Pop-Anthologie

Linkin Park: „Numb“

| 18 Lesermeinungen

Dieser Song erzählt eine Geschichte, die jeder kennt: von Erwartungen, die man nicht erfüllen kann oder will. Es ist ein Gezänk, das die Zankenden zermürbt – und viel Anklang in der ganzen Welt gefunden hat.

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Chester Bennington (1976-2017), Sänger der Rockband Linkin Park

Jeder kann ein Lied davon singen, und dies ist eines über jene Kette, die sich niemals löst, sondern weitergegeben wird von Eltern zu Kindern, vom Lehrer zum Schüler, von der Frau zum Mann und vom Mann zur Frau, kurz: von jedem zu allen und umgekehrt. „Walk in my shoes!“, lautet der Befehl, den zu befolgen anfangs so leicht scheint. Mit angeborenem Nachahmungstalent wackelt der Toddler fröhlich hinter den Eltern her und will werden wie sie.

Aber so bleibt es nicht, die Konflikte beginnen. Was genau erwartet der Vater vom Sohn, der Mächtige vom weniger Mächtigen? Ein Duplikat, ein Spiegelbild? Aber dann muss das Vorbild auch eindeutig und klar erkennbar sein. Selten genug ist das der Fall, weshalb das gepeinigte Ich nicht weiß, wie es sich verhalten soll: „I don’t know what you’re expecting of me“, singt Chester Bennington. Kopie zu sein reicht offenbar nicht, der Spiegel soll zeigen, was und wie der Vater gern geworden wäre. Nicht erfolgloser Durchschnitt, sondern Überflieger. Nicht missachtet, sondern beliebt.

Als kraftvolle Unterströmung („undertow“) überfluten solche Wünsche das zappelnde Opfer, kollidieren mit dessen Neigungen und erzeugen Schmerz auf beiden Seiten. Der Druck nimmt zu, der Absturz droht wie vorhergesagt: „I know I may end up falling too/ But I know you were just like me with someone disappointed in you“. So läuft es und so geht es weiter. Wer die Enttäuschung der anderen spürt, ist von ihnen genauso enttäuscht. Immerhin hat der Unterdrückte das Muster begriffen, das öde Schema von Anspruch und Versagen, in dem die Agierenden gefangen sind und das in der Liebe oder Freundschaft immer neue Fortsetzungen findet: Einer will seine Regeln, sein Verhalten als Norm durchsetzen, der andere soll nachgeben. Sei wie ich!, lautet die Grundformel, oder, genauer: Sei, wie ich dich wünsche! Ein Gezänk, das die Zankenden zermürbt und betäubt („numb“) zurücklässt.

Dabei verlangt das Ich doch nichts Unmögliches: „All I want to do/ Is be more like me and be less like you.“ Bescheiden klingt das, fast wie eine Bitte: erlaube mir doch endlich, ein wenig mehr ich selbst zu sein! Vor zweieinhalb tausend Jahren beantwortete der Dichter Pindar dieses legitime Begehren mit dem Mutmacher-Spruch: „Werde, der du bist!“ Bei den stolzen Griechen standen diese Worte allerdings nicht im Kontext von „tired“, „numb“ und „smothering“, sondern von Kämpfen und Siegen.

Chester Bennington, der sechs Kinder zeugte, fand trotz kalifornischer Sonne und gigantischer Erfolge die innere Helligkeit nicht, er nahm sich im Juli 2017 das Leben. Im Mashup mit Jay-Z klingt seine Stimme, als schwebe er gerade vom Himmel herab wie einst David Bowie. Schmerzvoller Gesang, kein Gebrüll, keine Revolte – alles kaputt, Besserung nicht in Sicht.

Kein Wunder, dass dieser 2003 aus Linkin Parks zweitem Album „Meteora“ ausgekoppelte Song ein Welt-Echo fand und findet: die Hörer begegnen sich selbst. Auch das Video, bei dem Band-Mitglied Joe Hahn Regie führte, erzählt eine Mobbing-Geschichte, wie sie zu Millionen Biographien gehört.

Wer wäre so gemein, sich nicht mit dem armen Mädel zu identifizieren? Weit über eine Milliarde Mal wurde diese Einladung zu Mitleid und Selbstmitleid bei YouTube aufgerufen.

Gedreht in einem künstlich entfärbten, fahlen Prag, rücken die Bilder das Lied in Kafka-Nähe, vor allem die Sequenzen in der Kirche, die gar nicht in Prag aufgenommen wurden, sondern in Los Angeles. Während die Musiker mit monotonem Gegrummel den „undertow“ beschwören, bearbeiten sie die Instrumente wie mit letzter Kraft, um ihre Beherrscher anzuklagen. „Every step that I make is another mistake for you,“ singt Chester, und ist dieser Satz nicht hundertfach bei Kafka zu lesen?

