Pop-Anthologie

The Beatles: „In My Life“

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Dieser Song ist eines der originellsten Erinnerungslieder des Pop. Die Geschichte seiner Entstehung eröffnet einen faszinierenden Blick in die Werkstatt von Lennon und McCartney.

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© dpaThe Beatles, 1965

Popmusik ermöglicht es ihren Hörern, sie mit ihren Erinnerungen und Gefühlen zu bewohnen. Man zieht in sie ein, wie in eine Mietwohnung. Die äußere Struktur ist da, aber streichen und einrichten muss man selber.  „In My Life“ von den Beatles ist dafür ein so gutes Beispiel wie kaum ein anderes Lied. Es ist das Ergebnis eines poetischen Verdichtungsprozesses, an dessen Ende ein für alle Hörer-Erinnerungen leicht beziehbarer Song steht.

Die Langspielplatte „Rubber Soul“ ist am 3. Dezember 1965 erschienen. Die Beatlemania hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Fab Four waren ständig auf Tour, traten im Fernsehen auf oder arbeiteten im Studio an neuen Songs. Überall, wo sie hinkamen, lösten sie Massentumulte aus. Im Jahr 1965 hetzten die Jungs von einem Termin zum nächsten. Im August war ihr Album „Help!“ erschienen: der Soundtrack zu ihrem zweiten Film, der im selben Jahr gedreht wurde und ins Kino kam. Und im Herbst begannen bereits die Aufnahmen zu dem Album „Rubber Soul“, das dann im Dezember erschien. Akkordarbeit. Und für 1966 war keine Entspannung in Sicht.

„In My Life“ wurde am 18. und 22. Oktober 1965 in den Abbey Road Studios aufgenommen. „Das war das erste Lied, das ich ganz bewusst über mein Leben geschrieben habe“, erzählte John Lennon 1980 in dem berühmten Interview mit dem Playboy.  Vor „In My Life“ seien die Texte der Beatles nebensächlich gewesen. Immer nach dem Motto „Ich-Du-Liebe“. Ende 1965 hatten die Beatles ihre Bob-Dylan-Phase. Auch die Byrds wurden zu einem wichtigen Einfluss. Das hört man auf „Rubber Soul“ gerade bei den Songs von Lennon sehr deutlich. „Nowhere Man“ und „Norwegian Wood“ sind dylaneske Meisterwerke.

„In My Life“ sollte ein Erinnerungslied werden. Lennon stellte sich eine Busfahrt durch Liverpool vor. Ihren Ausgangspunkt sollte sie in der Menlove Avenue nehmen. Dort ist Lennon bei seiner Tante aufgewachsen. Von da aus sollte der Text an all den Plätzen vorbei führen, mit denen er wichtige Erinnerungen verband. „Ich schrieb das alles auf und es war langweilig. Also ließ ich das erst einmal liegen und entspannte mich. Und dann fiel mir dieser Text ein, über Freunde und Geliebte aus meiner Vergangenheit.“

© dpaDer Originaltext des Beatles-Songs „In My Life“

Im Besitz von Paul McCartney befindet sich eine frühe Version des Textes. Tatsächlich zählt Lennon hier alle möglichen Plätze in Liverpool auf. Eine Passage lautet so:

Penny Lane is one I’m missing,
up church and to the clocktower,
in the circle of the Abbey
I have seen some happy hours
… past the tram sheds with no trams…
to the Dockers‘ Umbrella that they pulled down …

Das Lied wurde in John Lennons spießiger Villa in Kensington komponiert. Allerdings waren sich McCartney und Lennon später uneins, wer welchen Beitrag geleistet hatte. Lennon war der Ansicht, er habe alles bis auf den Mittelteil geschrieben. McCartney dagegen erinnert sich, dass er nicht nur die Melodie alleine geschrieben, sondern auch wesentliche Beiträge zum Text geleistet habe. Obwohl es sich sehr nach John Lennon anhört, ist „In My Life“ also ein echtes Gemeinschaftswerk.

