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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Praxissemester an der Schule: Und plötzlich bin ich doch überfordert

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Warum tut man sich das an – Lehrer werden? Ist Schule wirklich so schlimm? Im Praxissemester vor dem Referendariat stellt sich diese Frage mit Nachdruck. Erlebnisbericht eines Lehramtskandidaten. 

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© Britta Pedersen / dpaErleichterung, wenn das Horrorszenario in der Klasse ausbleibt

Montagmorgen, 8 Uhr – eine für die meisten Studierenden untypische Arbeitszeit: Ich sitze mit 23 Jahren wieder auf der Schulbank. Nicht weil ich eine Menge Extrarunden im Schulsystem gedreht habe, sondern weil ich auf die andere Seite im Klassenraum will, nämlich hinters Pult. Seit acht Semestern studiere ich Deutsch und Sozialwissenschaften fürs Gymnasiallehramt und befinde mich im Praxissemester kurz vorm Eintritt ins Referendariat. Ein knappes halbes Jahr werde ich nun wieder eine Schule besuchen. Mit dem Praxissemester sollen Studierende mehr auf den Schulalltag vorbereitet werden. Eine sinnvolle Entwicklung, denn nicht wenige Junglehrer berichten von einem Praxisschock zu Beginn des Berufslebens. Das Praktikum erlebt man in einem geschützten Raum. Anders als im Referendariat werden die zwei Unterrichtsbesuche nicht bewertet. Es folgt lediglich ein Feedback-Gespräch, in dem auch die Frage gestellt wird: Wollen Sie den Beruf tatsächlich ausüben? Wer die Frage mit „Nein“ beantwortet, muss sich mit seinem Lehramts-Master anderweitig orientieren.

Endlich nah am Traumberuf, endlich direkten Kontakt zu Schülern. Gerade letztere werden ständig schon fast als das personifiziertes Böse dargestellt, wenn man über den Lehrerberuf redet. „Warum tut man es sich heute noch an, Lehrer zu werden“, schallt die apokalyptische Frage bei Familientreffen oft aus allen Richtungen. Der Lehrerberuf wird als nervenaufreibend angesehen, als eine dauerhafte Konfrontation mit vermeintlich respektlosen Schülern – vor allem im ruhrpöttischem Duisburg. Sie könnten sich nicht benehmen, seien vorlaut und ohnehin wüssten sie nicht mal die einfachsten Sachen, keifen Schwarzseher, die nicht selten seit Jahrzehnten kein Schulgebäude mehr von innen gesehen haben.

Ein Spagat in mehrere Richtungen

Von meinem Tisch im hinteren Teil des Klassenzimmers aus habe ich einen guten Überblick über die sechste Klasse eines Duisburger Gymnasiums, die ich im Fach Deutsch begleite. 27 Schüler lernen dort gemeinsam. Durch meinen Kopf schweifen derweil Erinnerungen an meine eigene Schulzeit. Unsere Klasse war schlimm und schwankte zwischen Lethargie an guten – und Chaos an schlechten Tagen. Ein Horrorszenario für Lehrer, das ich aber bisher an keiner meiner Praktikumsschulen erlebt habe – unabhängig von Schulform oder Einzugsgebiet. So auch in der sechsten Klasse des Innenstadt-Gymnasiums, an dem ich mein Praxissemester absolviere: Gelegentliche Tuschelein mit dem Sitznachbarn und kindliches Gekicher sind das Schlimmste, was sich die Schüler hier zu Schulden kommen lassen. Ruhe kehrt schnell ein, wenn die Lehrkraft und ich entschlossen vor der Klasse stehen und ihr mahnende Blicke zuwerfen. Unterrichtsstörungen begegne ich hier deutlich stimmschonender als an einer Gesamtschule in einem Problemstadtteil, in dem ich eines meiner ersten Praktika gemacht habe. Mein Idealismus ist aber doch zu stark ausgeprägt, um im Referendariat die Flucht an ein gut betuchtes Gymnasium in der Hoffnung auf ein stressfreies Dasein anzustreben.

