Schlaflos

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Sind wir arm oder reich, Papa?

| 14 Lesermeinungen

© Picture AllianceSind wir eigentlich reich? Und wenn nein, warum nicht?

Eine unserer Töchter hat eine Freundin, die mich regelmäßig sprachlos macht. Sie sagt dann etwas, was so außerhalb meines Erwartungshorizontes liegt, und ich denke: Mädchen, von welchem Stern kommst du eigentlich? Dann muss ich grinsen und sie weiß nicht warum. So wie bei der Rückfahrt vom Kinobesuch. Wir warten auf den Bus, der uns in fünf Minuten nach Hause fahren wird. Vier Kinder, ein Erwachsener (ich). Es regnet, es ist kalt und auch ein bisschen langweilig. Plötzlich fragt die Freundin ganz ernsthaft: „Warum können wir nicht mit dem Taxi fahren? Da drüben stehen doch welche!“

Ich mag diese Freundin meiner Tochter, aber es gibt eben diese Augenblicke der Fassungslosigkeit. Weiß sie wirklich nicht, was Taxifahrten kosten? Oder ein Kinobesuch für fünf Personen plus Knabberkram? Oder sind Budgetlimits einfach noch keine Kategorie für sie?

Und dann ahne ich, dass sie ihren Eltern noch nie die Frage gestellt hat, die alle meine Kinder schon gestellt haben. Selbst die Fünfjährige. Dass sie nicht zu den Kindern gehört, die diese Frage stellen müssen. Es ist eine verständliche, wenn auch sehr komplexe Frage: „Sind wir arm oder reich, Papa?“ Mit dieser Frage werden wahrscheinlich nur Eltern konfrontiert, die statistisch irgendwo in der Mitte der Einkommens- oder Vermögens-Verteilung angesiedelt sind – wobei „Mitte“ ein sehr weites Feld ist, sie reicht von „knapp über Hartz IV“ bis zu „Spitzensteuersatz trotz Ehegattensplitting“. Die Kinder der reichsten zehn Prozent jedenfalls wissen schlicht, dass sie reich sind, die müssen nicht nachfragen. Und die der ärmsten zehn Prozent ahnen ihren Status auch sehr bald. Nur der Nachwuchs dazwischen braucht Orientierung bei der Selbstverortung. Meine Kinder zum Beispiel. „Also sag schon, Papa! Sind wir arm oder reich?“

Ich habe mir angewöhnt, sehr konträre Botschaften als Antwort auf diese Frage zu senden. Die erste Botschaft: „Wir sind ziemlich reich.“ Und ich meine das dann nicht mal im Vergleich zu irgendwelchen Familien in irgendwelchen Entwicklungsländern. Die Aussage ist auch völlig losgelöst von einer realistischen Selbsteinschätzung in deutschen Einkommens- oder Vermögens-Dezilen, von Nettoäquivalenzeinkommen oder anderen statistischen Größen. Damit ist auch nichts Vergeistigtes à la „Wir sind reich, weil wir uns lieb haben“ gemeint – für derlei Kitsch sind Kinder bei dieser Fragestellung nicht empfänglich. Hier geht’s um was anderes – ums Trösten, ums Beruhigen. „Wir sind reich“ heißt hier: Alles ist gut, alles wird gut, wir werden auch künftig ein Dach über dem Kopf haben; ihr werdet auch künftig Kleider bekommen, wenn die alten nicht mehr passen; es wird zu essen geben, Urlaub ist auch drin. Ihr habt sogar ein bisschen eigenes Geld. Vor allem: Ihr werdet nicht beschämt werden, weil ihr arm seid. Alles ist gut. Das ist natürlich reine Psychologie, nicht durch irgendwelche antizipierten ewigen Zahlungsströme gedeckt oder vom Family Office einer Erbengemeinschaft. Aber es ist notwendige Psychologie. Denn hinter der Frage, wie arm oder reich wir sind, versteckt sich eine große Sorge. Und die gilt es zuallererst zu beantworten. Es ist wichtig, Kindern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, gerade in Bereichen, die sie nicht oder wenig beeinflussen können, wie bei Finanzthemen.

