Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

Kinder oder Rentner: Wer ist schlimmer?

| 17 Lesermeinungen

© Picture AllianceKinderwagen brauchen Platz, Kinder sind laut – warum stört das Rentner am meisten?

Unsere Kinder und wir hatten schon viele wunderbare Begegnungen mit älteren Menschen. Nachdem der Vierjährige kürzlich eine ganze Busfahrt hindurch geplappert hatte, sagte beim Aussteigen ein älterer Herr zu meinem Mann: „Ihr Sohn ist ein ganz aufgewecktes Kerlchen! Der macht mit 14 Jahren Abitur! Sie werden sich an meine Worte erinnern!“ Das ist schon eher Quatsch, aber Hand aufs Herz: Wer hört nicht gern, dass das eigene Kind ein Genie ist?, und so waren wir natürlich voller Liebe für diesen Mann. Auch das Baby zieht Rentner magisch an: Mehr oder weniger regelmäßig stecken freundliche ältere Damen den Kopf in den Kinderwagen, machen entzückte Laute, wenn Lukas (acht Monate) sie mit seinen nunmehr sechs Mini-Zähnen anstrahlt, oder tätscheln seine Speckbeinchen, was mir fast schon ein bisschen zu viel der Zuwendung ist.

Aber es gibt auch andere Tage. Da nörgelt der Vierjährige die ganze Busfahrt hindurch, weil er im Doppeldecker mal nicht oben sitzen darf. Oder das Baby wird im Café heulend wach, just als der Kaffee kommt. Oder der Kinderwagen versperrt im Praxisfoyer den Durchgang, oder das Einpacken an der Supermarktkasse mit zwei Kindern dauert zu lange. Es sind gerade die Situationen, in denen sie ohnehin schon bedient sind, in denen Eltern mit kleinen Kindern in der Öffentlichkeit auch noch missbilligende Blicke, manchmal Ermahnungen, schlimmstenfalls boshafte Kommentare ernten – und das insbesondere von älteren Menschen, denn Teenager haben andere Dinge im Kopf, andere Eltern Verständnis und die meisten anderen keine Zeit. Manchmal, scheint mir, reicht es dafür sogar aus, dass wir jungen Familien einfach da sind. Für viele ältere Leute sind wir ein Störfaktor.

Im öffentlichen Nahverkehr Berlins lässt sich das immer wieder beobachten. Im Bus verläuft die Front ziemlich genau zwischen dem Klappsitz-Bereich, der in der Mitte für eingeschränkte Personen oder Rollstühle vorgesehen ist, und dem für die Kinderwagen. Es ist mir schon ein paar Mal passiert, dass ich mit Mühe den Wagen in den gut gefüllten Bus gehievt hatte, weitere Eltern mit Buggys oder andere Fahrgäste sich zur Seite schoben, damit wir hineinpassen – aber die Dame fortgeschrittenen Alters mit dem Rollator oder der Rentner mit den großen Plastiktüten, die schauten auf ihren Klappsitzen betont unbeteiligt aus dem Fenster und zogen nicht einmal den Fuß ein, keinen Zentimeter. Nicht, dass ich erwartet hätte, dass sie für uns aufstehen, aber meist ist Platz genug, wenn jeder ein klein wenig mithilft, und Busreisende sind meist in der Lage, sich mit oder ohne Hilfsmittel zu bewegen – wie sonst hätten sie es in den Bus geschafft?

Rentner und junge Familien: zwei Bevölkerungsgruppen, die auf Rücksicht und Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen sind. Und die diese Rücksicht erstaunlicherweise oft nicht füreinander aufbringen können. Von der jeweils anderen Gruppe fühlen sie sich stattdessen regelrecht gestört und bedroht. Ich selbst bin hier als junge Mutter natürlich befangen, aber ich behaupte: Ich selbst gebe mir wirklich Mühe, auf ältere Menschen Rücksicht zu nehmen. Ich stehe im Bus für sie auf (nur den Kinderwagen kann ich leider nicht wegzaubern), und es regt mich auf, wenn andere Menschen es nicht tun. Als ich nach Berlin zog, habe ich in unserem Kiez anfangs sogar auf der Straße gegrüßt – allerdings stellte ich dann schnell fest, dass die älteren Damen meist nicht antworten, sondern eher ihre Handtasche noch ein bisschen fester an sich drücken. 

