Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Wie Michel und andere Klassiker auf dem Index landeten

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Zornesrot und brüllend hüpft der Vater auf einem Bein durch die Küche, am Zeh eine Mausefalle. Der kleine Sohn liegt noch im Bett und strahlt glücklich. Er glaubt, mit der Falle eine Ratte gefangen zu haben. In Sekunden dreht sich die Situation. Nicht die Ratte, den Vater hat er verletzt, und darauf wird sogleich eine Strafe folgen, das weiß er wohl.

Die Mutter zerrt ihn eilig aus dem Bett, huschhusch, schnell in den Schuppen, bring dich in Sicherheit vor dem gewalttätigen, cholerischen, zu allem fähigen Rotköpfigen. Das Kind reißt sich los, es hat sein Holzgewehr vergessen, und dann rennen sie gemeinsam über den Hof. Das Kind an der Hand der Mutter, es trägt noch sein Nachthemd und hat keine Schuhe an. Kaum ist die Tür vom Schuppen zu, atmet die Mutter durch, streicht sich Haare und Schürze glatt und schließt auf dem Weg zurück ins Haus noch ordentlich das Gartentörchen.

„Wie kommt der Junge denn jetzt wieder raus?“, fragt mein Sohn ängstlich und schaut mich mit großen Augen an. „Die Mama hat doch das Tor abgeschlossen.“ „Schau, gleich darf er wieder raus“, sagte ich ermutigend. Doch in den Minuten, die wir noch weiterschauen, muss der kleine Kerl gleich zwei weitere Male in die Scheune.

Während die anderen lachen, spielen oder in der Sonne liegen, und die gruselige Großmutter den Tratsch über das unerzogene Kind im Dorf verbreitet, sitzt besagtes Kind bis Sonnenuntergang in einem immer dunkler werdenden Schuppen, immer noch im Nachthemd, bis es in seiner Not durch den Kamin aufs Dach klettert. Der Angestellte auf dem Hof, nicht der Vater, holt das Kind runter und geht mit ihm schwimmen. Dann ist die Sendung endlich vorbei.

Ich habe Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf und alle anderen Bücher von Astrid Lindgren geliebt, als ich ein Kind war. Doch seit ich selbst Kinder habe, kann ich es kaum ertragen zuzusehen, wie die Mutter das Kind vor dem Zugriff des Vaters „schützt“, indem sie es in den Schuppen sperrt.

Wie die dreckstarrenden Alten im Armenhaus halb verhungern, die Erwachsenen fluchen, das lästige Kind zur Seite schieben oder es mit einer Holzpantine in der Hand über den Hof jagen. Pippi, in der die Nachbarn nur das unerzogene Kind sehen, die ganz alleine lebt und selbst ihre besten Freunde mit Vorliebe an der Nase herumführt, bis diese vor Sorge Bauchschmerzen bekommen. Die so nah ums Lagerfeuer tanzt, dass sie sich selbst in Gefahr bringt, Nägel isst und Polizisten wie Banditen gerne mal durch die Luft schleudert, wenn die ihr blöd kommen.

Auch mit anderen Perlen meiner Kindheit geht es mir so. Der krummbeinige Max aus den Büchern von Barbro Lindgren-Enskog, der mit viel Verve der Ente auf den Hinterkopf haut, um seinen Schnuller wiederzubekommen, oder dem Nachbarskind im Kampf um ein Auto kräftig an den Haaren zieht – ich mag ihn nicht mehr leiden. Rotkäppchen und der böse Wolf, bei dem wir versuchten, das Blutige zu verändern und am Ende nicht mehr den Weg zurück in die Geschichte fanden, warum die Großmutter jetzt im Bauch und der Wolf erschossen ist.

Vielleicht bin ich spießig geworden, seit ich Kinder habe, übervorsichtig oder überbehütend. Dabei mag auch ich anarchische Bücher, zum Beispiel das vom kleinen Drachen Finn, der mit seinem Feuer alles pulverisiert, wenn er sich aufregt, oder von der frechen Horde Tiere, die alle mit in die Wanne springen, als der Wal ein Bad nimmt.

Ich bin sicher nicht die Fraktion Conni-Kinderbuch, in dem nur die heile Welt wiedergekäut und Alltägliches durchgespielt wird, gerne mit guter Moral und Lehrelementen. Conni geht in den Kindergarten, Conni geht zum Zahnarzt, solche Sachen. Und dennoch will ich meinen Vierjährigen nicht mit schwarzer Pädagogik im Gewand traditionsgemäß wertvoller Kinderbuchliteratur allein lassen. Ich akzeptiere nicht, dass im echten Leben gehauen, getreten oder weggeschaut wird – ich will das auch in Büchern nicht, die ich meinem Kind vorlese.