Spannend ist, was mit dem Text geschieht. Denn die beiden Komponisten strichen letztlich jeden konkreten Ort. Dann sah der Text so aus:

There are places I’ll remember
All my life, though some have changed
Some forever, not for better
Some have gone and some remain
All these places have their moments
With lovers and friends I still can recall
Some are dead and some are living
In my life, I’ve loved them all
But of all these friends and lovers
There is no one compares with you
And these memories lose their meaning
When I think of love as something new
Though I know I’ll never lose affection
For people and things that went before
I know I’ll often stop and think about them
In my life, I love you more
Though I know I’ll never lose affection
For people and things that went before
I know I’ll often stop and think about them
In my life, I love you more
In my life — I love you more

Das Ergebnis ist eine Art Koordinatensystem des Erinnerns: People, Things, Places, Moments und Affection. Dieses Eindampfen auf eigentlich lapidare Stichworte ist in zweifacher Hinsicht ein genialer Kunstgriff. Denn ein Hörer, der die Beatles kennt, wird die abstrakt besungenen Erinnerungen in genau den Liverpooler Kontext setzen, den Lennon und McCartney aus dem Text gestrichen haben.

Aber die spärliche Möblierung des Textes ermöglicht noch etwas ganz anderes. „Populäre Texte sind in sich unvollständig“, behauptet der britische Kulturwissenschaftler John Fiske, „… sie werden nur komplett, wenn sie von den Menschen aufgenommen und in ihre Alltagskultur eingesetzt werden.“ Die Hörer von „In My Life“ werden von dem abstrakten Text mit sanftem Zwang genötigt, die Leere mit eigenen Inhalten zu füllen. Und so wird das Lied zum Medium einer Selbstbetrachtung der Hörer. Was sind meine People, Things, Places und Moments, bei denen ich innehalte und an sie denke?

Der Song ist eine Singularisierungsmaschine. Andreas Reckwitz entfaltet seine Theorie der Singularisierung anhand der folgenden Begriffe: Objekte, Subjekte, Räumlichkeiten, Zeitlichkeiten, Kollektive, Affektintensivierung. Das liegt erstaunlich dicht am Erinnerungskoordinatensystem Lennons.

Lennon

Reckwitz

Things

Objekte

People

Subjekte

Places

Räumlichkeiten

Moments

Zeitlichkeiten

Friends & Lovers

Kollektive

Affections

Affektintensivierung

Die Kunst liegt manchmal näher an der Wissenschaft, als man denkt. Aber vielleicht ist das auch zu verwegen gedacht.

Das Schema „Ich-Du-Liebe“ ist in dem Song immer noch enthalten.

But of all these friends and love
There is no one compares with you
And these memories lose their meaning
When I think of love as something new

Das scheint das spätere Beziehungsmuster zu Lennon/Ono vorweg zu nehmen. Es könnte aber auch ein Beitrag von Paul McCartney sein, der dem Ganzen einen vorwärtsgewandten Liebesliedtouch verleihen wollte. Und es verstärkt auch den Aspekt, dass das singende Ich seine Lebens- und Identitätsgeschichte durch Beziehungen definiert. „I know I’ll often stop and think about them“, singt Lennon. Unsere Erinnerungen sagen uns, wer wir sind. Wir schichten Ge-schichten. „Während ich an meiner Geschichte arbeite“, meint Judith Butler, „erschaffe ich mich selbst in neuer Form, weil ich dem „Ich“, dessen vergangenes Leben ich zu erzählen versuche, ein narratives „Ich“ hinzufüge.“ Erzählmarker dieses Narrativs unserer Beziehungen sind Menschen, Orte und Dinge, mit denen wir in einem bestimmten Moment etwas erlebt haben. Zusammengehalten von den damit verbundenen Gefühlen: „Though I know I’ll never lose affection / For people and things that went before.“

Jeder Mensch ist nicht nur Herr seiner Beziehungen, sondern auch ihr Produkt. „Unter sich ständig wandelnden und immer neuen Einflüssen entwickeln wir unsere Persönlichkeit und unseren Lebensstil, so dass wir uns weniger als autonome Individuen denn als Knotenpunkte von Beziehungen betrachten sollten“, meint der Kulturwissenschaftler Daniel Miller. „Unsere Identität ist der Knotenpunkt unserer Beziehungen.“ Und „In My Life“ führt die Fäden dieses Knotenpunktes zusammen.

In dem Film „Help!“ gibt es diese Szene, in der die Beatles in den Bann der Zeitlupenkanone geraten. In herrlichen Technicolor-Farben zappeln die Beatles herum, als würden sie am Boden eines Swimmingpools tanzen. Und genau so stelle ich mir die Stimmung bei den Aufnahmen zu „Rubber Soul“ vor. Das ganze Album hat einen leicht schwebenden und entrückten, aber irgendwie auch wilden und knallbunten Sound.

