Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Mein Kind, das Ungeheuer

| 17 Lesermeinungen

© Picture AllianceEs ist nur eine Phase? Ja, und man nennt sie Kindheit.

Eltern sind darauf programmiert, ihre Kinder toll zu finden. Sie können gar nicht anders, als sie ständig zu bewundern und jede neue Fähigkeit zu feiern, als sei es das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein Kind sie erwirbt (und dann gleich so ausgesprochen perfekt beherrscht, nicht wahr?). Und so verwundert es nicht, dass auch mein Mann und ich große Fans unserer Kinder sind. Unser vierjähriger Sohn Ben ist, wie wir finden, ein aufgewecktes, empathisches, lustiges Kind. Ein echter Goldschatz. Außer manchmal. Da wird er zum Inferno.

Der Wutanfall kommt meistens aus heiterem Himmel, die Auslöser sind vielfältig. Ben muss zum Beispiel den Fernseher nach zwei Folgen „Dino-Zug“ (fragen Sie nicht) ausmachen. Es spielt keine Rolle, dass er weiß, dass er immer nur zwei Folgen gucken darf. Oder er muss sich die Schuhe anziehen (was er hervorragend selber kann, bestimmt besser als alle anderen Kinder in der Geschichte der Menschheit). Oder mein Mann oder ich beenden nach mehreren Verwarnungen das wilde, unfallträchtige Wettrennen, das er mit seinem Kumpel gerade durch die Wohnung veranstaltet. Manchmal ist es aber auch „nur“ der falsche Becher beim Abendessen, die falsche Hose für die Kita. Ein falscher Satz, der falsche Zeitpunkt für irgendetwas.

Natürlich rufen nicht immer die gleichen Situationen einen Wutanfall hervor, das wäre viel zu einfach, weil berechenbar. Manchmal laufen die genannten Szenen völlig konfliktfrei ab. Oft genug aber bricht für 10 bis 15 Minuten die Hölle los. Ben fängt an zu brüllen, entweder mit Text („Manno! Ich will aber noch eine Folge!“ /“Ich ZIEH mich aber nicht an!“/ „Du blöde Kackwurst!“) oder ohne, was fast noch schlimmer ist, weil das Brüllen einem schon rein akustisch durch Mark und Bein geht. Er wirft mit Gegenständen – bestenfalls mit Sofakissen, schlimmstenfalls mit hölzernen Eisenbahnschienen. Wenn es richtig doof läuft, wird auch noch gehauen und getreten.

Dass Ben mal sauer wird, ist nichts Neues. Als er kleiner war, gab es auch Heulattacken, aber die waren kurz und leicht erträglich, denn man wusste: Das Kind versteht vieles einfach noch nicht, es kann seine Bedürfnisse und seinen Frust nicht anders mitteilen, die Folgen seines Handelns noch nicht abschätzen etc.. Doch mit vier Jahren versteht Ben schon eine Menge. Er weiß, was er will, was er darf – und was weh tut. Deshalb ist es schwierig, ihm bei den beschriebenen Aggro-Attacken nicht bewusste Provokation und gar Boshaftigkeit zu unterstellen. Und das ist ungeheuer schmerzhaft: Mein geliebtes Kind, ein Scheusal? Dabei bemühen wir uns seit Jahr und Tag, Ben liebevoll, aber konsequent zu erziehen, ihm soziale Kompetenz und Rücksichtnahme zu vermitteln. Wir finden, dass das im Großen und Ganzen auch funktioniert. Doch die Ausraster kommen trotzdem.

