Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

„Kann die ihr Kind nicht erziehen?“

| 35 Lesermeinungen

Wo kommen nur diese Hörnchen her? Manche Kinder kann man einfach nicht zu sanften Engeln erziehen.

Heute bin ich in der Stadt einer Mutter mit ihrem bockigen Kleinkind begegnet. Der kleine Junge lief weg und forderte seine Mutter regelrecht heraus. Sie schimpfte und sah verzweifelt und sehr, sehr müde aus. Ich hatte Mitgefühl mit ihr, denn ich kenne die Reaktionen der Leute, wenn man mit so einem Kind in einem Café oder Restaurant sitzt. Nach spätestens zehn Minuten wird man giftig angeschaut oder die Leute schütteln scheinbar wissend den Kopf und murmeln Sätze wie: „Die hat ihr Kind nicht im Griff“ oder „Unmöglich, kann die ihr Kind nicht richtig erziehen?“

Als „brav“ oder „gut erzogen“ werden häufig die Kinder wahrgenommen, die scheinbar funktionieren, ohne Widerstand an der Hand laufen und nie heulen. Ich hatte so ein Kind. Maya wich mir als Kleinkind nicht von der Seite. Das hätte sie sich auch gar nicht getraut. Zu groß war ihre Angst, mich verlieren zu können. Ich empfand Mayas Anhänglichkeit immer als sehr angenehm. Man konnte sie problemlos überall hin mitnehmen. „Die ist aber lieb“, lobten Fremde, wenn sie friedlich ihr Eis im Café löffelte oder mir half, beim Einkaufen die Sachen aufs Einkaufsband zu legen, und am Ende der Kasse geduldig wartete, bis ich bezahlt hatte. Maya war Balsam für meine Nerven. Die Wiedergutmachung für ihre große Schwester Lara, die mich in ihren ersten Lebensjahren körperlich und seelisch oft an meine Grenzen gebracht hatte.

Sobald Lara mit knapp einem Jahr laufen konnte, war sie auch schon weg. So richtig weg! Sie rannte wohin sie wollte, immer ein schelmisches Grinsen auf den Lippen. Je besser ihre Beine trainiert waren, umso schneller wurde sie. Jeder Spaziergang wurde zur Machtprobe. Angst existierte in ihrer Welt nicht. Es war ihr egal, wenn wir aus ihrem Blickfeld verschwanden. Wir mussten nach links, sie rannte nach rechts. Aufenthalte in Restaurants oder Cafés waren mit Lara eine Tortur. Sie turnte überall rum, fummelte an fremden Handtaschen oder rannte plötzlich dem Kellner in die Küche hinterher. „Muss doch mal möglich sein, dass wir uns zum Brunchen im Restaurant treffen. XY bringt ihr Kind ständig mit und da ist das auch kein Problem“, sagte eine kinderlose Freundin, als ich sie einmal fragte, ob wir uns zum Oster-Frühstück nicht lieber bei uns Hause treffen könnten. Es war anstrengend, das erklären zu müssen.

Im Urlaub aßen mein Mann und ich unser Hotelabendessen in Rekordzeit und kämpften regelmäßig mit Sodbrennen. Lara pflegte die Teller vom Tisch zu fegen, wenn sie satt war und nicht mehr sitzenbleiben wollte. Sah sie in einem Geschäft etwas, das ihr Interesse weckte, war sie kaum davon abzuhalten, es genauer zu begutachten und anzufassen. Um den bösen Blicken und Kommentaren vorzubeugen, war ich wie ein Panther auf der Jagd stets zum Absprung bereit, um sie einzufangen. Mein Mann unterschätzte Lara damals sehr oft. „Lass sie nicht aus den Augen! Halt sie fest!“, mahnte ich ihn, als ich mich einmal in der Weihnachtszeit an der vollen Kaufhauskasse anstellte. „Klar“, lachte er lässig, um keine Minute später leichenblass den Kinderwagen samt Weihnachtseinkäufen stehen zu lassen und durch die brechend volle Kaufhausetage zu rennen.

Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem ich mit Lara in der Stadt unterwegs war. Sie war noch keine zwei Jahre alt. Nach zwei Stunden war ich völlig erledigt, brauchte aber noch dringend etwas fürs Abendessen und ging in einen kleinen Lebensmittelladen. Lara rannte wie wild durch die Gänge, während ich meine Einkäufe auf dem Arm balancierte und versuchte sie wieder einzufangen. Als mir das schließlich gelang und ich mich in die Schlange an der Kasse stellte, wehrte sie sich mit vollem Krafteinsatz. Ich war inzwischen klatschnass geschwitzt, packte sie am Schlafittchen und wurde laut. Eine Frau hinter mir sagte zu ihrer Begleitung: „Manche Leute haben wirklich keine Geduld mit ihren Kindern. Man fragt sich, warum sich solche Leute Kinder anschaffen.“ Ich drehte mich zu ihr um und fragte sie, was ich ihrer Meinung nach machen sollte. „Lassen Sie das arme Kind doch los!“, schlug die Frau vor. Sie hatte absolut keine Ahnung, was passiert wäre, wenn ich ihrem Rat gefolgt wäre: Lara wäre aus dem Laden Richtung Straße gelaufen und ich hätte meine Einkäufe fallenlassen müssen, um ihr hinterher zu hechten.

Nach dieser Episode rief ich meinen Mann im Büro an und gestand ihm unter Tränen, ich würde gerade überlegen, ob ich Lara nicht einfach an Ort und Stelle inklusive Kinderwagen aussetzen würde. Letztendlich packte ich Lara in den Kinderwagen, drückte ihr zur Ablenkung eine Flasche Trinkjoghurt in die Hand und versuchte so schnell wie möglich nach Hause zu gelangen. Ich ging verdammt schnell, was nötig war, da Lara sonst aus dem Wagen geklettert wäre. Sie ließ sich bereits nicht mehr anschnallen. Lara schüttelte den Trinkjoghurt einmal kräftig durch und warf ihn dann im hohen Bogen nach oben, sodass sich der gesamte Inhalt über sie und den Kinderwagen ergoss. Das war der krönende Abschluss dieses miesen Nachmittags.

Im Urlaub habe ich mal eine niederländische Familie gesehen, die ihr Kind an einer Art Hundeleine hielten. In Deutschland würde man wahrscheinlich wegen Kindesmisshandlung angezeigt werden, aber ich hätte damals so ein Teil wirklich gut gebrauchen können. In Laras ersten drei Lebensjahren litt ich furchtbar unter Rückenschmerzen. Sport habe ich zu dieser Zeit nicht gebraucht.

Lara sprach sehr spät und da sie mein erstes Kind war, dachte ich, sie würde einfach noch nicht verstehen, wenn ich ihr erklärte, wo wir langgehen mussten, oder wenn ich sie bat, bei mir zu bleiben. Die gleichaltrige Tochter meiner Freundin sprach mit zwei Jahren schon ganz wunderbar. Und wenn man ihr beim Spaziergang sagte, sie solle in den Weg einbiegen, dann tat sie das anstandslos. Sie erschien mir so wahnsinnig weit im Vergleich zu meiner Tochter. Machte ich etwas falsch? Griff ich nicht richtig durch? War ich nicht in der Lage, ein Kind zu erziehen? Gab ich mir zu wenig Mühe? Ich las ihr doch so viel vor und beschäftigte mich mit ihr?

Je älter Lara wurde, desto mehr lernte ich Laras eigenwillige und neugierige Art zu schätzen und ihre unruhige Art zu akzeptieren. Als Maya drei Jahre später auf die Welt kam, erkannte ich endgültig, dass Kinder zwar von ihrem Elternhaus und ihrer Umwelt geprägt werden, aber die meisten Charaktereigenschaften schlichtweg angeboren sind. Meine Töchter sind sich in manchen Dingen sehr ähnlich, in vielen Dingen wiederum grundverschieden. Maya hat sich nie gerne schmutzig gemacht und schreit das ganze Haus zusammen, sobald sich mal ein Insekt in ihr Zimmer verirrt. Sie ist sehr ordentlich und der pingeligste Mensch, den ich kenne. Lara liebte es als Kind im Garten zu matschen und Käfer zu beobachten. In ihrem Zimmer herrscht das kreative Chaos. Sie wollte immer ihren eigenen Weg gehen. Das ist bis heute so geblieben, nur die Unruhe hat sie im Laufe der Jahre abgelegt. Inzwischen ist sie ein ausgeglichener, freundlicher und an vielen Dingen interessierter Teenager.

Ich frage mich, was gewesen wäre, wenn Maya zuerst auf die Welt gekommen und mein einziges Kind geblieben wäre. Hätte ich gedacht, ihre ruhige, folgsame Art wäre allein die Frucht meiner Erziehung? Würde ich dieser Mutter in der Stadt nun einen vorwurfsvollen Blick zuwerfen und ihr das Gefühl geben, sie hätte die Erziehung ihres Sohnes nicht richtig im Griff? Vielleicht kann man Außenstehende nicht dafür verurteilen, wenn sie sich vorschnell über fremde Kinder und deren Eltern eine Meinung bilden. Sie wissen es ja meist nicht besser. Aber wenn man nichts Nettes zu sagen weiß, dann sollte man mit Kommentaren sparsam umgehen. Denn die Erziehung eines Kindes (selbst des vermeintlich „braven“) ist anstrengend und kräftezehrend genug, auch ohne unschöne Reaktionen von Außenstehenden.


