Pop-Anthologie

Fugazi: „Waiting Room“

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Die Zukunft kommt von ganz allein, man sollte nicht auf sie warten. Fugazi besangen mit „Waiting Room“ ein junges Gefühl. Jetzt, da soziale Distanz und Geduld gefragt sind, hört sich der Song noch einmal anders an. 

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Das Warten ist eine Tugend. Voller Angst warten wir auf ein Testergebnis, voller Hoffnung auf das Ende der Quarantäne oder der Ausgangssperre, auf einen Impfstoff, auf Heilung, auf ein baldiges Ende der Pandemie. Auf einem Konzert widmete Ian MacKaye „Waiting Room“ allen Menschen, die im Gefängnis sitzen, die sich in Geduld üben müssen und warten und warten und warten. Ausschließlich an Inhaftierte richtet sich der Song sicherlich nicht. Er beschreibt ein junges Gefühl. Das Warten darauf, dass das Leben endlich richtig losgeht, darauf, frei und der zu sein, der man tatsächlich sein will. Und das hört nie auf: Glauben Sie wirklich, es ist Ihre Berufung, freier Journalist, Controller oder Projektmanager zu werden und zwei Kinder in die Welt zu setzen? Das kann es doch noch nicht gewesen sein, oder? Da kommt noch was, ganz bestimmt. Warten Sie’s nur ab. 

Ian MacKaye wollte Mitte der achtziger Jahre einfach nur mit ein paar Gleichgesinnten Musik machen. Eine weitere Band wollte er nicht gründen. Das hatte er nach dem Ende der Hardcore-Punk-Bands Teen Idles, Minor Threat – mit der er die Gegenkultur des „Straight Edge“ prägte – und Embrace fürs Erste hinter sich. Was ihm vorschwebte, war eine Mischung aus dem energischen Rock der Stooges oder MC5 und Reggae. Klingt unmöglich, war in der damaligen Washingtoner Szene aber eine durchaus naheliegende Idee, wie sich anhand Scott Crawfords Dokumentarfilm „Salad Days“ (2014) nachvollziehen lässt. In den Subkulturen der amerikanischen Hauptstadt trafen nicht nur schwarze und weiße Bevölkerungsgruppen aufeinander, auch die Grenzen zwischen den Stilrichtungen waren fließend. Kein Wunder also, dass sich im Punk aus Washington Spurenelemente aus Reggae, R&B, Soul, Funk und Go-go wiederfinden. Man brauchte nur die richtigen, ebenso aufgeschlossenen wie experimentierfreudigen Musiker dazu. 

MacKaye fand sie in dem Bassisten Joe Lally, dem Schlagzeuger Brendan Canty und – etwas später – dem Gitarristen Guy Picciotto. Als die Gruppe sich 1987 zu einem ersten Live-Auftritt durchrang, brauchte sie einen Namen. MacKaye schlug einen zynischen Slang-Begriff vor, den Vietnam-Veteranen gebrauchten: Fugazi steht für „Fucked Up, Got Ambushed, Zipped In“. Wer eh schon in der Scheiße sitzt, gerät dann auch noch in einen Hinterhalt und endet im Leichensack. Angesichts unser aller Sterblichkeit darf dies als Metapher für das Leben an sich verstanden werden. Das Leben als das Wartezimmer für den Tod zu betrachten, so weit muss man indes nicht gehen. Denn bevor es so weit ist, gibt es einiges zu tun. Die Frage ist nur, was und wann man sich endlich dazu aufraffen kann. „Come on and get up.“ 

„Waiting Room“, das auf der ersten EP von Fugazi, geläufig unter dem Titel „7 Songs“, 1988 erschien, beginnt mit einem markanten und unwiderstehlichen Basslauf. Dem geduldig wartenden Jungen zerrinnt die Zeit zwischen den Fingern, während sie musikalisch angehalten wird. Der Song pausiert, verharrt nach 22 Sekunden mitten in der Bewegung und setzt neu an; das Tempo wird von Schlagzeug und Gitarre, die hier noch allein MacKaye beisteuert, immer wieder verschleppt. „My time is water down a drain.“ Doch damit soll es ein Ende haben, ihr werdet schon sehen: „I won’t sit idly by / I’m planning a big surprise / I’m gonna fight / For what I want to be.“ 

