Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Instagram und Snapchat: So kommuniziert unser Nachwuchs

| 17 Lesermeinungen

Digital Natives kommunizieren nicht nur verbal, sondern auch mit Bildern. Das obligatorische Selfie gehört für sie selbstverständlich dazu.

Meine 15-jährige Tochter Lara sitzt mir am Esstisch gegenüber. Wir plaudern ein bisschen, während sie sich ein Toast mit Käse überbackt. Zwischendurch hält sie ihr Smartphone hoch, legt den Kopf schief und lächelt. Klick. Sie beugt den Kopf zur anderen Seite, etwas ernster. Klick. Dann drapiert sie ihr Toast auf dem Teller. Klick. Nebenbei unterhält sie sich mit mir und hämmert dabei mit fettigen Fingern auf ihrem Handydisplay herum. Multitasking. „Was soll das eigentlich?“, frage ich genervt, weil mir ihre ständige Fotografiererei auf die Nerven geht. „Ich kommuniziere mit meinen Freundinnen. Snapchat“, erwidert sie. „Du verschickst blöde Fotos“, sage ich. „Und das ununterbrochen.“ Lara seufzt, und weil sie gerade Zeit und gute Laune hat, bekomme ich von ihr einen kleinen Einführungskurs in die Welt der modernen U25-Kommunikation.  

Die junge Generation tauscht sich nämlich nicht ausschließlich verbal aus, sondern sie kombiniert Text- und Sprachnachrichten mit Bildern. Vorzugsweise benutzt sie dafür Snapchat, Instagram und Whatsapp. Snapchat erklärt Lara, bedeutet sozusagen „Ihr Fenster zur Welt“. Hier erfährt sie, wo eine Party steigt, wer sich gerade auf dem Weg ins Freibad befindet, oder an welcher Stelle sie ihre Leute in der Stadt antreffen kann. Dabei versucht sie möglichst regelmäßig mit ihren Freunden zu chatten, sonst verliert man auf Snapchat nämlich seine Flammen. Flammen? Chatten? Snapchat? Snapchat ist doch die App, mit der man lustige Hasenöhrchen-Selfies machen kann?! Manchmal, wenn ich mit Maja, meiner Elfjährigen, auf dem Sofa sitze – ungeschminkt, mit zerzausten Haaren und Augenringen – albern wir mit der App auf meinem Handy herum. Dem Snapchat-Filter ist es nämlich egal, wie ich gerade aussehe. Er zaubert mich in Nullkommanix schön: Makelloser Teint, perfekter Lidstrich, Kulleraugen und Kussmund. Maja und ich verwenden den Babyfilter, tauschen unsere Gesichter oder benutzen den Stimmverzerrer für ein Video. Dass die junge Generation aber eigentlich in erster Linie über Snapchat (im Grunde sagt es der Name aber schon!) kommuniziert, war mir nicht so klar.

Während wir alten Facebook-Hasen also langsam Instagram für uns entdecken und denken, wir wären modern und auf dem neuesten SocialMedia Stand, haben uns die Digital Natives schon längst wieder virtuell ausgesperrt und tummeln sich auf einer neuen Spielwiese. Sie schaukeln auf Snapchat und wir sollen ruhig weiter im Sandkasten spielen. „Snapchat ist ziemlich privat. Man kann einen Snap nur zweimal anschauen, dann ist er weg. Man entscheidet, wem man seinen Snap schicken möchte und blockiert die Leute, die ihn nicht bekommen sollen. Das geht bei Instagram nicht, weil man einfach zu viele Follower hat. Zu viele Stalker“, sagt Lara und grinst. Ich fühle mich angesprochen. Bei Snapchat bleibt man unter sich.      

Wieder was Neues gelernt. Dabei dachte ich, dass ich mich in den sozialen Medien und im Internet einigermaßen sicher bewege und auskenne. Ich nutze Instagram, Facebook und zwei Messenger-Dienste (vorzugsweise Whatsapp), mal mehr, mal weniger aktiv, aber definitiv täglich, schon aus beruflichen Gründen und – zugegeben – weil ich denke, ich könnte irgendetwas da draußen verpassen. Aber im Grunde finde ich den Trend, alles fotografieren und posten zu müssen, ziemlich gruselig. Zeitraubend ist es allemal. Ich schaue mir die Posts auf Instagram nur sporadisch an und kämpfe oft mit der Einstellung. Dann muss ich meine Tochter um Hilfe bitten. Lara scrollt, herzt und kommentiert in Rekordgeschwindigkeit. Sie ist technisch viel versierter als ich.

