Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Wenn zwischen Mutter und Kind kein Blatt Papier passt

| 16 Lesermeinungen

Vorsicht, Unfallgefahr: Manchmal sind die Interessen gegenläufig – auch bei Vätern und Müttern.

Das soll hier zwar kein Fortsetzungsroman werden, aber aufgrund der Leserzuschriften und der Kommentare zu meinem Artikel „Ich verbitte mir die Einmischung“, der hier kürzlich erschienen ist, scheint es noch Gesprächsbedarf zu geben. In dem Stück ging es darum, dass man sich als Vater gelegentlich seinen Platz zwischen Kind und Mutter erkämpfen muss. Natürlich gibt es tausendfache Gegenbeispiele, bei denen der Vater die meiste Zeit mit dem Kind verbringt – und die Mutter Schwierigkeiten hat, ihren Platz zu finden. Aber in der Mehrzahl leben die Familien dann doch noch das „klassische Modell“, bei denen die Mutter das größere Stück Kindererziehung zu schultern hat.

In dem Artikel hatte ich versucht, meine eigenen persönlichen Eindrücke etwas humorvoll aufzuschreiben, weil gerade Familienthemen nicht automatisch bierernst sein müssen. Immerhin ein Leser hat das bemerkt und geschrieben, dass er beim Lesen „schmunzeln“ musste, weil es ihm „verdammt ähnlich ergangen“ sei. Offenbar gibt es also andere Väter, die ihre Frau gelegentlich daran erinnern, dass auch der Vater Platz braucht in einer ansonsten engen Mutter-Kind-Beziehung. Die Zuschrift lässt erahnen, dass sich mitunter die Väter schwerer als die Mütter tun, ihr Herz in solchen Fragen auszuschütten: „Ich habe meinen Unmut über drei Jahre in mich hinein gegrummelt“, schreibt der Leser.

Väter dürfen also auch ihr Herz ausschütten. Ja, warum eigentlich nicht? Eine Leserin scheint damit nicht so ganz einverstanden zu sein, denn sie schreibt leicht bis mittelschwer erbost: „Der ganze Text geht also darum, dass ein Vater sich beschwert, dass er in der Gunst seines Kindes nicht an erster Stelle steht.“ Ja, kann ich nur antworten, muss auch mal sein. Zumal sich die meisten Väter, soweit ich das beurteilen kann, nicht in den entsprechenden Erziehungs- und Familienforen wie „Urbia“ herumtreiben, es sei denn als „Bienchen 82“ oder unter einem anderen geschlechtsverschleiernden Nickname. Deshalb sollte es schon okay sein, sich auch als Mutter mal die Perspektive eines Vaters anzuhören oder durchzulesen.

Aber davon abgesehen: Die meisten Leserinnen und Leser schildern aus ihrer Erfahrung, dass diejenige Person, die die meiste Zeit mit dem Kind verbringt, auch den besten Draht zu ihm entwickelt. Das ist geschlechtsneutral und kann deshalb selbstverständlich auch der Vater sein. Nur wenige behaupten, dass es so etwas wie eine naturgegebene Rollenverteilung gibt, und auch ich glaube das nicht. Abgesehen vom Stillen kann der Mann alles übernehmen, was eine Frau kann. Was viele daran hindert, sind vielmehr die gesellschaftlich bedingten Rollenzuweisungen  – und vor allem die Erwartungshaltungen.

Eine Leserin kann das nur bestätigen: „Nach der Geburt meines Sohnes bekam ich ständig Kritik zu Kleidung, Gesundheitszustand, Weinen des Kindes, während mein Partner gelobt wurde, wenn er es schaffte, den Kinderwagen unfallfrei durch den Park zu schieben.“ Mich hat das sehr daran erinnert, wie das so in der Generation meiner Eltern funktionierte: Wenn der Vater ein einziges Mal die Königsberger Klopse in der Mikrowelle aufwärmte (die natürlich von der Mutter vorgekocht waren), wurde davon ein Leben lang berichtet. Dass die Mutter an allen anderen 364 Tagen gekocht hat, war kaum der Rede wert.

