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Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Gefährdet TTIP das deutsche Bier?

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Das geplante Freihandelsabkommen mit Amerika macht vielen Deutschen Angst. Die Brauwirtschaft aber könnte profitieren, sagt zumindest die Kanzlerin. Wir haben  Bayerns obersten Braulobbyisten gefragt.

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F.A.Z.: Angela Merkel hat bei den Feiern zum Reinheitsgebot gesagt, die Deutsche Bierbranche wäre einer der Gewinner des Freihandelsabkommens TTIP. Was sagen Sie als Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds – stimmt das?

2014 HauptGF_EbbertzLothar Ebbertz / Foto Bayerischer Brauerbund

Lothar Ebbertz: Hm, der Teufel steckt im Detail. Wir sind für Freihandel. Wir wollen unser Bier ja exportieren, in Deutschland schrumpft der Markt. Ob es für uns mit TTIP besser wird, hängt aber von der Bereitschaft der Amerikaner ab, den Zugang zu ihrem Markt für deutsche Brauer wirklich zu öffnen. Bisher zeichnet sich das leider noch nicht ab.

Wo ist das Problem? Die Zölle sind doch schon stark gesenkt worden. Es gibt zwar noch amerikanische Einfuhrzölle für alkoholfreies Bier und Biermischgetränke, aber das wird nicht das große Problem sein.

Uns stört vor allem das dreistufige Vertriebssystem, das wir in Amerika einhalten müssen. Ausländische Brauereien müssen in den Vereinigten Staaten ihr Bier zunächst an einen Importeur  verkaufen.  Der verkauft dann an einen Großhändler weiter, und an dritter Stelle folgt der Einzelhändler.

Und jede Stufe packt auf den Preis ordentlich etwas drauf?

Ja, so ist es. Jede Stufe etwa 30 Prozent. Dazu kommen ja noch die Transportkosten von hier nach Amerika. Das macht unser bayerisches Bier für den amerikanischen Endverbraucher sehr teuer. Dieser Wettbewerbsnachteil muss behoben werden. Bislang ist die Bereitschaft leider nicht gegeben. Wenn die Amerikaner aber nicht bereit sind, das zu öffnen, dann haben wir von TTIP wenig.

Ändert TTIP etwas am Reinheitsgebot?

Nein!  Wie denn? Weiterhin gilt: Wer mit dem Reinheitsgebot wirbt, der darf nur Wasser, Malz, Hopfen und Hefe beim Brauen verwenden. Das ist und bleibt gesichert.

So ganz strikt gilt das Reinheitsgebot ja seit 1987 aber ohnehin nicht mehr …

Nun, seit dem Grundsatzurteil des Europäischen Gerichtshofs im Jahr 1987 dürfen ausländische Brauer in Deutschland auch Bier unter der Bezeichnung „Bier“ anbieten, das nicht nach dem Reinheitsgebot gebraut ist, solange es im Herkunftsland als „Bier“ anerkannt ist. Zum Beispiel österreichisches „Kürbisbier“.  Solange das in Österreich als Bier gilt, darf es auch bei uns als Bier verkauft werden. Große Marktanteile haben solche Biere aber nicht.  Der Verbraucher ist mündig und kann da selbst entscheiden. Uns ist eben wichtig, dass nur der mit der Bezeichnung „Reinheitsgebot“ werben darf, der sich an die vier Zutaten hält. Das ist auch so. Und daran ändert sich auch nichts. Und wir haben keine Angst, dass sich das ändert. Das Reinheitsgebot für deutsches Bier ist abgesichert.

Gibt es in Deutschland überhaupt viel amerikanisches Bier?

Die Nachfrage nach amerikanischen Bieren in Deutschland ist nicht groß. Manche Deutsche trinken schon mal ein Budweiser oder ein Coors, aber wirtschaftlich bedeutend ist die Nachfrage danach nicht. Eher schon für belgische Gewürz- oder Fruchtbiere.

Die Amerikaner sind weniger skeptisch bei Gentechnik als wir. Müssen Biertrinker in Deutschland befürchten, dass etwa das Malz bald aus gentechnisch veränderten Pflanzen gewonnen wird?

Da sind wir strikt gegen. Die Rohstoffe für unser Bier dürfen gentechnisch nicht verändert sein. Und diesbezüglich sind wir Brauer in Deutschland uns –  denke ich – auch einig. In Europa ist das sehr strikt reguliert. Das muss auch weiterhin sichergestellt sein. Wir legen großen Wert drauf, dass sich hieran mit TTIP nichts ändert.

Wie ist es mit dem Brauwasser? Da fürchten manche eine Gefahr durch Fracking.