© dpaFür theoriebasierte Reflexion des Schulalltags bleibt später im Beruf oft nicht mehr viel Zeit

Der Fokus des Praxissemesters liegt – anders als im Referendariat, wo das Unterrichten im Vordergrund steht – eigentlich in der so genannten theoriebasierten Reflexion des Schulalltages. In drei Studienprojekten sollen Praxiserfahrungen wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Ich schaue mir zum Beispiel Unterrichtsmaterialien einer Politiklehrerin an und analysiere, ob sie dem Kontroversitätsgebot entsprechen, also die Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Andere Studierende beschäftigen sich in ihren Studienprojekten zum Beispiel mit Unterrichtseinstiegen oder sprachsensiblem Unterricht. So sehr ich den Anspruch, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden, gutheiße – schnell merke ich, dass es mich vor die Klasse zieht. Auch wenn das Lehramtsstudium eine akademische Ausbildung ist: Insgeheim wünsche ich mir, dass das Unterrichten mehr ins Zentrum rückt. Auf der Zielgeraden des Studiums brennt es mir unter den Nägeln, eigenständig zu unterrichten, sich auszuprobieren und Schülern dabei zu helfen, Themen zu verstehen und sie dafür zu faszinieren.

An meiner Schule gibt es für Praxissemester-Studierende Mentoren, deren Unterricht man begleitet und die mit Tipps zur Seite stehen. Dieses Glück haben nicht alle meiner Kommilitonen. Viele verbringen die knapp fünf Monate ausschließlich mit dem Hospitieren. Ich darf in meinen beiden Fächern je eine Unterrichtsreihe übernehmen – eine gute Gelegenheit, in die Rolle des Lehrers zu schlüpfen. Andererseits habe ich mir damit eine zusätzliche Belastung auferlegt. Statt selbständig zu unterrichten, sollen wir ja eigentlich an unseren Studienprojekten arbeiten. Außerdem ist die Schule, an der ich ungefähr 15 Stunden pro Woche verbringe, nicht der einzige Lernort im Praxissemester: Zusätzlich müssen Studierende begleitende Seminare in der Universität und im Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung besuchen. Nebenbei arbeiten zu gehen, ist schwierig – aber für einen Großteil der Studierenden notwendig, auch für mich.

Die größte Bestätigung

Ich stolpere beladen mit Schulbüchern vom Klassenraum in den Redaktionsraum der Studierendenzeitung akduell, bei der ich ebenfalls arbeite. Eine wirkliche Mittagspause habe ich nie. Die Straßenbahn funktioniere ich zum schlecht klimatisierten mobilen Büro um, damit ich nebenbei Kleinigkeiten für die kommenden Unterrichtsstunden vorbereiten kann. Nebenbei knabbere ich an einem Müsliriegel – in der Schule beendete der Gong die Pause, ehe ich die Orange überhaupt geschält hatte. Die Arbeit an den Studienprojekten verschiebt sich oft in den späten Nachmittag. Einige Studierende schaffen aber auch das nicht. Aufgrund der zahlreichen Belastungen im Praxissemester haben sie einfach keine Kapazitäten mehr dafür. Zeit ist während des Praktikums das wertvollste Gut. Nicht wenige lassen hunderte Umfragebögen von Freunden statt von Schülern ausfüllen, interviewen sich selbst anstelle von Fachlehrern und fälschen die Ergebnisse ihrer Projekte. Im Praxissemester werden moralische Grenzen genauso überschritten wie Belastungsgrenzen. In Zukunft wird die Anzahl der Studienprojekte aber reduziert – eine entlastende Entscheidung, die mehr Freiraum ermöglicht.

Welche Unterrichtsmaterialien sind geeignet?

Gerade die Unterrichtsvorbereitung frisst Zeit. In früheren Praktika stand ich natürlich auch schon vor Schulklassen und habe unterrichtet. Doch über mehrere Stunden hinweg zu planen und eine Unterrichtsreihe zu konzipieren, bedeutet eine Menge Arbeit – gerade für einen Junglehrer, der noch keinen großen Materialkorpus aufgebaut hat. Ich möchte den Schülern nicht einfach Texte aus dem Buch vorsetzen und sie mit Monologen berieseln. Das Zeitalter der Nürnberger-Trichter-Didaktik ist aus guten Gründen vorbei. Lernen auf Augenhöhe und das Ziehen am selben Strang weichen das hierarchische Gefälle im Klassenzimmer auf. Mit Anfang 20 klafft keine allzu große Alterslücke zwischen mir und den Schülern des Sozialwissenschafts-Kurses in der Jahrgangsstufe 11. Die Sorge, nicht als Lehrkraft ernst genommen zu werden, bewahrheitet sich glücklicherweise nicht.

