Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

Die Pubertät ist kein Freifahrtschein

Die eigenen Kinder sollen sich anständig benehmen – aber die Kinder der anderen bitte auch.

In der Grundschule wurde ich noch schriftlich über das Sozialverhalten meiner Töchter unterrichtet. „Die Kinder schätzen Maya als verlässliche und mitfühlende Freundin“ oder „Lara verhielt sich ihren Mitschülern gegenüber sehr freundlich, hilfsbereit und sozial.“

Ihre Klassenlehrerinnen teilten mir nicht unbedingt Neues über meine Töchter mit, aber es beruhigte mich zu wissen, dass sie so, wie ich sie zu Hause wahrnahm, auch in der Schule zu sein schienen.  Das Sozialverhalten meiner Töchter ist mir auch heute noch sehr wichtig. Viel wichtiger als ihre Englisch- oder Mathenoten. Ich möchte, dass aus dem sozialen, hilfsbereiten und freundlichen Kind eine soziale, hilfsbereite und freundliche Jugendliche und später Erwachsene wird. Ich möchte, dass meine Töchter Dinge hinterfragen, sich ihre eigene Meinung bilden und anderen Menschen mit Respekt und Toleranz begegnen.      

Seit die Mädchen die weiterführende Schule besuchen, ist der Punkt „Angaben zum Arbeits- und Sozialverhalten“ auf dem Zeugnis nur noch ein leeres Feld. Ab und zu wird höchstens erwähnt, dass Maya sich z.B. als Klassenbuchführerin engagiert hat. Dabei ist es enorm wichtig, wie sich die Kinder und Jugendlichen außerhalb des Elternhauses verhalten. Denn Gemeinschaft findet in erster Linie in der Schule, in den Kindertagesstätten und beim Freizeitsport statt, wenn Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Elternhäusern, mit unterschiedlichen politischen Einstellungen und Weltanschauungen, unterschiedlichen Religionen und Herkünften aufeinandertreffen. Arm und Reich, Deutsch und zugewandert, Katholik und Muslim. Wer da nicht lernt, was Toleranz und Respekt wirklich bedeuten, der wird auch als Erwachsener nicht der weltoffene, empathische und soziale Typ.

Gemeinschaftssinn ist einer der tragenden Pfeiler unserer Gesellschaft. Zu seinen Grundlagen gehören Kompetenzen wie Empathie, Solidarität, Respekt, Hilfsbereitschaft und soziale Integration. Diese Grundlagen werden größtenteils in der Kindheit und der frühen Jugend erfahren und erlernt.

So sagt es der Sozialpädagoge Prof. Dr. Holger Ziegler, der im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung untersucht hat, wie es um den Gemeinschaftssinn der heranwachsenden Generation steht. Sieht man sich die Ergebnisse der kürzlich veröffentlichten Studie an, ist die Zukunft düster. „Generation Rücksichtslos? Ein Drittel aller Jugendlicher hat keinen Gemeinschaftssinn“  lautet die Überschrift in der Pressemitteilung. Inwieweit die Ergebnisse der Studie nun alarmierend oder überraschend sind, sei dahingestellt. Auch ob es sich um ein neues Phänomen handelt, das unserer Zeit geschuldet ist, oder ob es in vorangegangenen Generationen ähnlich war.  Ich denke, wir sollten ehrlich sein: Kramt man in seiner eigenen Vergangenheit, stellt so mancher fest, dass er wahrscheinlich selber nicht den perfekten Muster-Jugendlichen abgegeben hat. Ich zähle mich durchaus dazu.

Fakt ist jedoch, dass es sich immer lohnt, an einem menschlichen und harmonischen Miteinander zu arbeiten. Man kann nicht alles als jugendliche Unreife oder pubertäres Verhalten abtun. Da der Grundstein für einen Gemeinschaftssinn im Kindes- und Jugendalter gelegt wird, sind zum einen die Eltern in der Verpflichtung, den Kindern diese Kompetenzen vorzuleben – aber eben auch die Kindertages- und Bildungsstätten! Kinder und Jugendliche, denen die Grundlagen fehlen, müssen irgendwo aufgefangen werden. Und wenn sie zu Hause oder im Sportverein nicht lernen, was Gemeinschaft bedeutet, kann nur die Schule dieses Irgendwo sein.

