Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Sprich hochdeutsch, Kind!

| 56 Lesermeinungen

Ob Lesen wirklich vor Mundart bewahrt?
Ob Lesen wirklich vor Mundart bewahrt?

„Frühs wird es jetzt immer dunkler“, sagte Theo neulich am Frühstückstisch und schaute aus dem Fenster. Im Garten balgten sich zwei Amseln in der Dämmerung. Ich räuspere mich: „Mit ‚frühs‘ meinst du morgens, oder?“ Der Junge sah mich an: „Jaha. Frühs halt.“

Seit fast anderthalb Jahren leben wir inzwischen in Franken. Dass die Menschen hier anders sprechen, war uns klar. Ich finde das auch eigentlich gut. Man erweitert seinen Wortschatz. Zum Fußballtraining meines Sohnes begrüßte mich einer der Väter, ein Urfranke, anfangs immer mit „Ah, der Zugeschmackte“. Das bedeutet so viel wie der Zugezogene oder einfach der Neue. Die Begrüßung war keinesfalls diskriminierend gemeint – eher im Gegenteil. Der Mann wollte auf diese Weise meine Schlagfertigkeit provozieren. Es hat auch funktioniert. Wir zwei trainieren inzwischen gemeinsam ein Team und ergänzen uns sehr gut.

So habe ich gerade im Fußball einige fränkische Fachausdrücke kennen gelernt: Wenn ein Spieler mit dem Ball am Fuß gerne fummelt, nennen die Franken das „schwanzen“. Warum auch immer. Wenn die Spieler einen Kreis bilden und zwei in der Mitte versuchen, den Ball zu bekommen, heißt das „Eckla“. Das klingt besser als „Fünf gegen zwei“, wie wir das nennen. Und wenn jemand einem anderen den Ball durch die Beine spielt, heißt das „pannern“ oder „Leo schieben“. Auch das gefällt mir viel besser als „dönern“, wie es mein Sohn in Berlin gelernt hat. Der Begriff kommt tatsächlich von dem türkischen Drehspießgericht.

Sprache ist ja auch immer ein Integrationsmittel. Man übernimmt Begriffe und Redensarten und kommt so seinem neuen Umfeld näher. Das ist gut und ein ganz normaler Prozess. Wenn aber jemand den Slang, die Mundart oder eben die ganze Art zu sprechen übernimmt, geht mir das eindeutig zu weit. Und das tut Theo leider.

Meine Frau und ich kommen aus Niedersachsen. Ich bin am Südhang des Teutoburger Waldes aufgewachsen. Vor über 2000 Jahren haben Hermann und seine Germanen hier die Römische Legionen geschlagen und vor knapp 400 Jahren wurde in Osnabrück, das ist ganz in der Nähe, der Westfälische Frieden beschlossen. Das war´s. Ansonsten besticht die Gegend im Nordwesten durch ihre Ruhe und die ansprechende Landschaft.

Worauf wir uns etwas einbilden könnten, ist unsere Aussprache. Die ist bis auf einige, wenige lokale Besonderheiten wie etwa die unnötige Substantivierung von Verben („Ich bin gerade am Arbeiten.“) ziemlich klar. Es gibt keinen Slang.

Unser Sohn wird demnächst acht. Er wurde in Osnabrück geboren. Er spricht hochdeutsch. Daran haben auch die sechs Jahre in Berlin nichts geändert. Theo konnte schon früh recht gut sprechen und hat dadurch jede Menge Selbstbewusstsein entwickelt. So hat er kein Problem damit, auch auf ältere Kinder zuzugehen. Er hat auch schon immer Dinge von den Größeren übernommen. Hier in Franken ist es die Aussprache.

Theo hat einen Kumpel, der ein paar Jahre älter ist und der immer darauf achtet, möglichst cool rüberzukommen. Der Junge erzählt den Kleineren gerne, was er Tolles gemacht hat. Die Kinder sind immer ganz beeindruckt. Wenn Theo vom Spielen nach Hause kommt und von diesem Jungen berichtet, denke ich manchmal, ein anderes Kind steht vor mir. Er zieht dann die Vokale seltsam in die Länge, macht aus dem „t“ ein „d“ und aus dem „k“ ein „g“, rollt das „r“ und hängt ein „e“ an die letzte Silbe. Gut, so sprechen Franken nun mal, aber doch bitte nicht mein Kind. Mir tut das richtig weh. Theo hat eine saubere Aussprache und jetzt fängt er „das Fränggeln“ an. „Sprich bitte hochdeutsch, Junge“, ermahne ich ihn. Er schaut mich dann seltsam an. Meistens legt sich das Phänomen nach einer Weile. Allerdings taucht es in letzter Zeit häufiger auf.

