Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Der Anfang vom Loslassen

| 11 Lesermeinungen

© Picture AllianceKlar sollen unsere Kinder selbständig werden. Aber doch noch nicht jetzt!

Unser großer Sohn Ben (4) ist auf Kita-Reise, eine Stunde Zugfahrt von uns entfernt. Mein Mann und ich haben ihn vor zweieinhalb Tagen in der Bahnhofshalle verabschiedet. Er und 15 andere Kinder stapften hinter den drei Erzieherinnen her die Treppe zum Gleis hinunter, einer nach dem anderen, wie an einer Kette aufgefädelt, mit jeweils einer Hand am Geländer und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. Von oben winkten wir Eltern, von unten die Kinder. Ben schaute ernst, aber er weinte nicht. Kurz darauf war die Reisegruppe aus unserem Blickfeld verschwunden. „Und jetzt: Bier!“, rief ich den Eltern zu, die in meiner Nähe standen, und fand mich selbst nur mäßig witzig.

Seit der Nachricht, dass die Reisegruppe gut an ihrem Zielort angekommen ist, gilt: Wir bekommen nur Bescheid, falls etwas nicht stimmt. Also ist offenbar alles in Ordnung. Außer hier bei uns. Warum nochmal müssen Kinder im Alter von vier Jahren schon drei Übernachtungen auswärts absolvieren? Ach ja, damit sie an der neuen Herausforderung wachsen und so. Frühzeitig lernen, sich abzunabeln, auch allein klarzukommen und so. Also die Kinder. Oder etwa (auch) die Eltern? „Für euch Eltern ist das viel schlimmer, die Kinder selbst finden es toll“, hatten uns die Erzieher im Vorfeld gesagt. Sie machen diese Kita-Reisen schon seit langem, jedes Jahr. Noch nie habe eines der Kinder frühzeitig abgeholt werden müssen, beteuerten sie. Lange vor der Fahrt malten die Kinder Bilder mit Sachen aus, die mit in den Koffer sollten: Kuscheltier, Taschenlampe, Gummistiefel… Sie erfuhren, welche Tiere sie in ihrer Ferienanlage erwarten würden. Sogar ein Esel war dabei, erzählte Ben uns aufgeregt. Ihn nicht mitfahren zu lassen, war keine Option. „Damit würdet ihr ihm das Gefühl geben, es ihm nicht zuzutrauen“, sagte unsere Kontakterzieherin. Also schrieben wir, wie alle Eltern, heimlich eine Postkarte an unser Reisekind, die ihm am zweiten Tag vorgelesen werden sollte. Dass wir gespannt sind auf seine Berichte, dass zu Hause alles prima ist. Bloß kein rührseliges „Mama und Papa vermissen dich“, um den Kindern kein schlechtes Gewissen zu machen.

Am Tag der Abreise sind wir noch frohen Mutes und fast überrascht, wie gut der Abschied klappt, ganz ohne Drama. Nur zwei Kinder klammern sich kurz an ihren Eltern fest, gehen dann aber auch tapfer mit der Reisegruppe mit. Mein Mann und ich steuern mit anderen Eltern ein Café an und plaudern lange bei Kaffee und Kuchen, ohne wilde, ungeduldige Vierjährige um uns herum. Auch mal ganz schön. Zu Hause wird es dann erstmals komisch. Ich sammele in Bens Zimmer lustlos ein paar Legosteine auf, dann mache ich die Tür zu, weil das Chaos ohne das dazugehörige Kind so traurig aussieht und es aufgeräumt sogar noch schlimmer wäre. Der Tischspruch beim Abendessen fällt aus, Bens Platz bleibt leer und sauber. Auf dem Tisch steht noch ein Schnapsglas mit Kleeblättern, die er für uns gesammelt hat. Zum Glück brabbelt und matscht das Baby (acht Monate) ungerührt vor sich hin.

Die Prozedur vor dem Schlafengehen fällt kürzer aus als sonst, kein Gehopse auf dem Bett und kein Streit ums Zähneputzen, keine mühsamen Verhandlungen um die Frage, wie viele Gutenachtgeschichten es gibt. Nachts haut uns niemand seine Füße ins Gesicht. Auch der nächste Tag startet entspannter, ohne kleinen Morgenmuffel und ohne Kita-Aufbruchshektik. Abends gibt es Essen, das Ben nicht mag – Datteln im Speckmantel und viel grünen Salat. Mein Mann klagt über Ärger im Job, wir lästern und sagen mehrfach laut und genüsslich „Scheiße“, einfach, weil wir es können. „Du hörst weg, Lukas“, sagt mein Mann grinsend zum Baby.

