Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Die Welt ist schlecht, mein Kind

| 7 Lesermeinungen

Das Leben ist kein Kinderspiel – wie bringen Eltern ihren Kindern das nur bei, ohne sie zu verschrecken?

In der vergangenen Woche hat ein TV-Bericht über ein dubioses Kita-Spiel zahllose Eltern aufgeschreckt, auch uns. Das so genannte „Original Play“, erfunden von einem Amerikaner, soll Kindern mittels intensiver Rangelei mit Erwachsenen eine Art ursprüngliches, aggressionsfreies Spielen vermitteln. Jeder Erwachsene kann das angebliche pädagogische Konzept gegen eine Kursgebühr erlernen und anschließend in Betreuungseinrichtungen anbieten. Im ARD-Magazin „Kontraste“ bezeichnete eine Trauma-Expertin es als „Einladung zur Übergriffigkeit an Kindern“. Das Magazin berichtet über mehrere Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch, unter anderem in evangelischen Kindertagesstätten. Die meisten Ermittlungsverfahren seien mangels Beweisen allerdings eingestellt worden. Die evangelische Kirche und die Diakonie warnten als Reaktion auf den Bericht vor dem Kita-Spiel, weil es zur „Grenzüberschreitung im Umgang mit Nähe und Distanz kommen könnte“. In Berlin hat der Senat es einem Medienbericht zufolge gerade verboten und alle Träger zur Meldung aufgefordert.

Es ist nicht so, dass die Welt arm an Ereignissen und Nachrichten wäre, die einem Tränen in die Augen treiben, weil dieser verdammte Kopf nicht anders kann als diesen Gedanken zu formen: „Was, wenn das mein Kind wäre?“ Das lässt sich schnell wieder verdrängen, solange es um Krieg geht oder Naturkatastrophen irgendwo in der Welt. Doch der Bericht über dieses Kita-Spiel ist ganz nah an unserer Lebenswirklichkeit. An einem bestimmten Punkt müssen wir uns alle fragen: Wie und wann bereite ich meine Kinder eigentlich richtig auf die Welt da draußen vor, mit all ihren Grausamkeiten? Vermittele ich ihnen womöglich eine falsche Sicherheit, wenn ich schlimme Dinge, die sich manchmal sogar ganz in unserer Nähe abspielen, vor ihnen verheimliche oder kleinrede?

Letztere Überlegung schmerzt deshalb so, weil einer unserer wichtigsten Jobs als Eltern doch darin besteht, ihnen ab dem Tag ihrer Geburt Sicherheit und Vertrauen zu vermitteln. Weiß doch jeder: Das Urvertrauen, also das gute Gefühl, dass die Menschen verlässlich und ihm wohlgesonnen sind, macht ein Kind stark fürs Leben. Also bringen wir dem Nachwuchs bei, dass die Welt etwas Tolles ist, voller Farben und Wunder und guter Menschen. Wenn im Autoradio schlechte Nachrichten kommen, schalten wir um. Wir können zwar nicht verhindern, dass die Kinder auch mal geschubst werden oder hinfallen, aber wir rennen hin und helfen ihnen auf. Und wenn sie in die Kita kommen, versichern wir ihnen, dass sie bei den Menschen dort genauso sicher sind wie bei uns. Das haben die Eltern der Kinder, die später Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs erstattet haben, vermutlich auch getan.

Unser großer Sohn Ben ist mit fünf Jahren in einem Alter, in dem man bisweilen in Erklärungsnöte kommt, weil man nicht mehr leugnen kann: Es passieren schlimme Dinge, und nicht jeder meint es gut mit einem. Er weiß nicht nur mittlerweile, dass nicht jedes Auto bei Rot anhält und dass es im Kita-Alltag auch mal Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten gibt, sondern er stellt zunehmend auch wirklich unbequeme Fragen. Warum führen Menschen Krieg? Oder: Kommen zu uns auch Einbrecher? Wir haben darauf bislang eher beschwichtigend bis ausweichend geantwortet („Krieg gibt es, wenn ein Land seine Bevölkerung gegen einen Angriff verteidigt, aber das ist sehr selten“) und alle Gefahren und Schreckensszenarien weit weg geschoben („Einbrecher gibt es, aber nicht hier bei uns“). Ich weiß, dass er, Wissbegierde hin oder her, für Details zu den diversen menschlichen Abgründen noch zu jung ist. Aber ich ahne, dass wir mit den weichgespülten Antworten und der Methode „Schnell, Themawechsel“ nicht mehr lange davonkommen werden.

Schon bald müssen wir ein Thema anpacken, vor dem mir jetzt schon graut: Bevor Ben nächstes Jahr in die Schule kommt, werden wir ihm eintrichtern, dass er auf dem Schulweg oder auf dem Schulhof auf keinen Fall mit Fremden sprechen, geschweige denn mit ihnen mitgehen darf. Ich hoffe, dass er mich dann nicht nach dem Warum fragt, denn dann muss ich ihm antworten: Weil es auch in unserer Nähe Menschen gibt, die Kindern etwas Böses antun wollen. Aber ich habe Sorge, dass er dann Angst bekommt und überall schlechte Menschen vermutet. Er ist ohnehin ein sensibles, emotionales Kind und macht sich schon jetzt über viel zu viele Dinge Gedanken. Wie bekommen wir es hin, dass er ein gesundes Misstrauen entwickelt, ohne aber an der Menschheit zu verzweifeln?