Die Fotos auf Instagram sind schöner, bunter und appetitlicher als im Real Life und nicht immer authentisch. „Das ist eine Art Kunst“, sagt meine Tochter, der durchaus klar ist, dass im Netz gefaked, überbelichtet, retuschiert und gefiltert wird, was die Linse hergibt. Mit dem richtigen Filter und einer guten Belichtung kann sich selbst Quasimodo binnen Sekunden zu einem Hollywoodbeau verwandeln.

Bei der Qualität der heutigen Kameras und den Pixelzahlen ist es auch eigentlich kein Wunder, dass alle Filter über ihre Fotos laufen lassen. Wer will das denn? Immer diese brutal ehrlich und gestochen scharfen Fotos, auf denen man jede Pore, jeden Pickel und jede Falte erkennen und beliebig heranzoomen kann?! In meiner Jugendzeit brauchten wir keine Filter, weil die Fotos mit der Pocketkamera sowieso immer etwas verschwommen aussahen. Der aktuelle Lieblingsfilter meiner Tochter heißt deswegen Huji, ein Retrofilter, der die 90er-Jahre nachempfinden soll. Besonders toll findet sie den Lichteffekt, der einen orange-überbelichteten Streifen aufs Bild setzt. Die Fotos sehen dann so aus wie unsere Fotos von damals, wenn wieder mal die Kamera runtergefallen war und sich dadurch kurz die Filmklappe geöffnet hatte. Auf Fotos, die mit der Polaroid-Selbstbildkamera aufgenommen waren, kam man grundsätzlich ganz gut weg. Da war der Weichzeichner praktisch schon eingebaut. Vielleicht sind deswegen die großen, unhandlichen Selbstbildkameras auch heute wieder total angesagt bei den Jugendlichen.

Lara legt viel Wert darauf, dass ihr Feed auf ihrem Instagram-Konto stimmig ist. Die Fotos müssen farblich harmonieren. Von der künstlerischen Seite habe ich Instagram und Co. noch nie betrachtet. Ich poste z.B. ein Foto von einem niedlichen Käfer, dann ein Foto, auf dem ich vor einem schönen Gebäude stehe und anschließend ein Foto von meiner Kaffeetasse mit dem Hashtag #Pause. Dass nun das graue Gebäude mit der dunkelbraunen Farbe des Kaffees, dem grünen Käfer und den unterschiedlichen Belichtungen für den Betrachter nicht harmonisch erscheinen könnten, ist mir bis dato noch nie in den Sinn gekommen. Und es ist mir auch egal. Aber Lara ist es wichtig. Ihrer Generation ist es wichtig. Fotos müssen ästhetisch und hübsch anzuschauen sein, gerade, wenn sie für die breitere Öffentlichkeit bestimmt sind. Für die nicht so breite Öffentlichkeit gibt es ja Snapchat. Das zählt dann nicht zur Kunst, sondern zur Kommunikation.

Vielleicht müssen wir das nicht alles verstehen und gut finden, nur weil uns diese Art der Kommunikation manchmal fremd und oberflächlich erscheint. Jede Generation hat ihre eigene Sprache, ihre eigene Mode und ihre eigenen technischen Möglichkeiten, mit der sie selbstverständlich experimentieren. Schon im Hinblick auf die berufliche Zukunft betrachtet, kommt man an den Sozialen Medien nicht vorbei. In den letzten Jahren sind neue Berufe wie der Social Media Manager entstanden. Nahezu jede Firma präsentiert sich inzwischen auf Instagram und Facebook für ihre Kunden. Die Firmen, die das gut und professionell machen, achten auf einen stimmigen, harmonischen Feed und auf interessante, innovative Inhalte und schnelle Reaktionszeiten. Sonst erreicht man das jüngere Klientel oder den Nachwuchs nicht.

Unsere Digital Natives sind mit den neuen Technologien wie selbstverständlich aufgewachsen und daher nutzen sie die dann auch mit einer großen Selbstverständlichkeit. Warum sollte man neben all der Diskussion über den zu großen Handykonsum der Jugend nicht auch einmal diese Seite betrachten? Am digitalen Fortschritt kommen wir schließlich alle nicht vorbei. Ich habe zumindest den Eindruck, meine Tochter weiß sehr genau was sie tut.