Aber das Beispiel zeigt zugleich das Dilemma: Die Männer haben sich früher vielleicht zu wenig an der Erziehung beteiligt, aber sie saßen ja nicht nur herum. Sie waren fürs meist alleinige Geldverdienen und andere Dinge des Haushalts (Steuererklärung und Winterreifenwechsel) zuständig und deshalb alles andere als faul. Auch in Bezug auf die heutigen Väter vergessen ihre Kritiker oft, dass es kein Zuckerschlecken ist, Vollzeit zu arbeiten und sich zudem in jeder freien Minute um den Nachwuchs zu kümmern – und zwar auch um die unerfreulichen und anstrengenden Aspekte, nicht nur um das majestätische Unterschreiben von Klassenarbeiten und die abendliche Vorlesegeschichte. Der Begriff „Sugardaddy“ taucht dann prompt in einer der Leserzuschriften auf. Wer so etwas schreibt, sieht das Thema aus der Perspektive des Kampfes Vater gegen Mutter, Mutter gegen Vater. Wer da unter die Räder kommt, ist klar: die Kinder. Geholfen ist damit jedenfalls keinem.

Die Konflikte entstehen vielmehr aus mangelnder Absprache. Und damit meine ich nicht die Absprache, wer das Kind wann von der Kita abholt – in dem Stadium ist es bereits zu spät. Ich meine vielmehr die Absprachen, die man vorm Kinderkriegen treffen sollte. Das funktioniert aber nur, wenn man über sich und seinen Partner reflektiert – und über Lebenseinstellungen und Motive spricht. Die Zuschriften zeigen, dass es daran zu oft hapert.

Zum Beispiel ist von zentraler Bedeutung, wie viel man selbst und wie viel der Partner an beruflicher Anerkennung braucht, um sich wohlzufühlen. Davon hängt nämlich ab, ob Vater oder Mutter Teilzeit in Erwägung ziehen. Natürlich spielt auch eine Rolle, ob sich Teilzeit im jeweiligen Beruf überhaupt vernünftig realisieren lässt und ob das Geld reicht. Oder auch: Wer möchte wie viel Zeit mit den Kindern verbringen – oder reicht es einem Partner, stundenweise Erziehungsaufgaben zu übernehmen, während der andere Partner unbedingt mehr davon haben möchte, weil er „das Würmchen beim Aufwachsen erleben möchte“? Letzteres ist ein Argument, das ich oft von Frauen gehörte habe, aber nur selten von Männern.

Offenbar leben zu selten Menschen als Paar zusammen, die für diese Fragen dieselben Antworten haben. Das wären ein Vater und eine Mutter, die beide in Teilzeit arbeiten, damit sie die Kindererziehung gemeinsam stemmen können.  Der Konflikt, der zweifellos entsteht, sobald Kinder da sind, wäre somit gleich im Keim erstickt. Aber woran liegt es denn nun, dass sich solche Traumpaare selten finden? Liegt es vielleicht an dem Bild, das viele Männer noch von sich als Haupternährer haben? An dem Bild, das Frauen noch von sich als Haupterzieher haben? Oder liegt es an dem Bild, das Männer noch von Frauen als Haupterzieher haben? Oder an dem Bild, das Frauen noch von Männern als Haupternährer haben?

Wahrscheinlich ist es eine Kombination daraus. Einseitige Schuldzuweisungen jedenfalls halte ich eher für ein Teil des Problems als die Lösung. Am Anfang steht die Bereitschaft, sich mit seinen eigenen Motiven und Klischees im Kopf auseinandersetzen. Da darf man mal sein Herz ausschütten – auch als Mann, ohne sofort von den wütenden Müttern eins auf den Deckel zu bekommen. Oder? Übrigens: Hier unten können Sie Kommentare schreiben.