Dass es sich um normale Entwicklungsphasen handelt, habe ich mir schon oft gesagt, um mich zu trösten, und höre den Satz auch oft von Freunden und Verwandten. Das stimmt wahrscheinlich auch, aber es hilft nicht wirklich weiter, weil man nie weiß, was genau für eine „Phase“ das dann gerade sein soll, wie lange sie dauert, ob und wie oft sie wiederkehrt und wie man sich als Elternteil darauf jeweils richtig verhält. Zum anderen klingt es auch nach einem allzu durchsichtigen Rechtfertigungsversuch: „Das ist nicht mein Kind, das ist nur eine Phase!“ Es verfängt nicht wirklich, wenn die „Phase“ einen gerade wieder einmal gerade mit einem großen Bauklotz nur knapp verfehlt hat. Auch der Erklärungsversuch „Das hat er sich in der Kita abgeguckt“ ist zwar verlockend, aber tröstet ebenso wenig. Es ist eben keine „höhere Macht“ und keine Ausnahme und kein anderes Kind, sondern wirklich mein Sohn, der sich so verhält.

Bemerkenswerterweise spielen sich die Wutanfälle fast immer nur bei uns zu Hause ab; die klassische Kernschmelze vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt haben wir bislang nicht erlebt. Auch in der Kita können sie es nicht fassen. Ben sei im positiven Sinne ein „unauffälliges“ Kind; zusammen mit seinen Kumpeln hecke er zwar manchmal Quatsch aus, aber nichts, was uns Sorgen machen müsste, heißt es von den Erziehern. Er könne sich lange selbst oder mit anderen beschäftigen, ohne dass sie intervenieren müssten; kleinere Konflikte könne er selbst lösen. Bens Kontakterzieherin hat uns kürzlich stattdessen eine erstaunliche Erklärung für seine Wutanfälle geliefert: „Er testet seine Grenzen aus – und das nur bei euch Eltern, weil er sich eurer Liebe immer sicher sein kann.“

Moment mal. Mein Kind weiß, dass ich es bedingungslos liebe und glaubt, dass es sich seine Amokläufe deshalb erlauben kann? Na toll. Was als Aufmunterung gemeint war, macht die Ratlosigkeit erst einmal nur größer. Denn das heißt ja, dass es mit den Wutanfällen weniger schlimm wäre, wenn Ben diese Gewissheit nicht hätte. Kann man seinem Kind zu viel Liebe geben? Fordern wir es dazu heraus, uns auf der Nase herumzutanzen, indem wir ihm signalisieren, dass wir es auch dann liebhaben, wenn es ein Kotzbrocken ist? Es gibt sicher Menschen, die das so sehen, noch vor nicht allzu langer Zeit war es geradezu ein Erziehungsgrundsatz: Zuneigung gegen Benehmen. Wer nicht parierte, den hatten sich die Eltern eben nicht richtig erzogen – und der wurde schlimmstenfalls nicht nur mit Liebesentzug, sondern auch mit Gewalt bestraft. Wie wir heute zum Glück wissen, ist das verheerend und hat mit Erziehung überhaupt nichts zu tun. Die Erzieherin hat mir mit ihrer Interpretation klargemacht: Es gibt nichts, das wir tun könnten, um die Wutanfälle zu verhindern, weil Kinder in einem gewissen Alter eben ihre Grenzen austesten und es keine Alternative dazu gibt, sie dabei mit Liebe zu begleiten. Wir müssen einfach da durch.

Im Grunde wissen mein Mann und ich auch ganz genau, wie das geht. „Ruhe bewahren, Ruhe bewahren!“, ich sage es mitunter sogar laut zu mir selbst, während der kleine Wutbürger um mich herum tobt. Bloß nicht schreien, sonst schreit er noch lauter. Auf Abstand gehen, aber ihm trotzdem zeigen, dass wir ihn nicht alleine lassen. Aber das ist nicht so einfach. Die Versuchung, seine Macht als Erwachsener auszuspielen, ist in diesen Momenten groß, und wir tun es auch: indem wir Konsequenzen androhen und umsetzen – beispielsweise alle Spielzeuge, die geflogen sind, für den restlichen Tag verschwinden lassen. Das wirkt mal besser, mal schlechter, aber wir ziehen es durch. Manchmal gehen mir allerdings zugegebenermaßen die Ideen für geeignete Konsequenzen aus, die idealerweise in logischem Zusammenhang zu dem Unfug stehen sollen, den Ben macht (beispielsweise: Wer keine Schuhe anziehen will, geht auch nicht auf den Spielplatz). Ich habe mich auch schon heulend aufs Sofa gesetzt und Ben gesagt, dass ich jetzt echt nicht mehr weiß, was ich machen soll. Das hat ihn so überrumpelt, dass er vergaß, sich weiter aufzuregen – aber das dürfte ein Einmaleffekt gewesen sein.