Ich habe keine Antwort darauf, wir müssen es jeden Tag neu probieren. Kürzlich habe ich Ben gelobt, weil er sich in einer Bäckerei nicht in ein Gespräch mit der freundlich lächelnden Verkäuferin verwickeln ließ, sondern sich verlegen wegdrehte. „Es ist genau richtig, mit Menschen, die du nicht kennst, nicht zu reden, auch, wenn sie sehr nett zu dir sind“, habe ich ihm gesagt. Wir versuchen ihm zu vermitteln, dass es wichtig ist, auf sein Gefühl zu vertrauen und sich gegebenenfalls Hilfe zu holen, wenn eine Situation ihm unangenehm ist. Er soll lernen, dass „Nein“ auch „Nein“ heißt und er es sagen darf, auch ganz laut, sowohl im Umgang mit anderen Kindern als auch mit Erwachsenen. Ich weiß das alles, aber ich weiß nicht, ob es reicht, um ihn zu beschützen. Man kann nicht alle Situationen durchsprechen und durchspielen. Der Bericht über „Original Play“ zeigt: Manchmal lauert das Böse gerade dort, wo man es am wenigsten vermutet.

Und dann gibt es auch noch schlimme Dinge, die passieren, ohne, dass jemand etwas dafür kann. Kürzlich fiel Ben das verstorbene Zwergkaninchen seiner Tante wieder ein, und er beklagte sich bitterlich, dass Gott so etwas wie Sterben erfunden habe. „Gott ist kein Mensch! Gott ist ein toter Mensch!“, hörte ich ihn im Nebenraum entrüstet zu seinem Vater sagen. „Er ist der bescheuertste!“

Ich kann mein Kind vor allen möglichen Gefahren und Übeltätern im Leben warnen, ihm vieles erklären. Aber ich kann ihm nicht garantieren, dass ihm selbst oder Menschen, die ihm wichtig sind, nicht trotzdem Schlimmes widerfährt. Und erst recht nicht erklären, warum so etwas passiert. Es werden Menschen krank und sterben, auch in unserem Umfeld, und wo ich selbst gelähmt bin vor Entsetzen oder Trauer, habe ich auch keine kindgerechten Erklärungen und Antworten parat. Das Schlimmste für mich als Mutter ist: Ich kann Ben nicht einmal versprechen, dass ich immer an seiner Seite sein werde, um ihn zu trösten, wenn der Himmel über ihm zusammenbricht und niemand daran Schuld hat. Ich kann nur hoffen, dass ihn im Leben immer Menschen umgeben, die hinrennen und ihm aufhelfen, wenn er fällt.


7 Lesermeinungen

  1. wie immer ein schöner Blogbeitrag von Frau Wronska 🙂
    Zur gestellten Frage vielleicht eine Idee – macht es Sinn, Kindern einfach ganz klar und selber unverängstigt zu sagen:

    „Klar, es gibt auch Menschen, die sind „scheiße drauf“. Dagegen sagt man klar „Nein“, holt Hilfe oder setzt sich selber dagegen zur Wehr. Und nein darf man auch sagen, wenn man etwas einfach nicht will. … Und ansonsten: Die meisten Menschen sind nett. … Und das gehört alles zum Leben dazu und das Leben ist ok so.“

    Ich glaube, unterschwellig kommt viel mehr urvertrauenschädigende Angst rüber, wenn man versucht, Angst unter den Teppich zu kehren, als wenn man die Dinge klar und offen anspricht und dasein lässt. Wichtig ist zudem deutlich zu machen, dass man sich wehren kann.

    Den lieben Gott – sollte man von allem Anfang an weg lassen… Kinder merken sehr gut, dass da was nicht stimmt… Und sind zurecht enttäuscht, wenn die Heilungsversprechungen sich als ziemlich unglaubwürdig rausstellen. … Das Leben ist ok – auch ohne Gott.

  2. Um Himmels Willen...
    Ich bin Erzieherin und wenn Sie Ihrem Kind bis es sechs ist noch nicht klar gemacht haben, dass es nicht mit Fremden mitgehen soll, ist das ernsthaft viel zu spät. Bei uns in der Kita gibt es ein spezielles „Training“, spielerisch natürlich, in dem Kinder lernen, was sie tun sollen, wenn jemand sie seltsam anspricht und zwar sobald sie drei werden und es wird oft wiederholt. Immer hin rennen, wenn das Kind hinfällt ist auch nicht unbedingt förderlich. Wie soll das Kind lernen, das es von allein wieder aufstehen kann, auch ohne das etwas Schlimmes passiert? Kinder müssen natürlich auch auf Negatives im Leben mit Hilfe vorbereitet werden, daher würde ich auf eine Kinderfrage ehrlich antworten. Man sollte nicht „lügen“ oder beschwichtigen, wie es hier dargestellt wird. Ein Kind versteht viel mehr, wenn man selbstsicher erklärt. Überdenken Sie bitte Einiges, was hier steht…

