Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Das riecht nach Alkohol

| 8 Lesermeinungen

Die ersten Alkohol-Erfahrungen von Jugendlichen können anstrengend für ihre Eltern sein – oder für ihre gleichaltrigen Freunde.

Die Textnachricht meiner Tochter klang aufgeregt: Ob eine Freundin bei uns übernachten könne, sie hätte zu Hause viel Drama. Da ich grundsätzlich nichts gegen Übernachtungsgäste einzuwenden habe, weil auch in Corona-Zeiten ein eigenes Zimmer für sie zur Verfügung steht, war meine einzige Einschränkung, den Eltern Bescheid zu sagen, wo sich deren Brut befindet.

Dass diese kurzentschlossene Gastfreundschaft vielleicht keine so gute Idee war, merkte ich, als das lächelnde Mädchen mit glasigem Blick und einer deutlichen Fahne von meiner Tochter an mir vorbei gezerrt wurde. Beide verschwanden im Kinderzimmer. Während ich in der nächsten halben Stunde mit mir haderte, was zu tun sei, nahmen die Dinge ihren unvermeidlichen Lauf: Meine Tochter holte sich wortlos einen Eimer und verschwand wieder.

Mich schüttelte es bei dem Gedanken, gleich den Boss der Aufräumarbeiten geben zu müssen. Mein Kind, das normalerweise in lautes Ekelgeschrei ausbricht, sobald sie fünf eigene Haare aus dem Ausguss fischen soll, würde es da drin wahrscheinlich keine weiteren fünf Minuten länger aushalten. Nun härtet man als Elternteil im Lauf der Jahre gegen gewisse Dinge ab, man schafft es entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, volle Windeln und später nasse Betten zu wechseln, ohne das eigene Kind weniger zu lieben, aber bei fremden Kindern wirkt dieser Zauber nur bedingt.

Meine Überwindung war allerdings gar nicht gefragt. Die Tür blieb zu. Irgendwann schlich ich vorbei und hörte meine Tochter tröstende Worte zu ihrer sterbenselenden Freundin sagen: „Lass alles raus“. Nach einer Stunde kam mein Kind heraus, um mit mir zusammen das Gästebett zu beziehen. Zu mehr wurde ich nicht gebraucht. Meine Tochter verfrachtete die Freundin nach nebenan, zog ihr eigenes Bett ab, füllte die Waschmaschine und gönnte sich neues Bettzeug. Schließlich fand ich sie gegen 23 Uhr in der Küche, wo sie ihr Abendessen nachholte.

Als sie am nächsten Morgen die frisch gewaschenen Klamotten ihrer Freundin vor der Schule trockenbügelte, sagte sie schon voll Überzeugung. „Ich glaube, ich wäre eine gute Mutter“. Ich hätte gerne spontan applaudiert.

Während sich das unglückliche fremde Kind im Bad einigermaßen frisch machte, googelten meine Tochter und ich, womit man einem Menschen mit Kater etwas Gutes tun kann. Wir lasen auch etwas darüber, was das Mädchen mit ihrem Körper angestellt hatte (Zellgifte!) und ich strich in Gedanken das abendliche Glas Wein bis auf weiteres. Es war ein wahrhaft ernüchterndes Erlebnis für mich.

Am nächsten Abend habe ich mir meine Tochter dann noch mal in Ruhe vorgeknöpft. Nicht wegen des Ausfalls ihrer Freundin, sondern weil sie eine wichtige Erfahrung unbedingt abspeichern sollte: Wie stark sie sein kann, wenn es drauf ankommt und wie vorbildlich sie einer Freundin beisteht, wenn es der wirklich dreckig geht. Am liebsten hätte ich ihr davon einen Linolschnitt angefertigt.

Im Umgang mit meinem Kind neige ich dazu, die Geduld zu verlieren, wenn sich die Dinge ganz anders als erhofft entwickeln. Dieses Mal hatte ich gelernt, wie hilfreich das Stillhalten sein kann. Meine Tochter hatte Raum, die Situation souverän zu meistern, auch wenn sie am nächsten Tag aufstöhnte: „Das brauche ich nicht noch mal“. Und ich sah sie seit langem wieder voller Bewunderung und Stolz an und nicht mehr als diese träge, schwere Teenagermasse, die wir Eltern immer irgendeinen Berg hinaufschieben müssen.  

Es tat beiden Seiten gut, die eingefahrenen Rollen zu verlassen. Meine Tochter hatte sich erwachsen verhalten und ich hatte es zugelassen. Nicht gebraucht zu werden fiel mir allerdings in dieser außergewöhnlichen Situation auch besonders leicht, sonst bin ich das Einmischen schon sehr gewohnt. Aber auch ich kann ja noch dazulernen.

Seit diesem Vorfall reden mein Kind und ich wieder öfter miteinander, offener, freundlicher. Und ich bin diesem fremden Mädchen fast dankbar. Fast.