Inzwischen habe ich mir einen Schlachtplan überlegt. Das Kind wird mit dem Hochdeutschen torpediert, auf allen Kanälen. Wir lesen jetzt mehr. Vor allem das gegenseitige Vorlesen hilft enorm. Ich kann ihn sofort korrigieren. Außerdem darf er mehr Hörbücher hören und sogar mehr Fernsehen. Es gibt in den einschlägigen Mediatheken eine große Auswahl gutgemachter Kindersendungen – und alle auf hochdeutsch. Wenn wir uns morgens am Frühstückstisch unterhalten, spricht er hochdeutsch. Ich bin guter Dinge, dass wir diesen Kampf gewinnen werden. Allerdings weiß ich genau, was mein urfränkischer Trainerkollege dazu sagen würde: „So an Geschmarre!“


56 Lesermeinungen

  1. MDietz sagt:

    Nicht alle finden das norddeutsche Hochdeutsch erstrebenswert
    Die Idee, dass p, t und k richtig knallen und peitschen, also unbedingt kräftig behaucht werden sollen, finden bei weitem nicht alle Deutschen schönes oder erstrebenswertes Hochdeutsch. Viele Norddeutsche verwechseln die unbehauchten Varianten mit b, d und g, was sie aber nicht sind. Und am Rande bemerkt, macht sich diese scharfe Aussprache auch im Ausland nicht gut.

    Dass ein Wort in Niedersachsen nicht bekannt ist, macht es nicht zu einem Dialektwort.

    Es ist in Süddeutschland sozial ein Vorteil, neben (mild ausgesprochenem) Hochdeutsch auch den Regiolekt zu beherrschen. Dass der Junge auch Hochdeutsch beherrschen wird, sollte ausser Frage stehen.

    Alles in allem, kein Grund zum ständigen nervösen sprachlichen Tadeln und Gängeln.

  2. abumachuf sagt:

    Sprich deutsch, Kind
    .. ist wohl das dringlichere Thema.

  3. Joerg63 sagt:

    Dialekt hilft
    Meine persönliche Erfahrung ist:
    Als Kind sprach ich zu Hause schwäbisch, in der Schule hochdeutsch, badisch und später kurpfälzisch, wobei Dialekt, Worte und Aussprache je nach Ortschaft auch bei nur wenige km Distanz zwischen den Dörfern oder Städten sich deutlich unterschieden.
    Heute spreche ich ohne jegliche Probleme 6 Sprachen fließend, es ist relativ einfach für mich, mich in einen anderen Dialekt einzuhören, nicht nur in meiner Muttersprache.
    Ich denke, dass die Vielfalt mir geholfen hat. Hätte ich nur hochdeutsch gesprochen, dann hätte ich das wohl nie so erreicht.
    In diesem Sinne kann ich nur ermuntern Dialekt(e) zu praktizieren.

  4. corazzediduca sagt:

    Titel eingeben
    Nu sei froh, dassde nich in n Oberpfälzer Wald mussdes. Da kannste keen vorstehn

  5. Drucktasten-Boy sagt:

    Das Problem ist keins
    Lieebr Herr Heinrich,
    da Sie offenbar dem elterlichen Optimierungswahn verfallen und als Westfale in Sachen Dialekte eher unerfahren sind, möchte ich Sie beruhigen: Die Zukunft ihres Jungen ist nicht zerstört.
    Erstens, Dialekte sind ein Teil unserer Kultur, ihr Aussterben ein Verlust. Zweitens, Sie stellen ein paar fränkische Worte als Katastrophe dar, damit beleidigen Sie die Menschen eines ganzen Landstriches. Drittens, dass ein Siebenjähriger(!) sich auch sprachlich seiner Umgebung anpasst ist normal, ja begrüßenswert. Er wird später auch ohne Maßnahmen Ihrerseits Hochdeutsch sprechen und auf Abruf ein wenig Fränkisch können. Viertens, selbst wenn er dann nur im Dialekt spräche (was nur passiert, wenn im Elternhaus nur Dialekt vorkäme, allein dies ist entscheidend!), könnte er noch Bundesminister (Schäuble!), oder gar Kanzler (Adenauer!) werden. Zuletzt: Viele Kinder wachsen bilingual auf, ihrem Sohn trauen Sie nicht zu, dass er das elterliche Hochdeutsch beibehält?