Wir halten also ganz gut durch. Tagsüber ist es ja auch fast wie immer, nur dass Ben eben nicht in der Kita ist, sondern weiter weg. Doch nach der zweiten Nacht ohne ihn, der Klee sieht schon ganz welk aus, reicht es. Mein großes Baby gehört zu mir. „Okay, jetzt möchte ich bitte langsam mein Kind zurück“, schreibe ich einer anderen Mutter aus unserer Gruppe, ihr geht es genauso. Dabei habe ich gar keine Angst, dass Ben etwas zustößt. Und ich kann auch damit leben, nicht genau zu wissen, was er gerade macht (wenngleich ich die Erzieherinnen dafür verfluche, dass sie nicht wenigstens ein Mal am Tag ein Update geben). Mich quält aber der Gedanke, dass er Heimweh haben und denken könnte, wir hätten ihn im Stich gelassen. Er hat einmal geträumt, wir wären im Bus von ihm weggefahren, davon hat er noch Wochen später mit zitternder Stimme erzählt. Er kann unmöglich begriffen haben, was das wirklich bedeutet, drei Tage ohne uns in einer fremden Umgebung zu sein. Was, wenn er sich nicht traut, zu sagen, dass es ihm nicht gut geht? Was, wenn er es doch sagt, aber zu hören bekommt: „Ach komm, stell dich nicht so an!“? Schließlich ist noch nie ein Kind frühzeitig abgeholt worden …

Ich wollte nie so sein: eine von diesen Müttern, die ihre Kinder nicht loslassen können. Die sie ständig in Gefahr sehen, zumindest im Kopfkino, die sie am liebsten jede Minute beschützen wollen und das Gefühl haben, dass niemand außer ihnen und Papa das wirklich kann. Ich fahre Ben zwar nicht mit dem SUV zur Kita – wir haben gar kein Auto. Aber abgesehen davon bin ich vermutlich das, was ich selbst so furchtbar finde: eine Helikopter-Mutter. Zumindest in mancherlei Hinsicht. Der Helikopter-Vater und ich, wir vermissen unseren großen Sohn so sehr, dass es weh tut. Die Sorge um ihn macht uns verrückt. Wir können uns nicht lange entspannen, wir haben nicht das Bedürfnis, eine Date Night einzulegen oder Bier zu trinken, um den kleinen Ausflug in die Vergangenheit ohne Kinder zu zelebrieren – mal abgesehen davon, dass wir ja auch noch Lukas haben. Wir wollen einfach nur unser zweites Kind wieder.

Ich weiß, ich sollte mich nicht so anstellen. Morgen Mittag kann ich Ben wieder abholen. Wahrscheinlich ist er erschöpft und glücklich, und ich lasse mir natürlich nicht anmerken, wie es uns zwischenzeitlich ergangen ist. Dennoch: „So etwas machen wir nie wieder!“, habe ich gestern schon zu meinem Mann gesagt. Und wusste natürlich, dass das Quatsch ist. Das Loslassen hat ja gerade erst begonnen.

Update: Ben ist wieder da. Erschöpft und glücklich. Es sei „toll“ gewesen, sagt er. Und gleich danach: „Aber ich habe jeden Tag ein bisschen geweint, weil ich euch vermisst habe.“ Manchmal hasse ich es, Recht zu haben. Aber wir haben zu Hause darüber gesprochen: Ben hat zweifellos ein großes Stück Selbständigkeit gelernt. Deshalb denken wir, dass er zum 18. Geburtstag bestimmt wieder raus darf. 

 


11 Lesermeinungen

  1. Sehr schöner Text, man hat in der Tat voller Anspannung mitgelesen,
    und sich auch ein bisschen gefreut über dieses ganze ‚emotionale Durcheinander‘, welches das Leben überhaupt erst so spannend und wertvoll macht. Und Mutter Natur ist da sehr vielfältig und wählerisch mit der Ausstattung der Menschen als ‚große Grundgesamtheit Gesellschaft‘: Es gibt auch Frauen, die können mit ihrem ersten Kind & ihrem zweiten Kind überhaupt nichts anfangen, ‚einfach abzulehnende Fremdkörper, die bei der Weiterführung des gewohnten (Büro- und Junggeselleninnen)Lebens stören, und die Frau (Mutter!) bestimmt nicht anfassen oder auf den Arm nehmen möchte, Körperkontakt zum Kind ekelhaft und unerwünscht‘, und die werden überhaupt erst beim dritten Kind Mutter, falls je – und verstehen dann so wie hier. Womöglich völlig ohne jedes Bedauern über Verpasstes bei den 1. zwei Kindern. Aber bis es dahin überhaupt erst einmal kommt, können ja leicht für die ersten beiden Kinder 6 oder 7 Jahre verstrichen sein, & nicht nur für die 1. beiden Kinder, son

  2. Der letzte Satz...
    treibt mir Tränen vor Lachen in die Augen.

  3. Der Anfang vom Loslassen...immer zum falschen Zeitpunkt...
    Ewige(s) Trennungstrauma(ta)…und dann gibt es Menschen die
    behaupten es ist nur eine 3-Tage-Kind-Spaß-Reise…unverantwortlich:=)

    Ausgerechnet am Vatertag…habe vieles noch einmal „mit-erlebt“…
    zum richtigen Zeitpunkt, danke…
    sentimentales nachschmunzeln und „gegenwärtiges mitleiden über die
    (Liebe-)Maßen(-Geschichte)“, bewirkt doch auch ein wenig gesunderes
    Eigen-Liebesmaß…eigenes Nächsten-Liebe-Maß.