35 Lesermeinungen

  1. romanpuff sagt:

    Hihi
    Sie haben mein Mitgefühl! Mein Sohnemann war perfekt darin, die Situationen zu erkennen, in denen er seine Eltern vor großem und genervten Publikum durch einen gut inszenierten Auftritt als tyrannische Kinderquäler/innen dastehen lassen konnte. Seine Lieblingsbühne waren überfüllte Straßenbahnen, nachmittags um halb fünf. Das ist zum Glück mittlerweile Jahre her, aber als nach wie vor regelmäßiger Öffi-Nutzer stoße ich mit schöner Regelmäßigkeit auf das Phänomen – aber zum Glück bei den Kindern anderer Leute ;-). Jedesmal frage ich mich dann, ob es für die armen Eltern dadurch besser wird, dass ich Taubheit vortäuschend möglichst teilnahmslos aus dem Fenster starre …

  2. KrisNL sagt:

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    Eine Kopie meines Lebens, nur andersherum. Du hast meine Kinder beschrieben, inklusive Reaktion und Verhalten bei Insekten. Mein Sohn, fast 4, die Ruhe in Person, sitzt still, läuft nach links, wenn wir es sagen, freundlich und zurückhaltend. Meine Tochter, fast 2, Terror, Teufel, gerissen, frech, Angst ein Fremdwort.
    Sie war von Geburt an einfach immer da, immer „an“. Mein Mann sagte, als sie 6 Wochen alt war: „wäre das unser erstes Kind gewesen, wäre es dabei geblieben.“ Der Satz brach mir damals wie heute zwar das Herz, aber er hat recht. Es ist anstrengend, sehr anstrengend, auf der anderen Seite sehe und merke ich immer wieder, wie wohl sie sich fühlt unter Leuten, auf großen Familienfeiern. Im Kindergarten sagt sie noch nicht einmal Tschüß, sie ist direkt weg, spielen, kein Umdrehen mehr.
    Ich hoffe, deine Lara und meine Tochter, und alle anderen Kinder mit diesem „Sinn am Entdecken des Lebens“, werden dieses nie verlieren. Ich lerne es auch langsam aber stetig zu liebe

  3. Flaim sagt:

    Beides
    Kinder können vom Charakter und Temparament ganz verschieden sein. Allerdings haben Eltern auch beim zweiten Kind mehr Erfahrung und kommen oft viel sicherer, mit einer natürlicheren Autorität rüber, wo Erstlingseltern oft noch sehr an sich und allem zweifeln. Auch darin liegen Unterschiede.

    Was für mich hier mehr die Frage ist: warum nimmt man ein schwieriges Kind zum Einkaufen mit, oder unbedingt ins Restaurant? Mit der wilden Gurke gibt es hier eher Lunch im Park, wo man zwischendrin rumrennen, den Enten was zuwerfen kann usw. und was wesentlich entspannter ist.

    • Tami1117 sagt:

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      Also die Frage warum man sein Kind zum Einkaufen mitnimmt finde ich nicht gerade hilfreich!🤔
      Wann soll man das denn sonst machen wenn nicht mit Kind? Abends wenn die kleinen schlafen und der Papa aufpasst, damit man dann einen entspannten Abend im Supermarkt verbringen kann und man niemanden belästigt? 😅
      Also ich bin der Meinung, dass man es den Eltern nicht noch schwer machen sollte indem man doof guckt oder auch noch vermeintlich schlaue Kommentare abgibt. Man steckt nicht drin und sollte den Mund halten wenn man nichts nettes zu sagen hat. 🤷‍♀️

    • AgaD sagt:

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      Ich finde die Bezeichnung „schwieriges Kind“schwierig. Aktives, lebensfrohes, neugieriges, lebensdurstiges Kind passt eher.
      Warum man ein Kind mit zum Einkaufen nimmt wurde beantwortet.
      Warum ins Restaurant? Weil man nicht auf alles verzichten mag, was man früher gern gemacht hat, weil man Freunde und Verwandte hat, die gerne im Restaurant feiern. Restaurants für Kinder sind allgemein schwierig. Viele nehmen Spielzeug mit oder geben den Kindern Smartphones mit Filmen, oder laufen mit dem Kind hin und her.