    • Hallo Fr. Berger, am besten schon
      mit 2 Jahren , den Kindern eintrichtern, dass sie nicht mit Fremden mitgehen sollen . Warum machen Sie der Autorin ein schlechtes Gewissen ? Wer sein Kind mit 5-6 Jahren ( nicht die Autorin !!!, sondern selbst beobachtet ) allein durch das Dorf oder Stadtteil laufen laesst, verstoesst gegen die Aufsichtspflicht . ( Muss man natuerlich im Einzelfall sehen.)
      Daran sollten Sie die Eltern mal erinnern . Gruss Milan Viethen
      P.S.: Ich habe uebrigens groessere Kinder , nur der Vollstaendigkeit halber .

  3. Nicht mehr mit der Bäckereifachverkäuferin reden?
    Das Sie Ihren Sohn darin bestärken nicht mit einer freundlichen Bäckereifachverkäuferin zu reden finde ich schade. Würden Sie das so empfehlen, oder ist Ihnen das aus Angst mal so passiert?

    Mein Ansatz ist, meine Kinder (ich habe 13 Monate alte Zwillinge) in differenzierter Kommunikation und dem Wahrnehmen von Menschen, die uns begegnen zu bestärken. Ich hoffe, dass sie zu so starken, aufmerksamen Persönlichkeiten werden und dann sich und andere IN ihrem Umfeld schützen könne. Es geht ja denke hier um den Schutz von Missbrauch und wie Sie ja selbst durch den Verweis auf Original Play schreiben, sind die Täter eben nicht immer die Fremden! Im Gegenteil sind es ja oft Bekannte, dann dürften die Kinder ja konsequent weitergemacht mit keinem mehr reden…
    Ich glaube dass eine Gesellschaft mit starker Zivilcourage und einem schützenden Miteinander viel miteinander sprechen muss! Viele Grüße, über ein Feedback der Autorin würde ich mich sehr freuen

  4. "Danke" für eine so kranke Erziehung...
    … auch an Frau Berger! Ich bin in den 70ern auf einem Dorf aufgewachsen. Da gab es Onkels, die hatten immer Süßigkeiten dabei, und auch welche, die haben tatsächlich mit mir geredet; keiner von denen war böse. Alle haben mir geholfen wenn ich Probleme hatte.
    Heute steige ich in den Bus, sehe ein kleines Mädchen mit Veilchen (blaues Auge), und es schaut mich panisch an, wenn ich frage, was los ist. Von da an schaut es immer panisch zur Seite, wenn ich den Bus besteige. Ebenso das Kind, welches hilflos in den Kleingärten steht. Ich spreche es an, und es kriegt Panik, obwohl es definitiv Hilfe benötigt. Kinder wechseln die Straßenseite, wenn sie mich, alleinstehenden Mann, sehen, oder drehen komplett um und laufen weg.
    Wenn ein Mann einem Kind wirklich etwas Böses will, hat es KEINE Chance wegzulaufen. Aber das wird den Kindern nicht unterrichtet.
    Verkehrte Welt. Kranke Welt!

  5. Wer seine Eltern und seine Verwandtschaft heil übersteht und überlebt
    hat als Kind schon das Gröbste überstanden. Die Gefahren die von Außen drohen sind meist deutlich weniger groß. Die größte Gefahr für das Kind geht in der Regel von der eigenen Mutter aus. Schon direkt mit der Zeugung kann es los gehen. Das Kind nicht wirklich gewollt, den Partner nicht geliebt, unsichere Beziehung, Existenzsorgen, schlechte Ernährung, Alkohol, Nikotin…und das Kind hat die ersten Schäden weg. Jegliche Art von Trauma und psychischer Disposition der Mutter wird in der Phase auf das Kind übertragen und prägt entscheidend wie dieses später die Welt wahrnimmt und versteht. Gelingen die ersten 3 Jahre, dann kommt das Kind später recht sicher gut zu Recht. Gesunde Kinder spüren instinktiv woher Gefahr droht. Wenn Eltern ihre Kinder f. dümmer verkaufen wollen als sie es sind („Einbrecher gibt es, aber nicht hier bei uns“), ist das immer verkehrt.

  6. Man kann das Behüten auch übertreiben
    „Wenn im Autoradio schlechte Nachrichten kommen, schalten wir um“ – geht’s noch? Nicht mit jedem reden zu wollen ist okay, aber jedes Gesprächsangebot abzublocken nicht – es sollte ein gesundes Mittelmaß vermittelt werden. Fremde können nicht nur böswillig, sondern auch hilfreich sein, aber das merkt man erst nach längerem Kontakt. Solange man mit dem Fremden nicht allein ist, ist die Gefahr gering – ist ein Sechsjähriger damit überfordert?

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