  6. alexandervonwedel sagt:

    Mehrsprachig aufwachsen ist ein Gewinn
    Das gilt auch für Dialekte. Wir leben im badischen Frankenland. Vor 20 Jahren sind wir hierher zurück in die Heimat meiner Frau gezogen. Ich selbst spreche hochdeutsch, die übrige Familie jedoch Dialekt. Meine 3 Jungs 19, 17, 12 unterscheiden sehr fein, wer Adressat ist und wechseln die Sprache je nach Anlass. Mit mir sprechen sie hochdeutsch, beispielsweise mit Ihrer Großmutter und manchen Freunden tiefsten Slang. Für mich hört sich das grausam an. Aber warum sollten sie nicht auch sprachlich Teil der hiesigen Gesellschaft sein? Solange sie zweisprachig umschalten können passt alles.
    Ich bin mir sehr sicher, dass Ihr Sohn das Hochdeutsche nie mehr verlernen wird und ebenso instinktiv an den richtigen Stellen anwenden wird. Also lassen sie kulturelle Vielfalt zu! In Süddeutschland gehört das eben dazu!

  7. HaPeeM sagt:

    Was stört Sie daran?
    Das „Fränggische“ ist doch ein herrlich liebenswerter Dialekt, den ich als Sekundärmigrant (geboren als Württemberger Schwabe und mit schwäbischer Mundart aufgezogen) in Oberfranken sehr schätzen gelernt habe.

    Warum müssen Sie hier gesellschaftliche Vorbehalte gegenüber Dialekten aufbauen? Gerade Kindern bereitet die Dialekte-Vielfalt absolut keine Schwierigkeit, die haben grosse Übung im Decodieren und das passiert im Kopf ganz automatisch. Genauso ist es in Familien, wo Kinder von Anfang an zweisprachig aufwachsen, lernen die geradezu spielerisch und haben Null Probleme, zwischen den Sprachen umzuschalten. Zudem wird das allenthalben empfohlen und befürwortet.

  8. verdi55 sagt:

    Franken ist 3 mal besser als Berlin !
    In Franken haben die Leute Gefühle, Wärme, Lebenslust, Weichheit, sogar Liebe, alles Eigenschaften, die den Berlinern weitgehend abgehen. Das ist ein großer Fortschritt für den Sohn und wird positive Wirkung auf sein ganzes Leben haben ! Dann darf er auch beim Reden a bisserl den Mund geschlossen halten und unangestrengt nuscheln, wie’s dort so üblich ist. Wenn er übrigens sehr lang dort wohnen sollte, kann er das später nie wieder ablegen, auch nicht, wenn er als Erwachsener woanders hinzieht. Nicht versuchen, ihn zum Preussen zurückzubiegen ! Außerdem heißts Gschmarri.

  9. JochW sagt:

    Musikinstrumente abschaffen
    und durch klanglich einheitliche Syntheziser ersetzen? Was unterscheidet eine Stradivarius von einer Amati? Die „Mundart“. Warum soll ein Kind nicht seine Umgebungssprache lernen und dazu Hochdeutsch? Kinder können das problemlos. Und sie merken schon, wann das eine oder das andere angebracht ist. Das unterscheidet sich nicht von der Zweisprachigkeit, im Gegenteil, es hat fast dieselben Vorteile. Ich bin mit zwei Dialekten und zwei Sprachen aufgewachsen, lese trotzdem die FAZ offline und online und verstehe sie auch noch halbwegs. Also, geht doch. Vielleicht fehlt dem Autor nur die Einsicht in die Eigenerfahrung, um die Vorteile überhaupt verstehen zu können. Dieser Artikel wird also erst richtig interessant, wenn man das Gegenteil appliziert. Mais bon, qu’est-ce que j’en sais? Chuis qu’un lecteur avec un Barabli qui me protège contre la tempête de l’uniformisation culturelle. Got it?

  10. Merter sagt:

    Irgendwie Arrogant
    Dieses abwerten eines Dialekts/ einer Mundart gegenüber dem Hochdeutschen wirkt auf mich sehr arrogant und herablassend. Inwiefern ist eine dialektfreie Aussprache jetzt ein Statussymbol oder eine reine hochdeutsche Aussprache erstrebenswert? Solange der Dialekt keine Verständigungsprobleme verursacht ist doch alles in Ordnung? Ich für meinen Teil finde Hochdeutsch sogar charakterlos, Standard-Deutsch eben, Standard im Sinne von „ohne alles“. Freue mich immer wenn jemand eine Mundart spricht (es gibt so viele Dialekte – Toll!). Was ist daran falsch wenn ein Kind welches in Franken lebt und in Franken zur Schule geht „fränkisch“ spricht? Wieso muss man den örtlichen Dialekt „bekämpfen“? Ich selbst spreche einen (süddeutschen) Dialekt, bin aber von München über Berlin bis Kiel unterwegs und hatte noch nie Probleme damit (sofern man sich etwas zurück nimmt).
    Ich hoffe ich habe den Blog nur falsch aufgefasst, auf mich wirkt er, wie anfangs gesagt, einfach nur arrogant und überh

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