Die zweite Botschaft ist das genaue Gegenteil der ersten: Sie ist eher warnend, verunsichernd und – im besten Fall – aktivierend. Sie lautet aber nicht „Wir sind arm“, nie, sondern zum Beispiel „Also wir können uns wirklich nicht alles leisten“ oder „Das ist zu teuer für uns“ oder „Wir können nicht jede Woche mit allen ins Kino gehen“. Dieses Wording kann man nun für die typische Psychohygiene von Eltern halten, deren Haushaltseinkommen regelmäßig hinter den eigenen Erwartungen zurückbleibt. Wahrscheinlich spielt das eine Rolle. Aber die Wahrheit ist auch: Schon das Wort „arm“ lähmt. (Etymologisch scheint das Wort sinngemäß verwandt mit einsam, verlassen, verwaist, zurückgelassen.) Deshalb würde ich nie sagen, dass wir arm wären. Aber ich will selbstverständlich, dass unsere Kinder einen realistischen Blick auf unsere finanziellen Möglichkeiten bekommen. Und auf die gesellschaftlichen Arrangements, in die sie hineingeboren wurden. Das führt zwangsläufig dazu, dass in den Kinderhirnen Gerechtigkeitsfragen aufpoppen. Und dass Eltern wie wir uns regelmäßig über angebliche soziale Wohltaten für Familien erregen, die uns komischerweise nie erreichen (Baukindergeld, Starke-Familien-Gesetz, etc. pp.) Aber das ist ein eigenes Thema.

Was machen Kinder nun mit so widersprüchlichen Antworten auf eine so existenzielle Frage, wie der, ob die eigene Familie arm oder reich ist? Ganz einfach: Sie gleichen das Gehörte mit der Lebenspraxis in der Familie ab und mit den Konsumgewohnheiten in ihrer Peergroup. Sie bekommen dadurch sehr schnell ein feines Gespür dafür, was für sie drin ist (gelegentlicher Kinobesuch, öffentlicher Personennahverkehr) und was nicht (Taxifahrten, wenn der Bus nicht gleich bereitsteht). Die große Herausforderung für Eltern mit Budgetlimits ist dann, die verständliche Frustration der Kinder zu kanalisieren – im besten Fall so, dass es die Kinder aktiviert, die Welt zu verändern, die kleine eigene und die große. Also irgendwas zwischen Sparen fürs eigene Reitpferd und Weltrevolution. Vor allem aber müssen Eltern eines tun, wenn sie ihre Kinder auf die eigenen Budgetlimits verweisen: das kleine Selbstbewusstsein stärken, das in einer auf Konsumoptionen fixierten Welt schnell zerrieben werden kann. (Wahrscheinlich müssen die Eltern da beim eigenen Selbstbewusstsein anfangen!)

Ein Besuch im Schwimmbad hat mich in dieser Hinsicht kürzlich sehr optimistisch gestimmt. Die Freundin war auch wieder dabei. Wie immer gab es Pommes am Kiosk. „Ich hab noch Durst“, sagte die beste Freundin. „Ich will so was.“ Sie zeigte auf eine Colaflasche. Noch bevor ich die Bestellung aufgeben konnte, stellte meine Mittlere ihre frisch aufgefüllte Wasserflasche auf den Tisch. „Hab ich grad vom Klo geholt.“ Irgendwie war ich da sehr stolz.


