Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Warum Kinder in Sportvereine sollten – und Eltern nicht

| 13 Lesermeinungen

© Picture AllianceKinder wollen sich bewegen. Und Erwachsene müssen da irgendwie durch.

Ich bin sehr froh, dass es Sportvereine gibt. Und Turnhallen. Und Wettkämpfe und Pokale. Ich möchte nur nichts damit zu tun haben.

Habe ich aber. Weil zwei meiner Töchter Sport in einem Turnverein betreiben. (Um ihre sportliche Karriere nicht zu gefährden, behaupte ich mal hier, dass sie einer exotischen, neuen Sportart anhängen, bei der sie zu Singer-Songwriter-Musik in Miniröcken Rad schlagen und dafür viel üben müssen.)

Ich bin auch froh, dass meine Kinder nicht meine Aversion gegen organisierte körperliche Betätigung übernommen haben. Oder gegen schlecht gelüftete Turnhallen. Oder gegen übellaunige Trainer. Nein, sie wollen da hin. Mindestens einmal in der Woche, manchmal sogar drei- oder viermal. Es scheint ihnen Spaß zu machen. Und ich will sie da auch nicht ausbremsen, zumindest nicht offen. Denn theoretisch weiß ich schon, wie wichtig das Ganze ist. Wie hilfreich für die Gesundheit, für die Persönlichkeitsentwicklung, für die soziale und auch die andere Intelligenz. Jede regelmäßige sportliche Betätigung ihrer Kinder sollten Eltern von ganzem Herzen fördern, unbedingt! Schließlich muss man ja heute schon dankbar sein, wenn man mal irgendwo rennende oder hüpfende oder tanzende oder kletternde Kinder sieht. Und nicht nur Kinder, die auf Smartphones starren und über Displays wischen oder Fortnite spielen. Nur 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen im Alter von drei bis 17 Jahren erreichen überhaupt noch die Bewegungsempfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sind also mindestens 60 Minuten körperlich aktiv pro Tag. So der dramatische Befund der KiGGs-Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Eine andere Studie im Auftrag des AOK-Bundesverbandes kommt sogar auf noch niedrigere Werte: Danach seien nur noch zehn Prozent der Kinder so aktiv wie empfohlen.

Verständlich, dass einem da als Lösung die Sportvereine einfallen. Rund 90.000 gibt es von ihnen in Deutschland. Wenn ich politischer Redenschreiber wäre, würde ich jetzt betonen, dass diese vielen tausend Sportvereine auch das Rückgrat der Gesellschaft sind, die Säule des organisierten Sports, der Motor von Integration, der Lernort für Fairplay, Respekt und Zusammenhalt. Und so weiter. Ich bin aber nur der Vater von zwei Kindern, die Spaß daran gefunden haben, in Turnhallen Rad zu schlagen. Ich denke da in der Regel nicht an das große Ganze. Für mich ist der Sportverein deshalb im Moment vor allem: zwei monatliche Abbuchungen vom Girokonto, vier bis acht zusätzliche Kindertransport-Termine im Monat, ein paar Wettkampf-Wochenenden auf harten Turnhallen-Bänken sowie der „Freiwilligeneinsatz“ bei Vereinsfesten oder -turnieren („Der Aufbau ist für alle Eltern verpflichtend, wir brauchen jede Hand.“). Für meine Frau kommen zusätzlich noch die Absprachen mit den anderen Vereinseltern und dem Trainer hinzu – ich krieg das bisher nicht hin. Wirklich.

Ich muss gestehen: Im Vergleich zu den vielen, vielen Eltern in Deutschland, die ihre Kinder jedes Wochenende auf Sportplätze oder zu Auswärtsspielen begleiten, sich in offiziellen und inoffiziellen Ehrenämter im Verein engagieren, nebenher noch Sitzungsprotokolle führen oder den Vereinsrasen in Schuss halten oder Geburtstagsgeschenke für den Trainer besorgen, bin ich ein Jammerlappen, Faulenzer und Trittbrettfahrer. So gut es geht, drücke ich mich davor, Vereinsverpflichtungen zu übernehmen. Ja, meine Kinder profitieren vom Engagement der Fremdeltern. Aber ich kann nicht Verein, schon gar nicht Sportverein. Ich wollte nie in einem Sportverein mitmachen. Nie.