8 Lesermeinungen

  1. staticbool sagt:

    Gehört zur Pubertät dazu
    Meine Eltern haben es damals richtig gemacht. Ich hätte Zugang zu Alkohol, Zigaretten und wohl auch anderem Zeugs gehabt, aber ich wollte nie.

    Mit meinem Vater hatte ich einmal einen Tequila-Abend gemacht, der lustig war, aber morgens war gnadenlos die geplante Gartenarbeit angesagt – die war ausnahmsweise nicht so lustig.

    Wir hatten natürlich auch öfter mal Übernachtungsgäste da, die es übertrieben haben. Da danke ich meiner Mutter, welche in der Pflege tätig war und sogleich alles vorbereitet hatte – inklusive Gummituch für alkoholbedingte Inkontinenz und Handtücher gegen reverses Currywurst-Essen.

  2. berna.eva sagt:

    "Seit diesem Vorfall
    reden mein Kind und ich wieder öfter miteinander, offener, freundlicher.“

  3. aj68 sagt:

    Ein glücklicher Ausnahmefall ...
    … wenn ich mich so im Bekanntenkreis umhöre, dann putzen die Eltern fleißig die vollgekotzten Badezimmer, die nach den Saufexzessen zurück bleiben. Wir sind bisher um diesen „glücklichen Umstand“ herum gekommen, aber unsere Mädels wissen, dass im Falle eines Falles sie mit dieser Aufgabe betraut sind (oder der Verursacher am nächsten Morgen). Ich glaube, wenn jemand am nächsten Morgen sein eigenes Werk beseitigen muss, ist das ganz heilsam. Da wir ja alle jung waren, sollte man mal überlegen, wie es zu unseren „wilden Zeiten war“. Nichts wäre peinlicher gewesen, den Eltern der Gastgeber in volltrunkenem Zustand und mit Magenkrämpfen unter die Augen zu treten. Meistens hat man sich noch nach drau?en schleppen können. Die, die wirklich die Toilette verunstaltet haben, waren eher die Ausnahme. Sie durften dann auch putzen und mussten den Spott der Freunde ertragen. Das war sehr heilsam …

  4. dc-3 sagt:

    Brav gemacht!
    …..

  5. JELMy sagt:

    Wie hat Ihre Tochter das gelernt? Ganz einfach ...
    … durch Ihr gutes Beispiel.

    Sie sind vermutlich immer wieder diejenige gewesen, die Ihrer Tochter in solchen „unrühmlichen“ Situationen geholfen hat. „… als Elternteil … schafft [man] es entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, volle Windeln und später nasse Betten zu wechseln, ohne das eigene Kind weniger zu lieben“ Ja, das ist gut so und nichts ist daran falsch, je kleiner das Kind, desto weniger. Wer beim älter werdenden Kind nicht die Grenze des ausgenutzt werdens missachtet, erzieht ein helfendes, seinerseits fürsorgendes Kind zum mündigen Erwachsenen.

    Das ist nicht immer einfach. Aber man lernt selber, dass Erziehung im Laufe der Zeit etwas anderes bedeutet als nur für jemanden da zu sein. „Dieses Mal hatte ich gelernt, wie hilfreich das Stillhalten sein kann.“ Erziehung der Kinder ist die Hilfestellung zum Erwachsen Werden und zur Selbständigkeit.
    Das gelingt nicht Rückschritte und Sprünge nach vorne.

    Gratulation zum gemeinsam Sprung nach vorne mit Ihrer Toch

  6. highlife sagt:

    Gute Einstellung
    Ich als Mann pflege in solchen Fällen eine andere Einstellung als viele Frauen. Ich bin da, wenn ich gefragt werden. Wenn..
    Kinder schaffen vieles alleine und es gibt nichts besseres für das Selbstbewußtsein als Aufgaben alleine zu erledigen. Und selbst wenn man gefragt wird sollte man besser Tipps geben und die Kinder möglichst selber machen lassen.

  7. henrikbraun1 sagt:

    Sehr geehrte Frau Weisz, solche Missgesschicke koennen passieren 😉
    Ich erinnere mich da an meine eigene Jugend. 😉

    Jetzt ist meine eigene Tochter 16 …

    Hauptsache, Kinder und Judendliche lernen Werte und Anstand !

    Wenn da mal Jemand nach einer Party „nach Joerg ruft“ oder „Broeckelhusten“ bekommt, dann ist das meiner Meinung nach halb so wild. Hauptsache Jugendliche lernen, mit ihrem Leben auf anstaendige Weise klar zu kommen.

  8. HansiWurst07 sagt:

    Gut zu wissen, dass wir nicht alleine sind.
    Liebe Frau Weisz,

    was für ein schöner Artikel.

    Inhaltlich stimme ich ihrer Erkenntnis sehr zu, doch die die Art und Weise der Umschreibung dieser „Angelegenheit“ ist Ihnen einfach wunderbar gelungen.

    Hut ab und herzlichen Dank dafür

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