Dass das aber offenbar nicht erzieherischer Konsens ist, stellten wir neulich im Museum fest. In einer Märchenführung fand eine Geschichte ihren Höhepunkt darin, dass ein Prinz das Nachbarsmädchen erst zwang, ihn zu heiraten, „um sie so richtig zu ärgern“, und sie dann in der Hochzeitsnacht zu erstechen versuchte. Ironischerweise hatte sie das schon befürchtet und sich vorsorglich aus Kuchenteig nachgebacken, sodass niemand zu Schaden kam.

Nach dem Angriff sprang sie aus ihrem Versteck und sagte: „Jetzt können wir endlich glücklich sein.“ Wir brachen die Führung ab und im Nachgang schrieb ich der Museumspädagogin, dass ich solche Geschichten in Zeiten von #Metoo, Debatten um Gleichberechtigung und gewaltfreier Erziehung nicht zeitgemäß finde.

Man kann mich dafür auslachen, belächeln oder mir unterstellen, keine Ironie zu verstehen, keinen Humor zu haben und meinen Kindern nichts zuzutrauen, wie es Eltern vorgeworfen wird, die die Max-Bücher im Internet ebenfalls als ungeeignet bewertet haben. Doch das ist mir egal. Nur weil etwas einmal gut war, oder es uns offenbar auch nicht geschadet hat, muss ich nicht auf den gleichen Wegen weitergehen. Ich kann auch meinen eigenen wählen.

Die Michel-Frage hatte sich übrigens von selbst erledigt. „Das will ich nicht mehr schauen, Mama“, sagte mir Max danach. „Das war total langweilig.“


66 Lesermeinungen

  1. Illusionmaker sagt:

    Das ist ja grauenhaft...
    …als wären Märchen und Geschichten nicht in vielerlei Hinsicht immer eines gewesen: grausam. Ich stimme ja sonst oft mit den Autoren, respektive den Autorinnen der FAZ-Blogs überein, aber hier kann ich nur den Kopf schütteln.

    Ein Kind betrachtet diese Medien anders als ein Erwachsener. Ziel ist es entweder dem Kind die positiven Werte der jeweiligen Geschichte zu vermitteln, oder das Kind zu eigenen Gedanken zu ermutigen – soll es doch über das Gesehene nachdenken! Kein Wunder das heute gefühlt jedes zweite Kind unfähig ist mit den einfachsten Konflikten oder Rückschlägen umzugehen, wenn von vorn herein der Eindruck bemüht wird, dass Unheil und Schrecken nur Stoff von Albdrucken sind! Hält man ein Kind von reifen Kindergeschichten fern, weil man sie von der Warte des Erwachsenen aus nur schwer ertragen kann, schadet man dem Kind mehr als man es schützt.

    Wenn ein Kind die Geschichte langweilig findet ist das okay. Sie ihm aus vermeintlichem Eigennutz vorzuenthalten

  2. BerndUhlenberg sagt:

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    „Die Michel-Frage hatte sich übrigens von selbst erledigt. „Das will ich nicht mehr schauen, Mama“, sagte mir Max danach. „Das war total langweilig.““

    Tja, vielleicht hat die Gewöhnung der lieben Kleinen an möglichst viel Action ohne jegliche Moral der Gschicht oder eine mglst schnelle Anerziehung von digitalen Fähigkeiten (wie werde ich zum Reagierenden und vergesse meine Mussestunden?) ja bereits geklappt.

  3. jorieseberg sagt:

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    „Ich habe Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf und alle anderen Bücher von Astrid Lindgren geliebt, als ich ein Kind war.“ Ich auch!

    Das Statement liest sich deutlich anders als „…uns offenbar nicht geschadet hat“ Wieso das jetzt den Kindern nicht mehr zugetraut wird, kann ich nicht nachvollziehen.

  4. Missel sagt:

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    Diese Kinderbücher aus „alter Zeit“ geben ebenso wie Märchen das Leben mit seiner Ambivalenz wieder. So ist das Leben nun mal. Schön, aber auch grausam, hart, ungerecht. Dennoch zeigen alle Geschichten immer auch die guten, freundlichen Seiten und enden meist mit dem Obsiegen des Guten. Das ist in der Wirklichkeit nicht immer so, leider. Wir sollten umseren Kindern aber das wahre Leben nicht vorenthalten. Und wie geht das besser als in diesen Geschichten, Sagen, Märchen mit ihrer Erfahrungswahrheit.