Garniert mit aktuellen Bezügen beschäftigen wir uns mit den Facetten sozialer Ungleichheit. Den großen Wissensverfall kann ich nicht finden. Selbstverständlich fragt man sich, in welcher von Sozialen Medien und Nachrichten abgeschotteten Welt jener Schüler lebt, an dem die Existenz des SPD-Politikers Martin Schulz vorbeigegangen ist. Aber das ist auch schon der intellektuelle Tiefpunkt. Zumindest an meiner Schule. Ich habe das Glück, in einem lebhaften und diskussionsfreudigen Kurs unterrichten zu dürfen. Kommilitonen, die an Schulen in sozial schwachen Gegenden ihr Praxissemester absolvieren, berichten hingegen schon von einer ausgeprägten Null-Bock-Haltung der Schüler und geringem Allgemeinwissen. Kontroverse Debatten über Theorien, aber auch über Landes- und Bundespolitik, seien dort nur schwer umzusetzen – anders in meinem Kurs. Inhalte, die in der Uni noch theoretischer Natur waren, bekommen nun endlich ein praktisch anwendbares Antlitz. Das Studium hat mich dafür sensibilisiert, darauf zu achten, dass die Schüler interessiert sind und welche Unterrichtsmaterialien überhaupt geeignet sind. Moderierend dabei zuzusehen, wie die Schüler das Gelernte in völliger Selbstverständlichkeit in einer kontroversen und auch gerne mal hitzigen Diskussion anwenden, ist die größte Bestätigung dafür, dass die Stunden der Mehrarbeit sinnvoll genutzt waren.

Ungenügende Vorbereitung

Es kann aber auch anders zugehen. Jede Lerngruppe ist anders. Auch im Studium wird betont, wie wichtig der Umgang mit Heterogenität im Klassenzimmer ist. Konkrete Empfehlungen, wie man Kindern und Jugendlichen mit Förderbedarf helfen kann, erfuhr ich bis dato allerdings nicht. Nun sitzt unter den 25 Fünftklässlern, die ich für ein paar Stunden im Fach Politik unterrichten darf, eine Schülerin mit Lernbehinderung. Sie wird von einer Integrationshelferin begleitet, die sie bei der Bearbeitung von Aufgaben unterstützt. Alleine schafft sie es nicht, ihr Leistungsniveau liegt weit unter dem ihrer Mitschüler – und ich bin überfordert, wie ich mit ihr umgehen soll. Ich versuche, der Schülerin während der Einzelarbeitsphase zu helfen. Trotzdem habe ich einen gravierenden Fehler gemacht: Ich habe nur eine Version des Arbeitsmaterials erstellt. Dabei ist es die Aufgabe einer Lehrkraft, für jedes Kind eine gute Lernatmosphäre zu schaffen. Und dazu gehört auch, mehrere Arbeitsblätter innerhalb einer Lerngruppe anzufertigen, um den unterschiedlichen Leistungsständen der Schüler gerecht zu werden – Binnendifferenzierung heißt das Zauberwort.

Lehrer stehen vor großen Herausforderungen wie der Beschulung geflüchteter Kinder und Jugendlicher sowie der Inklusion. Konzepte dafür gibt es zwar – doch habe ich nicht den Eindruck, durch mein Studium gut darauf vorbereitet zu sein. Der Anteil dessen ist bestenfalls gering, oft aber überhaupt nicht vorhanden. Das Praxissemester offenbart mir: Es besteht enormer Handlungsbedarf. Am eigenen Leib spüre ich, dass angehende Lehrer vor eine Aufgabe gesetzt werden, auf die sie – wenn überhaupt – nur rudimentär vorbereitet sind.

Die Frage im Unterrichtsbesuch, ob ich Lehrer werden will, kann ich nach meinem halben Jahr Schulalltag mit einem lauten „Ja“ beantworten. Trotzdem kehre ich mit der Hoffnung an die Universität zurück, noch ein paar wertvolle Handreichungen für den inklusiven Unterricht mit auf den Weg zu bekommen. Andernfalls steht eine lange Zeit des Selbststudiums an, ehe ich mich tatsächlich auf den Start ins Referendariat vorbereitet fühle. Learning by doing ist da vielleicht nicht die beste Methode. Als Lehrkraft trägt man große Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und allen voran gegenüber den Schülern. Und die sind garantiert nicht das Problem am Lehrerberuf. Die Strukturen sind es.