16 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Dank an den Autor.
    Ich kann dem Text zustimmen.
    Mit den Absprachen ist das so eine Sache. Manchmal wird die Frau ja auch ungewollt schwanger, was ganz sicher nicht heißen muss, dass das Kind nicht willkommen ist. Aber die Absprachen sind dann nicht mehr so einfach und eindeutig zu machen.
    mfg.

  2. Wenn Diskussionen ehrlich geführt werden, können sie auch Ergebnisse liefern
    Nur wenn Diskussionen ehrlich geführt werden, können sie auch brauchbare Ergebnisse liefern.

    Das passiert gegenwärtig nach meiner Wahrnehmung in den Medien eher selten. Hier sind die Rollen oft klar verteilt: Dort die Frau, die selbstlos immer nur gibt, hier der Mann, der immer nur nimmt. Die Gründe für das jeweilige Verhalten wird oft nicht beleuchtet, sondern in im Klischee erstarte Formen gepresst.

    Letztes Jahr habe ich von einer Studie in den USA gelesen, die das Scheidungsrisiko untersucht hat, wenn einer der Ehepartner ein Jahr lang ohne Erwerbsarbeit daheim blieb. Ergebnis: arbeitslose Männer waren nach diesem Jahr vier mal häufiger geschieden, als arbeitslose Frauen.

    Deshalb wären die Anforderungen der Frauen an Männer (insbesondere die verdeckten) Teil einer ehrlichen Debatte über bessere Wege des Zusammenlebens. Ich fürchte nur, die Ergebnisse würden nicht zum Zeitgeist passen.

  3. Es kommt manchmal Anders als mer denkt
    Also, bei uns sollte Vater das/die Kinder versorgen und Mutter arbeite, da diese deutlich mehr verdiente.Bei Rueckkehr aus dem zweiten Mutterschaftsurlaub, fand der entspr. Arbeitgeber, dass Mutter einfach die groesste Lusche aller Zeit en sei. Vaters Arbeitgeber beliess es bei einer Befoerdeeungssperre.
    So wurde es wieder traditionnell: er Vollzeit, sie selbstaendig teilzeit.
    Also: vorherige Abreden können anpassungdbeduerftig sein.
    Noch wichtiger als Reden: Beobachten, selber Nachdenken, Beduerfnisse auf einander abstimmen und die Plattentektonik im Paar aushalten: Krach bei dem es ans Innerste geht ist unangenehm.
    Hiebe, die man bekommt, schmerzen einen selbst, Hiebe, die man austeilt d’en anderen. In dem Bewusstsein kommt man ueber Krisen weg.
    Werdet Konfliktfaehig !

  4. Dank für das zitieren,
    nur geht es mir nicht um den Kampf zwischen Vater und Mutter, sondern um genau den Idealzustand, den Sie im letzten Abschnitt beschreiben. So machen wir das. Und mich verwundert es immer mehr, warum das nicht der Normalzustand ist.
    Der Vater muss hierfür leider zwei Eigenschaften haben: die Lust einen gleichberechtigt aktiven Part in der Kindererziehung zu übernehmen und den Mut die Teilzeit im Unternehmen einzufordern. Meist hapert es an letzterem und wir mit „das ist in meiner Position nicht möglich“ oder „das Geld reicht nicht“ (in einem prenatalen DINK Akademiker Haushalt plus dann Elterngeld plus schwer vorstellbar) positiv („ich bin wichtig und verdiene auch schon so viel; meine Frau nicht!“) entschuldigt.

    Im übrigen: den Arbeitgeber kann man wechseln, Kinder bleiben ein Leben lang. Seltsam, dass der Großteil der Väter sich mehr ersterem als letzterem verpflichtet fühlt.

  5. Titel eingeben
    Man sollte immer reden, ohne Vorurteile oder alte Zöpfe. Kinder sind doch das tollste, was es gibt, neben vollen Windeln, voll gekleckerter Lätzchen, Spinat im Gesicht oder kleinem Schreianfall. Es kann nervig sein, aber das Lächeln entschädigt für alles. Macht doch keine Machtspielchen, wer, wann, wo die erste Geige spielt. Erwachsene Eltern können damit umgehen.

