Schlaflos

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„Tschüs, Wawa“ – ein Zweijähriger nimmt Abschied

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Was passiert wohl, wenn der Sessel eines Tages leer ist?

„Sterben ist nicht so einfach“, sagt die Tierärztin mitfühlend, als wir vor zwei Wochen zum dritten Mal innerhalb weniger Tage sehr niedergeschlagen in ihrer Praxis auftauchten. Wir wollen, müssen unserem Hund helfen zu sterben. Er ist todkrank, die Nieren haben ihre Arbeit eingestellt, und seit Tagen hatten wir zu Hause gehofft, dass er diesen letzten Schritt bei uns alleine schaffen möge.

Es waren Tage, an denen wir unseren Sohn Max an der Hand nahmen, uns vor das Körbchen des Hundes knieten und unserem Kleinkind in seinen Worten zu erklären versuchten, was passieren würde. „Der Wawa ist krank“, sagten wir. „Er hat ein Aua im Bauch.“ Und: „Der Wawa kann nicht mit dir spielen.“ Es waren Nachmittage, an denen unser kleiner wilder Sohn lange still am Körbchen stand und unseren Hund mit großen Augen anschaute. Mitten im Spiel unterbrach er sich, zeigte auf den Hund und sagte: „Wawa Aua“.

Es waren Abende, an denen mein Mann und ich uns von unserem Freund verabschiedeten, wenn Max im Bett war. Leise, verzweifelt, traurig.

Wie erklärt man einem nicht einmal Zweijährigen, dass das so lieb gewonnene Haustier sterben wird? Wenn sterben gar kein Begriff ist, wie ich an dieser Stelle vor einiger Zeit beschrieben habe? Damals, als es um tote Insekten ging, sagten wir manchmal, diese seien „kaputt“, wenn Max auf sie trete. Für unseren Hund fanden wir das unpassend – und außerdem hat Max gerade gelernt, dass man etwas Kaputtes meist wieder reparieren kann. Bricht bei seinem Bagger ein Teil ab, will er sofort den Opa anrufen, weil der bei uns in der Familie fürs Reparieren zuständig ist.

Max kennt keine Regenbogenbrücken, über die Tiere vielleicht gehen. Der Himmel ist für ihn für Flugzeuge und Vögel reserviert, nicht für Hunde. Wir erziehen Max nicht religiös und haben noch nie von Gott gesprochen. In einem Moment der Trauer zum ersten Mal damit anzufangen, erschien uns irgendwie zu spät. Und macht den Verlust ja auch nicht weniger schmerzlich.

„Wenn Gott alles sieht, warum hat er dann die Mia vergessen“, schluchzte meine sechsjährige Nichte, als sie nur wenige Tage nach unserem Hund Abschied von ihrer Katze nehmen musste. „Hat er uns nicht lieb, dass er uns so wehtut? Haben wir etwas falsch gemacht? Warum soll die Mia auf Gottes Schoß kuscheln – sie kann doch auf meinem kuscheln, ich war ihre beste Freundin.“ Meiner Schwester brach es fast das Herz, ihr Kind so verletzt zu sehen. Und alle ihre Erklärungsversuche beschrieb sie später selbst als „kläglich“.

Sterben ist einfach oft so unfair, es geht immer zu schnell oder zu langsam, es wirkt anachronistisch in unserem Leben, das sich normalerweise so stetig nach vorne bewegt. Niemand lässt einen Hund, eine Katze oder ein Meerschweinchen gerne gehen, selbst wenn es für das Tier ein langes und letztlich aussichtsloses Leiden verkürzt.

Auch für Kinder ist der Tod existenziell – und doch kaum zu begreifen. In der Bibliothek gibt es nicht viele Bücher zum Thema Tod und Kleinkinder – ich packe alles ein, was ich finde, das meiste ist Literatur für Kita-Erzieherinnen und Erzieher. „Säuglinge und kleine Kinder unter drei Jahren sind bereits im Stande, so etwas wie Trauer zu empfinden“, lese ich da, und dass sie mit ihren Bezugspersonen mitleiden und mit Weinen oder Änderungen im Schlaf- und Essverhalten reagieren. Kinder, die enge Bezugspersonen verlieren und den Verlust nicht kompensieren können, können sogar daran sterben, lese ich. Sie haben kein richtiges Zeitverständnis – eine kurze Zeit kann sich für sie sehr lang anfühlen, ihre Trauer verläuft oft in Wellen und kann auch Monate nach dem Verlust wieder aufbrechen. Sie leiden körperlich, weil sie noch keine Worte haben, ihren Schmerz auszudrücken.

