Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Ohren zu und durch – die furchtbarsten Kinderlieder

| 27 Lesermeinungen

Rolf Zukowski kennt wohl jedes Kind – und die Eltern.

Hier kann ich es ja sagen: Ich bin in den 80er- und 90er-Jahren mit der „volkstümlichen Hitparade im ZDF“ aufgewachsen, meine Eltern haben die Musikkassetten dazu insbesondere auf langen Autofahrten rauf und runter laufen lassen. Ich bin also, musikalisch gesehen, Kummer gewöhnt (und bis heute absolut textsicher bei Nummern wie „Über jedes Bacherl geht a Brückerl“).

Das kommt mir als Mutter zweier Kinder entgegen. Platte Reime, vorhersehbare Melodien und langweilige Akkorde bringen mich nicht so schnell auf die Palme wie etwa meinen Mann. Musikkassetten sind unserem Fünfjährigen freilich ebenso fremd wie Schlagerparaden im analogen Fernsehen. Dafür gibt es heute Kinderlieder-Abo-Kanäle auf Youtube und Kinderdisco-Playlists auf Amazon, abrufbar zu jeder Zeit und an jedem Ort. Jeder weiß, wie wertvoll Musik für die Entwicklung von Kindern ist. Aber ausgerechnet Kinderlieder sind oftmals furchtbarer als der flachste Schlager – musikalisch, textlich oder beides. Und wenn sie nicht furchtbar sind, hören wir sie so oft, bis wir sie furchtbar finden. Leider klafft die Wahrnehmung von Eltern und Kindern hier bisweilen weit auseinander.

Im Folgenden ein Versuch, die Ohrwürmer der vergangenen fünf Jahre zu kategorisieren.

1. Die grausamen Lieder

Es gibt Lieder, die sind über Generationen hinweg einfach nicht totzukriegen. Leider. Denn wenn man genauer hinhört, fragt man sich, ob zu Omas Zeiten einfach mehr Freude an Leid und Verderben war – und daran, Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen. Da schießt ein junger Jägersmann den armen Kuckuck tot, keiner weiß, warum (der Kuckuck am allerwenigsten). Oder: Zwei Kinder gehen im Wald verloren, kommen bei einer bösen Frau unter, dann das happy end: „Die Hexe musste braten / die Kinder gehen nach Haus‘.“ (Hier müsste man natürlich schon die literarische Vorlage anklagen, aber gruselige Märchen sind ein Thema für sich.) Auch der hungrige Fuchs muss im Angesicht der Flinte des Jägers die Gans wieder herausrücken, was bisweilen für Irritation sorgt („Mama, was ist denn rote Tinte?“, und: „Aber der Fuchs muss doch auch etwas essen!“).

Ebenfalls irritierend, mindestens für Eltern, ist diese gewisse Gottesfürchtigkeit, die einem in Kinderlieder-Classics immer wieder begegnet, gerade in den Abendstunden: „Morgen früh, wenn Gott will (und nur dann!)/ wirst du wieder geweckt!“ Oder: „Verschon uns, Gott, mit Strafen / und lass uns ruhig schlafen / und unsern kranken Nachbarn auch.“ Dabei haben wir Strafen doch verdient, denn: „Wir stolzen Menschenkinder / sind eitel, arme Sünder / und wissen gar nicht viel!“ Wenn das nicht für eine erholsame Nachtruhe sorgt.

Um nicht unfair zu sein: Es gibt auch neuere Lieder, die fetzen. Was macht der Schneider mit der Mi-Ma-Maus? „Er zieht ihr ab das Mausefell / Mi-Ma-Mausefell / er zieht ihr ab das Fell“ und näht sich einen Sack daraus. Derweil verschlingt der gefräßige Hai einen kleinen Fisch nach dem anderen. Immerhin, das Universum schlägt zurück, das Mahl bekommt dem Hai nicht gut. „’Ich hab so viele Fische in meinem Bauch! Ich könnte platzen!‘ / Und das tut er dann auch.“

2. Die sinnfreien Songs

„Ein Loch ist im Eimer, liebe Liese, liebe Liese / ein Loch ist im Eimer, liebe Liese, ein LOCH.“ Die meisten von Ihnen wissen, wie es weiter geht: Lieses Handlungsanweisungen an den lieben Heinrich machen deutlich, dass es sich mit beider Verstand ähnlich verhält wie mit dem Eimer. Am Ende sind wir alle da, wo wir am Anfang waren, und wir wollen Liese und Heinrich einfach mit einem Zehner zum nächsten Baumarkt schicken, dort gibt es Eimer in Hülle und Fülle. Eine Namensvetterin kommt übrigens auch in einem anderen Volkslied ganz groß heraus. „’Heut kommt der Hans zu mir‘ / freut sich die Lies“. Der Knackpunkt: „Ob er aber über Oberammergau / oder aber über Unterammergau / oder aber überhaupt nicht kommt / steht noch nicht fest.“ (Spoiler: Wir erfahren es bis zum Schluss nicht.)