  6. Familie
    Ein gesetzlicher Anspruch auf einen Krippenplatz von Geburt an beendet die herkömmliche Familie.( Fatalerweise ausgerechnet von einer CDU-Ministerin gefordert und eingeführt).Dass die ersten 3 Jahre für die Mutter- Kind Beziehung prägend sind, ist wissenschaftlich unbestritten.Da angestrebt wird, die Kinder von Geburt an in Krippen, dann in Kitas und anschließend in Schulen unterzubringen, entfremdet das Kind von seiner Familie( was offensichtlich gewollt ist).Nicht Natur , sondern Idiologie soll die Zukunft bestimmen- Gott bewahre uns davor!

  7. Familie
    Die Urzelle – nämlich die Familie aus Mann Frau und Kind , soll überwunden werden – man will die intimste Verbindung aufbrechen, um Einfluss zu nehmen-das ist Sozialismus, der überall bisher gescheitert ist und einen großen Blutzoll gefordert hat ( Mao).Mittlerweile ist die Bevölkerung derart verdummt worden ( einschließlich Presse), dass jede Dummheit als Fortschritt verkauft wird.

    • Ich kann nicht folgen.
      Irgendwie schaffe ich es nicht, einen Zusammenhang zwischen Ihrem Kommentar und dem Artikel herzustellen. Aber bei einem Punkt bin ich mir sicher: Wenn die Bevölkerung nun verdummt wurde – Sie sind davon glücklicherweise ausgeschlossen, richtig?

  8. Traumpaar
    Die Idee, diese elementaren Fragen schon vor der Geburt zu klären, ist großartig. Nur macht man sich vor der ersten Geburt nicht den Hauch einer Vorstellung wie sehr die Realität noch von diesen uralten Ansichten geprägt ist. Wie schnell die vielen sehr gut ausgebildeten Frauen zu Mamas Zuhause werden, die spätestens wenn das zweite Kind da ist, ihre beruflichen Perspektive in ihrem Lieblingsberuf abschreiben und darüber nachdenken, Lehrerin zu werden, weil das der einzige Beruf zu sein scheint, bei dem es gut funktioniert…Wir arbeiten beide Teilzeit, vollzeitnah, keines unserer Kinder hat einen Schaden davon, dass sie ab ihrem 1. Geburtstag zur Kita gegangen sind. Und dennoch: Ich sehe bei acht Kommentaren auf der FAZ-Startseite acht Männer. Ich freue mich über diesen Artikel, er sollte prominenter erscheinen. Die Zeiten ändern sich. Und das ist gut so!

    • Wie sieht das eigentlich bei Berufspolikern/innen aus, die ...
      … angeblich eine Sieben-Tage-Woche haben weil sie auf jeder vermeintlich wichtigen Veranstaltung Tag und Nacht Präsenz zeigen „müssen“. Und diese „Figuren“ bestimmen auch noch die entsprechende Sozialpolitik.

  9. Rarität versus Realität
    @ Christian Schwarck
    „Die Urzelle – nämlich die Familie aus Mann Frau und Kind“
    Wan soll es die gegeben haben? Es ist eher eine Rarität in all den vielen Formen des menschlichen Beisammenseins im Laufe der Geschichte.
    Realität sind in immer neuen Bedingungen auszuhandelndes Miteinander.

  10. Endlose Diskussionen
    um Sachverhalte, die schon immer existierten und dabei die längste Zeit als natürlich und i.d.R. temporär begrenzt begriffen wurden. Aus eigener Erfahrung im Rückblick auf frühe Lebensabschnitte der eigenen Kinder. Man findet eben immer etwas, was sich als Problem aufbauen lässt, wenn man dazu nur fest genug entschlossen ist.

    Die Frage ist alles andere als neu, aber dennoch mehr denn je gerechtfertigt – ansonsten haben sie keine Probleme ?

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