14 Lesermeinungen

  1. Alle Hartzer oder Normalverdiener sind extrem reich,
    es gibt noch ausreichend Platz für Abzüge zwecks Alimentierung von Öffentlich Rechtlichen, Infrastruktur, Bankenrettungen, Atomkonzernrettungen, Autorettungen, Flughafenrettungen, Bahnhofsrettungen, Bahn- und Postrettungen, Ministeriumsberatungen und vieles andere mehr. Wer ein paar Millionen im Jahr verdient ist allerdings nicht so reich, sondern gehört nur zu Mittelschicht. Das ist die offizielle Lesart in der Bundesrepublik! Meine persönliche Sicht? Wir sind wunderbar reich: Wir können uns eine gute Schule für Dich leisten, Gitarrenunterricht, gute Schuhe, gesunde Luft, sauberes Wasser, leckeres Essen und eine intelligente medizinische Versorgung. Die Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten hat das nicht.

  2. Iiiiii vom Klo geholt?! Colibakterien-Alarm!
    Das Klo ein Ort den die Meisten wohl zu Recht eher mit Brauch-, Schmutzwasser als mit Trinkwasser in Verbindung bringen. Erhöht sich deshalb die Kindersterblichkeit?

    • Colibakterien?
      Sofern das Wasser nicht aus der Toilette, sondern nur aus dem Wasserhahn der Toilette entnommen wurde, ist das kein Thema.

  3. Also wenn mein Sohn...
    auf der Tiolette seine Wasserflasche auffüllen würde, fände ich das schlimmer als eine Cola zu kaufen. Und zwar zuerst unter hygienischen Gesichtspunkten.
    Und wenig Geld sollte auch kein Stigmata sein, wird aber in unserer Konsumgesellschaft leider zu einem gemacht.

    • "unter hygienischen Gesichtspunkten."
      Da lägen Sie unter statistischen Gesichtspunkten voll daneben und sollten daher Ihrem Sohn jetzt schon vorsorglich Abbitte leisten. Sofern er vorher Wasser hat laufen lassen und sofern ein Warnschild „Kein Trinkwasser“ fehlt, kann das Leitungswasser in Deutschland regelhaft ohne jegliche Bedenken als Trinkwasser gebraucht werden. Die hygienische Qualität liegt oberhalb von abgefülltem Mineralwasser. Auch spielt der Ort der Wasserentnahme (Toilette) überhaupt keine Rolle für die Qualität des Leitungswassers.
      Reichtum und Armut als soziale Unterscheidungsmerkmale sind zudem weitaus älter als unsere Konsumgesellschaft. Auch hier irren Sie.

  4. Papa - sind wir Spießer?
    Fand ich als Frage auch nicht schlecht. Da muss man wirklich lange über die Antwort nachdenken. Denn das betrifft Werte und (ungeliebte) Kategorien. Bei Fragen zum Thema Geld sind die Antworten doch eher simpel: Zu keinem anderen Thema wird so entspannt gelogen …

  5. Meine Vorredner müssen etwas mißverstanden haben
    die Tochter wird das Wasser mit allergrößter Wahrscheinlichkeit an einem Wasserhahn im Toilettenraum gezapft haben und nicht aus dem Klo geschöpft… Ob ein Wasserhahn nun in einer Küche oder einem Toilettenraum hängt – das Wasser ist das gleiche und die Keimbelastung der Wasserleitung auch.

  6. Klar, Herr Relotius
    Man fragt sich, warum hat der Papa nicht Obst und Wasser mit ins Schwimmbad genommen? Wann war die Kleinste allein auf der Toilette? Wo hat sie die Flasche her? Hat der Papa seine Aufsichtspflicht verletzt, dass er erst in dem Augenblick mitbekommen haben will, dass sie Wasser holen war. Darf die Freundin überhaupt Cola trinken, was sagen die Eltern dazu? Geben diese eigentlich kein Geld dazu, dafür dass der Autor scheinbar ständig auf sie aufpasst und sie mit ins Kino oder Schwimmbad nimmt.

