Schlaflos

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„Und… was hast du so auf die Kette bekommen?“

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© Andreas Pein 20 Jahre später ist die schulische Vergangenheit in mildes Licht getaucht. Bis auf die Modesünden.

Mensch, was hatten wir das geschickt eingefädelt! Wir hatten unsere Partner mitgebracht zum 20-Jahre-Abiturtreffen, damit sie sich um die mitgebrachten Kinder kümmern können. Schließlich nutzen die beste Hüpfburg und der attraktivste Minigolfplatz nichts, wenn die Kinder die ganze Zeit beaufsichtigt werden müssen. Unsere Partner hatten wohl auch nichts dagegen, waren sie doch froh, bei diesem nostalgischen Event voller unbekannter Gesichter in die Kinderbespaßung abtauchen zu können.

In meinem Falle hatte dieser geniale Plan einen betrüblichen Haken: Meine Frau war ebenfalls Schülerin an dieser Schule, ebenso Abiturientin dieses Jahrgangs, sogar in derselben Klasse. Wer also, verdammt nochmal, war der Anhang an diesem Abend? Sie, ich, keiner – oder wir alle? Wir schoben uns den kleinen Elias wechselseitig zu. Der jedenfalls ließ sich nichts anmerken, rutschte mit der Tochter einer Freundin die Minigolfanlage herunter, stibitzte die Erdbeeren vom Buffet und schien ansonsten recht zufrieden, wenn auch am späteren Abend heillos überdreht.

Dass sich das Klassentreffen derart entspannt entwickeln würde, war nicht unbedingt zu erwarten. Solche Veranstaltungen sind ja durchaus berüchtigt, weil die schulische Zwangsgemeinschaft von anno dazumal unter gegenwärtigen Bedingungen freiwilligen Zusammenseins nicht automatisch funktioniert. Am Ende der Schullaufbahn stand die Freiheit, da wollte man nur noch partiell mit den früheren Zellengenossen zu tun haben. Zumal 20 Jahre kein Pappenstiel sind: Mein Abitur 1999 war sozusagen kurz nach der Kreidezeit und kurz vor 9/11, und seitdem ist ja bekanntlich alles anders als zuvor. Immerhin bin ich nun doppelt so alt wie damals, und das hat wieder etwas Tröstliches: Die anderen nämlich auch.

Abitreffen können Stress auslösen. Die Angst, die ehemals guten Kumpels nicht mehr zu erkennen, weil der Bauch gewachsen und die Kopfbehaarung geschrumpft ist (natürlich nur bei den anderen), dazu die Panik, die Namen nicht mehr auf die Kette zu bekommen. Eine herumgereichte Abizeitung diente immerhin grob der Orientierung, aber schnell war klar: kein Grund zu fortgeschrittener Unruhe. Die meisten waren in Würde gealtert und sich selbst zumindest in den Grundzügen noch ähnlich.

Aber offenbar legen wir bei derlei Treffen besonders strenge Kriterien an: Vielleicht auch deshalb, weil wir uns dabei selbst die Blaupause unterschieben und einen solchen Abend als Vergleichsmarathon empfinden. Schließlich starteten die ehemaligen Schulfreunde am gleichen Punkt und mit dem gleichen Guthaben – dem Abitur – ins Berufsleben. Jetzt allerdings konnte man erstmals sehen, was daraus geworden ist. Man begegnet also dem eigenen Teenager-Ich vor den Vergleichsmaßstäben der Gleichaltrigen. Das mag nicht jedem gefallen.

Wer nun aber die große An- und Aufrechnung erwartete oder fürchtete – mein Haus, mein Auto, mein Boot –, konnte sich entspannt zurücklehnen. In meiner Wahrnehmung waren die meisten noch immer die gleichen Typen wie in Zeiten, als wir alle nur halb so alt waren. Die Nerd-Fraktion hat irgendwas mit Physik und Informatik studiert, die anderen Typen was mit Menschen und Kultur, die Sicherheitsfanatiker sind im Öffentlichen Dienst gelandet oder in Großunternehmen, die nur Konkurs gehen, wenn der Dritte Weltkrieg ausbricht. Mancher Ruhige kommt mittlerweile ins Reden, aber im Grunde ist der Narzisst ein Narzisst geblieben, und die Schüchterne verkriecht sich immer noch. Erstaunlich und unerwartet, dass die großartigen Jobs und goldenen Karrieren bei schönem Wetter, kurzen Hosen und Flaschenbier allenfalls am Rande thematisiert wurden. Sollte jemand mit dem 100.00-Euro-SUV angereist sein, so hat er oder sie ihn auf einem entfernten Parkplatz abgestellt.