Im Falle von MacKaye und Fugazi war klar, was sie sein wollten: keine Arschlöcher. Für sie bedeutete das, zurückgreifend auf die Ursprünge von Straight Edge: kein Alkohol, keine Drogen, kein Sex als reiner Selbstzweck oder Eroberungsgehabe. Das schloss auch die Konsequenz mit ein, sich nicht von Magazinen interviewen zu lassen, die Werbung für Alkohol oder Zigaretten enthielten oder sexistische Anzeigenmotive. Es bedeutete, sich gegen Rassismus einzusetzen und für die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Es bedeutete, die eigenen Fans nicht über den Tisch zu ziehen, keine Merchandising-Artikel zu produzieren und die Ticketpreise niedrig zu halten. Es bedeutete, gewaltsame Auseinandersetzungen auf Konzerten, Slam Dancing und Stage Diving zu unterbinden. Wer sich daran nicht hielt, musste das Konzert verlassen und bekam sein Eintrittsgeld zurück. Nicht zuletzt bedeutete es die Erschaffung eines unabhängigen Geschäftsmodells, die Gründung eines eigenen Labels namens Dischord, das MacKaye mit dem Minor Threat-Drummer Jeff Nelson bereits 1980 aus der Taufe gehoben hatte. Damit waren Fugazi vor den Verlockungen der Major-Labels gefeit, die insbesondere nach dem Erfolg von Nirvana ihre Fühler nach allem ausstreckten, was nach Alternative Rock klang. Und es hat funktioniert. 

Das Plattenlabel gibt es immer noch. Nur die Band Fugazi nimmt sich seit 2003 eine Auszeit. Sie kann warten. Anders als wir (abseits der systemrelevanten Berufe), die wir das Warten verlernt haben. Denn statt zu warten, machen wir weiter, immer weiter. Im digitalen Raum und im Home Office, beim Schulunterricht zu Hause und per Skype-Konferenz. Hauptsache, der Laden läuft. „Function is the key.“ Aber legen Fugazi nicht nahe, dass es die vermaledeite Warterei auch braucht, um überhaupt auf die Idee zu kommen, wer man sein will und wofür es sich zu kämpfen lohnt? Dass nur die leere Zeit und die Ungewissheit einen Möglichkeitsraum eröffnen? Wäre doch blöd, das nur auf den Einzelnen zu beziehen. Ganze Gesellschaften und Wirtschaftssysteme sollten sich jetzt in Frage stellen. Worauf warten wir eigentlich?  

Fugazi: „Waiting Room“

*** 

Waiting Room 

I am a patient boy 
I wait, I wait, I wait, I wait 
My time is water down a drain 
 
Everybody’s moving 
Everybody’s moving 
Everything is moving, 
Moving, moving, moving 
 
Please don’t leave me to remain 
In the waiting room 
 
I don’t want the news 
(I cannot use it) 
I don’t want the news 
(I won’t live by it) 
 
Sitting outside of town 
Everybody’s always down 
(Tell me why) 
 
Because they can’t get up 
(Ahhh… Come on and get up) 
(Come on and get up) 
 
But I won’t sit idly by 
(Ahhh…) 
I’m planning a big surprise 
I’m gonna fight 
For what I want to be 
 
And I won’t make the same mistakes 
(Because I know) 
Because I know how much time that wastes 
(And function) 
Function is the key 
Inside the waiting room 
 
I don’t want the news 
(I cannot use it) 
I don’t want the news 
(I won’t live by it) 
 
Sitting outside of town 
Everybody’s always down 
(Tell me why) 
 
Because they can‘t get up 
(Ahhh… Come on and get up) 
Up from the waiting room 
 
Sitting in the waiting room 
(Ahhh…) 
Sitting in the waiting room 
(Ahhh…) 
Sitting in the waiting room 
(Ahhh…) 
Sitting in the waiting room 
(Ahhh…) 
 
(Tell me why) 
Because they can’t get up 


8 Lesermeinungen

  1. Still waiting
    Danke. Danke. Danke.
    Die großartigste Band die es je gab!
    F u g a z i

  2. Schön!
    Herzlichen Dank, Alexander Müller! Guter und richtiger Text über ein schönes Stück Musik einer der zeitlos-schönen Bands.

  3. Der Zeit voraus
    Diese Band war der Zeit vorraus. In der Einstellung und der Musik. Nie leicht zu hören, aber dennoch mit die schönsten Momente gebracht. Danke Fugazi. Und danke dem Autor für diese tolle Erinnerung.

  4. Danke
    Tatsächlich habe ich Fugazi nach Jahren letztens wieder rausgekramt. Daher freut mich das auch was über sie zu lesen…

  5. Gute Musik - danke!
    Wie immer sehr guter Artikel von Alexander Müller! Danke!

  6. Klassiker
    Ums mit Jonathan Safran Foer zu sagen: „Die großartigste Band, die es je gab, und zwar in jeder Beziehung. Ihre Musik war großartig. Ihr Ethos war großartig. Sie waren einfach großartig.“ Und: Waiting Room ist immer noch & immer wieder großartig.

  7. Danke!
    …dafür, dass Sie an den Song und die tolle Band erinnern. Astrein!

  8. Danke
    Vielen Dank für diesen anregenden Artikel.
    So ist es: Zeit zum Nachdenken, Zeit für einen Neustart.

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