Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

„Süßes oder Saures?! Kommt an Sankt Martin wieder!“

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Halloween-Spektakel auf der Burg Frankenstein in Hessen

Das Zimmer meiner zwölfjährigen Tochter Maya hat sich in eine Gruselkammer verwandelt. An ihrem Fenster baumelt eine Kürbis-Lichterkette. Unechte Spinnweben mit Gummispinnen hängen von den Wänden und der Pappmache-Grabstein lehnt am Kleiderschrank. Ihr Lieblings-Halloween-Film Nightmare before Christmas liegt auf dem Sideboard bereit. Nur das gruselige Hologramm-Bild, das, je nach Blickwinkel, entweder das Porträt eines harmlos wirkenden alten Mannes oder ein Zombiegesicht zeigt, wird sie erst am Halloweenabend aufhängen, wenn ihre Freundin kommt, um bei ihr zu übernachten. Zu gruselig! Auf der Treppe nach unten leuchtet unser Totenkopf. Er reagiert auf Vibration und gibt kreischende Laute von sich, sobald man unsere Holzstufen eilig hinabläuft. Wir sind bereit für den schaurigsten Tag des Jahres!

Noch vor ein paar Jahren sah es in unserem Haus Ende Oktober ganz anders aus: herbstlich und eher an das Erntedankfest angelehnt. Wir besorgten jedes Jahr einen Strohballen und stellten ihn mit ein paar Kürbissen vor die Haustür. Ich ging mit den Kindern Kastanien und hübsch gefärbte Herbstblätter sammeln und dekorierte damit eine Schale für den Küchentisch. Wir hörten herbstliche Kinder-CDs und stimmten uns mit Der Herbst ist da und Kommt, wir wollen Laterne laufen auf Sankt Martin ein. Doch seitdem meine Töchter dem Grundschulalter entwachsen sind, sind Kastaniensammeln und Martinslieder nicht mehr angesagt. Kürbisse besorgen wir zwar immer noch, aber nun werden sie ausgehöhlt und schaurig schöne Fratzen hinein geschnitzt. Man könnte meinen, Sankt Martin wurde in unserem Haus durch Halloween verdrängt, aber ganz so ist es nicht! Die armen Geister können ja auch nichts dafür, dass die Kinder sich inzwischen zu alt dafür fühlen. Noch letztes Jahr versuchte ich wenigstens Maya zu überreden, mit mir an dem schönen und stimmungsvollen Martinsumzug in unserem Stadtteil teilzunehmen, aber sie verneinte vehement.

Auch in der Schule gibt man sich große Mühe, den Martinsbrauch für die jüngeren Schüler aufrecht zu erhalten. Unser Gymnasium richtet im November ein kleines Martinsfest vor dem Schulportal aus, das sich vorwiegend an die fünften und sechsten Klassen richtet. Die Fünften gestalten im Kunstunterricht Laternen, die Schule wird festlich beleuchtet, das Schulorchester spielt Martinslieder und ein paar Oberstufenschüler geben die Mantelteilung zum Besten. Maya stand bereits letztes Jahr gelangweilt neben ihren Klassenkameraden, die Laterne hatte sie neben sich abgestellt. Nach dem Pflichtteil wollte sie das alberne Objekt möglichst schnell loswerden, drückte mir die lästige Laterne in die Hand, stürzte ihren Kinderpunsch hinunter und wollte schnellstens nach Hause. Lara hatte sich entschieden, der für sie freiwilligen „Kinderveranstaltung“ gar nicht erst beizuwohnen.