Das passt in unsere Zeit, in der die klassischen Statussymbole an Bedeutung verlieren. Weder der SUV noch die goldene Armbanduhr sorgen (zumindest in unseren Kreisen) für soziale Anerkennung, wohl eher Themen wie Bildung, Gesundheit, Weltgewandtheit und guter Stil. Letztlich hätte man sich eben Robert Habeck und Annalena Baerbock bestens zwischen all den leicht gealterten Abiturienten vorstellen können, flott, aber grau meliert, die Wahlergebnisse der Grünen sind eben nicht ausschließlich der Partei-Programmatik geschuldet, sondern zugleich der Anschlussfähigkeit in einem Milieu, das sich in Sozialisation und Weltanschauung ähnlich sieht. Dazu gehört auch, Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen, wie bei Habeck und Baerbock, ohne deshalb in eine Mörder-McKinsey-Boston-Consulting-Karrieristenkarikatur abzudriften. Man muss nicht die Grünen wählen, um dieses Gefühl einer Generation zu verspüren, das diese Partei derzeit besser als andere Parteien personifiziert.

Das sichtbarste Zeichen dieser Lebensleistung abseits vom dicken Konto oder luxuriösem Auto, das Statussymbol der Post-SUV-Ära schlechthin, waren an diesem Abend die Kinder, die zwischen all den Beinen herumsprangen.  Im Gegensatz zu unsichtbaren Doktortiteln oder vergangenen Auslandsjahren waren sie die sichtbarste Errungenschaft der letzten 20 Jahre. Die meisten hatten ein Kind oder mehrere dabei, eine Schulfreundin war schwanger aufgetaucht. Einige andere aber waren bisher kinderlos geblieben, am Kriterium Kind trennten sich am deutlichsten die Lebenswege. Und doch, obwohl Kinder anwesend und sehr präsent waren, standen sie als Thema nicht mehr so im Mittelpunkt wie dies mutmaßlich Jahre zuvor gewesen wäre. Mit Ende 30 war dieser Abend nicht mehr so überfrachtet mit dem Kinderthema wie so manche Party mit Anfang 30. Für die ungewollt Kinderlosen, die sich mit Anfang 30 der Frage „Und wollt ihr eigentlich Kinder?“ unter Dauerfeuer erwehren müssen, dürfte das eine positive Erkenntnis gewesen sein.

Vielleicht ist es deshalb nicht das Schlechteste, bis zum Abitreffen 20 Jahre zu warten – bis man in manchen Dingen aus dem Gröbsten heraus ist. Dann kann man die Kinder guten Gewissens der Partnerin übergeben und an die Hüpfburg outsourcen (sofern man eine Frau geheiratet hat, die nicht in derselben Stufe war, was die Mehrheit beherzigt haben dürfte) und sich selbst befreiter den wirklich wichtigen Themen widmen, wie zum Beispiel den verschollen geglaubten Abiband-Mitschnitten. Die waren besser als befürchtet. Wie der ganze Abend. Insofern dürfen die Intervalle bis zum nächsten Treffen ruhig kürzer werden.


3 Lesermeinungen

  1. Es ist nicht nur DAS Kind, es sind exakt DREI Kinder...
    Wer heute im Bildungsbürgertum zeigen will, dass er es zu etwas gebracht hat, braucht nicht nur die richtigen Kinder, sondern exakt drei davon – die neue Maßzahl für Kinderglück. Und alle in skandinavischen Klamotten! Dazu natürlich das Häuschen oder die Wohnung im richtigen Viertel. All das oft nur möglich mit Unterstützung der (Groß-) Eltern, durch intensive Übernahme der Betreuung oder vorgezogenes Erbe für den Wohlstand ihrer Kinder und den richtigen repräsentativen Auftritt sorgen. Ach, und nicht zu vergessen, der Partner: selbstverständlich Akademiker wie man selbst; ein idealer Bodymaßindex ist ein Muss. Wenn das alles stimmt: 90% der Post-SUV-Anerkennungsfaktoren sind erreicht!

  2. Ratschlag zur Entspannung
    Schon ab unserem ersten Abitreffen zehn Jahre nach dem Abitur 1983, gilt bei uns folgendes: Treffen in fünfjährigem Rhythmus, ohne (externe) Partner und ohne Kinder. Und Namensschilder machen wir auch. Ergebnis: Alle fünf Jahre ein perfekt entspanntes Treffen bis in die frühen Morgenstunden.

  3. Alle Jahre wieder...
    Wir haben uns seit 1962 jedes Jahr getroffen, reihum in Deutschland, zweimal auch im Ausland, immer mit Partnern, immer entspannt. Aber wir hatten den Vorteil, dass wir nur zu elft waren, vermutlich wegen geringerer Intelligenz. Damals lag die Abiturientenquote bei etwa 5%.
    Bis auf drei Verstorbene und einen Aussteiger treffen wir uns jetzt auch mehrmals im Jahr.

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