Ich wünschte, ich würde mir die Feindseligkeit und bisweilen demonstrative Ignoranz vieler älterer Menschen nur einbilden, aber ich höre immer wieder von anderen Eltern, dass sie es ähnlich erleben. Eine befreundete Mutter fährt lieber Auto im Großstadtverkehr, als mit ihren Kindern im überfüllten Bus auf übellaunige Senioren zu treffen. Und nicht nur im ÖPNV gibt es böses Blut: Ein Elternpaar ist gerade in eine neue Wohnung gezogen und schon jetzt fix und fertig – denn die betagte Nachbarin aus dem ersten Stock rief gleich am ersten Sonntagvormittag erzürnt an, dass es zu laut sei. Die vierjährige Tochter der beiden hatte in ihrem Zimmer zwei Mal hintereinander in Zimmerlautstärke zu „Gangnam Style“ getanzt.

Sicherlich sind die Bedürfnisse von älteren Menschen und die von jungen Familien manchmal schwer kompatibel. Die Älteren wollen Ruhe und Ordnung. Die Jüngeren auch, aber sie haben es aufgegeben, denn sie haben Kinder. Und letztere hauen eben manchmal auf die Pauke. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen jenseits der Siebzig oder Achtzig es befremdlich finden, wie Kinder heutzutage aufwachsen: vermeintlich schlecht erzogen, mit weniger „Disziplin“ und „Manieren“, mit mehr Freiheit und mit mehr Selbstbewusstsein. Und die Eltern von heute sind daran natürlich schuld, sie haben ihren Nachwuchs „nicht im Griff“ – insofern sind oftmals nicht die Kinder, sondern die Eltern das eigentliche Feindbild. In einem Einkaufszentrum hat mich eine Frau im Rentenalter einmal angemault, als mein damals zweijähriger Sohn in seinem Buggy einen Schreianfall hatte: „Nun lassen Sie das Kind doch nicht so heulen!“ Ich war erst einen Moment perplex, dann brachte ich nur heraus: „Haben Sie Kinder?“ Sie zischte zurück: „Ja, aber meine haben sich nicht so daneben benommen!“ Am liebsten hätte ich darauf so etwas gesagt wie: „Klar, die mussten halt noch schön strammstehen damals, stimmt’s?“ Aber da war sie schon verschwunden, und mein Kind schrie immer noch.

 Es gibt Tage, an denen macht es mir nichts aus, wenn fremde Menschen unfreundlich sind, wir leben schließlich in Berlin. Und es gibt Tage, da macht es mich fertig. Richtig übel wird es dann, wenn sich die Pöbelei an die Kinder direkt richtet. „Du bist ein ganz, ganz furchtbares Kind!“, hat ein alter Mann einmal die zweijährige Tochter meiner Freundin angefaucht, als letztere im Eingangsbereich einer Bibliothek in Tränen ausgebrochen war und ihre Mutter daneben gerade noch ihren Säugling versorgen musste. Ich will nicht wiedergeben, wie die selbstbewusste Mutter darauf reagierte, es war eine nicht besonders freundliche Erwiderung. Aber ich konnte sie verstehen. Ich wünschte wirklich, ich hätte den Mumm, in solchen Fällen auch selbst mal zurückzukeifen, mein Kind zu verteidigen, anstatt mich dafür zu entschuldigen. Aber dazu bin ich zu gut erzogen.

Wenn ich wieder einmal Aggressionen gegen gemeine Senioren hege, denke ich an Frau Rubitschek, Mitte achtzig, die unter uns wohnt. Manchmal wackelt sie mir in unserer Straße mit wild toupiertem rotem Haar und aufgemalten schwarzen Halbkreisen als Augenbrauen (sie sieht etwas schlecht) entgegen, wenn sie mit ihrem Einkaufstrolley vom Einkaufen kommt. Mein Mann hat ihr mal ihren Fernseher repariert, da konnte sie ihr Glück kaum fassen. Kein einziges Mal hat sie sich in vier Jahren über unser kleines, manchmal schwer zu bändigendes Trampeltier beschwert, und ich habe ständig ein schlechtes Gewissen. Vorsorglich bitte ich sie immer wieder, Bescheid zu sagen, wenn es ihr zu laut wird. „Ach“, winkt sie dann immer ab, dabei weiß ich genau, dass sie jeden umstürzenden Bauklotzturm und jeden unserer Schritte auf dem knarzenden Altbauparkett hören muss. Oft beugt sie sich dann lächelnd über den Kinderwagen. So eine Rentnerin will ich auch mal werden.

