Pop-Anthologie

Roberta Flack: „Killing Me Softly with His Song“

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Dieses auch von den Fugees gecoverte Lied stammt eigentlich von Lori Lieberman. Sie notierte den Text auf einem Konzert von Don McLean. Berühmt machte den Song Roberta Flack. Sie hatte ihn zufällig als Bordmusik gehört.

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Roberta Flack im Jahr 1970

Ein Song, eine Begegnung, eine Geschichte. Weil er gelobt wurde, besucht eine Frau den Auftritt eines jungen Sängers und erlebt, was vielleicht jeder Song erreichen möchte: dass er das Herz trifft. Mitten im Konzert wacht sie sozusagen noch einmal auf, als würden sich die Ohren jetzt erst öffnen. Die Musik, von den ersten Akkorden bis zum letzten Ton, drückt aus, was sie fühlt, und die Worte erzählen, was ihr selbst widerfahren ist. Zwar scheint der Sänger auf der Bühne über Eigenes zu singen, doch in Wahrheit spricht er von ihr. Ihr Schmerz ist es, der geklimpert wird („strumming“), und so rauh diese Bezeichnung wirkt, so wehrlos ist sie dem Zugriff des Songs ausgeliefert. Ihre geheime Geschichte macht er öffentlich, als läse er die Briefe vor, in denen sie das Innerste preisgab, und sie glaubt sich dem Spott der anderen ausgesetzt. „Aufhören!“ fleht sie, aber der „young boy“ auf der Bühne nimmt die Frau gar nicht wahr. Sein Lied schwebt ins Publikum und „killt“, aber „softly“, weswegen sie es hören und hören und hören möchte, denn bei allem Schmerz tröstet es auch. 

Lori Lieberman, die dies erlebte, entstammt einer gutbürgerlichen jüdischen Familie aus Los Angeles. Da ihr Vater, ein Chemiker, für eine Schweizer Firma arbeitete und die Familie ihn begleitete, wenn seine Anwesenheit in Europa erforderlich war, gehörten Wechsel und Wurzellosigkeit zu ihrer Kindheit. Sie liebt Musik, besitzt eine zarte, angenehme Stimme, spielt Gitarre und versucht sich in eigenen Kompositionen. Neunzehnjährig lernt sie das Duo Norman Gimbel (Songwriter) und Charles Fox (Komponist) kennen, vielleicht nicht zur Spitzengruppe zählend, aber anerkannt, und unterschreibt 1970 einen Vertrag. Ihr Genre ist Folk.

Im nächsten Jahr tritt Don McLean im Club Roulette in Los Angeles auf. Er hat gerade „American Pie“ veröffentlicht, einen flotten Ohrwurm auf dem Weg zur Nummer eins. Lori Lieberman besucht seine Show und wird von einem anderen Lied überwältigt. Es ist das langsame, melancholische „Empty Chairs“, die Klage eines/einer Verlassenen, die sie hinreißt. Noch während der Vorstellung notiert sie ihre Eindrücke auf einer Serviette. Später ruft sie Gimbel an, der Fox benachrichtigt, und alle drei beginnen an einem Song zu arbeiten, der das Getroffenwerden, wie Lori es an jenem Abend erfuhr, zum Thema hat. Ein Meta-Song über Wirkung und Rezeption, hoffentlich genauso bewegend wie der Anlass. So entsteht „Killing Me Softly with His Song“, den Capitol 1972 veröffentlicht:

Ein stilles, intimes Lied, wunderschön gesungen. Doch Loris erste LP, auf der es figuriert, „doesn’t chart“.

Immerhin wird die Platte von American Airlines für ihre Bordmusik erworben. Während eines Flugs hört Roberta Flack das Lied und wird so getroffen wie einst Lori von „Empty Chairs“. Da sie bereits berühmt ist und Quincy Jones überzeugen kann, dass dieser Song sein Super-Potential entfalten wird, wenn sie ihn singt, kommt die zweite Version zur Welt. Flack, am 10. Februar 1937 in Chicago geboren, hat gerade einen Nummer-Eins-Erfolg mit „The First Time I Ever Saw Your Face“ gehabt und ist auf der Suche nach einem Anschlusstreffer. Ihr Genre ist Soul, ohne Kitschfurcht verstärkt sie die Emotionen, singt mit eindrucksvoller Stimme, als ginge es um Leib und Leben, „killing“ und „softly“, Samt und Stahl zugleich. Und so, auf üppigen instrumentalen und chorischen Sound-Wolken, steigt das Lied geradewegs in den Himmel auf und gewinnt 1974 den Grammy Award for Record of the Year.

Arme Lori. Sie hat das Thema geliefert, die Idee. Welchen Beitrag sie zu den Worten des Textes und den Noten der Komposition leistete, wird unterschiedlich dargestellt. Sie wurde nicht credited, Gimbel/Fox besitzen die Rechte. Auch ihre folgenden LPs fanden nur geringes Echo, nach einigen Jahren verließ sie die Bühne und zog drei Kinder groß. Anfang 2017 lud ein gewisser Sam Spade (wohl ein Dashiell Hammet-Pseudonym) den Mitschnitt von 1975 hoch, der sie jung und schön zeigt und über 143.000 Aufrufe und viele lobende Kommentare erntete. Zu dieser Zeit war sie schon wieder zurück, nahm CDs auf und tourte, vor allem in Europa. In einem Interview erzählt sie die Geschichte aus ihrem Blickwinkel:

Der Ruhm der Urfassung bleibt ihr – den mehr als 150 Coverversionen zum Trotz. Die jüngste stammt von den Fugees, die den Song sozusagen dekonstruierten. Noch eine Erfolgsgeschichte, nun ja. Kurios hingegen, dass ein Schelm eine „Frank-Sinatra-Version“ postete mit einem Foto, das den Helden des Cool als Sensitive Guy mit schmerzlich gerunzelter Stirn und traurigen Augen vor einem Mikro zeigt, makellos singend zu allerhand Geigenschmalz. 95 Millionen Aufrufe, und dann war es doch Perry Como, der das schon in den Siebzigern aufgenommen hatte.