Das neunte Kapitel seines Romans „Der Proceß“ spielt „Im Dom“, wo der Gefängniskaplan dem auf einen Geschäftsfreund wartenden Josef K. die Parabel „Vor dem Gesetz“ erläutert. Zwar ist „Numb“ nicht mit diesem literarisch-theologischen Unergründlichkeitsstück zu vergleichen, da es ganz in dieser Welt bleibt, aber die bedrückende Atmosphäre und die Verzweiflung der in die Kirche stürmenden jungen Frau wären dem Autor Kafka nur allzu vertraut gewesen. Und hat er nicht die berühmteste schriftliche Vater-Anklage verfasst, eine Sohnes-Rechtfertigung im Bewusstsein der Ohnmacht? Wen marterte zeitlebens das Gefühl, nicht bei sich selbst ankommen zu dürfen? Was „pressure“ und „caught“ bedeuten, haben wir von ihm gelernt.

Wie schön wäre es, wenn der grübelnde Jurist und der ausschweifende Rocksänger einander im Jenseits aufspürten, um mit einem tschechischen Bier auf das Eigene anzustoßen! Kafka verfehlte seinen 41. Geburtstag um einen Monat, Bennington überschritt die 41 und ließ den Tod noch bis zum Sommer warten. Auf Erden waren sie grandios.

***

I’m tired of being what you want me to be
Feeling so faithless, lost under the surface
I don’t know what you’re expecting of me
Put under the pressure of walking in your shoes
Caught in the undertow, just caught in the undertow

Every step that I take is another mistake to you
Caught in the undertow, just caught in the undertow

I’ve become so numb, I can’t feel you there
Become so tired, so much more aware
By becoming this all I want to do
Is be more like me and be less like you

Can’t you see that you’re smothering me?
Holding too tightly, afraid to lose control
‚Cause everything that you thought I would be
Has fallen apart right in front of you

Caught in the undertow, just caught in the undertow
Every step that I take is another mistake to you
Caught in the undertow, just caught in the undertow
And every second I waste is more than I can take

I’ve become so numb, I can’t feel you there
Become so tired, so much more aware
By becoming this all I want to do
Is be more like me and be less like you

And I know I may end up failing too
But I know you were just like me with someone disappointed in you

I’ve become so numb, I can’t feel you there
Become so tired, so much more aware
By becoming this all I want to do
Is be more like me and be less like you

I’ve become so numb, I can’t feel you there
I’m tired of being what you want me to be
I’ve become so numb, I can’t feel you there
I’m tired of being what you want me to be


18 Lesermeinungen

  1. Ali sagt:

    Schöner Vergleich
    Und schöne Interpretation der zwei ähnlichen Welten.

    Hat mich daran erinnert, dass ich dieses Werk von Kafka, welches ich in der Schule nur halbherzig wahrgenommen habe, mal genauer lesen sollte.

    Es waren zwei verschiedene Künstler, daher wird der Vergleich nie 100%ig passen. Dennoch wurden die Parallelen mMn genau aufgezeigt.

  2. Antonio Wolf sagt:

    Schade
    Ich find es schade, dass man keine andere Möglichkeit findet, mit seiner Depression umzugehen RIP Chester Bennington 1976-2017 🎗️ 🎗️ 🎗️

  3. Angelika sagt:

    Linkin park
    Hoffe, dass es für die Menschen immer jemand da ist der ihnen beiseite steht, das Thema wird immer noch nicht so ernst genommen. Leider. So ist die Gesellschaft, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf das es besser wird. Man soll nie aufgeben, egal wie schwer es ist im Leben. Super lied,past verfekt.lg

  4. Jessi sagt:

    Das beste Lied
    Ein super Artikel über dieses grandiose Lied.

  5. Astrid sagt:

    Vermisst...
    … werden wird er für immer. Wirklich unfassbar traurig. Auch noch 2.5 Jahre später.

  6. Patrick sagt:

    120% Emotion
    Ich gebe es zu, mich rührt Numb fast jedes Mal zu Tränen.

    Ähnlich wie Somewhere I Belong, Breaking the Habit, Crawling (die One More Light Live Version sie hier allen empfohlen die sie noch nicht kennen), Papercut, In the End.

    Für mich persönlich die besten, weil emotionalsten, Songs aller Zeiten.

    Nur die „Kafka-Nähe“ die hier beschrieben wird, die sehe ich ehrlich gesagt nicht wirklich.

    Trotzdem ein sehr schöner Beitrag zu einem noch schöneren Song 🙂

  7. Denise sagt:

    Schöner Vergleich, aber...
    Ein schön geschriebener Artikel. Linkin Park hat mich mein ganzes Leben begleitet und Kraft gegeben wenn ich verzweifelt war.
    Was mir jedoch Unbehagen bereitet, ist die Vorstellung, auf ein Treffen der beiden zu hoffen, wo Alkohol im Spiel ist. An sich ein schöner Wunsch, jedoch sehr unpassend bei einem Alkoholiker.

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