 


17 Lesermeinungen

  1. Komplexe, komplizierte Lage
    Der wesentliche Unterschied zwischen Familien und Rentnern besteht daran, dass die Familie voll im Leben steht und Rentner sowieso an den Rand gedrückt werden.
    Das „Meckern“ hat doch auch sehr viele unterschiedliche Gründe, man fühlt sich gestört, man fühlt aber auch mit dem Kind mit. U.U. kann die Frau mit Rollator aber auch gerade so im Bus stehen und hat Angst umzufallen, wenn sie die Standposition wechselt, oder es fehlt einfach die Übersicht wohin mit dem Rollator.
    Viele ältere Menschen haben aber auch Angst, wenn Sie angesprochen werden. Sollen sie abgelenkt werden damit man die Handtasche schneller klauen kann?
    Natürlich sind auch ältere Menschen nicht besser als jüngere. Warum meckern Sie nicht über den jungen Mann, der schnell vorbei geht ohne Ihnen mit Kinderwagen zu helfen?
    Stört Sie die Stereoanlage das Nachbarn nicht, wenn ihr Kind gerade eingeschlafen ist?
    Konflikte gibt es immer und es ist eben nicht einfach jung gegen alt, was man als neues Feindb

  2. Ach ja, die schreckliche Angst...
    …der Mütter, dass ihre Engel einmal angepasste Strammsteher werden statt freiheitsheischende Kreativbengel. Da gilt es natürlich jeden Erziehungsauftrag zu meiden, egal wie sehr man sich damit auf Kosten anderer auslebt. Das Resultat können wir schon heute bewundern: Noch nie haben Machthaber und Jugend so lieb miteinander gekuschelt wie gerade in Europa.

  3. griesgrämige Alte
    gibt es recht häufig, allerdings auch viele Eltern die meinen, daß ihr Wonneproppen das schönste, intelligenteste und überhaupt das allerbeste Kind ist, dessen Schreien und Quengeln doch eigentlich jedem wie Engelsgesang in den Ohren klingen müsste. Auch für mich, der ich noch weit von der Rente entfernt bin, ist es nicht einfach über Stunden ein durch den Zugwagon marodierendes Kind zu ertragen wie letztens erlebt. Ein Rentner wagte es die Mutter zu bitten, doch für etwas mehr Ruhe zu sorgen. Die Erwiderung der Mutter war nicht druckreif..

  4. Das Leben ist Augenmaßtherapie...Vernunft-Therapie.
    Unser Ver(nunft)stand…Horizontlevel…möchte die Dinge trennen in
    schlimm und schlimmer, dabei trennt uns unser Horizontlevelmangel
    von der Verbundenheit der Dinge…
    z.Bsp. Seelenverwandschaft Mensch-Mensch…Mensch-Natur…Evolution.
    Erschwerend kommt die Relativität aller Begriffe und die Tiefendifferenz allen pers. Erlebens jedes Einzelnen hinzu.
    Keiner kann vernünftiger handeln als er im entsprechenden Moment ist.
    Das humane Augen-Maß zu jeder Lebenzeit zu finden ist wohl das schwierigste zu findende Maß…
    kurz: Evolution = Augen-Maß-Therapie…Vernunfttherapie….
    GeneRATIOnenweg…der Ratiobildungsweg ist das Ziel?
    s. Weltgeschichte…Weltgegenwartgeschehen?
    Der vernunftbegabte Mensch 2019.
    :=)

  5. Vielleicht mal bedenken
    .. der Lastenbereich ist nicht nur für Kinderwagen da, auch für Rollatoren, Rollstühle und Leute mit großem/sperrigem Gepäck. Mich nerven die Drängel-Kinderwagen auch, die meinen sich noch reinquetschen zu müssen, egal wen sie rammen. Dass sie von einer alten Person mit Rollator erwarten, dass die Person mit Rollator (!) die Plattform räumt, damit ihr Kinderwagen drauf passt, finde ich ehrlicherweise unverschämt.

  6. Solche und solche
    Es gibt solche und solche. In unserer ehemaligen Wohnung hatten wir unter uns ein älteres Ehepaar, das sich regelmäßig über Lärm beschwerte. Das ging von Tipps, dass wir unseren Kindern bitte Schuhe mit dicken Sohlen kaufen sollen, damit die Schritte nicht so laut sind bis zur wildesten Schreierei im Treppenhaus, über die man eigentlich nur noch lachen konnte. Es gab auch Kommentare, dass eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus ja auch nichts für eine Familie mit kleinen Kindern sei. Die waren aber halt auch sonst ziemlich griesgrämig.