Ganz um das Thema herum kommen meine Töchter aber doch nicht. Nämlich dann, wenn meine Schwiegereltern zum traditionellen Sankt-Martins-Abendessen mit selbstgebackenen Weckmännern einladen. Eine schöne Tradition, für die die gesamte Familie zusammenkommt. Vorher gehen ein paar von uns Erwachsenen mit den Kindern zum Martinsfeuer, um sich anschließend durchgefroren mit heißem Kakao oder Tee aufzuwärmen und auf die Weckmänner zu stürzen. So war es zumindest bis vor ein paar Jahren. Inzwischen geht nur noch meine acht Jahre alte Nichte gerne und freiwillig, während die Großen erst zum Abendessen bei Oma und Opa einlaufen wollen. Kommt dann die Rede auf Halloween, schüttelt meine Schwiegermutter verächtlich den Kopf und betont, dass sie Kinder, die bei ihr Halloween vor der Tür stehen, mit den Worten „Kommt Sankt Martin wieder“ rigoros wegschickt. Halloween, diesen furchtbaren, aus Amerika übergeschwappten Trend macht sie nicht mit! Unter gar keinen Umständen!

Dass einige Leute, meist der älteren Generation angehörig, Halloween boykottieren, mussten auch meine Kinder schon am eigenen Leib erfahren. Gruselig verkleidet und voller Vorfreude zogen sie mit ihren Freunden los und holten sich die ein oder andere verbale Klatsche ab. Ich gebe zu, ich mag diesen Teil von Halloween ebenfalls nicht sonderlich! Es ist viel schöner und stimmungsvoller, wenn Kinder mit ihren selbstgebastelten, leuchtenden Laternen vor mir stehen und sich alle drei Strophen von Durch die Straßen auf und nieder abringen. Ich bin gerührt, wenn sie Einsatz für ihre Bonbons zeigen und vielleicht sogar noch die Blockflöte zücken. Dagegen wirkt der oft gelangweilt vorgebrachte Halloween-Spruch Süßes oder Saures wahnsinnig unkreativ. Aber ich bereite Kindern gerne eine Freude und würde es nicht übers Herz bringen, sie so barsch abzuweisen und ihnen den Spaß zu verderben.

Allerdings stehen an Halloween teilweise wirklich arg gruselige Gestalten vor unserer Haustür. Teenager, die manchmal zwei Köpfe größer sind als ich. Oft sind die spartanisch oder überhaupt nicht verkleidet, was sie aber nicht unbedingt weniger furchteinflößend erscheinen lässt. Dann bin ich froh, dass mein Mann Zuhause ist und frage mich, ob ich nicht gerade von den Teens verschaukelt werde. Nicht selten entschlüpft mir da bissig ein Kommentar: „Casual Halloween, oder was?! Da habt ihr euch ja mal so richtig viel Mühe gegeben!“ Als Strafe rücke ich nur eine Pseudo-Ration Süßes heraus, verfluche Halloween und spiele mit dem Gedanken, die Lichter im Haus zu löschen und für den Rest des Abends Abwesenheit vorzutäuschen. Leute, so geht’s ja nicht! Wenn schon, dann bitte richtig! Aber dann klingeln meist doch noch ein paar Kinder, denen man den Spaß an der Sache ansieht und die mit Messer im Schädel und einer ordentlichen Portion Kunstblut mit erwartungsvollen Gesichtern ihre Tüten aufhalten. Da greife ich gerne tief in meine Gruselkiste, verteile Weingummi-Augäpfel und saure Würmer, und jeder muss einmal die fies kreischende Hexe anfassen, die ich an unsere Hausfassade gehängt habe.

Ab einem gewissen Alter gruseln sich Kinder einfach gerne und finden Halloween extrem cool und aufregend. Und das Thema bietet nicht nur Kindern viele Möglichkeiten der Gestaltung und Auslebung. Wenn ich im Oktober durch die Kaufhäuser laufe, ziehen mich die vielen verrückten Grusel-Accessoires magisch an. Ich kann gar nicht anders als zuzugreifen und unseren Deko-Bestand weiter aufzurüsten. Und da der 1. November in vielen Bundesländern, so auch bei uns, ein fester Feiertag ist, bietet es sich schlicht und ergreifend an, am 31. Oktober eine Halloween-Party zu veranstalten oder es sich Zuhause mit einem Tim-Burton-Film gemütlich zu machen und die Nacht stilecht zu zelebrieren. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen! Sankt Martin wäre für meine Kinder auch ohne Halloween kein Thema mehr!