Lange her, das Leben geht weiter, manche gewinnen, viele verlieren, manche täuschen, alle hoffen. Kaum jemand wird sich zutrauen, einen solchen Intensivbrenner zu schreiben wie „Killing Me Softly“, aber als Hörer einem Lied zu begegnen, das genau und unfehlbar die Saiten anschlägt, die innen auf Berührung warten, scheint doch möglich.

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„Killing Me Softly with His Song“

Strumming my pain with his fingers,
Singing my life with his words,
Killing me softly with his song,
Killing me softly with his song,
Telling my whole life with his words,
Killing me softly with his song

I heard he sang a good song, I heard he had a style.
And so I came to see him to listen for a while.
And there he was this young boy, a stranger to my eyes.

Strumming my pain with his fingers,
Singing my life with his words,
Killing me softly with his song,
Killing me softly with his song,
Telling my whole life with his words,
Killing me softly with his song

I felt all flushed with fever, embarrassed by the crowd,
I felt he found my letters and read each one out loud.
I prayed that he would finish but he just kept right on.
Strumming my pain with his fingers,

Singing my life with his words,
Killing me softly with his song,
Killing me softly with his song,
Telling my whole life with his words,
Killing me softly with his song

He sang as if he knew me in all my dark despair
And then he looked right through me as if I wasn’t there.
But he just came to singing, singing clear and strong.

Strumming my pain with his fingers,
Singing my life with his words,
Killing me softly with his song,
Killing me softly with his song,
Telling my whole life with his words,
Killing me softly with his song


10 Lesermeinungen

  1. Strumming my pain
    durch strassen floss sie lange zeit
    gut ding wollt weile haben
    in ihr ein schloss aus sehnsucht und relikten, gefasst in „siebzehn jahr“ und „alles her was leben ist“

    die alte katze nun krault ihren igel herzwarm getragen lebenslang. wir
    werden weichen bald dem tod, uns scheiden. ich danke dir
    für alle leiden, bis dahin bitte fahre fort
    strumming my pain with your fingers strumming my brain with your words
    strumming my life with your love

    Nächtliche Lesefreuden. Herzlichen Dank.

  2. Strumming
    Strumming bezeichnet die Rhythmusarbeit auf einer Gitarre. Das kann auch sehr zärtlich passieren, so dass man auch von Streicheln sprechen kann – wäre in diesem Kontext wohl angemessen.
    Unser Pianist dachte bezeichnenderweise auch immer, dass der Young Boy auf den Tasten becirct.
    Don McLean sah man wohl eher an einer Gitarre als an einem keyboard. Bleibt auf jeden Fall ein großer Song mit gelungenener Melodie, Harmonien und Text.

  3. Immer wieder und immer noch
    Ja. dieser Song hat mich gefesselt!

    Schon damals vor mehr als 50 Jahren.

    Bin nun im 80 Lebensjahr.

    Er hat mich so sehr gefesselt, dass ich ihn für meine Trauerfeier vorgesehen habe und hoffe, dass dann deswegen einige Tränen verdrückt werden.

  4. Meisterhafter Song
    Die Erstversion ist klasse.
    So wie ich es verstanden habe, bekam Lori Liebermann nicht den Kredit, den ihre wundervolle Arbeit verdient hätte.
    Den Song muss man erstmal kreieren.

  5. Danke
    Danke für diesen schönen Beitrag, die Entdeckung des Ursprungs und für die Bezaubernde Version von Lori Lieberman.

  6. Das "Nachgemachte" besser als das Original
    Das passiert immer wieder. Wobei „besser“ natürlich Geschmacksache ist. Aber mehrheitlich dann als „besser“ empfunden wird.
    Mir gefällt z.B. „Talking back to the Night“ von Joe Cocker besser als dsa Original von Steve Winwood.
    Oder „Just the Way You are“ von Barry White besser als das Original von Billy Joel.
    Wenn man sich vom Nimbus des Originals befreit, ist die Neuinterpretation manchmal „runder“.

    • Um etwas besser zu machen
      muss es erst einmal existieren. Der Schaffensakt ist dem Verbessern (subjektiv), oder einfacher ausgedrückt, dem „anders machen“, um den Faktor „Unendlich“ überlegen.

    • Titel eingeben
      Schwierig, und immer wieder eine interessante Frage. Ich war lange Zeit der Überzeugung man könne die Beatles nicht wirklich covern, weil soviel von den Persönlichkeiten in den Aufnahmen steckt. Dann habe ich „Yesterday“ von Ray Charles gehört und mich spontan umentschieden.
      Worum es hier aber geht ist vielleicht etwas anders – einen Song zu entdecken. „Just the way your are“ hat es auch ohne Barry White geschafft (ich bin übrigens diametral anderer Meinung als Herr Emrich, finde „Just..“ hat bei Billy Joel schon Zucker und Sirup genug) aber „Killing me softly musste offensichtlich neuentdeckt und wiedergefunden werden. Auch das ist eine Gabe – das Potential eines Songs zu erkennen. Solche Geschichten sind allerdings auch nicht selten – ich meine „Everybodies talkin…“ hat eine ähnliche Geschichte. Nichtsdestotrotz – toller Artikel…

  7. Tempi passati
    Wenn ich den Text lese höre ich den Song und bin in meine Jugend zurück versetzt

  8. Diesen Song von Roberta Flack fand ich früher schon gigantisch
    Und natürlich auch den Text.

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