    Jetzt haben wir als Nachbarn ein älteres Ehepaar, die verstecken für unsere Kinder an Ostern Sachen im Garten oder Schenken eine Kleinigkeit zum Geburtstag und freuen sich, dass Kinder da sind. Die sind aber auch nicht griesgrämig.

    Ohne Kinder und den Quatsch den sie machen wäre unsere Welt sehr arm dran. Kein Kind kann so störend sein, wie die Autokolonnen, die sich durch unsere Stadt ziehen. Aber die werden von einigen dann eher akzep

  7. Wie wäre es zur Abwechslung, wenn man die Kinder mal so erziehen würde,
    daß sie sich in der Öffentlichkeit zu benehmen wissen (nennt sich Erziehungsauftrag und gilt durchweg für alle Eltern, auch die Blogschreiberin). Man kann Kindern nämlich tatsächlich beibringen, daß sie mal nicht schreien und andere Leute damit belästigen und dazwischenquatschen. Insofern hatte der ältere Herr natürlich recht und der Mutter hätte ich was erzählt. Wenn man Kinder schon mit zum Einkaufen nehmen muß und Kinderwägen in Bussen transportieren muß etc. . Im übrigen kann ich niemand ernst nehmen, der glaubt, unbedingt in dieser Stadt wohnen zu müssen. Wie wäre es denn mit einem Umzug mit Bitburg oder Aachen oder Neustadt a.d. W. oder Speyer? Aber da ist es ja nicht so schön eng und unbequem und häßlich und die Luft nicht so schlecht wie in dieser „Hauptstadt“ von irgendwas.

    • Einstellungsproblem
      Warum sollen Kinder nicht mal schreien dürfen? Bei dem täglichen Lärm, der uns umgibt, geht Kindergeschrei unter. Und warum soll man Kinder nicht zum Einkaufen mitnehmen? Manchmal geht es einfach nicht anders. Man kann sie ja schlecht alleine zuhause lassen. Abgesehen davon kann ich mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ein Kind im Supermarkt gesehen hätte, das auffallend gewesen wäre. Allerdings kann ich mich an die Rentnerin erinnern, die sich beim Bäcker vorgedrängelt hat.

      Aber ihr gesamter Text trieft nur so von Griesgrämigkeit. Schon der letzte Abschnitt ist sehr vielsagend. Kinder sind für mürrische Leute willkommene Opfer, da sie sich schlecht wehren können. So werden sie als Projektionsfläche der negativen Emotionen der Misanthropen genutzt.

    • Ausgezeichnet
      Volle Zustimmung.

    • @A.Clemens. Oma drängelt vor! Was'n Drama. Gehört unbedingt hierher.
      Danke dafür.

  8. Toleranz allgemein - um diese ist es schlecht Bestellt.
    Keine sorge die Lebenszeit der Rentner_in ist absehbar begrenzt. Schlimmstenfalls muss Rentner_in aus gesundheitlichen Gründen ins Pflegeheim dort werden diese dann besonders effizient gelagert bis Sie sterben. Ganz schlimm kann es dann für die zu Pflegenden werden wenn keine Angehörigen zur Verfügung stehen um Einfluss auf eine Verbesserung der Situation zu nehmen. Bestellte Betreuer_in sind auch keine Vertrauenswürdige alternative. Danke

  9. Kinder und Lärm
    bei uns in der Wohngegend fällt eine Familie, die allerdings 6 Kinder hat, mit viel Lärm auf. Beschwerden werden missverstanden, weil es nicht um Kindergeschrei geht, sondern eher um stundeslanges Fussballspielen mit dem übliche, über den Boden übertragenenes Rummsen, wenn gegen den Ball getreten wird. Spielen die Kinder ohne Fussball ist es „Geschrei“ in Grenzen und mit unter angenehm zu hören. Leider versteht die Familie nicht, was ich meine…nix gegen die Kinder, aber zum Fussballspielen soll es Bolzplätze geben

  10. Der Mensch ist schlimm, immer dort, wo er sich mit "enge" begegnet
    Das gilt für die Autorin, mit ihrer eindimensionalen Beobachtungs“gabe“. Für die jungen Väter und Mütter mit Tunnelblick und ohne erziehersichen Durchblick. Auch für die Alten? Auch für die Kinder? Eingeschränkt: altern verbittert zunehmend, nur wenige bekommen das Geschenk der Weisheit und der Gelassenheit. Und die Kinder verhalten sich einfach so, wie sie das in ihrer Welt beobachten.

Hinterlasse eine Lesermeinung