Und dann ist der soziale Druck irgendwann doch zu hoch – und ich knicke ein. Zum Beispiel wenn die Rad schlagende Minirock-Abteilung des Vereins ein Turnier ausrichtet. Und wirklich alle Eltern gebraucht werden. Wirklich alle. Es ist der Zusammenprall mit dieser völlig fremden Lebenswelt, mit den Engagierten, den Aktiven, den Insidern, den Organisierten und Organisierern, vor der mir dann am meisten graut. Nicht das bisschen Bierbänke schleppen oder Absperrungen aufbauen. „Könntest du noch die Müllsäcke wegbringen und Sabine die 20 Euro für unser Geschenk geben!“ Genau das meine ich. Ich weiß nicht, wer da mit mir spricht, wo der Müll hin muss, wer Sabine ist und warum um Gottes Willen die schon wieder Geld von mir wollen. Aber ich kann lächeln. Manchmal.

„Alle Kinder in den Sportverein!“, fordert die Jugendorganisation des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), die Deutsche Sportjugend (dsj). Die Verbandsfunktionäre haben dazu auch einen Zukunftspreis ausgelobt für „Sportvereine, die Kindern mit erschwerten Zugangsbedingungen zu den Strukturen Wege zum Vereinssport ebnen“. Weil das selbst den Verfassern zu verquast klingt, erklären sie mit einer Fußnote, was „erschwerte Zugangsbedingungen“ sind: Die „ergeben sich beispielsweise aus sozioökonomischen (gesellschaftlich oder wirtschaftlich schlechter gestellte Familien), religiös-kulturellen oder auch geschlechtsspezifischen Gründen“.

Wahrscheinlich bin ich auch eine „erschwerte Zugangsbedingung“ für meine Kinder. (Wenn ich so in die Gesichter mancher Eltern bei ihren „Freiwilligeneinsätzen“ im Verein schaue, geht es auch anderen so.) Seien wir ehrlich: Wenn die Eltern weder sport- noch vereinsaffin, vielleicht sogar beide berufstätig sind, mehr als nur ein Kind zu versorgen haben, dann ist der Vereinssport der Kinder inzwischen vor allem ein weiterer Energieabfluss für die Erwachsenen. Die chronisch überforderte Ressource Eltern (Beruf, Haushalt, Schule, Kita, Google) soll dann bitteschön auf Zuruf noch Kuchen backen, Trainingskleider besorgen, Termine koordinieren und Fahrdienste übernehmen. Zugegeben: Nicht jeder muss alles machen. Aber glaubt denn da im Ernst jemand, dass „Kinder aus beispielsweise wirtschaftlich schlechter gestellten oder bildungsfernen Familien durch besondere Projekte, Maßnahmen oder Aktionen den Zugang zu Sportvereinsangeboten finden“, wie es sich die Verbandsfunktionäre erhoffen?

Richtig ist: Vereinssport bietet sich als Outsourcing-Lösung für das Bewegungsproblem der Kinder an. Auf Sportplätzen und in Turnhallen stört ihr natürlicher Bewegungsdrang die Erwachsenenwelt nicht mehr – und er ist organisier- und terminierbar und meist von einem Erwachsenen beaufsichtigt. Und im besten Fall haben die Kinder Spaß, lernen was fürs Leben, tun was für die Gesundheit und bringen Pokale mit nach Hause. Für die Eltern ist der Kindersport aber vor allem ein weiterer Eintrag im Wochenkalender, noch ein Pflock in einem ohnehin stark durchgetakteten Leben. Zwang und Opfer, nicht Freizeit ist das für die Eltern. Nur um mal mit einem Missverständnis aufzuräumen.

Kooperative Eltern sind also die wichtigste Zugangsbedingung für den Kindersport. Deshalb wäre es gut, wenn Verbandsfunktionäre, Vereinsabteilungsleiter und Trainer die Lebenswelt von Familien mit mehr Empathie in den Blick nehmen würden. (Ach, ich wäre schon froh, wenn sie sie überhaupt wahrnehmen würden. Und nicht einfach unterstellen, dass Eltern automatisch die gleiche Leidenschaft für Fußball, Hockey, Handball oder Rad schlagen in stickigen Turnhallen haben wie ihre Kinder.) Vielleicht komme ich dann öfter.

„Das war ein wunderschöner Tag, Papa!“ Meine Älteste fällt mir nach dem Vereinsturniertag auf dem Weg aus der Turnhalle um den Hals. Ob es mir denn auch Spaß gemacht habe. Ja klar. Selbstverständlich. Unbedingt.