Wenigstens haben die beiden obigen Lieder eine Art Handlung, was man von diesem hier nicht behaupten kann: „Aram sam sam/ Aram sam sam / Gulli gulli gulli gulli gulli / ram sam sam“. Oder verstehe ich die Botschaft nur nicht? Falls jemand eine Übersetzung oder Deutung zur Hand hat, bitte in die Kommentare schreiben, herzlichen Dank! Und dann sind da noch die Räder vom Bus, die drehen „sich im Kreis, sich im Kreis“, und das „stun-den-lang“. Damit nicht genug, die Wischer von eben jenem Bus machen „wisch-wusch-wisch“, und die Menschen im Bus machen „bla-bla-bla“, und auch dies: „stun-den-lang!“ Genauso fühlt sich dieses Lied auch an. Genau so!

3. Die pädagogischen Gassenhauer

Vermutlich fühlen sich viele Kinderlieder-Macher einer Art erzieherischem Auftrag verpflichtet, aber einer hat das perfektioniert: Rolf Zuckowski. Nicht zufällig hat er 2018 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse bekommen. Zuckowski ist ganz sicher ein großartiger Komponist und, was man so hört und liest, ein sympathischer Mann, dennoch schwanke ich bei seiner Musik je nach Tagesform zwischen liebevoller Nostalgie und Aggression. Denn in vielen seiner Lieder schwingt der belehrende Zeigefinger mit und sind Kinder stets so vernünftig und vorbildlich, dass es einen bisweilen in den Wahnsinn treibt.

Die Kinder in Zuckowskis Welt können rechts und links mühelos unterscheiden, denn sie haben natürlich geübt, fangen in ihrer Güte aber für Unwissende „nochmal von vorne an“. Sie erfreuen sich an den Jahreszeiten, ihren Mitmenschen, an der Schönheit der Natur, und sie wissen: „Mein Platz im Auto ist hinten/ Im Sitz lehn‘ ich mich zurück / Da hinten könnt ihr mich finden / und vor der Fahrt mach‘ ich KLICK.“ Noch lieber ist dem Nachwuchs aber, wenn der Papa (warum eigentlich nicht die Mama?) das Auto stehen lässt: „Lass uns jetzt nicht fahren / Ich hab‘ Lust, zu Fuß zu gehen / und Benzin zu sparen!“ Die einzige Verfehlung, die diese Goldstücke sich leisten, sind dreckige Finger in der Weihnachtsbäckerei. Aber nicht einmal das kann man ihnen übel nehmen, zumal sie uns in Erinnerung rufen: „Alle machen Fehler / Alle machen Fehler/ Keiner ist ein Supermann!“

4. Die Rettung

Ich könnte diese (selbstverständlich subjektive) Liste der musikalischen Grausamkeiten lange fortführen. Viele davon begleiten uns im Alltag trotzdem ständig. In dem Moment, in dem ich das hier schreibe, läuft im Hintergrund der „Sing-mit-mir-Kinderlieder-Maxi-Mix 12“, und Lukas (14 Monate) wippt dazu mit dem Windelpo. Glücklicherweise haben wir mittlerweile auch Musik für Kinder entdeckt, die auch Erwachsenen Spaß macht – beispielsweise gibt es recht erfrischende Neuauflagen bekannter Kinderlieder. Culcha Candela haben „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ neu interpretiert und bei der Gelegenheit ein paar wirklich ganz lustige Liedzeilen eingebaut. Der Rapper Chima hat eine lässig-mystische Version von „Hejo, spann den Wagen an“ aufgenommen, bei der beide Kinder mitgrooven. Daneben gibt es neuere Kompositionen, die den Familienalltag auf die Schippe nehmen: „Liebe Kinder, kommt ihr bitte!“ von der Band „Bummelkasten“ ist mein aktueller Ohrwurm. Unser Sohn Ben (5 Jahre) wiederum findet sich total wieder in Liedtexten wie diesem: „Der Reißverschluss, er geht nicht zu / Er geht nicht zu? / Er geht nicht zu! /Ich hab‘ alles versucht, doch er geht nicht zu! “ Und die Band „Deine Freunde“ hat pädagogisch wertvolle Tipps für die nicht ganz so vorbildlichen Kids („Wenn sie dich verhören, besser nix dazu sagen / Bleib bei deiner Story, egal, wie oft sie fragen“). Und nicht zuletzt bekommen wir alle drei – Mama, Papa, großer Sohn – regelmäßig Gänsehaut der wohligen Sorte bei den teilweise meisterhaften Soundtracks zu Disney-Krachern wie „Frozen“ oder „Vaiana“.

