Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Wünschen Ihre Kinder noch oder bestellen sie schon?

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Wenn sie noch an das Christkind glauben, basteln sie schöne Wunschzettel – für die Eltern darf es oft profaner sein.

Keine zwei Wochen mehr bis Heiligabend, und ich habe noch nicht alle Geschenke für meine Töchter (12 und 15 Jahre) zusammen. In unserem Keller steht eine kleine Kiste, in der ich die Briefe, Zeichnungen, Geburtstags- und Muttertags-Karten der Kinder sammele. Eben bin ich in den Keller gestiefelt, habe diese Kiste durchkramt und nach alten Wunschzetteln der Kinder für diesen Beitrag gesucht. Fast wäre dieser Text dadurch nicht mehr zustande gekommen, denn plötzlich saß ich auf unserem kalten Kellerboden, um mich herum überall alte Wunschzettel verteilt. Ich musste sie einfach alle lesen! Die ersten Wunschzettel der Kinder waren gemalt, später wurden die Wünsche aus Werbeprospekten ausgeschnitten und aufgeklebt, bis Maya und Lara jeweils alt genug waren, um ihre Wünsche genauer zu formulieren. Typische Kinderwünsche: der Palast der Eiskönigin, Schleichtiere, das Maulwurfspiel, ein Stoff-Marienkäfer und Bücher. Ich habe meinen Kindern – so wie ich es aus meiner eigenen Kindheit kannte – das Christkind als Geschenkbote verkauft. Lara, meine Große, fand das jedoch irgendwann etwas widersprüchlich, denn das Christkind war ja das Jesuskind und sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass ein Baby aus der Krippe fliegt und Geschenke verteilt. Sie sympathisierte daher schon sehr früh mit dem Weihnachtsmann. Schon allein, weil sie die KIKA-Serie „Beutolomäus“ in der Weihnachtszeit so sehr liebte und sie sich den Weihnachtsmann besser vorstellen konnte.    

Erzählte sie jedoch in Anwesenheit meiner Schwiegermutter vom Weihnachtsmann, behauptete diese steif und fest, Coca-Cola hätte den Weihnachtsmann erfunden. Nur das Christkind würde Geschenke bringen! Die Behauptung, Santa Claus wäre allein auf den Mist des amerikanischen Getränkeherstellers gewachsen, ist nach wie vor nicht totzukriegen. Dabei hat Santa Claus eigentlich einen europäischen Ursprung. Niederländische Auswanderer brachten im 17. Jahrhundert ihren Sinterklaas-Brauch nach New York. Aus Sinterklaas wurde im Laufe der Zeit der amerikanische Santa Claus und Coca-Cola gab 1931 dem Künstler Haddon Sundblom den Auftrag Santa Claus, so wie wir ihn heute alle kennen, zu zeichnen. 

Mir war es immer schon total egal, ob meine Kinder nun an das Christkind oder den Weihnachtsmann glaubten (selbst wenn Coca-Cola ihn erfunden hätte). Ich zuckte daher einfach die Achseln und behauptete, dass ich das auch nicht so genau wüsste, wer denn da nun die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen würde. Schließlich wäre ich bisher weder dem Weihnachtsmann noch dem Christkind (nicht einmal dem Nikolaus) persönlich über den Weg gelaufen. Aber einer von denen müsste es ja sein! Es gibt Eltern, die ihren Kindern erzählen, dass der Weihnachtsmann die großen Geschenke bringt, die für das Christkind zu schwer sind. Auch eine mögliche Erklärung! Hauptsache der besondere Zauber der Weihnachtszeit geht für die Kinder nicht allzu schnell verloren. Denn die Realität holt sie schon früh genug auf den Boden der Tatsachen – und uns auch. Lassen wir ihnen ihren kindlichen Glauben solange es geht, egal an wen! Ein Jahr hat Lara ihren Wunschzettel sicherheitshalber an den Weihnachtsmann mit seinem Freund Beutolomäus und gleichzeitig an das Christkind adressiert und dann in unseren Briefkasten gelegt. Die Wünsche mussten bei uns traditionell spätestens am 1. Dezember an dieser Stelle deponiert werden, damit das Christkind (oder wer auch immer) es zeitig genug abholen konnte. Ich habe mir die Wunschzettel immer sehr gerne angesehen, mich über die holprigen Sätze der Kinder amüsiert und die Zettel später in besagte Kiste in den Keller geworfen.

Nun ist Maya zwölf und Lara fünfzehn Jahre alt und natürlich glauben sie schon längst nicht mehr an das Christkind. Dieses Jahr hat Maya ihre Wünsche als Notiz in ihr Handy getippt und mir die Liste per WhatsApp geschickt. Da es die Eltern sind, die die Geschenke kaufen und nicht das Christkind, hat sie den Wunschzettel nicht mehr mit hübschen Zeichnungen verziert und auch keinen Glitzerpuder in den Umschlag gestreut. Leider kann ich elektronische Wunschzettel nicht in meiner Kiste aufbewahren, was ich sehr schade finde. Mayas Wünsche sind übersichtlich: ein paar Bücher, Sportsachen, Oreo-Kekse mit weißer Schokolade, eine Badekugel und als technisches Highlight eine mobile Lautsprecherbox. Lara hat ihre Wünsche nicht einmal mehr schriftlich festgehalten, denn dafür wäre jeder Zettel verschwendet: „Ich wünsche mir Klamotten und Geld oder am besten nur Geld für Klamotten.“ Einer Fünfzehnjährigen Klamotten zu schenken, die a) passen und b) ihren Geschmack treffen, dürfte sich als äußert schwierige Aktion gestalten. Reine Geldgeschenke finde ich wiederum doof. Also habe ich sie selbst ein paar Kleidungsstücke aussuchen lassen.

