Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Ich wünsche mir, dass ein Wunder passiert

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Auch Kinder müssen sich an Corona-Regeln halten: Ein Mädchen mit Schutzmaske steht in Kathmandu vorm Supermarkt an.

Wenn Corona schon für Erwachsene so beängstigend und belastend ist – wie muss es dann erst Kindern gehen? Hier erzählt die zwölfjährige Maya, Tochter unserer Autorin Sonia Heldt, wie sie mit der sozialen Isolation zurechtkommt.

Zuhause bleiben ist so blöd! Es macht mich traurig, dass das Homeschooling nach den Osterferien nun weitergeht. Ich besuche die 6. Klasse eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen. Mir fehlt es, meine Freundin morgens an der Straßenecke zu treffen und mit ihr gemeinsam zur Schule zu radeln, dort die anderen aus meiner Klasse zu sehen und nachmittags zum Sport zu gehen. Ich liebe den Sport und meinen Verein. Obwohl ich versuche, zuhause fit zu bleiben, fühle ich mich untätig. Und ich hasse den Onlineunterricht!

Als im März verkündet wurde, dass die Schule noch vor den Osterferien geschlossen werden würde, haben sich ganz viele Kinder aus meiner Klasse gefreut. Das konnten meine beste Freundin und ich überhaupt nicht verstehen. Es war doch klar, dass wir dafür zu Hause lernen müssen! Inzwischen findet das keiner mehr toll. Außerdem ist unsere Klassenfahrt wegen Corona ausgefallen: Wie wären vor den Osterferien eigentlich fünf Tage auf eine Burg gefahren. Vielleicht war ich anfangs sogar ein klitzekleines bisschen erleichtert, weil ich mir Sorgen um das Essen in der Jugendherberge gemacht hatte. Ich esse ziemlich viele Dinge nicht und das ist mir manchmal peinlich. Aber dann war die Enttäuschung doch größer als die Erleichterung. Es wäre unsere allererste Klassenfahrt auf dem Gymnasium gewesen und bestimmt wäre es megacool geworden.

Am ersten Homeschooling-Tag habe ich gedacht: „Okay, jetzt kann ich wenigstens ein bisschen länger schlafen“. Das habe ich dann auch die erste Woche getan. Ich bin zwischen neun oder zehn Uhr aufgestanden, habe gefrühstückt und bin zwischen den Aufgaben mit meiner Mutter spazieren gegangen. Die Lehrer haben uns die Aufgaben über die App „Microsoft Teams“ geschickt. Ich war richtig erschrocken, wie viel das war! Ich saß in der ersten Woche fast jeden Tag bis abends an meinem Schreibtisch. Das ist mir ganz schön auf die Nerven gegangen. Manchmal war ich kurz vorm Heulen. Ich hatte das Gefühl, gar keine richtige Freizeit mehr zu haben. Also habe ich meinen Vater gebeten, mich morgens schon um 7 Uhr zu wecken, bevor er das Haus verlässt. Ich habe dann eine Stunde gechillt, gefrühstückt und den Fernseher angemacht, bis meine Mutter gegen acht Uhr aufgestanden ist. Dann habe ich mich an die Aufgaben gesetzt. Das klappte besser und deswegen mache ich es nun, nach den Ferien, auch wieder so.

Die meisten Lehrer schicken ihre Aufgaben ordentlich und übersichtlich in einem Ordner und man kann Fragen stellen. Aber es gibt auch Lehrer, bei denen man merkt, dass sie sich weniger Mühe geben. Das finde ich nicht fair, das ärgert mich. Und es gibt andere Lehrer, die viel zu viel aufgeben und wegen denen man stundenlang nur an einem Fach sitzt, das man eigentlich an dem Tag gar nicht hätte. Es ist nicht einfach, sich alles selber beizubringen. Vor allem Mathe finde ich schwer, so ohne Lehrer. Viele Themen sind ja neu für uns. Ich würde lieber in der Schule sitzen und es erklärt bekommen und in der Pause mit meiner Freundin auf dem Schulhof rumlaufen. Diese Woche werden wir in einigen Fächern zu einer bestimmten Uhrzeit einen Anruf von unseren Lehrern bekommen. Das finde ich gut. Dann sitze ich nicht alleine am Schreibtisch. Es wird bestimmt total stressig, wenn die Schule wieder losgeht und wir dann eine Arbeit nach der anderen schreiben müssen.