Der Übergang vom Kind zum Jugendlichen ist eine sensible Zeit. Vor allem, wenn spätestens auf der weiterführenden Schule die sozialen Medien ins Spiel kommen. Nie war es einfacher, jemanden zu beleidigen, fertigzumachen oder gegen ihn zu hetzen.  Und das, ohne seine eigene Identität preiszugeben. Das macht das Ganze gefährlich, man kann es schlecht kontrollieren oder aufhalten. Die meisten Eltern haben überhaupt keine Ahnung, was da so im Netz vor sich geht. Welcher Erwachsene tummelt sich auch schon in der Whatsapp-Gruppe, dem Tellonym-, Snapchat– oder Instagram-Profil der Tochter oder des Sohnes?  Erst wenn etwas komplett aus dem Ruder läuft, ein Kind etwa so gemobbt und ausgegrenzt wird, dass es nicht mehr in die Schule gehen will oder es zu Handgreiflichkeiten kommt, läuten in der Regel die Alarmglocken. Meist viel zu spät: Es gibt wohl kaum Kinder und Jugendliche, die noch nicht mit Mobbing oder Ausgrenzung in Berührung gekommen sind.

Meine Tochter wurde in der fünften und sechsten Klasse von einigen Jungs beleidigt und aufgezogen. Sie war immer schon sehr sensibel und bot eine entsprechende Angriffsfläche, da man ihr die Kränkung sofort anmerkte. „Du musst dich wehren!“, sagte ich. „Wenn man nicht aufhört, dich zu beleidigen, musst du zurückschießen.“ „Aber ich kann die doch nicht einfach zurückbeleidigen. Dann bin ich ja selber gemein.“ Natürlich hatte sie recht, aber was macht man da, bitte? Ständig die Eltern der Jungen anrufen und sie darum bitten, ihren Kindern soziales Benehmen beizubringen, nur damit die es als Kinderei abtun und die Tochter in der Schule erst recht ihr Fett abkriegt? Als es mir zu weit ging, habe ich dennoch zum Hörer gegriffen, Eltern und Lehrer informiert. Generell ging es mir gar nicht darum, den einen Jungen, der meine Tochter zufällig gerade auf dem Kieker hatte, zur Rechenschaft zu ziehen. Ich wusste, nächste Woche würde es wahrscheinlich ein anderes Mädchen oder einen anderen Jungen treffen. Manchmal reicht es schon, mit den falschen Ohren auf die Welt gekommen zu sein, ein uncooles Hobby auszuüben oder kein Netflix-Abo zu besitzen, um ausgegrenzt zu werden.

Darüber sollte in den Schulen geredet und diskutiert werden. Wer nicht begreift, wie dem anderen zumute ist, kann auch kein Mitgefühl entwickeln. Aber tiefgründige und vor allen Dingen regelmäßig stattfindende Gespräche sind in den Lehrplänen nicht vorgesehen. Ab und zu gibt es vielleicht mal eine Klassenstunde, aber die reicht gerade mal dazu, alle Entschuldigungen einzusammeln und zu besprechen, wer den Tafeldienst übernimmt. Genauso wenig können eine zweijährlich stattfindende Klassenfahrt und ein seltenes Anti-Mobbing-Training aus dreißig sehr unterschiedlichen Schülern eine perfekte harmonische Einheit formen. Auch wenn das wenigstens ein Anfang ist.

Wenn eine Studie alle laut aufschreien lässt und fragt, ob gerade die „Generation Rücksichtslos“ heranwächst, dann ist es an der Zeit gegenzusteuern: Ist es nicht wichtiger, mit Kindern über die vielen verschiedenen Religionen und ihre unterschiedlichen Auslegungen und Vorurteile zu reden, statt die jeweiligen Religionen getrennt voneinander zu unterrichten? Ist es nicht wichtiger, nach einem Völkerballspiel in der Turnhalle nachzufragen, warum immer die gleichen Kinder als letzte in die Mannschaft gewählt werden, anstatt nur die sportliche Leistung der Leitwölfe zu honorieren? Ist es nicht wichtig, mit Kindern und Jugendlichen über den Tellerrand zu schauen, sie zum Reden und Zuhören zu animieren? Vielleicht in einem Fach, das unter Umständen unbenotet bleibt, aber fest in den Lehrplan integriert ist. Ein Fach, das sich vielleicht Gemeinschafts- und Sozialerziehung nennen könnte. Würde sich doch gut an der leeren Stelle im Zeugnis machen?!