Kronkorken-FrackingKronkorken-Aktion des Verbands Private Brauereien / Foto Brauerei Zoller-Hof, Sigmaringen

Ja, die Gefahr sehen wir auch. Wir sind gegen Fracking mit Chemikalien in Deutschland.  Bislang ist das hierzulande aber kein großes Thema. Bei uns in Bayern wird die Technik allenfalls probeweise mal angewendet. Ob sich da künftig etwas ändert, können wir auch nicht ganz genau sagen. Klar ist für uns: Es darf durch die Hintertür keine Erlaubnis für großflächiges Fracking geben, dafür ist das Trinkwasser zu wichtig.

Bei Freihandelsabkommen geht es ja auch um technische Standards. Ändert sich etwas bei der Form der Flaschen und Bierkisten, bei den Kronkorken oder am deutschen Pfandsystem?

Ich denke nicht. Unser Pfandsystem in Deutschland ist weitgehend freiwillig. Das läuft auch. Ausländische Anbieter können mitmachen. Bisher gibt es jedenfalls keinen Anlass, dass hier Abstriche gemacht werden. Auch Änderungen bei Flaschen, Verschlüssen und Kisten sind mir nicht bekannt.

Haben Sie eigentlich Zugang zu allen Dokumenten? Das wird ja oft kritisiert …

Nein, haben wir nicht. Größere Transparenz wäre da tatsächlich besser. Die Masse an Dokumenten ist allerdings auch sehr groß – oft viele Tausende Seiten. Für kleinere Verbände wie uns ist nur ein Bruchteil von Relevanz. Ein offener Umgang mit diesen Dokumenten würde es allen erleichtern, die für den einzelnen Wirtschaftszweig jeweils relevanten Passagen zu identifizieren und zu bewerten – und notfalls einzuschreiten!

Ist das ein Problem?

Ja, schon. Die EU darf nicht über unsere Köpfe hinweg verhandeln. Das Freihandelsabkommen Ceta zwischen der EU und  Kanada ist ein Beleg dafür, wohin die Intransparenz führen kann.

Warum?

Das Abkommen wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Jetzt laufen wir Gefahr, dass Bezeichnungen wie „bavarian beer“ in Kanada leichtfertig als Gattungsbegriff für jedermann nutzbar gemacht werden – gegen die Interessen der bayerischen Brauwirtschaft

Das müssen Sie erklären.

In Europa sind geographische Bezeichnungen wie Aachener Printen, Lübecker Marzipan und eben Bayerisches Bier geschützt. In Kanada ist das leider nicht so. Dort soll zwar der Ausdruck „Bayerisches Bier“ durch CETA geschützt werden, aber nur wenn es Deutsch ausgeschrieben wird. Die englische Version „Bavarian Beer“ oder „Bavarian Lager“ wäre nicht geschützt. Das birgt die Gefahr, dass in Kanada langfristig diese Bezeichnungen nicht als Herkunftsangabe, sondern als Gattungsbegriffe verstanden werden. Ein kanadischer Brauer könnte also „Bavarian Beer“ brauen und verkaufen. Die EU hat das – ohne uns zu fragen oder auch nur zu informieren – so durchgehen lassen.

Und jetzt fürchten Sie Ähnliches für Amerika?

In den Vereinigten Staaten ist die Situation für unsere Herkunftsangabe zum Glück besser als in Kanada. Hier ist die Gefahr geringer, dass „Bayerisches Bier“ zur Gattung wird, weil der Bayerische Brauerbund bereits Eigentümer der Certification-Mark „Bavarian Beer“ ist. Aber es zeigt, wie vorsichtig wir sein müssen:  Da verstehen wir auch die europäischen Verhandler nicht, dass sie ein innerhalb Europas sehr aufwändig aufgebautes, konsequentes Schutzsystem im Zuge der Verhandlung von Freihandelsabkommen leichtfertig preisgeben. Wir sind auf das Problem nur durch unsere gute Vernetzung zu internationalen Organisationen gestoßen – gerade noch rechtzeitig.

Und was fordern Sie nun?

Die Herkunft muss stimmen. Bayerisches Bier ist ein Herkunftsbegriff und keine Gattung. Dieser Schutz sollte auch in Kanada gelten. Das wollen wir. Die Herkunft muss in allen Landessprachen geschützt sein. Das ist unser Kernanliegen bei allen künftigen Freihandelsabkommen.

Die Lehre Für TTIP?

Die EU darf nicht über unsere Köpfe hinweg verhandeln. Das schadet uns. Wenn so etwas Ähnliches bei TTIP auch passieren würde, hätten wir von dem Abkommen nichts. Hoffentlich wird Ceta nicht zur Blaupause.

Und wenn es nicht klappt? Muss der deutsche Verbraucher dann Kölsch aus Texas fürchten?