17 Lesermeinungen

  1. Schüler = Mensch
    Endlich mal wieder ein Lehrer, der die Schüler als Menschen und nicht als Objekte seiner Bewertung sieht. Davon gibt es viel zu wenige. Er möge das durchhalten und sich nicht von Kleinkarierten ärgern lassen. Solche Lehrer brauchen unsere Kinder.

  2. Titel eingeben
    Interessanter Artikel.

    Allerdings fällt auf, daß der Autor den Schülern Deutsch beibringen will und doch ständig das grammatikalisch falsche Partizip ‚Studierende‘ verwendet.

    • Titel eingeben
      Der Begriff Studierende ist die genderneutrale Bezeichnung für Studenten und wird hier politisch korrekt eingesetzt. Es sollte allerdings ebenfalls Lehrende anstatt Lehrer verwendet werden, um die einheitliche Verwendung fortzusetzen.

    • ?
      Was wäre für den Besserwisser denn ein grammatikalisch korrektes Wort? Ferner schreibt man „daß“ heutzutage mit „ss“ 🤣

  3. Gute Informationen
    der Bericht ergänzt um die Ausführungen des „Harry Charles“ und der Lehramtsstudentin umreissen die Situation und die Problematik an unseren Schulen sehr gut.
    Was fehlt wäre noch ein kritischer Blick auf das Basiswissen, das naturgemäß im Fach Politik nur unzureichend eingeschätzt werden kann.
    Diskutieren können sie heute alle.
    Es hapert häufiger am Basiswissen, Rechtschreibung und Mathekenntnissen ebenso wie Naturwissenschaftliches, was häufig zu Problemen später im Beruf führt.
    Sicher an den Problemschulen mehr als an anderen.
    Das Praktikum ist tatsächlich ein Segen, um vor allem von der Persönlichkeit her ungeeigneten Kandidaten Gelegenheit zu geben ihre Wahl noch mal zu überdenken.
    Aber nicht alle sind einsichtig.
    Doch vor allem für diese wird der Schulalltag am Ende schnell zur Hölle.
    Wichtig ist vor allem auch das Argument der Lehramtsstudentin, das die Anforderung binnendifferenzierter Ausgestaltung schlicht Wahnsinn ist.
    Ich selbst bin auf einer Privatschule gewesen, die dies tatsächlich mit viel persönlichen Engagement weitgehend umsetzen konnte, was aber voraussetzte auch wirklich gymnasialtaugliche Schüler zu haben, was heute für ein Drittel der Schüler meist nicht gilt und meine ordensgeführte Schule über kostenfreie Personalressourcen verfügte, die staatlich unbezahlbar sind.
    Diese Schule gehörte zu den Positivbeispielen konfessionell geführter Schulen, wie es eigentlich überall hätte sein sollen.
    Auch die Methodenorientierung die schon seit Ende der 60ziger Jahre in immer neuen Wellen die Schulen heimsuchen sind Hauptmitverursacher von Defiziten und das extreme Gegenteil von Binnendifferenzierung.
    Sie verursachen auf Basis von meist praktisch unausgegorenen Theorien eine erhebliche Verdrängung von erfahrungsgemäß erfolgreicheren Didaktiken und senkten das Niveau vielerorts deutlich.
    Merkwürdigerweise wurden viele von Ihnen trotz mehrmaligem Scheiten nach einigen Jahren wieder und wieder als neu verkauft und eingesetzt ohne je einen Erfolg über den Einzelfall hinaus verbuchen zu können.

  4. Titel eingeben
    Wäre da nicht der letzte Satz, könnte man über An- + Einsichten fast frohlocken. Hätte der Autor geschrieben, dass noch immer von schwatzhaften oder wissenschaftlich Brauchbaren aber praktisch Unbrauchbaren theoretisiert wird und von zeitlich außerordentlich geforderten Lehrern und Lehrerinnen praktisch unterrichtet wird, hätte man den Satz mit den falschen Strukturen verstanden.

