Pop-Anthologie

The Milk Carton Kids: „Mourning in America“

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Der Morgen danach ist grau und verregnet. Mit minimalistischen Mitteln widersprechen die Milk Carton Kids in dem Song „Mourning in America“ zwei Präsidenten. Einem mit seinen eigenen Worten.

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The Milk Carton Kids

Wenn einem die Worte fehlen und man trotzdem versucht, welche auszusprechen, hört sich das womöglich so karg an wie die erste Strophe von „Mourning in America“. Man bekommt nicht mehr als das Gröbste heraus, beschränkt sich auf kurze Feststellungen, für alles andere fehlt die Kraft. Gestern Abend beruhigt vor dem Fernseher eingeschlafen, heute früh aufgewacht und sich wie eine Leiche gefühlt. Wer hier spricht, würde wohl am liebsten schweigen.

Fell asleep with the TV on
Finally feeling like I belong
Woke up to a funeral song

Typisches Novemberleiden, ein demokratischer Kater. Dumpf kündet televisuelles Flimmern von den nächsten vier Jahren mit dem starken Mann. Sie fangen an wie ein musikgewordenes Begräbnis: schwere Klavierakkorde, dunkle Streicher. Ein Holzbläser säuselt vorsichtig Töne herunter wie ein fallendes Blatt im Herbstwind. Überall verstecken sich kleine Dissonanzen, Überbleibsel der unruhigen Nacht, die noch über dem Morgen hängt. Ein paar Sekunden wippt die Klarinette auf einem Tritonus (gestiftet von einem halbverminderten Septakkord), bevor sie sich nach unten befreit. Übersetzt: Die häusliche Behaglichkeit hat mich verraten, so gestrig, so vollständig revidiert von ein paar Stunden Schlaf und ein paar Millionen ausgezählter Stimmen. Shows what I know – nämlich gar nichts.

Sie trauern wieder in Amerika. Ein fremdenfeindlicher Frauenverächter, der schamlos Lügen erzählt und gegen die Presse hetzt, ist zum Präsidenten gewählt worden. „Mourning in America“ beschreibt das trübe Erwachen nach der Wahlnacht 2016. Es ist Mittwochfrüh, und man weiß nicht, wohin mit sich. Vielleicht ruft man eine Freundin an, spricht ein paar hilflose Sätze auf die Mailbox, vermutlich von Stärke und Resilienz, obwohl man die gerade selbst vermisst.

Called you up to say hello
Left a message for you at home
Packed my dishes in styrofoam
Everything I knew is gone

Das Bild der Teller, die erklärungslos in Styropor gepackt werden, hat etwas von steril gewordener Gemütlichkeit, vom halbherzigen Aufräumen nach einer Feier (der von gestern Abend?), als stehe ein spontaner Umzug bevor, weil jetzt ja eh alles egal ist. Anders als die bisherigen Zeilen, steht die folgende im Präsens: Everything I knew is gone. Alles weg, immer noch, bloß eben das Geschirr nicht. Dann der Refrain.

It’s raining in Ohio
The streets are slick
Shows what I know
I hear their cries through my window


Das distanzierende they – sie, die Leidtragenden – verschleiert ein Wir, wenn es von Joey Ryan und Kenneth Pattengale gesungen wird, die beide aus Kalifornien kommen. Ihre Stimmen harmonieren sanft, unaufgeregt, einander tragend. Manche mögen behaupten: gelangweilt. Oder schlicht fassungslos.

Und doch erhebt sich etwas im Refrain. Die warme Klarinette, in den Strophen bisher eher schweigsam, trotzt dem Regen und fädelt leichtfüßig die erste Zeile ein. Die aufstrebende Harmonie – Subdominante, Dominante – klingt wie ein letzter Schulterblick, als ließe sie kurzentschlossen das Trübsal hinter sich. Ein winziger Aufbruch als musikalische Antithese zum lacrimosen Text – bevor „sie“ wieder trauern.

They’re mourning again in America
Mourning again in America

Das quälendste Wort dieses Songs, der auf dem Album „All the Things That I Did and All the Things That I Didn’t Do“ (2018) erschien, ist nicht mourning, sondern again. Es macht aus dem Trauertag ein Trauerritual und verleiht diesem die gleiche Routine, mit der morgens der Wecker klingelt, wieder und wieder.

Man muss es schon fast als politischen Begriff betrachten: Amerika solle wieder great werden, hatte Trump gesagt. Der Slogan, den die Milk Carton Kids hier aufgreifen und umkrempeln, stammt jedoch von einem anderen republikanischen Präsidenten, von Ronald Reagan. It’s morning again in America, lautete dessen frohe Botschaft, verkündet in einem einminütigen Fernsehwerbespot vor der Wahl 1984.