Also sollen die kleinen Hexen, Zombies und Vampire meinetwegen bei uns klingeln. Sie sind genauso willkommen wie ein paar Tage später die Laternenkinder. Bei uns wird man weder mit  „Kommt Sankt Martin wieder“ noch mit „Tut mir leid, da hättet ihr Halloween kommen müssen“ weggeschickt. Solange es Kinder gibt, die Spaß daran haben, mit ihren Freunden um die Häuser zu ziehen, ist doch alles gut.


7 Lesermeinungen

  1. Dieser "Feiertag"
    wurde von der Konsumgüterindustrie nach Deutschland gebracht und propagiert, wobei amerikanische Filme und Serien assistiert haben. Er hat in Deutschland nicht nur keine Tradition, sondern auch keine Funktion, zumindest jenseits der Unternehmenskassen. In den USA ist Halloween ein Ersatz für den Karneval, der sich in dem protestantisch geprägten Land nur vereinzelt regional durchsetzen konnte, und schafft einen gesellschaftlich akzeptierten Rahmen sich zu verkleiden, in andere Rollen zu schlüpfen und ausgelassen zu feiern. In Deutschland kann man zumindest gegenüber den Schülern den Schülern argumentieren, daß der Abfallberg der im Karnevall erzeugt wird, völlig ausreichend ist und Halloween, ob es auf einen Freitag fällt oder nicht, verzichtbar und kein Beitrag für die Zukunft ist.

  2. Gute Einstellung
    Ich mag Halloween auch nicht besonders. Ich bin aber generell kein Fan davon, wenn es alle paar Minuten an der Tür klingelt. Wenn es mir zu viel werden sollte, könnte ich aber tatsächlich einfach das Licht ausmachen und Abwesenheit vortäuschen, von dem her…
    Viel schlimmer als Halloween finde ich aber immer die Belehrenden, die in den Tagen davor aus ihren Löchern kriechen, um mir in Fußgängerzonen ungefragt und mit allerhand inhaltlich falschen Informationen aufzunötigen, was für ein böses heidnisches Fest das doch sei und dass ich da bloß nicht mitmachen dürfe, wenn mir etwas an meinem Seelenheil liege. Und die, wenn man sich dann mal die Zeit nimmt, das mit ihnen auszudiskutieren, weder die echte Herkunft von Halloween kennen noch wissen, dass Ostern und Weihnachten kein bisschen weniger heidnisch sind, streng genommen sogar schlimmer.
    Insofern werden wir am Donnerstag wohl auch ein paar Süßigkeiten zum verteilen haben, wenn’s Spaß macht.


  3. Wer St. Martin auf Laternen reduziert, hat die Sache einfach nicht verstanden. Und wer Gruseln dem Teilen vorzieht und lieber durch die Straßen zieht, um völlig ungesunde Süßigkeiten abzugreifen, hat ebenfalls nichts begriffen.
    …und welches Kind will schon Gesundes zu Halloween?

  4. Titel eingeben
    Wer seine Tochter nach einer vor 500 Jahren untergegangenen fremden „Kultur“ benennt, braucht zu hiesigen Traditionen nichts zu sagen

  5. Ja, was wird wohl die Nummer 1
    das schrille Halloween oder das biedere St.Martin? Entscheiden werden zweifellos die besseren Geschäftszahlen, die, wie bei allen traditionellen und religiösen Festtagen den Ausschlag geben, deren Ursprünge kaum noch Beachtung finden. Aber keine Sorge: Unser von Feiertagen höchst übersättigtes Land aller möglichen und unmöglichen „Anlässe“ wird auch dieses kaleidoskopische US-Konstrukt in seine Reihen aufnehmen, wenn der Umsatz stimmt.

  6. Komischer Vorname
    Ihr Mann heißt „Zuhause“? Das nenne ich mal einfallsreich!

  7. Titel eingeben
    Den All Hallows eve gab es schon sehr lange bevor es Fernseher gab und er kommt auch nicht aus den USA sondern aus Irland.
    Bevor man meckert sollte man wissen wovon man redet. Typisch spießiges, deutsches Kleinbürgertum sich über ein paar verkleidete Kinder so aufzuregen

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