  4. Titel eingeben
    Ein Kind im Alter von 4 Jahren muß man nicht „loslassen“ sondern engmaschig begleiten und selbstständig werden lassen.

  5. Ich kann nur meine Erfahrungen als Vater mitteilen
    Wenn meine Frau mit unseren zwei Helden mal zu ihren Eltern gefahren war. Das war furchtbar. Alles aufgeräumt, kein Auto, keine Puppe lag herum.Die Stille war so laut das man sich einbildete sie zu hören wie sie die Treppe herunter rannten,miteinander sehr laut erzählten. Nachts ist man munter geworden weil bestimmte Geräusche und ähnliches fehlten. Also sind nicht allein, es ist ebenso. Später werden sie über sich lachen können.

  6. Was für ein Quatsch
    Wer hat sich sowas ausgedacht? Eine Reise für 4-jährige? Warum muss das in dem Alter sein? Man kann auch mal gepflegt dem eigenen Gefühl vertrauen, dass das für ein so junges Kind zu früh sein könnte. Diese wahnsinnige Angst der coolen City-Parents, als Helikopter-Eltern abgestempelt zu werden, macht mich traurig. Ihr fallt auf der anderen Seite vom Pferd. Der Zeitgeist hat Euch runtergeschubst.

  7. Sehr schöner Text
    der die Gefühlswelt gut beschreibt.
    Übrigens wird es nicht besser oder leichter sein, wenn Ben 18 Jahre alt ist.
    Jedes Loslassen ist für die Eltern eine Herausforderung, auch wenn es ihre Pflichtaufgabe ist.

  8. Titel eingeben
    @Polier Warum nicht? Unser Sohn hat noch unter drei bei den Kindergartenfreunden übernachtet – und die bei ihm. Keiner hat sie gedrängt, dann auch mal bei Großeltern (andere nicht ganz ferne Stadt) und die Kreise wurden größer. Entdeckerlust. Im Kindergarten haben sie nur übernachtet und sind nicht weggefahren. Man sollte sich als Eltern nicht überschätzen in der Bedeutsamkeit.
    Und mit Zeitgeist hat es eher zu tun, wenn man die Kinder überbehüten will. Früher hat man nicht lange gefackelt, da wurden die Kinder mal zu den Verwandten geschickt, ohne lange Federlesen – da ist man heute vorsichtiger.

  9. @ClemensMaier,
    Warum nicht? Weil es Kinder gibt, die das vielleicht mit vier Jahren überhaupt nicht schaffen. Die größere Tochter einer Freundin kann nichtmal bei den Großeltern schlafen – gutes Verhältnis aller Familienangehörigen, eigenes Kinderzimmer, immer gern allein im eigenen Bett geschlafen, aber in einer anderen Wohnung geht einfach nicht. Sie haben es versucht, bis sie schließlich einmal nachts halb zwei zu den Großeltern gefahren sind, weil das Mädchen einfach nicht schlafen konnte. Und es gibt Kinder, denen es dabei vieleicht nicht gut geht, die es aber nicht sagen, sondern mit sich herumtragen. Damit sie nicht als Angsthase dastehen. Weil andere ja so toll sind und mit unter drei Jahren bei allen möglichen Freunden schlafen. Dass die Erzieherinnen dann nocht die Teilnahme bei den Eltern mit einem schlechtem Gewissen erzwingen (ihr vermittelt ihm, dass ihr es ihm nicht zutraut) ist an sich schon ein fragwürdiger Ansatz.

  10. Seltsam
    wie Kinder immer früher von ihren Eltern und Verwandten gezielt „abgenabelt“ werden. Nicht der (spontane) Wunsch des Kindes (möchte mal bei Freund schlafen), sondern die gezielte Beeinflussung von 3-4-jährigen führt dazu. („Lange vor der Fahrt malten die Kinder Bilder mit Sachen aus, die mit in den Koffer …“)
    Die Welt geht nicht unter, aber wozu folgendes?
    „Aber ich habe jeden Tag ein bisschen geweint, weil ich euch vermisst habe.“
    Wer ansonsten weiß, warum Kinder so alles aus dem KiGa abgeholt werden sollen, wundert sich.
    Interessant wäre zu wissen, welchen „Hintergrund“ diese Betreuungseinrichtung hat und wie lange der Sohn an einem normalen Tag dort verweilt.

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