Ich wünschte, ich hätte nach all den Wutanfällen der letzten Monate nun endlich einmal eine Antwort darauf, was die richtige Reaktion ist und, besser noch, wie man sie verhindert. Doch letztlich kann uns wohl niemand sagen, wie man sich als Elternteil richtig verhält in dieser „Phase“, die sich Kindheit nennt. Wir müssen uns jeden Tag neu durchkämpfen und ausprobieren. Immerhin: Bens Wut schlägt am Ende von unendlich langen 15 Minuten oftmals schlagartig in enormen Kuschelbedarf um. Dann ist, schwupps, der kurzzeitig verlorene Goldschatz wieder da. Und mit ganz viel Glück ist der Becher beim Abendessen sogar auch mal genau der richtige.


17 Lesermeinungen

  1. ist bei allen Kindern in dem Alter so
    Den Wutanfall kann der Junge auch mal alleine in seinem Zimmer ausleben. Wutanfall = Stubenarrest, wird er schon kapieren. Aber stellen Sie sich auf weitere „Phasen“ ein, obwohl, alle sog. Phasen drehen sich irgendwie um „Grenzen austesten“. Auch wenn es dem Elternherz manchmal wehtut, ziehen Sie diese Grenzen. Wenn Sie es nicht tun, muß Ihr Kind seine Grenzen als junger Erwachsener später unter viel größeren Schmerzen kennenlernen – manche lernen es dann nie mehr.

  2. "Ein echter Goldschatz."
    Wenn der Text keine Satire ist, dann empfehle ich ganz schnell den Gang zum Therapeuten. Zum „warmlesen“ Franz Ruppert „Frühes Trauma: Schwangerschaft, Geburt und erste Lebensjahre“. Oder Sie schauen ein paar Sendungen der Hundeprofi – Martin Rütter. So wie Sie Ihr Kind erziehen, könnten hier auch wertvolle Tipps abfallen.

  3. Starke Ausdrücke
    Also ganz offen – wenn einer meiner Söhne zu mir „Du blöde Kackwurst“ sagen würde, dann wäre ein bißchen mehr als 15 Minuten Theater und anschließendes Kuscheln angesagt. Das ist sicher nicht nur eine normale Entwicklungsphase, sondern da ist grundlegend was bei der Erziehung schief gelaufen. Ein Allheilmittel gegen Ausbrüche der beschriebenen Art gibt es wohl nicht, aber Toleranz ist ganz sicher nicht der richtige Ansatz (auch wenn das dem heutigen Allesverstehervorbild widerspricht). Wenn mal wieder die Teufelshörner sich zeigen, hat bisher rigoroses Durchgreifen (kein Eisessen gehen, kein iPad, kein Fernsehen, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, kennen wir ja alle (?)) oft geholfen. Welches Glas oder Löffel da nun der „richtige“ ist, verliert dann überraschend schnell an Bedeutung… Vielleicht mal versuchen, und der Goldschatz wird vielleicht weniger häufig seinen Kopf durchsetzen wollen.

  4. Nein, man muss sich nicht in ein Schicksal "Kindheit" ergeben.
    Es geht nicht um die richtige Reaktion – dann ist es schon zu spät. Es geht um eine Haltung. Und wer sich im Geiste auf „durchkämpfen“ einstellt, steht bestimmt nicht souverän und unangefochten im Zentrum des Familienverbandes! Lesen Sie nicht nur links-ideologisch durchfärbte Erziehungsratgeber – lesen Sie zur Abwechslung mal Machiavelli. Und man kann auch an der Wahrnehmung des Sprößlings arbeiten: Wer tagaus tagein bedingungslos umsorgt wird und einen Spielzeugberg sein eigen nennt, der an die eigene Körpergröße heranreicht, der fühlt sich schnell sehr wichtig. Diese Wahrnehmung kann man ändern!