    Ich weiß, der Gegensatz ist manchem gegenüber ungerecht. Wer aber ein Berufsleben lang auf beiden Seiten arbeiten konnte, darf sich schon mal so deutlich äußern. Privilegierung durch Aufstiegsstellen und Beratung bzw. Ausbildung scheinen sich nicht zu vertragen. Das Ego schafft da schädliche Geltungsbedürfnisse und falsche Abhängigkeiten und Hierarchien. Für gute Erzieherpersönlichkeiten (Ich weiß um die Problematik meiner Formulierung) sind abgehobene Ausbilder nur in Opposition hilfreich.

  5. Durchalten
    Im Vergleich mit anderen Studiengängen, bei denen man ein Staatsexamen erwirbt, jammern mir junge Lehrer deutlich zuviel rum. Überforderung ist Teil der Anpassung und eigenen Neujustierung nachdem Rumgegammel im Studium. Und wie gesagt, fragt mal Juraabsolventen auf dem Weg zum zweiten Examen oder danach die ersten Jahre in der Kanzlei- da ist jeder Anruf ,Alarmstufe Rot‘.

    Und ernsthaft – wer mit der Einstellung ,mein Uni Studium bereitet mich auf den Alltag vor‘ in die Arbeitswelt geht, muss zu Recht erstmal auf die naive Nase fallen! Und natürlich geht der Stress in der Arbeitswelt erst richtig los. Also sorry- arg naiv geschrieben.

  6. Weitermachen!
    Wenn ich die Impressionen dieses angehenden Kollegen lese, ist mir nicht bange vor der nachwachsenden (Lehrer-)Generation!
    VlG

  7. Idealismus ist keine hinreichende Voraussetzung für den Beruf als Lehrer
    Allzu viele scheinen das aber anders zu sehen. Und damit meine ich (angehende) Lehrer. Ich war selbst mehrere Jahre Gymnasiallehrer und bin schon vor der Verrentung ausgestiegen. Es gab eine Vielzahl von Gründen. Ich gehe mit Ihnen d’accord, wenn Sie sagen, dass die Schüler nicht das Problem sind. Es sind für meinen Begriff vor allem die Lehrer. Und die sind irgendwo ja auch verantwortlich für die Strukturen. Die sie aus Feigheit, Bequemlichkeit oder Ignoranz nicht (mit-)gestalten-obwohl es eigentlich ihre Aufgabe wäre.

    So deckt sich die Meinung der meisten Unterrichtenden in Bezug auf Inklusion mit der meinen: undurchführbar, zu aufwändig/teuer, bringt vor allem den Betroffenen nichts, meist ist es reines „virtue-signalling“ (Tugendprahlerei). Es ist ein Wahnsinn für dieses ideologisch motivierte Unding die bei uns bestens bewährten Förderschulen aufzugeben. Es müsste in den Kollegien der Regelschulen wesentlich mehr Widerstand gegen die Inklusion geben und auch öffentlich artikuliert werden. Stattdessen wird es resignativ abgenickt. Bleibt zu hoffen, dass die Inklusion am Ende erfolgreich vermieden werden kann.

    Lehrer sind die einzige Berufsgruppe, die aktiv an der permanenten Verschlechterung ihrer eigenen Arbeitsbedingungen mitwirkt, oder zumindest sich nicht dagegen wehrt. Gründe wie oben. Die Erosion des Lehrerstatus ist eines der Hauptprobleme warum Unterricht nicht mehr funktioniert. Nicht mehr so wie er einst selbstverständlicherweise funktionierte. ich kann es beurteilen, da ich aus dem Referendarsalter schon raus bin und einen Vergleich zu früher habe. Paradoxerweise ist oft gerade der Idealismus ein Problem. Dieser wirkt naiv, weltfremd und letztendlich nicht sehr professionell. Lehrer sollten eher pragmatisch orientiert sein, auch wenn sich humanistische Bildung nicht allein entlang utilitaristischer Kriterien vollziehen kann.