13 Lesermeinungen

  1. "Ja klar. Selbstverständlich. Unbedingt"
    Am Ende auch noch die eigenen Kinder anlügen, das ist ja toll. Als ob die es nicht merken. Wer kein Talent f. Familie hat, der sollte es besser lassen. Nichts ist schädlicher als ungeeignete und bockige Eltern. „Kinder wollen sich bewegen. Und Erwachsene müssen da irgendwie durch.“ Klingt zwar irgendwie alltagsnah, der zweite Teil der Aussage ist aber Bullshit.

  2. Nachtrag
    Kinder sollten frühzeitig die Möglichkeit bekommen sich andere Elterns zu suchen, wenn die eigenen nichts taugen. Wie in jeder normalen Beziehung auch, wenn der Partner nichts taugt und bockig ist, dann sucht man sich ja auch einen Neuen.

  3. Was ist ihr Vorschlag?
    Herr Niebuhr,

    ich frage mich was sie erwarten oder wie ein Verein in ihren Augen funktionieren soll?
    „Kooperative Eltern sind also die wichtigste Zugangsbedingung für den Kindersport. Deshalb wäre es gut, wenn Verbandsfunktionäre, Vereinsabteilungsleiter und Trainer die Lebenswelt von Familien mit mehr Empathie in den Blick nehmen würden. (Ach, ich wäre schon froh, wenn sie sie überhaupt wahrnehmen würden. Und nicht einfach unterstellen, dass Eltern automatisch die gleiche Leidenschaft für Fußball, Hockey, Handball oder Rad schlagen in stickigen Turnhallen haben wie ihre Kinder.) Vielleicht komme ich dann öfter.“
    Die Vereine tun also nicht genug für die Eltern und sind auch so dreist Mitgliedsbeiträge abzuheben und für das was ihre Töchter tun begeistern Sie sich nicht. Soll der Verein jetzt also Sky Sport abschließen, damit Sie Samstags während ihre Kinder turnen Fußball schauen können? Und Full-Service funktioniert nicht bzw. will keiner bezahlen.

  4. Naja, mal ein Blick aus der Gegenrichtung
    Als Vater von zwei Jungs habe ich ein ähnliches „Problem“. Beide spielen Handball, einer noch zusätzlich Fussball und Tennis.
    Achja, Musik macht auch noch einer …
    D.h. der Terminkalender quillt über und da es sich um Mannschaftsport handelt, kann man nicht einfach mal mit „heute keinen Bock/keine Zeit“ die anderen hängen lassen. Beim Handball sind gelegentliche „Tagesdienste“ normal, da fällt schon mal ein halber Samstag oder Sonntag zum Opfer.
    Ich gehöre allerdings zu der Fraktion, der es Spaß macht, seinen Gören beim Sport zuzuschauen. Das ist sicherlich total altbacken aber nunja, ist halt so.
    Ich mag die „Elternfraktion“ nicht, die ihre Gören beim Sport „abladen“ und sich sonst um gar nichts kümmern. Das ist der Autor nicht direkt aber es es gibt sie. Sie nehmen gerne die Arbeitszeit der anderen „Doofen“ in Anspruch, um ohne ihre betreuten Gören mal endlich „für sich selber“ zu sein. Solange es nicht 80% der Eltern werden, sein es gegönnt. Bei uns sind ca. 30%

  5. Das Problem der Sportvereine ... die Ganztagsbetreuung
    Die Vereine bluten aus! Ja, das sehe ich so. Mit jedem Jahrgang werden es weniger Kinder, die zu uns in den Sportverein kommen. Früher hatte jedes Dorf mind. zwei volle Fußballmannschaften pro Jahrgang. Und bei uns gab es auch noch Handballer. Inzwischen braucht man Jugendspielgemeinschaften über drei Dörfer, um überhaupt noch eine Mannschaft vollzubekommen.
    Unser Handballverein hat ein Einzugsgebiet über ca. 12.000 Einwohner. Im Jahrgang 2010 fanden sich gerade mal drei (3!!) Jungs, die Handball spielen wollen. Und jedes Jahr wird brav in allen Grundschulen (5 Stück) einen ganzen Schultag lang geworben. Nützt leider nichts …
    Die Kids haben inzwischen alle eine „verlässliche“ Ganztagsschule, sind oft bis 16:00 Uhr in Betreuung. Da bleibt kein Raum mehr für Sport, die Kids sind danach fertig, die kann man zusammenfalten.
    Die moderne Gesellschaft bietet zwar vollumfängliche Betreuungsmöglichkeiten, Sport gehört aber meistens nicht dazu.
    Das Konzept sollte noch mal übe

