Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Notbetreuung: Gutes Recht oder unsolidarische Extrawurst?

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Selbst wenn die Kita für die Notbetreuung geöffnet ist: Es ist dort einsamer als sonst.

Mindestens 1,50 Meter Abstand, in die Armbeuge niesen und möglichst häufig Händewaschen – willkommen in einer Kita, wo solche guten Vorsätze garantiert nur Vorsätze bleiben!

Die Verhaltensregeln, die in Zeiten der Corona-Pandemie befolgt werden sollen, sind mit Klein- und Kleinstkindern faktisch nicht einzuhalten. Wenn ein Kind immer auf den Schoß und an die Hand möchte, wird es sich kaum auf Abstand halten lassen, und das wäre im Binnenverhältnis Erzieher-Kind wohl auch kaum angebracht. Kein Wunder also, dass viele Erzieherinnen und Erzieher nicht gerade begeistert sind, dass sie weiterhin Kinder in ihren Kitas betreuen sollen. Wenn auch nur in Kleinstgruppen und im Rahmen einer Notbetreuung für Eltern, die systemrelevante Berufe ausüben. „Berufsgruppen, die zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens unverzichtbar sind“, so nennt das hessische Gesundheitsministerium solche systemrelevanten Berufe in Corona-Zeiten.

Meine Frau und ich gehören dazu. Sie, die als Therapeutin traumatisierte und schwertraumatisierte Kinder und Jugendliche betreut, und ich als Journalist, der seine Aufgaben nicht mal eben so nebenbei oder abends erledigen kann und dabei hilft, das Informationsbedürfnis der Bevölkerung zufriedenzustellen. Andere Berufsgruppen: Ärzte, Pfleger, Technisches Hilfswerk, Richterinnen, Staatsanwälte, Polizistinnen, Hebammen und Kinderkrankenhelfer, aber auch Fachkräfte, die nach den Sozialgesetzbüchern oder dem Asylbewerberleistungsgesetz Geld auszahlen und somit dabei helfen, dass Menschen nicht in existenzielle Nöte rutschen. Die Regeln, wer Anspruch auf Notbetreuung bekommt, wurden mittlerweile in den meisten Bundesländern, nicht allen, gelockert: Es reicht, wenn ein Elternteil zur Riege dieser systemrelevanten Berufe gehört. Zuletzt ist Brandenburg nachgezogen.

Die Kitas – so die anfängliche Sorge – könnte die großzügige Bemessung, wer und was als systemrelevant gilt, vor Probleme stellen. Denn natürlich gilt der Schutz vor Infektionen auch für Erzieherinnen und Erzieher. Zudem: Die Tatsache, dass die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verlangsamt werden soll, macht es grundsätzlich nötig, Gruppenansammlungen ab drei Menschen zu verhindern. In der Kita-Frage ergibt sich daraus ein Zielkonflikt: Nimmt man die Regeln ernst, müssten die Kinder zuhause bleiben. Will man den Betrieb am Laufen halten und nicht ganz Deutschland komplett stilllegen, müssen die systemrelevanten Berufsgruppen ihrer Tätigkeit nachgehen können.

„Steigende Betreuungszahlen erwartet“

Dass dieser Zielkonflikt nicht größere Welle schlägt, liegt daran, dass bislang relativ wenige Eltern von der Notbetreuung Gebrauch machen: In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten aller Bundesländer, sind nach Angaben des Familienministeriums derzeit nur zwischen 2,4 und 4,7 Prozent aller Kinder in den Kitas und der Kindertagespflege notbetreut. Allerdings dürften die Zahlen in diesen Tagen steigen, nachdem die Regeln gelockert und die Gruppe der Berufe vergrößert worden sind.

Wir leben in Hessen und dürfen unseren Sohn seit vergangener Woche in die Notbetreuung schicken – haben die Möglichkeit aber bislang nicht genutzt.

Warum? Eine Antwort fällt nicht ganz leicht, denn wir hätten allen Grund, die Notbetreuung in Anspruch zu nehmen. Die Tage sind derzeit kaum zu organisieren, die Betreuung eines Dreijährigen mit zwei berufstätigen Elternteilen eine – wie sagt sich so euphemistisch – Herausforderung, die sich zumindest stundenweise nicht lösen lässt. Aber der erste Gedanke, der zugegebenermaßen eher meiner Frau als mir kam, war: Das geht in diesen Tagen fast allen berufstätigen Eltern so! Also schaffen wir das auch! Das zweite Argument ist eher rationaler Natur als das vorherige emotionale: Je öfter der Kleine in die Betreuung geht, desto höher ist das Infektionsrisiko für die Kita-Mitarbeiter und für ihn und damit auch uns selbst. Die Argumentation ist eine Mischung aus pragmatischen Gründen und emotionaler Scheu, in solidarischen Zeiten eine Extrawurst anzunehmen, selbst wenn sie einem per Gesetzgeber zugestanden wird.

„Es gibt keine zufriedenstellende Antwort“

Allerdings kommen auch Stunden, in denen wir das Angebot dennoch annehmen müssen, weil es nicht anders geht. Die Betreuung durch die Großeltern fällt vorübergehend aus, die Nachbarn im Haus, die selbst ein Kleinkind zu versorgen haben, helfen, wo sie können – aber sie stoßen natürlich ebenfalls an ihre Grenzen. Und die Babysitterin, die wir ab und beschäftigen, ist eine willkommene Hilfe, aber auch sie muss sich in diesen Tagen schützen. Insofern ist das Argument der Kitas, dass sich die Erzieher wie alle anderen schützen müssen, natürlich richtig – aber es gilt genauso für Menschen wie Babysitter oder Nachbarn, die sich in ähnlicher Weise exponieren würden. In der Frage gibt es deshalb – aus unserer Sicht – keine vollständig zufriedenstellende Antwort, sondern nur eine Abwägung, die man jede Woche und jeden Tag neu begründen muss.

Sollten die Betreuungszahlen in diesen Tagen weiter steigen, kommt es darauf an, die Kleingruppen in Kitas nicht häufig wild neu zu mischen und nicht zu groß werden zu lassen. Im Grunde wäre eine Eins-zu-Eins-Betreuung der sinnvolle Weg, allerdings lässt sich das nicht machen, das gibt der Personalschlüssel in Kitas nicht her. Im Übrigen ist die Notfallbetreuung – bei allen guten Gegenargumenten – ein wichtiger Rettungsanker, nicht nur für berufstätige Eltern in Schlüsselbranchen. So will die Stadt Karlsruhe beispielsweise die Notfallbetreuung auf jene ausdehnen, die von Berufs wegen nicht zur systemrelevanten Gruppe gehören: nämlich dann, wenn Eltern in schwierigen Verhältnissen Überforderung droht und somit das Kindeswohl gefährdet sein könnte. Dass der Frieden in ohnehin gestörten Familiensystemen derzeit einem Stresstest unterzogen wird, ist anzunehmen. Womit wir zugleich die Antwort haben, weshalb der Beruf meiner Frau, Psychotherapeutin, auch und leider gerade in diesen Tagen systemrelevant ist.


1 Lesermeinung

  1. Zur Not könnte ich auf eine komplette Zeitung verzichten
    und mit einer Notausgabe leben – auf viele der Arzneimittel die wir täglich an die Apotheken liefern, könnte ohne Lebensgefahr nicht so einfach verzichtet werden. Sie sehen also, Systemrelevanz ist nicht gleich Systemrelevanz und bei Engpässen sollte dementsprechend abgewogen werden. Trotzdem bin ich natürlich sehr froh und dankbar über Ihre Arbeit und die Ihrer Kollegen.

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