    Ich würde jedem angehenden Lehrer raten: zur Vermeidung eines Praxisschocks am besten vorher nicht nur Unterrichtserfahrung, sondern außerschulische Arbeitserfahrung zu sammeln. Wer realitätsgestählter ist wird von den Schülern auch ernster genommen und kann sich besser durchsetzen. Das Studium gehörte schon zu Staatsexamenszeiten nicht gerade zur Elite an der Universität (nach der Bolognareform hat sich die Situation eher noch verschlechtert) und bereitet so gut wie gar nicht auf den Beruf vor. Viele Lehramtskandidaten sind fachlich schwach auf der Brust wenn sie ihren Vorbereitungsdienst beginnen. Das ist sehr schade (die fachlichen Defizite können weder während des Referandariats noch später ausgeglichen werden), denn nach meiner beruflichen Erfahrung sind es vor allem 2 Dinge, die einen guten Lehrer ausmachen: die fachliche Kompetenz (die es ihm erlaubt, den Stoff motivierend und didaktisch adäquat aufbereitet zu vermitteln) und die Lehrerpersönlichkeit (er sollte mit beiden Beinen auf der Erde stehen, sich seinen Schneid nicht abkaufen lassen und durchsetzungsfähig sein). Alles andere kann man in nicht sehr langer Zeit lernen. Der Methodenfetischismus, den man heute oft beobachten kann ist der Sache nicht dienlich. Eine langweilige bzw. inkompetente Lehrertype wird selbst mit der besten Methode nichts reißen.

    Man könnte noch unendlich viel zu diesem Thema sagen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: ich bin gerade dabei es zu tun, denn ich schreibe ein Buch. Ende März werde ich es fertig haben. Sollte ich einen Verleger finden darf jeder Interessierte gern an meinen dort geschilderten Erfahrungen teilhaben.

    • Ausgezeichnete Analyse des Ist-Zustandes!
      Ich sehe das ganz genau so, wenn auch nicht als Lehrer, sondern als Außenstehender mit viel Kontakt zu Lehrern und Schülern und als praktisch denkender Mensch.

    • Prima Analyse.
      Ich kann alles unterschreiben, was Sie sagen („Harry Charles“). Und das
      als ehemaliger.


  8. Vielen Dank für Ihren anschaulichen Bericht, Ihre ehrliche Freude am Unterrichten und den Schülern kommt gut rüber. Herrlich auch Ihre Beschreibung der Zustände bei den Studienprojekten zur Unterrichtsbeobachtung, das kenne ich auch nicht anders – aber man arbeitet ja enorm wissenschaftlich und pinselt irgendwelche bunten Diagramme der Selbstreflexion. Ich studiere ebenfalls Lehramt.

    Was ich allerdings nie verstehen werde – die freiwillige Dreinschickung in unerfüllbare, hyperidealistische Vorgaben und die Selbstzerfleischung, wenn man es nicht so hinbekommt wie im Werbeprospekt (gut, jeder hat eine gewisse Furcht um das eigene pädagogische Image).

    Binnendifferenzierte Aufgabenerstellung bedeutet (nachdem man sich Wissen und Praxis angeeignet hat über Lernen von Kindern, denen das schwer fällt – Sonderpädagogik ist ein eigener Studiengang) für jede (!) Stunde erheblichen Mehraufwand an Zeit – oder ich spare an Planugsüberlegngen für die xx anderen Kinder, was, ganz ehrlich, kaum zu rechtfertigen ist.

    Einmal kostet es Zeit in der Vorbereitung (selbst mit Routine), dann im Unterricht selbst, wobei die nicht oder weniger lernbehinderten Kinder in der Einzelaufgabe vielleicht auch Unterstützung bräuchten (und ein Recht darauf haben!).
    Noch mehr Zeit, wenn ich die Ergebnisse der binnendifferenzierten Aufgabe einbeziehen will (oder werden diese Ergebnisse etwa nicht gesichert, darf diese Schülerin nicht präsentieren?), denn: Extra-Zeit für eines (!) von 25 Kindern, die bestimmt wahnsinnig geduldig sich eine Aufgabe anhören, die sie gar nicht bearbeitet haben und die weniger fordernd war als die ihre?
    Und die Integrationshelferin kommuniziert mit dem lernbehinderten Kind wahrscheinlich auch nicht lautlos – leider ein Störfaktor.

    Wenn ich dann noch anfange, in weitere Stufen zu differenzieren, potenziere ich meinen Vorbereitungsaufwand ins Unermessliche (=für den Staat finanziell und für mich physisch nicht leistbare), verunmögliche ein längeres, gemeinsames, intensives Unterrichtsgespräch und kann eine standardisierte Prüfung zur Leistungsmessung eigentlich vergessen.