Auf der Suche nach Beschäftigung

Nachmittags, wenn ich mit meinen Aufgaben fertig bin, gehe ich in den Garten oder versuche mich drinnen zu beschäftigen. Letztens habe ich im Fernsehen „Das große Backen“ gesehen und bekam plötzlich Riesenlust auch zu backen. Ich habe Haferflockenkekse und Brownies gemacht und mir für diese Woche einen Kuchen vorgenommen. Die Trainer meines Sportvereins denken sich fast jeden Tag eine sportliche Challenge aus. Sie tanzen zum Beispiel einen bestimmten Tanz und wir tanzen ihn nach und senden die Videos an die Trainer, die alle Videos sammeln und in ihren WhatsApp-Status stellen. Oder wir stoppen mit der Stoppuhr, wer sich am längsten im Ellbogenstütz halten kann.

Meine Eltern haben mir eine Schale mit Carnivoren geschenkt, das sind fleischfressende Pflanzen. Darüber habe ich mich mega gefreut! Ich besitze nun eine Venusfliegenfalle und einen Sonnentau. Eigentlich braucht man sie nicht füttern, aber ich habe es dann doch getan und bin ständig auf Fliegenjagd gegangen. Man muss schon ziemlich hobbylos sein, wenn man bei seinen Freunden eine Umfrage startet, um Namen für die Carnivoren zu finden! Nun heißt meine Venusfliegenfalle Carlos und der Sonnentau Karla. Jetzt brauche ich nur noch Namen für meine Urzeitkrebse, die ich seit ein paar Tagen züchte. Die „Mitbringexperimente Urzeitkrebse züchten“ hatte ich vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich habe das aber nie ausprobiert, weil meine Schwester Lara meinte, das würde sowieso nicht klappen. Sie hätte das schon einmal erfolglos versucht. Aber bei mir sind nach zwei Tagen tatsächlich zwei winzige Baby-Krebse geschlüpft, die ich nun jeden Tag beobachte und schaue, wie sie sich weiterentwickeln. Und heute Morgen ist sogar ein dritter Krebs geschlüpft! 

Auf der Suche nach Ersatz-Hobbys: Maya pflegt ihre Carnivoren und züchtet Urzeitkrebse

Lara schläft länger, kommt nie vor Mittag aus ihrem Zimmer, dann duscht sie und fährt mit einer Freundin mit dem Fahrrad durch die Gegend. Ich weiß nicht, ob sie ihre Aufgaben alle schafft. Und ich finde es doof, dass ich mich mit niemanden treffen kann. Ich würde gerne einmal wieder mit allen meinen Freundinnen richtig lange quatschen, nicht nur übers Handy. Mit meiner besten Freundin möchte ich endlich wieder ins Kino gehen. Meine Eltern sind mit mir einen Abend ins Autokino gefahren. Das war lustig und gemütlich. Wir hatten uns Chips und Süßigkeiten mitgenommen und uns in Decken gekuschelt, weil es kühl war und wir die Scheiben etwas runterlassen mussten, damit sie nicht so beschlagen. Aber Kino mit der besten Freundin ist einfach etwas anderes.  

Corona nervt

Ostern war dieses Jahr komisch. Ich habe für meine Großeltern Osterkarten gebastelt und Papa ist mit mir zu Oma und Opa gefahren, um sie zu übergeben. Wir haben kurz im Garten mit Abstand voneinander gesessen und geredet. Meine andere Oma wohnt weiter weg, die können wir im Moment gar nicht sehen. Das tut mir leid, denn ihr Bruder ist gerade gestorben und ich weiß, dass sie deswegen sehr traurig ist. Nun telefoniere ich hin und wieder mit ihr.  Mich nerven die Abstandsregeln und das Homeschooling, aber am aller-allermeisten nerven mich Corona-Nachrichten, Corona-Witze und Corona-Videos. Egal, welchen Sender man im Radio oder welches Programm man im Fernsehen einschaltet, immer hört man: „Corona, Corona, Corona“.  Ich kann auch keine Witze mehr über Klopapier oder Nudeln hören und will keine Videos mehr mit Anleitung zum Händewaschen geschickt bekommen!

Ich wünsche mir, dass ich meine Freunde bald alle wiedersehen und zur Schule gehen kann. Und ich wünsche mir, dass ein Wunder passiert und unser Sommerurlaub nach Griechenland dieses Jahr stattfinden wird. Denn nach der Klassenfahrt ist auch unser Familien-Osterurlaub ausgefallen, auf den ich mich schon so sehr gefreut hatte. Die ganzen Osterferien habe ich daran denken müssen, dass meine Füßchen jetzt eigentlich im warmen Sand am Strand stecken würden. Die Reise im Sommer wäre wahrscheinlich der letzte Urlaub, den Lara gemeinsam mit mir verbringen würde. Sie möchte nächstes Jahr bestimmt nicht mehr mit uns verreisen und sich mit mir ein Zimmer teilen. Wenn im Sommer dann auch noch das Freibad geschlossen bleibt, frage ich mich, wie ich den Sommer verbringen soll. Ich kann doch mit zwölf Jahren nicht mehr im Planschbecken sitzen und immer nur zu Hause alleine rumhängen?! Ich weiß ja, dass das alles sein muss, aber ich finde es trotzdem richtig blöd und traurig.


