Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Mama, ich will nach Hause!

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Auch bei Schwestern kann das Heimweh extrem ungleich verteilt sein: Die eine hat’s, die andere nicht.

Lara fährt weg. 14 Tage. Betreute Feriengruppenreise nach England. Wie die meisten Eltern gebe ich Standardsätze von mir: „Melde dich, wenn du angekommen bist“ ; „Wenn irgendetwas sein sollte…“ ; „Und pass auf, wenn…“  Meine Tochter rollt die Augen. Auf Sorgen reagieren Fünfzehnjährige generell allergisch. Selbstverständlich auch meine. Dennoch will ich wenigstens ein Minimum meines Repertoires an Ratschlägen, Warnungen und Bitten loswerden und hoffe, dass sie wenigstens ab und zu mal etwas von sich hören lässt.

Ich weiß, wie sehr sie sich auf die Reise freut. Weg von Zuhause. Neue Eindrücke. Neues Land. Neue Leute. Sie liebt das. Heimweh?! Ein Wort, das in ihrem Sprachgebrauch nie vorkam, auch nicht als sie kleiner war. Egal ob Abschlussfahrt im Kindergarten, Klassenfahrt in der Schule oder die ersten Bauernhofferien mit der Freundin mit neun Jahren. Für sie bedeutete Verreisen immer schon pures Abenteuer, in das sie sich nur allzu gerne stürzte. Seit sie zehn ist, legt sie nicht einmal mehr Wert auf die Begleitung einer Freundin. Sie benötigte keine vertraute Person an ihrer Seite, um sich in der Fremde wohlzufühlen. „Ich habe doch die Pferde und bin da sowieso nicht richtig allein“, stellte sie klar, als ihre Cousine sie dennoch in einem Sommer auf die Reiterferienwoche begleitete. Und während die Cousine an dem ein oder anderen Abend vom Heimweh geplagt wurde, verstand meine Tochter die Welt nicht mehr. Es war doch alles super auf dem Hof! Jeden Tag Ausreiten! Rund um die Uhr Programm! Und die Woche sowieso viel zu kurz! Immerhin lief sie uns am Abholtag freudig in die Arme. Aber nur, weil sie unbedingt ihr Pflege-Pferd und den Hof zeigen wollte, nicht weil sie uns so vermisst hatte.

Als in der fünften Klasse eine Klassenfahrt anstand, war Lara reisetechnisch bereits ein alter Hase. Erwartungsgemäß hörten wir die ganze Woche nichts von ihr. Selbstverständlich hätte ich gerne gewusst, wie es ihr geht und gefällt, aber auch Eltern müssen mal eine Woche ohne ihr Kind aushalten können. Solange man nichts hört, ist alles in Ordnung. Uralte Regel! Und ich war froh darüber, dass Lara nie vom Heimweh geplagt wurde. Wer will schon sein Kind leiden sehen?  Dennoch war ich ein klitzekleines bisschen beleidigt, als ich am Tag der Rückkehr neben den anderen Eltern auf dem Parkplatz stand und auf den Bus mit den Kindern wartete. „Nele hat mich jeden Tag angerufen. Sie hatte Heimweh“, sagte die eine Mutter. Die andere: „Emely hat sich bei mir nur alle zwei Tage per Whatsapp gemeldet, aber dafür einmal angerufen.“ Ich bekam von den anderen Eltern Vorabinfos über die Ausflüge, die Zimmerverteilung und kleinere Anekdoten, die auf der Klassenfahrt stattgefunden hatten, noch bevor ich sie von meiner Tochter selbst erfahren konnte. Während wir dort rumstanden, trudelten nach und nach Nachrichten auf den Handys ein. „Melina fragt, ob ich schon da bin.“; „Julian hat geschrieben, dass der Bus gerade von der Autobahn runterfährt.“ Und dann – ich konnte es kaum glauben – ging auch bei mir eine Nachricht ein. In Erwartung eine Mama-ich-freu-mich-auf-dich-Nachricht oder ähnlich Nettes zu erhalten, las ich Laras Mitteilung: „Hi Mama, ich will mir eine App runterladen. Ist das okay?“  

Natürlich trage ich meiner Ältesten die fehlende Sehnsucht nach Hause nicht nach. So ist sie einfach. Neugierig, abenteuerlustig und immer gerne auf neuen Wegen unterwegs. Maya, meine Elfjährige, ist dafür das genaue Gegenteil zu ihrer stets fernwehgeplagten Schwester. Natürlich hat auch sie schon an Klassenfahrten und sogar an der, damals obligatorisch stattfindenden, Kindergartenabschlussfahrt teilgenommen. Fahrten, die für sie okay waren, weil die Freundinnen mitfuhren und die Länge der Reisen überschaubar war. Trotzdem war sie froh, wenn die Tage überstanden waren. Allein das fremde Essen in den Jugendherbergen verursachten ihr im Vorfeld Kopfzerbrechen. Für sie ist es zu Hause immer noch am schönsten. „Ich will nach Hause“, seufzt sie in regelmäßigen Abständen, selbst während des schönsten Familienurlaubs. „Ich will in mein eigenes Bett. In mein Zimmer. Alles soll wieder normal sein. Ich vermisse unser Haus.“