Nein, in Deutschland ändert sich da nichts. Uns macht der Schutz unseres Namens im Ausland Sorgen. Bei uns in Deutschland sind die Herkunftsangaben gut geschützt. Ich kann nicht für die Kölner Kollegen sprechen, aber „Bayerisches Bier“  ist bei uns in allen Sprachen geschützt. Das bleibt auch so. Innerhalb Europas sehen wir da auch keine Gefahr.

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Lothar Ebbertz ist Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds.

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8 Lesermeinungen

  1. Nichts verstanden
    Offensichtlich hat der Brauereivertreter den Grundgedanken von TTIP mit seinen Schiedsgerichten nicht verstanden: Gerade die strengen nationalen Regeln können mittels der Schiedsgerichte ausgehebelt werden und zu immensen Schadenersatzklagen führen. Unsere Politdummies haben´s eh nicht begriffen – woher auch.

  2. Deutsches Bier ist das Beste
    darum sind die größten Brauereien Belgisch-Brasilianisch, Holländisch, Dänisch, nordamerikanisch; und die ganze Welt will nach deutschem Reinheitsgebot produziertes Einheits-Langeweile-Fusel.

    Der Trend ist aber ein anderer und so lange die deutschen Brauereien nicht erkennen, dass mit den Craft-Bieren etwas sehr interessantes passiert, werden sie noch weiteren Umsatz verlieren.
    => Das Reinheitsgebot soll nur für die Biere gelten, die danach produziert sein wollen. Für die anderen soll aber Kreativität möglich sein!

  3. Weiterbildung notwendig
    Wie schon Jeff sagt – es gibt eine ganz schoene Auswahl von ganz tollem Bier hier drueben. Da kann sich Europe also nicht mehr bruesten.
    Daneben wird wieder mal das fracking in den Dreck gezogen. Schade – dabei hat die USA ihren CO2 Ausstoss auf den 1995-level gebracht. Deutschland dagegen oder Europa im Allgemeinen haben 20% mehr als vor 20 Jahren. Danke – Fracking – wenigstens eine Industrie die was gegen das soganannte globalen Problem etwas macht – im gegensatz zu all den anderen Landern! Und zudem sind ueber 1 Million Bohrloecher gefrackt worden – einige Tausend in Deutschland und mehrere zentausend in Europa. Die Maer vom Grundwasser ist schon uebel – die Landwirtschaft mit Duengung kontaminiert das Grundwasser mehr als das fracking. Natuerlich kann die Bohrlochverrohrung oder der Zement in ganz wenigen Faellen ein Problem darstellen aber das hat nichts mit dem Fracking zu tun. Nachhilfeunterricht kann ich nur sagen!

  4. frei--bier
    schon irgendwann mal erlebt,dass die amis etwas auf legalem wege erreicht haben ?

  5. Geschmacksabhänig
    Wenn es den Gaumen nicht mehr genügt, wird eben einfach auf das Bier verzichtet. So einfach ist, das lernen Jeden Tag Unternehmen in allen Bereichen, der Kunde ist der, der im Mittelpunkt steht.

    Irgnoriert man ihn, kann er es auch tun.

  6. Schöner Zweckoptimismus
    Durch die gesamten Verhandlungen zieht sich der Verdacht, die Amis ziehen uns letzlich über den Tisch. Soweit bsiher bekannt, wird das auch so sein.
    Nachgiebig sind immer wir und bei der Kreativität und Klagefreudigkeit der Amis sind wir in der Hinterhand.
    Herr Ebbertz lügt sich in die Tasche. Denn alle Hemmnisse, auch solche wegen bestimmter Herkunft, werden von den Amis als nichttarifäre Hindernisse bezeichnet werden und Klage bei den berüchtigten – übrigens in den USA beheimateten – Schiedsgerichten erhoben. Geld haben die US-Multis genug, deutsche Brauer werden sich wundern.

    Warum ohne TTIP das dreistufige Vertriebssystem in den USA nicht beseitigt werden kann, sollte uns Herr Ebbertz noch sagen. Und ob durch TTIP ebendies geschieht.

    • Wir Amis wollen kein deutsches Bier
      Deutsches Bier hier in USA ist keine Thema mehr. Es gibt inzwischen über 4.000 Brauereien, die meisten davon ganz neu, und brauen Craft Beers in kleinen Mengen. Frisch, schmackhaft und mit vielen Varianten, da wir nicht vom Reinheitsgebot beschränkt sind. Ich habe keine Wahrsteiner oder Becks seit Jahren gekauft. Brauche es einfach nicht mehr. Deutsches mehr ist längst vorbei!

  7. Pingback: Blog | Reinheitsgebot: Gefährdet TTIP das deutsche Bier? « Boussac, Toulx Sainte-Croix, Creuse !!

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