Ein sehr schlichtes Lied mit Strophe, Bridge und Refrain

„Gut, du hast keine Melodie, laß mich schnell daran arbeiten“, will Paul McCartney zu John Lennon gesagt haben. So steht es in Barry Miles‘ McCartney-Biographie. „Und ich ging zum Treppenabsatz, wo John ein Mellotron stehen hatte, setzte mich dort hin und schrieb eine Melodie, die ich im Kopf hatte und die von Smokey Robinson and the Miracles inspiriert war.“ Schwer vorstellbar, dass das die Inspiration war, aber so war es wohl. „Man bezieht sich auf etwas, das man mag und versucht, die Stimmung zu erfassen und etwas Neues zu schreiben“, beschreibt McCartney seine Vorgehensweise. Der Beatles-Produzent George Martin soll einmal über Paul McCartney gesagt haben, dass er wahrscheinlich sogar auf Befehl Melodien machen könne. Das Ergebnis bei „In My Life“ erinnert nicht im Geringsten an Smokey Robinson. Lennon und McCartney waren keine Genies. Aber es ist ihnen immer wieder gelungen, die aktuelle Strömungen und alles mögliche Andere, was sie interessiert hat, zu Hits zu stricken. Sie waren die kommerzielle Avantgarde der Sechziger.

„In My Life“ ist ein sehr schlichtes Lied mit Strophe, Bridge und Refrain. Der Rhythmus, den Ringo Starr spielt, wirkt stets ein wenig verzögert. Die Dur dominierten Gitarren hallen in einen klaren Raum hinein und stellen sicher, dass es keine düsteren Erinnerungen sind, die den Hörer heimsuchen, sondern die bittersüße Sehnsucht nach dem alten Schulweg, der ersten Freundin, der ersten heimlichen Zigarette. Die Melodie ist der honigfarbene Bernstein, der die Erinnerungslyrik einschließt und zum Glänzen bringt.

Und dann ist da natürlich noch George Martins barockes Solo. Im  Anthology-Buch erzählt er, dass er die Beatles bei der Aufnahme-Session in die Mittagspause geschickt habe, um in aller Ruhe seine Idee für das Solo auszuprobieren. „Was ich haben wollte, war zu kompliziert für mich, um es im richtigen Tempo zu spielen, also nahm ich es mit halber Geschwindigkeit auf, spielte es in höherer Geschwindigkeit ab, und es gefiel ihnen.“ Ich hätte das gerne gehört und gesehen, wie das um die Hälfte verlangsamte „In My Life“ durch das dunkle Studio wabert und George Martin dazu Klavier spielt. Vielleicht erklärt das auch ein wenig den entrückten Sound des Songs.

Und so passt die Aufnahme auch in dieser Hinsicht perfekt zu einem Erinnerungslied. Denn auch Erinnerungen sind ja immer ein bisschen entrückt.


16 Lesermeinungen

  1. Beatles der Welt verändert.
    Kunstwissenschaftlern, die einzigen die das Musik, der Welt und wir uns zwischen und der Welt besser verstehen lassen können.

  2. Eine für mich zutreffende Analyse...
    klasse geschrieben!
    Habe den Song schon in jungen Jahren geliebt – zuerst nur wegen des Sounds, dann, nachdem ich ihn verstehen konnte, auch wegen des Textes.
    Und je mehr Jahre ich auf dem Buckel habe, desto mehr Raum gibt es natürlich, darin in melancholischem Sinnen zu wandeln.

    PS: Neben der erwähnten genialen Version von Johnny Cash ist übrigens auch die Version von Ozzy Osbourne und Crosby, Stills & Nash sehr hörenswert.

  3. Song nicht verstanden
    Wie kann man so viele Worte verlieren, ohne den Song annähernd verstanden zu haben? „McCartney und Lennon waren keine Genies.“ Hier scheint der Autor eher über sich selbst zu sprechen.
    Mit freundlichem Gruß aus Hamburg

  4. In my Life
    Es ist wohl die schönste und treffenste Beschreibung eines wunderbaren Beatles-Songs, die ich je gelesen habe.

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