  5. hapeclut sagt:

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    Jetzt schreibt hier eine überfürsorgliche Mutter. Bin ich bei der TAZ gelandet?Kinder halten eine Menge aus, überprotektive Eltern allerdings nicht.
    Probieren Sie es mit dem Struwwelpeter, den „Besten Beerdigungen der Welt“, natürlich auch Pippi Langstrumpf.
    Das richtige Maß zu finden ist nicht einfach, aber Fernhalten von allem, was schlimm sein könnte, habe ich bei meinen Kindern nie praktiziert, vorgegebene Political correctness
    aus Prinzip und zugunsten eines „Sapere Aude“ stets gemieden.

  6. Soziologe sagt:

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    Frau Schmucker, Sie tun mir etwas leid. Die Welt, die sie für ihre „Kinder“ wollen, existiert nicht. Selbst ihre „Kinder“ (oder das eine einzige) existiert nicht. Sie oder er ist nämlich in 8 Jahren spätestens erwachsen und guckt Pornos. Ob Sie das wollten oder nicht.
    Was Ihrem Sohn dann fehlt, ist die Kraft und die Stärke in sich, die wir Früheren (Ihre Elterngeneration) aus diesen Büchern gelernt haben, ob Pippi oder Michel oder Kalle. Weil wir, vor den Filmen, aus den Büchern, alle so sein wollten wie Pippi, Michel oder Kalle.
    Ob Sie dann mit dem Ergebnis zufrieden sein können oder wollen oder sind – das wage ich zu bezweifeln. Denken Sie noch einmal darüber nach.

  7. BenderM sagt:

    Schneeflöckchen, Weißröckchen....
    Unsere Gesellschaft verweichlicht nicht nur, sie erzieht sich selbst zur Unmündigkeit, wenn sie sich bewusst der emotionalen Reibung entzieht. Die Szenen bei Michel, Pippi Langstrumpf und anderen Kinderbüchern sind deshalb nicht einfach zu verdauen, WEIL sich die kindliche Seele daran reibt – und auch reiben soll. Das ist gut so und ermöglicht es dem Kind, die Vielschichtigkeit menschlicher Emotionen (Freude, Leid, Zorn und Angst) in kindgerecht erzählten Geschichten zu erleben. Im Gegensatz dazu wäre eine Geschichte, die das Kind mit dem Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit zurücklässt, in der Tat nicht kindgerecht und sie wäre überfordernd. Das ist allerdings bei Michel nicht der Fall. Und so leisten die Michel-Geschichten einen wertvollen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung.

  8. FAZvsTAZ sagt:

    Uiuiuiuiui
    Streichen Sie Michels Vater Anton aus der Geschichte, verteilen Sie dessen Besitz an die Bewohner des Armenhauses und erzählen Sie dann die Geschichte in Ihrer Version weiter. Wie wird es Michel, Alma (Mutter), Alfred (Knecht, alias „der Angestellte“), Schwesterchen Klein-Ida und Magd Lina wohl ergehen? Wird ihr Sohn (also der junge Schmucker) die Geschichte mögen oder sich lieber Conny vorlesen lassen?

    Ich finde, Sie haben einen wunderbaren Hebel für den Einstieg in eine Debatte gefunden, der über die schädliche Oberflächlichkeit dessen, was als me-too-Debatte bezeichnet wird hinausgehen könnte. Wenn sich denn Intelligenz mit gutem Willen verbündete.

    Danke dafür, mit einer kleinen Hoffnung auf eine Replik Ihrerseits, Joscha Greuel

  9. hschuette59 sagt:

    Mit 4 zu jung
    Unser Sohn hat „Michel“ geliebt, gerade weil er nicht so war. Aber für Vierjährige ist das nichts. Viel zu jung dafür. Das wird interessant, wenn sie selber lesen können.

  10. anvers sagt:

    Michel und Co.
    Meine Kinder fanden es gut.
    Und nein, Sie sind nicht traumatisiert.
    In Geschichten passieren Dinge, die bisweilen schockieren. Das gilt für Kinder- und Erwachsenengeschichten.
    Vielleicht wollen Sie demnächst Astrid Lindgren entfernen lassen?

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