Ich würde Maya nie zu einer Ferienreise drängen, litt ich als Kind doch selbst schlimm unter Heimweh. Ich habe unschöne Erinnerungen an einen sechswöchigen Kuraufenthalt, zu dem mich meine Mutter kurz vor meiner Einschulung schickte. Ich wurde noch auf der Reise dorthin krank, und die sechs Wochen kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Auch die Feriengruppenfahrten, die ich die Jahre danach antreten musste, waren mir jedes Jahr aufs Neue ein Graus. Meine Mutter wollte mir damals etwas Gutes tun und mir eine gute Zeit ermöglichen. Vielleicht weil sie selbst als Kind so unheimlich gern auf Kinderfreizeiten fuhr, von denen sie noch heute in den buntesten Farben schwärmt. Doch mein Heimweh war damals einfach zu groß, als dass ich heute gerne auf diese Zeit zurückblicken könnte. Ich würde meiner Tochter das niemals antun wollen. Statt lustiger, atmosphärischer Abende am Lagerfeuer sind Kummer und das Gefühl des Verlorenseins in meinem Gedächtnis haften geblieben. Erst im fortgeschrittenen Teenageralter zog es mich irgendwann von selbst in die Ferne.

„Wenn ich erwachsen bin, möchte ich in einem Haus in der Nähe meiner Familie wohnen“, schrieb Maya letztens in ein Freundschaftsbuch auf die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstelle. „Ich bin froh, wenn ich irgendwann mal ausziehen kann. Am besten in eine WG in einer richtig coolen Großstadt wie Amsterdam oder Berlin“, ist dagegen Laras Aussage. Jedes Kind besitzt ein anderes Gemüt und sollte nicht unter Zwang über seinen Schatten springen müssen. Daher bleibt Maya die restlichen Ferienwochen zu Hause, in ihrer bevorzugten, vertrauten Umgebung, während ihre große Schwester nur allzu gern Urlaub vom Gewohnten und der Familie macht.  

„Sag mal, was mache ich eigentlich, wenn ich in England mit meinem Internet Highspeed Volumen nicht auskomme?“, fragte Lara kurz vor der Abfahrt. „Dann meldest du dich und wir kümmern uns darum. Kannst ja anrufen“, sagte ich fröhlich. Sie wird sich diesmal bei uns melden, da bin ich mir ganz sicher!


2 Lesermeinungen

  1. Heimweh und Smartphones
    Nun, von Heimweh meiner Kinder kann ich noch nicht berichten. Dazu sind sie noch zu jung. Urlaub haben sie bisher immer mit uns oder höchstens mit den Großeltern gemacht. Ich kann nur aus meiner eigenen Jugend berichten. Ich war viele Jahre lang jedes Jahr auf einer mehrwöchigen Freizeit, Heimweh hatte ich nie. Aber natürlich andere Kinder auf den Freizeiten. Allerdings war die schwierige Phase nach ein paar Tagen fast immer überwunden, im schlimmsten Fall mit Hilfe von „Heimwehtabletten“ (deren Aufdruck „Dextro“ wohl nur geneigten Beobachtern auffiel, aber Placebo wirken ja bekanntlich Wunder). Schlimm waren nur die Sonntage: An diesen Tagen war es den Kindern nämlich von den Organisatoren gestattet, per Münztelefon daheim anzurufen. Danach war der Abend wieder voller heulender Kinder, erst gegen Montag Vormittag kehrte wieder Ruhe ein.
    Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie der heutige, unkontrollierbare Kontakt per Smartphone nach Hause Heimweh schürt.

  2. Heimweh...
    Tiefenbewußtsein sagt:
    Heim-we“h“…Home-wa“y“…“we“h…“wir-weg“…
    von Bewußtsein-Unterbewußtsein-Unbewußtsein…
    zur „einer“ „Bewußtheit“…Se“h“n-sucht..Se“y“n-sucht…
    S“eye“n der Seele…“Selbst“begreifungweg = „Home“/“Heim“begreifung…
    way…“weh“ schmerzhafter Seelen=Menschen-weg.
    Das alles habe ich in kontemplativer Tiefen-Meditation über
    „Heimweh“….erkannt, auch wenn es „unmöglich“ oder einfach nur
    „Ein-Bildung“ genannt wird. Ich habe eine Begabung und ich
    nenn sie „B“RAINBOW-Bildung-Wachstum“ kontemplativ.
    Selbstbegreifung…Weg…Zweck=Zeit-Weg der Leben-Energie…
    „Sinn“ des Lebens.

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