Pop-Anthologie

The Kinks: „Lola“

| 18 Lesermeinungen

Ein Song für Jugendliche, der das verdeckte Milieu der Trans-Bars schilderte? Das war 1970 ein Tabubruch. Dann gab es auch noch Schwierigkeiten mit einer Getränkemarke. Die Kinks hatten trotzdem großen Erfolg damit.

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The Kinks

Was zählt? Die Musik und die Gruppe, wie immer, aber diesmal auch der Text, der den Song zur „first openly gay ballad“ machte. Damals, im Juni 1970, war das ein Tabubruch, und die Kinks riskierten, dass der Song als persönliches Outing verstanden wurde. „Kinky“ zu sein bedeutet nicht nur „schrullig“ oder „bizarr“ zu sein, sondern auch „abnorm“ oder „pervers“ – der selbst gewählte Band-Name war eine gewollte Abgrenzung und Provokation. Als sich die Gruppe Anfang der Sechziger Jahre zusammenfand, sollte ihre Musik so aggressiv und „dagegen“ klingen wie sie sich fühlten, und ihr erster großer Erfolg „You Really Got Me“ zielte mit seinem aufmüpfigen Hämmern genau darauf ab.

Dann wechselte die Mode, das Böse-Buben-Image blieb die Domäne der Rolling Stones und die Kinks feierten Triumphe mit melancholischen Balladen. Sorgsam frisierte Bubiköpfe, Fantasy-Jacken und Spitzenjabots ließen sie eher soft und androgyn erscheinen. Dave, der jüngere der beiden Davies-Brüder, war eine fragile Schönheit, die sicherlich beide Geschlechter anzog.   

Ob „Lola“ eine selbst erlebte Geschichte erzählt, wie in verschiedenen Interviews behauptet wurde, spielte keine Rolle. Skandalös war, dass ein Song für Jugendliche das verdeckte Milieu der Trans-Bars schilderte. Dass es Homosexuelle und Transvestiten gab, konnte nicht geleugnet werden, aber musste man sie denn besingen, öffentlich und einfach so, ohne sie zu verurteilen? Vielen Eltern war es nicht recht.

Auf der Tanzfläche eines billigen Clubs in Soho bewegt sich Lola, die Schöne, wie eine Frau, aber ihre Stimme und ihre Kraft gehören einem Mann. Der gerade von zuhause geflohene, unerfahrene Ich-Erzähler wehrt Lolas Angebote ab, als ihm aufgeht, dass er sich getäuscht hat, behält aber den liebevollen Blick in Erinnerung, in dem ihre Begegnung gipfelt. Keine missglückte Verführung, keine Lachnummer, sondern ein Bild ohne Bitterkeit („Well that’s the way I want it to stay“).

Diese Story könnte spöttisch erzählt werden oder schnulzig, hämisch oder pornographisch. Nichts von alledem, sondern ein heiteres Lied, dessen Latino-Rhythmus zum Tanzen und Mitsingen auffordert und gute Laune erzeugt. Und nicht Lola macht sich lächerlich, sondern der Erzähler in seiner Torheit, der, klüger geworden, den Song auf selbstironische Weise wie eine Anekdote zum Besten gibt: Stell dir vor, was mir passiert ist, jung und blöd wie ich war… Die Welt, so die Botschaft, ist nicht so eindeutig, wie es scheint, und über „I want to hold your hand“ war der Pop lange hinaus. Die Welt hat sich als „mixed up, muddled up, shook up“ erwiesen, selbst simple Kategorien wie „weiblich“ und „männlich“ besitzen nicht die Trennschärfe, die ihnen unterstellt wird. Schau genau hin und du merkst, dass soziale Verhältnisse kompliziert sind, aber auch reizvoll. Kein Grund zur Klage, kein Grund, sich zu schämen, jeder ist willkommen oder sollte es wenigstens sein. Ray Davies, der Kopf der Kinks, singt das Lied mit dem augenzwinkernden, asymmetrischen Lächeln, das sein Markenzeichen wurde.

Obwohl die Kritik den Song lobte (kritische und empörte Stimmen gab es natürlich auch), wollten nicht alle englischen Radiostationen ihn spielen, einige amerikanische Sender ebenfalls nicht und in Australien wurde er gar verboten. Dazu kamen Schwierigkeiten, weil die Stereo-Version den Markennamen „Coca Cola“ enthielt: unerlaubte Werbung! Mitten in der US-Tour der „Kinks“ musste Ray Davies nach London fliegen, um „Coca“ durch „cherry“ zu ersetzen (also Markennamen durch Gattungsbezeichnung – es existierte tatsächlich ein flüssiges Grauen namens „Kirsch-Cola“). Die Fans kauften die Single trotzdem. Sie erreichte Spitzenplätze in den europäischen Charts und blieb eine der Standard-Nummern der Kinks bei Konzerten.

Ein halbes Jahrhundert ist das her. Die beiden Davies-Brüder, die so liebenswürdig schienen, verstrickten sich in Dauergezänk und Rüpeleien, die die Band ruinierten. Getrennte Solokarrieren funktionierten nur mäßig, eine immer wieder angekündigte Reunion der Kinks blieb ein Traum. Ray, der Komponist und Texter, wurde immerhin von Prinz Charles zum „Commander of the British Empire“ befördert, wahrlich verdient. „Waterloo Sunset“, „Sunny Afternoon“, „Dedicated Follower of Fashion“ und andere Songs gehören zu Britanniens glorreichem Erbe, und nicht nur Ray hatte Tränen in den Augen, als er 2015 „Waterloo Sunset“ noch einmal auf der South Bank mit Blick auf die Waterloo Bridge aufnahm. „Lola“ ist heute ein musikalisch immer noch interessantes, textlich pfiffiges Lied. Für Erregung könnte höchstens die fröhliche Zeile „But I know what I am and I’m glad I’m a man“ sorgen. Tz, tz, wer sagt denn so etwas oder singt es gar? Shitstorm-Gefahr!

