuck the whole world
Promising not to look
Promising light on the sidewalk girls

Now I see love
There in your car where I said those things
Now I see love
Tugging your skirt singing please, please, please

Time and all you gave
There on your cross that I never saw
Well beyond the waves
Dunking my head when I heard you call

Now I see love
There in the scab where you pinched my leg
Now I see love
There on your side of my empty bed

 

Iron & WineThe Creek Drank the Cradle, Sub Pop, 2002.


1 Lesermeinung

  1. nett
    Sam Beams Texte sind unbeschreiblich vielschichtig, klingen aber immer extrem einfach, so dass man ihnen nicht anmerkt, dass er teilweise jahrelang daran schreibt. Noch erfreulicher ist allerdings, dass Calexico nach nunmehr beinahe 15 Jahren noch einmal mit Iron and Wine auf Welttournee (nur ein Konzert pro Staat, aber immerhin) gehen.
    Das ist zwar auch nichts Neues, aber wer immer auf der Suche nach Neuem ist, verpasst ohnehin das Leben

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