Ich habe meine Kinder immer sehr gerne beschenkt. Aber natürlich war es schöner, als sie noch kleiner waren. Als Maya vier Jahre alt war, haben wir ihr eine Puppe mit wunderschönen langen Haaren geschenkt. Maya hat die Puppe damals völlig fassungslos ausgepackt, sie verzückt hin und hergedreht und immer wieder fassungslos gestammelt: „Ich habe mir dich gewünscht, ich wusste nur nicht, dass ich dich gewünscht habe.“ Es war eines dieser Nicht-Wunschzettel-Geschenke, mit denen wir genau ins Schwarze getroffen hatten und die ein warmes Gefühl im Bauch hinterließen. Leider konnten wir Eltern die Lorbeeren damals nicht einheimsen, denn Maya war dem Christkind unendlich dankbar und nicht uns (im Gegensatz zu Lara war sie ganz klar Team Christkind).

Bei Lara war es mit acht Jahren ein schwarzes XL-Stehpferd, das sie sich so sehnlichst gewünscht hatte, dass sie tagelang vor Heiligabend nicht schlafen konnte. Als sie zur Bescherung das Wohnzimmer betrat und ihr Pferd nicht auf Anhieb entdeckte, versuchte sie ihre Enttäuschung zu verbergen und gespielt gutgelaunt die anderen Geschenke zu öffnen. Wir hielten es nicht aus, sie allzu lange zu quälen und gaben ihr schließlich den Tipp, dass durch das Fenster des beleuchten Balkons irgendjemand reinzuschauen schien. Die Erleichterung und die Freude, die sich in diesem Moment in ihrem Gesicht spiegelte, werde ich niemals vergessen. An der Erfüllung eines Kinderwunsches beteiligt zu sein ist wunderschön!

Aber es gibt auch immer mal wieder Wünsche, die man den Kindern nicht erfüllen kann oder will. So wie der Wunsch nach einem Hund, der viele Jahre immer und immer wieder auf Laras Wunschzettel auftauchte, bis sie schließlich eines Tages aufgab und in Klammern dazuschrieb, es könnte alternativ auch ein elektronischer Hund sein. Auch ihrem wiederholten Wunsch nach einem Kinderputzwagen mit Wischmopp, Eimer und Besen habe ich nie entsprochen (keine Ahnung warum nicht, ich fand den einfach doof). Daher behauptet sie heute, ich wäre selber schuld, dass sie nicht richtig putzen kann. Ich hätte ihr als Kind das richtige Putzwerkzeug verweigert.

Es ist so eine Sache mit dem Wunschzettel und dem Glauben ans Christkind. Wenn die Kinder klein sind, kaufen wir uns ein bisschen Magie und spielen Zauberer, um uns an den verzückten Gesichtern unserer Kinder zu erfreuen. Aber irgendwann ist diese magische Zeit vorbei und der Wunschzettel wird zur schnörkellosen Bestellliste – und auch ein wenig lästig. Man fährt den PC hoch, ordert einen Teil der Wunschliste im Internet und zieht los, um die restlichen Sachen in der Stadt zu besorgen. Anschließend setzt man hinter jedem erledigten Wunsch einen Haken und ist froh, wenn alles geschafft ist. War’s das wirklich?! Ich sträube mich dagegen und mag mir den Zauber wenigstens ein bisschen bewahren. Ich möchte keine Bestellungen abarbeiten, sondern sehe den Wunschzettel (egal in welcher Form er bei mir landet) als das an, was er eigentlich ist: Eine Auflistung von Wünschen, die man erfüllen kann, aber nicht muss! Ich möchte meinen Kindern eine Freude machen, aber ich möchte nicht, dass es im totalen Konsumrausch endet. Deswegen bekommt Lara auch nicht die überteuerten AirPods, die sie sich eigentlich wünscht. Die besten Geschenke sind doch sowieso die, mit denen man nicht rechnet.

Keine zwei Wochen mehr bis Heiligabend, und ich habe noch nicht alle Geschenke für meine Töchter zusammen. Weil ich keine Bestellungen abarbeiten, sondern immer noch mit Liebe schenken und mir Gedanken machen will. Wie ist es bei Ihnen? Arbeiten Sie die Liste ab oder schenken Sie nach Bauchgefühl?


2 Lesermeinungen

  1. Helge_Koopmann sagt:

    Die Kinder bekommen Geld
    und unter uns Erwachsenen haben wir das Schenken schon lange abgeschafft. Das entspannt ungemein. Ich kann nur zur Nachahmung ermuntern.

  2. dc-3 sagt:

    Nie so richtig geglaubt...
    Ich habe als Kind eigentlich nie so richtig ans Christkind oder den Nikolaus geglaubt. Sie wurden halt so als Institutionen akzeptiert. Aber Wunschzettel habe ich sicherheitshalber immer geschrieben – Hauptsache, es kam was unter den Christbaum, egal von wem…!

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