  6. Wir sind der Verein!
    Die Sportvereine unserer Kinder werden alle von ehrenamtlich tätigen Personen geführt. Alle Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer sind – genau wie Sie und ich – Väter oder Mütter, berufstätig, mit Haushalt und Co. belastet und ich bin ihnen zutiefst dankbar, dass sie diesen Job machen und meinen Kindern ihren Sport ermöglichen. Die Vorstände opfern für uns ihre Freizeit, ohne, dass sie etwas davon haben – im Gegenteil, sie werden noch von Leuten wie Ihnen darum gebeten, Verständnis für das eigene Nicht-Engagement zu haben.
    Ich finde es der FAZ nicht würdig, statt die Leser über das Ehrenamt im Verein aufzuklären, ohne das überhaupt nichts mehr läuft, den Meckerern das Wort zu reden.
    Wer kümmert sich denn im Verein darum, dass die Hallenmiete bezahlt wird? Dass alle Mitgliedsbeiträge bezahlt werden? Dass es genug Trainer gibt? Dass alle Versicherungsbeiträge bezahlt und das Finanzamt den Jahresabschluss des Vereins bekommt?
    Darüber sollte man die Leute aufklären, finde ich.

  7. Danke!
    Sie sprechen mir aus der Seele.

    Auch unsere Kinder gehen gerne zum Sport. Allerdings können weder Vater noch Mutter etwas mit dem Vereinsleben anfangen. Zum Glück haben wir Vereine gefunden, bei denen den Eltern „draußen“ bleiben können.

    Und nur noch eines: Nein, wir sind keine grundsätzlichen Bewegungsmuffel. Nur mit den Vereinsleben können wir einfach so gar nichts anfangen.

  8. So ist es wirklich,
    wie der Autor beschreibt: und auch Jungs haben Lust darauf, ihre Kräfte zu messen in einer Mannschaft, oder auch ohne.
    Wohl dem, der in einer Kleinstadt lebt, wo das Fahrrad viele Hol- und Bring-Situationen entschärft und !!! eine Zeitung abonniert hat, die am Turnierplatzrand oder auf der Hallenempore zu lesen sich lohnt.
    Außerdem ist der Verband Kinderreicher Familien zu empfehlen, in welchem Familien mit ähnlichen Aufgabenstellungen vernetzt sind und sich bestens unterstützen können.

  9. Deutsche Vereinzelung - du armer Tropf
    Ich kann dem Autor seinen Brass nachfühlen. Recht hat er. Und doch nicht, denn er sieht und definiert seine Familie als Monolithen, die es nach außen hin zu verteidigen gilt. Und immer die subkutane Frage „Wo bleibe ich?“ Ach du armer Tropf – kein Mitleid: Die früheren Familienbande mit drei Generationen, Onkel und Tanten, Cousinen, Neffen und Schwippschwagern scheiden aus. Geschenkt.

    Ist das nur ein deutsches Phänomen, das die Belastungen der Kindeserziehung und -bespaßung nur innerhalb der Familie abgehandelt werden? Aus Rumänien und Italien kenne ich es bei Familien der Mittelschicht so: Da ist ein Verein, die Kinder kennen sich vielleicht von der Schule. Alle haben SUVs, also viel Platz und dann wechselt man sich kurzerhand ab. Montag und Donnerstag Basketball, Mittwoch Musik, Dienstag und Freitag Schulförderung und Sprachen. Samstag Turnier. Und wenn einer keinen SUV hat, drückt er seinem Jüngsten das Geld fürs Taxi in die Hand. Treffpunkt Pizza für alle. Funktion

  10. Soz. Komp.
    Je nachdem kann der Verein auch die sozialen Aengsten vorbeugen. Die Angst ihrer Freundinnen vor dunkelhaeutigen, jungen Maennern in Trainingsanzug als solchen teilt meine Tochter nicht. Solchen scheuchen sie zu ihrem grossen Vergnuegen zweimal pro Woche durch die Turnhalle.
    Der Vorteil an Kampfsport ist zudem, dass Wettkaempfe seltener sind.

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