  5. Lassen Sie ihm lange Leine, an der Sie aber deutlich ziehen, wenn er die Grenzen gefunden hat, die
    er sucht. Und nehmen Sie ihn ernst. Alles nicht schwierig. Man muss nur konsequent und empathisch sein. Ihr Artikel spricht nicht für Empathie, denn Ihr Sohn wird das mal lesen können. Andere, die ihn kennen, auch. Es geht nicht nur um Sie.

  6. Vielleicht ist er unterfordert.....?
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  7. Titel eingeben
    Na, wenn er Grenzen sucht, dann moechte er die vielleicht finden ? Bei uns ging es blesser, als Ich meine Erziehungsgewalt als Verantwortung verstanden habe : manchmal bestimme ich, weil ich ein bisschen mehr weiss. Und mit Frust muss umgehen muss ein Kind Auch lernen.
    Das heisst weder schlagen noch Liebesentzug. Ernst nehmen geht bei uns ganz gut: keine Schuhe ? Gehst du halt barfuss. Meistens sind die Schuhe dann ganz schnell am Fuss.
    Nur: Zeit braucht man schon.
    Gruesse und nur Mut !

  8. Kenne das Phänomen als Großeltern
    eines inzwischen 7jährigen Zweitklässlers.
    Die Interpretationen kindergartenseits sind hanebüchen.
    Kinder verstehen sehr früh, sehr schnell.
    Das verkleisternde „Austesten“ der Liebe durch die Eltern geht dann so lang, bis der „point of no return“ überschritten ist.
    In das aggressive Verhalten flechtet sich in diesem Alter schon dann mal das Vokabular sexualisierter Grundschulhofkommunikation ein (trotz guter Reputation der Schule, und trotz positiver Rückmeldungen im Leistungs- und nicht negativer im Verhaltensbereich), etc..
    Und das mit „Phasen“ frühkindlicher Entwicklung schönzureden, fehlt mir doch mein altväterlicher Sinn und sozialpädagogischer Fachverstand.
    Hier wird sehenden Auges gedeutet, bis sich bei den geliebten Nachkommen der sprichwörtliche „Tanz auf der Nase“ in einen „Schlag“ dorthin verändert. Vosta

  9. Fernsehen?
    Meine Erfahrung im Bekanntenkreis ist, dass Kleinkinder durch Fernsehen immer unterschwellig aggressiv werden, egal wie Menge und Inhalt der Sendung aussehen. Vielleicht sind zwei Folgen für einen Vierjährigen einfach zwei Folgen zuviel. Ist natürlich etwas wohlfeilen aus der Ferne, kam mir nur beim Lesen spontan in den Sinn. LG

  10. Vertrauen
    Als meine Tochter in Bens Alter war, hatte auch ich ganz ähnliche Erlebnisse. Ein Kind, das sich während der Autofahrt abschnallt und sich standhaft mit einem unbeschreiblichen Spektakel weigert sich wieder anschnallen zu lassen, ein Kind, das sich in der Haupteinkaufszone auf den Boden wirft und geschlagene 15 Minuten schreit. Sehr unschön! Natürlich kann man mit der eigenen Übermacht reagieren. Ich wollte mich selbst so nicht erleben und ich war in solchen Situationen durchaus hilflos und habe gelegentlich aus Verzweiflung geweint.
    Heute ist meine Tochter 16 Jahre alt. Sie ist wohlgeraten, hat ihr Auslandsjahr selbständig absolviert, ist eine fleißige Schülerin, hat einen stabilen Freundeskreis und kann besser streiten als ich. Und nicht zuletzt finden wir einander immer noch großartig.
    Ich habe mir damals eine Menge Ratgeber angesehen und eine Menge Ratschläge und Missbiligungen angehört. Ich habe schließlich alles beiseite gelegt. Wie in jeder Beziehung geht es nur mi

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