Auch bei diesen Positiv-Beispielen gilt: Nach dem 200. Mal Hören ist es vermutlich nicht mehr so unterhaltsam. Es kommt auf die Abwechslung an, und darauf, welchen Zweck die Musik im betreffenden Moment erfüllen soll. Ich finde: Nicht jedes (Kinder-)Lied muss bilden und erziehen, manchmal braucht man einfach nur etwas zum Wippen, Singen und Klatschen. Mein Mann und ich haben hier eine Art ausgleichende Playlist-Strategie entwickelt, die sich, wenn ich länger darüber nachdenke, ein bisschen wie „good cop, bad cop“ anfühlt: Er spielt den Kindern Händel vor (für die Hirnzellen) und ich Helene Fischer (für den Spaß). Aber Helene Fischer nur ganz, ganz selten. Eigentlich fast nie. Wirklich.


27 Lesermeinungen

  1. olvrkrg sagt:

    Das Wandern ist des Müllers Lust...
    bereitete mir schon als Kind Kopfzerbrechen, denn warum sollte der Müller auch wandern, statt bei seiner Mühle zu bleiben. Das legte sich einige Jahre später, als ich bemerkte, daß der Autor der Zeilen Müller hieß und also von seiner Freude am Wandern sprach. Damit konnte ich zufrieden sein, bis mir bekannt wurde, daß derselbe Müller „Wandern“ in der Winterreise so verstand: „Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht, von einem zu dem anderen, Feinliebchen gute Nacht.“ – Na also, und jetzt vertehe ich auch Müllers Lust.

  2. easypeters sagt:

    Unter meinem Bett
    Liebe Frau Wronska,

    die beiden Sampler „Unter meinem Bett“ enthalten viele tolle, moderne Songs für Kinder von bekannten Künstlern. Beste musikalische Früherziehung und für Erwachsene mehr als erträglich.

    Beste Grüße

  3. Moeran sagt:

    Ja. Aber
    Wirklich ein sehr erfrischender Beitrag. Aber:
    Mein Vater hatte einen wunderbar melodischen Bassbariton. Er hat uns unzähliger Lieder vorgesungen, einmal im nächtlichen Wald, als eine Wanderung viel länger dauerte als gedacht und wir schlaftrunken neben ihm herstolperten, der jüngste Sohn saß auf seinen Schultern. Lauter „Häschen-Lieder“, davon kannte er viele. Wir haben alles verstanden. Es war auch klar, was die rote Tinte sein sollte. Wenn wir gefragt hätten, hätte er es uns mit freundlicher Offenheit erklärt.
    Es gibt einen tollen Essay von Tolkien: „Über Märchen“ (bei Klett-Cotta). Darin macht Tolkien klar, dass seelisch und geistig halbwegs gesunde Kinder derartige Lieder genau einordnen, nämlich in das unendliche Reich der Drachen, Riesen, Zwerge, Prinzessinnen und sprechenden Frösche.
    Die pädagogisch wertvollen Kinderlieder dagegen gehören in unsere Welt. Dei dadurch entstehende Reibung empfinde ich als eher unangenehm. Moderne Mütter (und Väter) sehen das

  4. we_are_stardust sagt:

    Fuchs und Gans, Lies und Hans
    Das größte Problem mit dem Fuchs und der Gans ist: Das erste, was der Fuchs mit der Gans macht ist, ihr die Kehle durchzubeißen. Selbst wenn man ihn also dazu bewegen könnte, sie wieder herzugeben, hätte die Gans nichts mehr davon.