Übrigens ist die Nutzung der meisten Apps wie Snapchat und Instagram erst ab 13 Jahren vorgesehen. Hier sehe ich die Eltern in der Pflicht zu hinterfragen, was ihre Kinder mit dem Smartphone anstellen und ob sie damit verantwortungsvoll umgehen. Kommunikation ist auch hier der Schlüssel. Es reicht nicht, die Schultern zu zucken oder alles zu kritisieren, nur weil einem der ganze Kram so fremd ist und früher „alles anders war“.

Und so sehr unterscheidet sich der Austausch meiner Tochter mit ihren Freunden von meiner Kommunikation früher dann auch wieder nicht. Ich habe als Teenager täglich mit meinen Freundinnen telefoniert und stundenlang das Telefon blockiert, auch wenn wir uns gerade erst gesehen hatten. Keine Ahnung, was es ständig zu bequatschen gab. Es ging sicher über Belanglosigkeiten. Vielleicht habe ich meiner Freundin erzählt, dass ich mir gerade ein Toast überbacke und ihr beschrieben, wie es aussieht.  Und hätte es damals schon die Möglichkeit gegeben, hätte ich ihr bestimmt ein Foto von diesem Toast geschickt. Telefoniert wird übrigens trotzdem noch, zusätzlich, wenn der Mund dann wieder frei ist und der Stalker aus der Küche verschwunden ist. Stundenlang.


17 Lesermeinungen

  1. Was bin ich froh, dass ich ein Alter bin... 🙂
    Kein fb, kein twitter, kein Netflix, kein Tinder, kein WhatsApp, kein was-auch-immer-zur-Zeit-der-befohlene-Hype-ist – für die „digital natives“ (was für eine perverse Wortschöpfung – digitale Eingeborene) bin ich nicht existent.

    Ich muss weder meine Meinung, noch meine Fotos, meine persönliche Daten, meine sexuellen Präferenzen und Prägungen, meine Lieblingsgerichte oder was auch immer mit irgend jemand „teilen“ den ich nicht persönlich kenne, um in der virtuellen Welt „real“ zu sein und anerkannt zu werden.

    Dafür lebe ich aber real in einer realen Welt – und ich genieße es! 🙂
    Ich bin schließlich ein Alter (weißer Mann). 😉

  2. Titel eingeben
    Ihre Meinung haben Sie soeben in der virtuellen Welt mit Leuten geteilt, die Sie nicht kennen.

  3. Nichts neues...
    Der Beitrag hätte auch drei/vier Jahre alt sein können. Auch als Außenstehender ohne Benutzerkonten bei gängigen Netzwerken kann man sich LEICHT auf dem Laufenden halten, was aktuelle Trends betrifft (Sinn oder Unsinn mal dahingestellt), ohne davon überrascht zu werden.

  4. Titel eingeben
    Es ist kein Fortschritt für die Menscheit; durch die digitalen Medien wird nur eine grenzenlose Verblödung erreicht !

  5. Kommunikation verbindet
    Vielen lieben Dank für diesen schön geschriebenen Einblick, aus einer Perspektive, die auch ich (als Mittdreißiger) nur allzu gut nachvollziehen kann. Ich habe den Beitrag gerne gelesen und auch ab und an geschmunzelt.

    Eigentlich bin ich niemand, der gern Artikel kommentiert. Doch nach dem Lesen der Lesermeinungen fühlte ich mich genötigt dem negativen, teils unnötig offensiven Feedback auch eine positive Rückmeldung hinzuzufügen; einfach weil ich glaube, dass viele Menschen diesen Artikel ebenso gern lasen wie ich (ohne zu kommentieren).