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I met her in a club down in old Soho

Where you drink champagne and it tastes just like

Coca Cola

C-O-L-A Cola

She walked up to me and she asked me to dance

I asked her her name and in a dark brown voice she said „Lola“

L-O-L-A Lola, lo lo lo lo Lola

Well, I’m not the world’s most physical guy

But when she squeezed me tight she nearly broke my spine

Oh my Lola, lo lo lo lo Lola

Well, I’m not dumb but I can’t understand

Why she walked like a woman but talked like a man

Oh my Lola, lo lo lo lo Lola, lo lo lo lo Lola

Well, we drank champagne and danced all night

Under electric candlelight

She picked me up and sat me on her knee

She said: „Little boy, won’t you come home with me?“

Well I’m not the world’s most passionate guy

But when I looked in her eyes

well, I almost fell for my Lola

Lo lo lo lo Lola ….

I pushed her away

I walked to the door

I fell to the floor

I got down on my knees

Then I looked at her and she at me

Well, thats the way I want it to stay

And I always want it to be that way for my Lola

Lo lo lo lo Lola

Girls will be boys and boys will be girls

It’s a mixed up, muddled up, shook up world

Except for Lola

Lo lo lo lo Lola

Well I’d left home just a week before

And I never ever kissed a woman before

But Lola smiled and took me by the hand

She said, „Little boy, gonna make you a man“

well, I’m not the world’s most masculine man

But I know what I am and I’m glad I’m a man

And so is Lola

Lo lo lo lo Lola, lo lo lo lo Lola…


18 Lesermeinungen

  1. Matthias sagt:

    Da fehlt noch was
    Schöner Text, danke dafür. Ein Hinweis auf Heinz Rudolf Kunzes mit Witz und Augenzwinkern übersetzte Cover-Version wäre noch schön gewesen.

  2. Herb sagt:

    The Kinks "Lola" und die verkannteste Band der Rockgeschichte
    Die Kinks sind ohne Zweifel eine der besten Bands und vermulich DIE am meist unterschätzte Band der sog. Rockgeschichte. Wer „rockmusikalisch“ etwas lernen will, findet bei den Kinks noch mehr Schätze als bei den Beatles. Ich konnte bei Ray einen Songwriting-Lehrgang absolvieren und er stellte mir zur Aufgabe, dass von den 10 Songs, die ich innerhalb einer Woche zu schreiben hatte, jeder Song immer anders klingen sollte als der vorhergegangene. Und tatsächlich ist es bei den Kinks so gewesen. Ray ist ein Verwandlungskünstler und ein Meister im Wechseln der Tonarten.

  3. Peer Menkens sagt:

    Days
    Als ich mit 11 Days hörte hatten sie mich. Nach 52 Jahren immer noch gefangen und will nicht befreit werden.

    • Ray Davies Ultra-C.Ki sagt:

      Jawohl, Peer Menkense
      Ich bin wohl eine Generation später geboren, aber mit der „Village Green Preservation Society“ aufgewachsen. Durch meinen Onkel hatte ich mit 11 „You really got me“ zum ersten Mal gehört. Mit 12 Jahren habe ich für 18 DM in einem Stapel Kinks – LPs die erstbeste Scheibe gegrabscht. Und das war zufällig die damals rare und nach dem Erscheinen gefloppte“Village Green Preservation Society“. Trotz Punk-Eskapaden war diese Platte mein steter Begleiter. „Days“ war auf meiner Pressung nicht enthalten. Auf den späteren Versionn wurde es zugefügt. Eben habeich eine Days Version von Ray Davies in einem Kinks Forum postuliert: „What a poignant version of the greatest love song of all time in my ears. I only found this live recording about four weeks ago and I’m addicted again. I am a confessional Atheist and shy of exuberant emotions out of caution. But here, Grandmaster Ray points all existing world religions to the farthest places….“

  4. Stefan Gies sagt:

    Die beste Band aller Zeiten
    Auch ich halte die Kinks für die beste Band aller Zeiten.Ihre Musik und ihre Texte sind einzigartig.Ich habe alle Alben sowohl von den Kinks, als auch von Ray Davies und Dave Davies. Meine Lieblingsplatte ist „Arthur“ und mein Lieblingssong ist Shangri-La, der schönste und am meisten unterschätze Song der Musikgeschichte.

  5. Gast sagt:

    Titel eingeben
    Ich habe beide Davies solo live gesehen – Ray mit all seinen Kinks-Hits sowie Dave mit seiner Musik sogar 2x! Beide sind super Musiker und ich bin stolz darauf beide live gesehen zu haben.

  6. Ursula Hahn sagt:

    Beste Band aller Zeiten
    Lola ist nicht mein Lieblingssong der Kinks, aber er zeigt das Besondere an den Texten von Ray, wer sonst hätte über so ein Thema geschrieben (und gesungen), wer über Heuschnupfen und Phobien usw usw. Ich bin Kinksfan seit ich ‚Dedicated Follower of Fashion‘ zum ersten Mal gehört habe und besitze alle Alben, auch die von Ray und Dave. Da gibt es noch viele andere „Juwelen“ zu entdecken.
    Leider haben es viel zu wenige erkannt, aber für mich sind die Kinks die beste Band aller Zeiten .

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