  4. SchwarzeRose86 sagt:

    So wahr
    Das kenne ich zu gut. Blicke, Kommentare, in Momenten in denen man sowieso schon kurz vor einem Nervenzusammenbruch ist. Da wird dann unterstellt man sei nicht streng genug, oder zu streng, oder … Hauptsache die Leute können ihren Senf dazu geben. Wenn doch jeder mal vor seiner eigene Türe kehren würde.Danke für den Artikel. Es baut doch auf dass es ähnliche Erfahrungen gibt.

  5. Karl63 sagt:

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    Normalerweise ist in der Welt der sogenannten progressiven Menschen, die in solchen Publikationen auftreten, alles eine Frage der sozialen Umwelt, der Erziehung, der Geschlechterklischees, des „kapitalistischen“ Drucks zu normgerechtem Verhalten, deshalb gibt es da ja auch keine mehr oder weniger begabte oder gar weniger intelligente Kinder, sondern alles sei nur Ergebnis der Umwelt, die grundsätzlich auch immer ungerecht sei. Wenn im oben geschilderten Zusammenhang auf einmal von angeborenem Verhalten die Rede ist, ist das doch erschreckend unmodern, wenn nicht gar reaktionär bei an sich doch so fortschrittlichen Eltern?

    • Weepted1993 sagt:

      Progressive? In was für Publikationen?
      Das was Sie meinen hat nichts mit Progressivität zu tun, sondern mit Naivität und Unwissen.
      Dass weder die Umwelt noch die Gene alleine einen Organismus vollständig determinieren, weiß, wer im Biounterricht aufgepasst hat.

  6. kimckoehler sagt:

    Keine Vorurteile mehr
    Hallo Frau Held(!). Danke für Ihren Beitrag. Unsere Amelia war/ist in etwa 80% Maya und 20% Lara, wenn ich das mal etwas vereinfacht sagen darf. Die 20% finden auch wir sehr anstrengend. Wenn wir mal in der 80%-Phase waren und ich dann andere Eltern mit einer/einem „Lara“ sah, oder mit 3 noch mit Schnuller oder ähnliches, dann dachte auch ich manchmal sehr arrogant „oh je, die machen irgendetwas falsch“. In der Zwischenzeit, und wenn ich an die vielen Tantren denke die wir erlebt haben, sage ich mir nun aber immer: Jede/r tut eben alles so gut wie sie/er es kann. Manchmal geht es sozusagen einfach ums „nackte Überleben“. Daher: Respekt vor allen Eltern, die eben das tun und geben, was sie können. Herzliche Grüße und weiterhin alles Gute für Ihre Lara und Maya.

  7. CleMai sagt:

    Kommt mir doch so bekannt vor.
    Schade den Artikel hätte ich vor 30 Jahren lesen sollen, hätte eine Menge Zweifel erspart.
    Unser Sohn hat sich aber zu einem mit beiden Beinen im Leben stehenden Menschen entwickelt, dem es gut geht.

  8. Swetlana2510 sagt:

    Schicksal
    Wow, so kann man es auch sehen. Da könnte was dran sein.
    Ich hatte eine Tochter wie Maya, ganz brav, wenn auch manchmal nur unter Androhung von schweren Konsequenzen. Sie hat sich gefügt. Später habe ich das bereut, wer weiß, wie sie sich sonst entwickelt hätte, wobei ich heute mit ihr, so wie sie ist, seeeehr zufrieden bin. Sie ist „gut gelungen“. Ein zweites Kind habe ich aus ebendiesen Gründen nicht riskiert. Ich war schon immer etwas bequem …

  9. Vazerrya sagt:

    Schön geschrieben
    Hatte mit dem ersten ein pflegeleichtes Kind, ich sage bis heute „Kind für Anfänger “ dafür war der zweite, kaum das er laufen konnte auch immer weg, sodass ich nicht mal an der Kasse zahlen konnte ohne ihn zu verlieren… die Sorge, dass er irgendwann doch mal auf eine Straße gelangt und unters Auto gerät war mir zu groß, also hab ich mir dann eine Kinderleine besorgt, wie Sie eine wohl im Urlaub gesehen haben, hatte auch mit bösen Kommentaren gerechnet und war mit der passenden Gegenantwort gewappnet… Jedoch kam überraschenderweise nur positive Resonanz egal ob die Leute selber Kinder hatten oder nicht… Vielleicht hat man meinem Kleinen auch angesehen, dass er nur Blödsinn im Kopf hat…

  10. MamaVonZwei sagt:

    Tut gut, sowas zu lesen...
    Genau wie bei mir… Es ist schwer, in der Öffentlichkeit… Die Blicke etc.. Ich fühle mich manchmal sehr hilflos.. Es tat gut diesen Artikel zu lesen 😊 Danke dafür.

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