In Reagans Film riecht es förmlich nach Filterkaffee, Orangensaft und Pfannkuchen: Amerikaner wachen glücklich auf, gehen glücklich arbeiten, heiraten glücklich und kaufen glücklich Häuser. Ein großes, zufriedenes Gähnen im Bademantel. Reagan, schon drei Jahre im Amt, errang einen Erdrutschsieg gegen seinen Herausforderer Walter Mondale, mit 48 von 50 gewonnenen Bundesstaaten. 

Heute sieht man ab und zu junge Republikaner mit T-Shirts und Baseballkappen aus jenem Wahlkampf. Die Aufschrift „Reagan / Bush ’84“ ist zum retroschicken Accessoire für konservative Nostalgiker geworden, die Wiederkehr des Altbekannten als Beruhigungspille für unruhige Zeiten. Damals (bei Reagan) und heute (bei Trump) soll das Wörtchen again ein vages Atlantis hervorkramen, das sich jeder und jede selbst aussuchen kann.

Die Zeit der flauschigen Bademäntel ist vorbei. Jetzt vergräbt man das Gesicht im Wintermantel. Die Weichspülminute des Reagan-Spots wird in „Mourning in America“ durch einen grauen Filter entkräftet. Auf der Bühne hellen die Milk Carton Kids ihre ernsthaften, manchmal sentimentalen Texte mit charmanten Deadpan-Dialogen auf. Hier steht der Song für sich. Abgesehen von einer Studio-Liveversion gibt es kein Musikvideo. Müssten wir uns eines ausmalen, sähen wir in ausgewaschenen Farben einen ungewaschenen Frühaufsteher vor uns, der den Morgen mithilfe einer Reihe trister Gegenstände durchsteht: Glotze, Handy, Geschirr, Styropor, Schnürsenkel, Gardine (halb offen), Mantel (zu dünn). Frosch im Hals. Ein Wahlkampf ließe sich damit kaum gewinnen.

Tucked my chin into my coat
Shrugged my shoulders, cleared my throat
Walked the banks of the Ohio
Felt a chill to the bone

Wir irren umher. Gäbe es nicht die Nennung des Ohio-Flusses (und, im Refrain, des gleichnamigen Bundesstaates), ließe sich der Song nicht verorten. Sein Titel ist nationaltraurig, seine Ästhetik alltäglich. So aber pflanzen die Milk Carton Kids ein weiteres Fähnchen in ihre amerikanische Landkarte – die dank der Folk-Konvention, nach der geographische Namen nicht nur Ortsmarken sind, sondern lyrische Bedeutungsträger, bereits gut gefüllt ist. „California“ und „Memphis“ heißen frühere Songs, „New York“, „Asheville Skies” und „Michigan“. Auch jetzt sind wir immerhin nicht ganz verloren, sondern wissen uns irgendwo im Süden Ohios. Wo genau, bleibt trotzdem offen. Genau wie die Frage, ob wir uns am Ende umdrehen und doch wieder nach Hause gehen.

Wer weiß, wie weit wir laufen? Die letzte Strophe ist von diaristischer Konzentration – wie überhaupt der ganze Song –, als ob sie nur existierte, um später noch einmal nachschlagen zu können, wie es einem heute ging: den Ohio entlanggelaufen. Bis auf die Knochen gefroren. Mehr muss man nicht wissen, um sich an den 9. November 2016 zu erinnern. In ihrem Song „Nothing Is Real” singen die Milk Carton Kids die schöne Zeile: „True love is binary”. Die amerikanische Politik auch. Rot oder blau, so einfach.

Entweder man ist am Mittwoch nach der Wahl aufgewacht und hat erfreut seinen Kaffee geschlürft. 

It’s morning again in America

Oder man war fertig mit der Welt. 

They’re mourning again in America.

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The Milk Carton Kids: „Mourning in America“

Fell asleep with the TV on
Finally feeling like I belong
Woke up to a funeral song

Called you up to say hello
Left a message for you at home
Packed my dishes in styrofoam
Everything I knew is gone

It’s raining in Ohio
The streets are slick
Shows what I know
I hear their cries through my window
They’re mourning again in America
Mourning again in America 

Tied my shoes when I woke up
Drew my curtains just enough
Thought about the ones I love

Tucked my chin into my coat
Shrugged my shoulders, cleared my throat
Walked the banks of the Ohio
Felt a chill to the bone

It’s raining in Ohio
The streets are slick
Shows what I know
I hear their cries through my window
They’re mourning again in America
Mourning again in America


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