    Ich freue mich auf weitere lebendige Blogs dieser Art. 🙂

  6. Vielen Dank
    Sonia, vielen Dank Tim.

    Schönes Wochenende 😊

  7. Digitale Fortschritt erlahmt
    Der Artikel zeigt sehr schön, woran es krankt:
    Facebook Inc. das Unternehmen, welches persönliche Verhaltensmuster all seiner und auch fremder Nutzer auswertet und verkauft. Sich soziales Medium nennt, deren Lockvogel die digitale Vernetzung ist, jedoch mit seinen Produkten (Instagramm, WhatsApp) nichts weiter darstellt, als eine personalisierte Werbeplattform. Der Begriff Soziales Medium ist hierfür deplatziert und führt in die Irre; Snapchat sei ausgeklammert, weil nicht FB.
    Konsequenz:
    Digitale Bildung, für ein digitales Bewusstsein: Was geschieht mit meinen Daten? Was soll ich preisgeben? Welchen Unternehmen kann ich vertrauen? Wahrung der Privatsphäre trotz digitaler Vernetzung! Woran erkenne ich Informationsblasen?
    Hier ist besonders der Staat gefragt. Die digitale Zukunft benötigt Unabhängigkeit und Diversität!
    Alternative Möglichkeiten (Diaspora, Threema, …) existieren. Dafür muss der gemeine Anwender in der Lage sein, das Facebook-Aquarium zu verlassen bzw.

  8. Veraltete Begrifflichkeit
    Der Begriff Digital Natives wird heute in der Fachwelt doch eigentlich nicht mehr verwendet. Nur mit Medien aufzuwachsen und sie zu nutzen sagt noch nichts über den qualitativen Umgang mit Medien aus. Medienkompetenz muss erlernt und eingübt werden. Des weiteren verdeckt der Begriff das Problem, das die Art und Weise der Nutzung der Medien abhängig ist vom Bildungshintergrund und anderen Faktoren der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Vielmehr klingt die Verwendung des Begriffes „Digital Natives“ als Erklärung und Entschuldigung den Kinder und Jugendlichen nicht mehr als Vorbild dienen zu können und damit ein „Lernen am Model“ nicht mehr möglich zu machen.
    Die Gefahr bei der Verwendung solcher unscharfen Begrifflichkeiten ist auch, daß sie den Populisten unter den Medienkritikern, wie Pfeiffer oder Spitzer, zuviel Möglichkeiten gibt sie mit ihrer, selbst unscharfen, Polemik zu füllen.

  9. Sicht eines Digital Natives
    Ich sehe mich mit meinen 19 Jahren mitten im IT-Studium selbst als Teil der Digital Natives. Während meine Kindheit noch im Wald verbracht wurde, war es seit der Pubertät das Internet.
    Wie Herr_Yordin bereits sagte: die Medienkompetenz ist das Problem, nicht das Medium an sich. Wieviele Menschen fordern mittlerweile, dass nicht blind alles geglaubt wird, was irgendwo steht, sondern alles hinterfragt werden soll? Das gilt für’s Internet wie für „klassiche Medien“. Wohin das führt, sieht man bei Artikel 13, Rezo und FfF. Wie oft habe ich mit meinen Eltern diskutiert, nur um festzustellen, dass sie ihre Meinung einfach ungeprüft aus Zeitung und Fernsehen übernommen haben. Es stellt sich zunehmend heraus, dass Verlagshäuser und Rundfunkanstalten eigene Interessen haben und nicht mehr objektiv berichten.
    Wer sich die letzten News zur Firma Facebook anschaut und/oder das Buch ZERO (btw sehr empfehlenswert) gelesen hat, weiß: Wenn wir nicht das soziale Netz kontrollieren, kontroll

  10. Digital Na(t)ive
    Nett geschriebener Artikel, das Verhalten der Tochter kommt mir bekannt vor.
    Ob es wirklich einen Artikel darüber bedarf sei dahingestellt. Einem „Native American“ des 18. Jahrhunderts kommt die Nutzung von Skype als Kommunikationsmedium vmtl. auch merkwürdig vor. Und Selbstdarsteller gab es auch schon vor Instagram & Co.

    Die Stärkung der Medienkompetenz ist absolut richtig. Was jedoch im Grunde genommen jeden von uns betrifft. Die „Zeitungsente“ gab es schon lange vor Erfindung des Internets, die bewußte Falschmeldung wohl ebenso.

    Was mich jedoch immer wieder aufs Neue verwundert ist das völlige Fehlen eines Technologieverständnisses dieser „Digital Natives“ oder wenigstens einer Affinität zu selbiger. Geradezu das Gegenteil scheint mir der Fall zu sein.
    Was nicht vorgekaut als App am Smartphone daherkommt wird sofort als zu umständlich abgestempelt. Bloß nicht abstrahieren, nachdenken oder gar ausprobieren.

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