    Das Oberammergau-Lied haben wir in der Grundschule mit Freude gesungen. Aber bei uns hat es sich gereimt: „…freut sich die Lies … ist nicht gewiss.“

  5. timm3eich sagt:

    Tonangeberei, auch eine Rettung
    https://trikont.de/shop/artists/bernadette-la-hengst/tonangeberei-songs-fur-jedes-alter-ab-3/

    Das hat es mir leichter gemacht, und die Kinder haben es geliebt. Trotz oder gerade wegen teilweise seltsamer Texte. Zukowski ist schwer auszuhalten

  6. Silberdrache sagt:

    Nicht nur Rolf Zuckowski hat das Bundesverdienstkreuz bekommen...
    … auch die Sendung mit der Maus hat das. Und von der gibt es reihenweise CDs mit Kinderliedern. Davor gab es die als Kassetten. Und weil ich meine von damals noch habe, können meine beiden älteren (3 und 5) auch damit umgehen. Die Soundqualität der alten Kassetten ist natürlich im Vergleich mit den neueren CDs unterirdisch, aber insgesamt haben wir ein riesiges Repertoire an Kinderliedern schon allein von diesem einen „Anbieter“. Eigentlich komisch, dass den bisher noch keiner erwähnt hat, gibt es die Sendung doch schon seit Jahrzehnten. Und das bei durchgehend fast immer hoher Qualität der Sendung und auch der Lieder, die für diese produziert werden.
    Auch ansonsten haben wir alle nur wenig Kontakt mit Liedern aus den ersten drei Kategorien. Gut, Aram-Sam-Sam für den kleinsten, der eh keine Texte versteht, ab und zu schon. Und ich kenne den Heinrich so, dass er Karl-Otto wegen dem Loch befragt. Aber das ist eher selten.

  7. Widum sagt:

    O FAZ,
    sic transit gloria mundi.

  8. jl58 sagt:

    Lieber die alten Lieder als geistigen Dünnschiss
    Also wer in meinen Augen Grimms Märchen und die darauf aufbauenden Lieder als zu brutal verachtet, dafür aber Giraffenaffen auf Teletabbies Niveau gut findet, hat in meinen Augen den Schuss nicht gehört.
    Solche Sätze wie „meine Oma hat ein iPhone mit Propeller“ oder „meine Oma fliegt im Düsenjet zur Disco“ sind natürlich besonders pädagogisch wertvoll.
    Dagegen ist „Ein Loch ist im Eimer, liebe Liese, liebe Liese“ wirklich sinnfrei. Da wird ja nicht mal eine Werbebotschaft vermittelt. Einfach grässlich.

  9. ausforming sagt:

    Moderne Kinderlieder
    Meine Jungs hören zur Zeit öfters Käpt’n Helge zieht aufs Land, das kann ich mir wenigstens problemlos auf einer Autofahrt anhören. Durch meine Frau auch relativ viel Fredrik Vahle, wo es bei mir aber öfters aussetzt.
    Ansonsten kann ich bei einigen der genannten Stücke vollkommen zustimmen. Claudius‘ Abendlied ist am Anfang sehr schön, am Ende aber ein Gebet, das all das verkörpert, weshalb ich inzwischen aus der Kirche ausgetreten bin. Beim Fuchs mit der Gans habe ich weniger Probleme, zumal der ja am ende auch überlebt und nicht verhungern muss „Liebes Füchslein lass dir raten, sei doch nur kein Dieb, nimm, du brauchst nicht Gänsebraten, mit der Maus vorlieb“ Da sind mir die hustenden Regenwürmer definitiv ein größerer Dorn im Ohr 😉

  10. Bruford sagt:

    Der Mainstream ist nicht immer der Gradmesser für Erfolg und Substanz
    Ach ja, Erfolgreichsten und Besten‘ (?…) sind oft nicht diejenigen, die so im Mainstream präsent sind. So auch der „Botschafter des deutschen Kinderliedes“, ‚Detlef Jöcker‘ aus Münster. “ Er gilt ‚als Erfinder der selbsterklärenden Bewegungslieder und wurde so zum musikalischen Protagonisten einer frühmusikalischen Bewegungspädagogik, die bis heute den Alltag von Kindern prägt‘.
    Er hat mehr als 13 Millionen Tonträger verkauft und erhielt vom Bundesverband der Musikindustrie bisher neun Gold- und sieben Platinauszeichnungen – einfach einmal bei Wikipedia aufrufen und staunen…

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