    Wir haben Schule einmal – mit allen daraus entstehenden Problemen, die ich durchaus sehe – industrialisiert und standardisiert, damit sie bezahlbar wird. Ich kann nicht für 25 Kinder gleichzeitig quasi Privatlehrer sein (das würde konsequente Binnendifferenzierung nämlich faktisch bedeuten), das war mal common knowledge (tschuldigung, habe gerade sarkastischen Anfall. Ich unterrichte übrigens gern).

    Die Ressourcen sind nunmal begrenzt, und statt sich in Blütenträumen zu verlieren, sollte man sich doch vielelciht besser Gedanken machen, wie man sinnvoll mit dem Problem umgeht.

    Wenn ich Haie, Seeadler, Zebras und Schmetterlinge gleichzeitig hüten und trainieren, äh lernprozessbegleiten soll – in welchem Ambiente denn bitte? Ich kann nicht innerhalb von 45 Minuten ständig von der Savanne aufs offene Meer laufen und zurück, vom einen Extrem zum anderen rennen. Weder klimatisch noch leistungsmäßig, zumindest nicht unter erheblichen Reibungsverlusten. Das stellt auf die Dauer eine Überforderung dar.

    Je weniger attraktiv zudem das Lehramt erscheint, desto weniger Männer werden sich dort einfinden (vgl. andere Berufsfelder). Das würde sich negativ auf die Jungs auswirken.

    Wagen wir mal einen Blick in die Zukunft – konkrete Vorschläge zur Bewältigung werden aus Pädagogik und Didaktik nicht kommen – bis auf „Individualisierung“ und „offene Formen“, was meist eine Arbeitsblatt-Vereinzelung bedeutet und nachteilig ist besonders und gerade für schwächere Schüler. Weil es eben nicht geht, zumindest nicht auf akzeptablem Niveau und nicht zu den wirklichen Kosten.

    Seien Sie gegrüßt und kritisch.

    • Danke !
      Vielen Dank für die augenscheinlich fundierte und wohl reflektierte und damit im Resultat nachvollziehbar kritische Reflektion zur integrativen Schule.
      Leider spiegelt sich diese fundierte Meinung -nach meiner Wahrnehmung als Elternteil – weder in der breiten Lehrerschaft und erst recht nicht in der Politik wieder.
      Hübsch war der Gedanke der Privatlehrereigenschaften, wenn die individuelle Betreuung jedes Individuums konsequent umgesetzt würde – das hatte ich bisher noch gar nicht so realisiert.

    • Strukturen und Individualisierung
      Sie haben verstanden. Ich versuchte schon zu den Strukturen was zu sagen, die dieses Gefühl, es nicht schaffen zu können erst erzeugt. Ihre Stellungnahme kann ich nur teilen. Die Kollegen wissen es! Viele „kommen nur durch“, weil sie sich Binnendifferenzierung mehr als idealerweise vorgestellt ersparen (müssen). Auch Arbeitsblätter-Freaks verfehlen da die Ziele kräftig.

  9. Haben Lehrer nicht vormittags recht und nachmittags frei?
    Vielen Dank fuer den anschaulichen und reflektierten Blick ins Klassenzimmer und die Gedankenwelt eines angehenden Lehrers.
    Ich wuensche Ihnen, die gesuchten Hilfestellungen noch zahlreich zu erhalten, bevor es richtig in den Schulalltag geht. Dabei dann viel Erfolg, denn es waere schade, wenn ein offensichtlich so am Lehrerberuf interessierter Mensch sich dann an strukturbedingten Problemen aufreibt und irgendwann kapituliert.

  10. interessanter Beitrag
    interessanter Einblick in die Lehrerausbildung. Gerade weil ich kein Lehrer bin und meine Schulzeit schon lange zurückliegt finde ich solche Erfahrungsberichte sehr ansprechend. Meine Erfahrung beschränkt sich auf den Schulalltag meiner Kinder. Da bekommt man einiges mit. Insgesamt teile ich die Einschätzung, dass die Schüler nicht das Problem sind. Wir waren schlimmer. Und leben immer noch. Der letzte Satz des Beitrags könnte ein Teaser für einen nächsten Artikel sein.

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