    Wie ist das eigentlich, wenn seine Tochter in der anderen Welt, mit den Eltern ihrer besten Freundin unterwegs ist? Gibt es da die Cola und Taxifahrten? Als Vater kennt man doch die Eltern der besten Freundin seiner Tochter. Dennoch bleibt deren Hintergrund komplett im Nebel.

    Darum kaufe ich Ihnen, die Story nicht ab, Herr Niebuhr. Wenn das überhaupt Ihr richtiger Name ist. Oh, ist er nicht. „Herr Niehbuhr schreibt hier unter Pseudonym.“ Sie sind enttarnt, Herr Relotius! 😉

  7. Wasser vom Klo
    Meine Güte, muss man hier Kommentare lesen! In deutschen Schwimmbädern wird so wie fast überall und zu Hause mit Trinkwasser gespült, geduscht, Hände gewaschen. Das kann man trinken. Auch das gehört m. E. zu einer vernünftigen Erziehung: gutes Leitungswasser wertschätzen zu lernen und nicht die Kinder mit der Angst vor der bösen Welt und ihren Bakterien vollzupumpen. Es muss nicht immer Vilsa sein. Ich wäre ebenfalls stolz auf mein leitungswassertrinkendes Kind.

  8. Haltung und Werte
    Ob ich mit dem Taxi heimfahre und wie oft ich Dinge kaufe, ist für mich keine Frage des Geldes. Ich könnte mir Vieles leisten. Es ist für mich eine Frage der Haltung und eine Frage der Wertschätzung der kleinen Dinge.
    Obwohl unsere Familie nicht arm ist, lebe ich meinen Kindern durchaus Bescheidenheit vor und verlange es ihnen auch ab. Ich mache ihnen klar, dass unser Lebensstil dennoch Luxus ist – verglichen mit dem Rest der Welt – und keineswegs selbstverständlich.
    Das Resultat: Gönnen wir uns dennoch etwas, genießen es meine Kinder sehr und gähnen nicht vor Langeweile.

  9. Was ist Armut, was ist Reichtum?
    Armut ist für mich das man etwas wirklich wichtiges nicht bezahlen kann. Wenn also am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist und das Essen knapp wird. So etwas habe ich zuletzt vor über 40 Jahren erleben müssen. Aber das ist natürlich nicht der Maßstab für heutige Kinder. Materieller Reichtum ist für mich, sich im täglichen Leben keine Gedanken über Geld machen zu müssen. Allenfalls wenn große Ausgaben erfolgen sollen. Von da her bin ich reich. Und trotzdem sparsam, allein weil mich meine Kindheit geprägt hat. Zum Beispiel das man Lebensmittel wertschätzt und nicht wegwirft. Ein wenig Planung und schon klappt das ganz wunderbar. Und auch meine Kinder haben das mit auf den Weg genommen. Jetzt lernen die Enkel auf dem Boden zu bleiben und nicht dem Konsumhype hinterher zu laufen.
    Und auch wir leisten uns was. Zum Beispiel tolle Urlaube in der Natur, Theater- und Konzertbesuche.

  10. eau de Klo 🙂
    Als wahrscheinlich reicher Mensch habe ich (dennoch?) eigentlich immer eine (böse!?) PET-Flasche dabei, die schnell mal beim Sport oder in Schulungen etc. am Wasserhahn gefüllt wird.
    Das hat mehrere Vorteile:
    1. Kein „Bläschenwasser“, das bei Vorträgen etc. immer mal wieder „Dampf ablassen“ möchte
    2. Ich bleibe reich!

    Um wenigstens ein Bisschen „lifestype“ zu pflegen: besagte Flaschen stammen von norwegischem Quellwasser, das ich jedes Jahr am Urlaubsende mit nach Deutschland bringe…haben sie ihren Dienst getan, werden gesammelt und wandern im Folgejahr beim ersten Einkauf in Skandinavien wieder in einen der dortigen Pfandautomaten…siehe 2. 🙂

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