6 Lesermeinungen

  1. Los, Laschet, Bouffier etc.
    Ja, die Schule muß wieder her, Kinder brauchen diese lehrhafte Geselligkeit. Sie brauchen sie um so mehr, je jünger, unbegabter und je extrovertierter sie sind. Gefährdet sind Menschen mit Immunschwäche, meist sind sie alt und multimorbid. Kinder und Jugendliche sind kaum betroffen.

  2. Dem gibt es nur wenig hinzuzufügen...
    Auch wenn das nur ein kleiner und schon sehr reflektierter Einblick ist, muss man sich bewusst sein, dass kleinere Kinder damit erst recht nicht klar kommen. Vielleicht erkennen vielen von außen keinen Unterschied – aber wer seine Kinder momentan wahrnimmt, sieht in mannigfaltigen Situationen wie sie darunter leiden nichts mit Freunden machen zu können, nicht einfach mal auf dem Spielplatz zu toben usw.

    Dazu mal eine Antwort von Fr. Merkel auf der Pressekonferenz zu den neuen Corona-Maßnahmen: „Wir machen es nicht so, wie manchmal diskutiert wird, dass die Jungen alle Freiheiten erhalten und die Älteren ins Abseits gestellt werden. Das halten wir nicht für ethisch vertretbar.“

    Ich warte auf den Tag, an dem endlich zugegeben wird, dass es genau andersherum aber seit fast 6 Wochen praktiziert wird. Ein Kind darf nur auf die Straße zum Zwecke der Bewegung bzw. des Sports. Alles damit Oma und Opa bzw. >20 Millionen Wahlberechtigte auch weiterhin zu zweit zum Edeka dürfen…

    • Überalterte Gesellschaft
      … genau das ist es leider: Wir machen es so, dass die Alten um jeden Preis geschützt werden auch wenn die Jungen dadurch ins Abseits gestellt werden.

      Das liegt wohl an der überalterten Gesellschaft.

    • Re: Dem gibt es wenig hinzuzufügen
      Außer, dass wohl eher Uroma und Uropa geschützt werden als Oma und Opa. Obwohl immer von Oma und Opa die Rede ist.
      „Meine Tochter wäre noch viel trauriger, wenn Oma oder Opa stürben“ ist das Totschlagargument vieler Eltern, wenn ich frage, ob sie wissen wie es ihren Kindern geht.
      Seit ich Kind war, (Ja, ich bin Generation Oma) hat sich die Lebenserwartung um 10 Jahre gesteigert. Unsere Urgroßeltern haben wir nicht gekannt und es war klar, dass nicht nur die geliebte Katze, sondern auch Oma und Opa irgendwann sterben müssen.
      Jetzt sperren wir die Kinder ein, um eine multimorbide Risikogruppe zu schützen, die am Ende ihres Lebens angekommen ist.

  3. Die wohl schwierigste Suche des Lebens:
    In und für jede Situation das rechte „Corona-„Augenmaß finden?
    Corona bitte mehrdeutig lesen.
    Zitat:
    „Das Unmögliche gilt so lange als unmöglich bis es einer macht“:=)

  4. Netto nur schlechte Laune
    Endlich! Heute wieder Schule für unsere Zweitklässlerin. Die Vorfreude war groß, der Ranzen gepackt, Stifte wurden freudig angespitzt und unsere Tochter fuhr fröhlich mit dem Roller zur Schule. Nach drei Stunden kam sie traurig und enttäuscht zurück. In Kleingruppen aufgeteilt, Klassenkameraden mit Masken, fremde Lehrerin, keine Pause im Hof, dafür aber frierende Kinder im Klassenzimmer, weil die Fenster zum Ablüften der Aerosole offen bleiben sollten, abgeklebte Aufenthaltsbereiche, Aufstellpunkte… das hatte nichts mit ihrer Schule zu tun. „Könnt Ihr mich abmelden?“ war die erste Frage unter Tränen nach dem Nachhausekommen und die Laune war Bis zum Abend im Keller.
    In den drei Stunden Unterricht wurde ein Bruchteil dessen geschafft, was unser Kind zu Hause schafft, während wir arbeiten wohlgemerkt. Was für ein unnötiger Aufwand. Fünf Schulbriefe hatten uns vorbereitet! In einer Woche droht der nächste Schultag.
    Die Schule sollte wieder starten, wenn sie wied

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