Ich leihe ein Buch über ein Meerschweinchen namens Herr Muffin aus, das so alt ist, dass seine Nase grau geworden ist und der Bauch schrecklich weh tut. Max und ich verabschieden uns von der kleinen Raupe Schmatz, die eines Morgens einfach nicht mehr auf das Rütteln ihrer Freundin an der Blume reagiert. Wir lesen in „Die besten Beerdigungen der Welt“, dass man alle toten Tiere beerdigen kann – ob Biene, Spitzmaus oder Hering aus dem Kühlschrank. Ich bin begeistert, wie ehrlich und ungeschönt die Kinderbücher den Tod beschreiben, nur ist das meiste für Max noch zu schwer verständlich.

Wir können und müssen ihm nicht viel erklären, aber wir wollen ehrlich sein. Ich will keinen Euphemismus von „der Hund schläft ganz tief“ benutzen, weil ich befürchte, dass Max sonst abends nicht mehr ins Bett will, aus Angst, dann selbst nicht wieder aufzuwachen.

„Sag dem Wawa Tschüs, Max“, sage ich zu Max, kurz bevor mein Mann und ich mit unserem Hund den letzten Gang antreten. „Du weißt, der Wawa ist krank. Er sagt dir auch Tschüs. Er kommt nicht wieder.“ Max bleibt bei meinen Schwiegereltern und backt Sandkuchen, während wir beim Tierarzt halten, streicheln und warten. Während Max’ Mittagsschlaf bestatten wir den Hund im Garten und pflanzen eine große Blume darauf. Einem älteren Kind hätte ich die Möglichkeit gegeben, sich noch einmal von dem toten Tier zu verabschieden, wenn es das gewollt hätte, um zu merken, wie kalt es geworden ist, dass es nicht lebendig vergraben wird – das war nämlich meine größte Angst beim Tod meiner Oma. Ich musste sehen, dass kein Leben mehr in ihr ist, auch wenn ich mich davor fürchtete, „sie dann so in Erinnerung zu behalten“, wie ich so oft gehört hatte. Ich habe sie natürlich nicht so in Erinnerung behalten. Wenn ich an sie denke, erinnere ich mich an ihre Direktheit, ihre Klugheit und Neugier und ihren Witz. Wenn ich an unseren Hund denke, erinnere ich mich an seine lustigen Marotten und sein sanftes Schnarchen, wenn er in meinem Arm schlief.

Zwei Wochen ist es her, dass unser Hund gestorben ist – und fast täglich fragt Max nach ihm. „Wawa Opa?“, fragt er. „Nein, Max, der Wawa ist nicht beim Opa. Er ist gestorben und hat dir Tschüs gesagt, erinnerst du dich?“, sage ich. „Wawa düü“, sagt Max. Er sagt es jedes Mal, wenn er an der Ecke vorbeikommt, in der unser Hund sein Körbchen hatte. Ich weiß nicht, ob ihm klar ist, dass der Hund tatsächlich nicht wiederkommt. Der erste Besuch bei Oma und Opa zumindest war schlimm für ihn. Er suchte den Hund und fragte nach ihm. Kürzlich habe ich ihm die große Blume im Garten gezeigt, und ihm gesagt, dass mich die Blume an unseren Hund erinnert. „Himmel“, sagte Max und zeigte nach oben. Ich war überrascht und erfuhr: Mein Mann hatte ihm doch erzählt, dass der Hund im Himmel sei und offenbar gefällt ihm diese Erklärung am besten von allen. Seither haben wir ein neues Spiel: Wir suchen Flugzeuge im Himmel und stellen uns vor, wie unser Wawa darin Loopings fliegt.


7 Lesermeinungen

  1. Mitgefühl nur bei Tieren... Menschen bis zum Ende quälen ist zu lukrativ
    „Er ist todkrank, die Nieren haben ihre Arbeit eingestellt, und seit Tagen hatten wir zu Hause gehofft, dass er diesen letzten Schritt bei uns alleine schaffen möge.“

    Bei Menschen geht das natürlich nicht. Man könnte den Umsatz des Medizinisch-industriellen Komplexes bzw. der Sozialindustrie (der „Deep State“ Deutschlands) schmälern.

    Das hat IMMER allerhöchste Priorität.

  2. Der Tod ist heute (zu) weit weg, (zu) abstrakt
    Für frühere Generationen war das Sterben und der Tod viel normaler, viel alltäglicher. Ich kann mich noch gut daran erinnen dass wir als Kinder unser eigenes sehr lieb gewonnenes Haustier (einen Hasen) als Sonntagsbraten verzehrten. Der Tod von Haustieren war dementsprechend auch nichts abstraktes oder komisches mehr, wenn ein Tier stirbt, dann ist halt nur noch das tote Fleisch übrig und man kann es bestenfalls noch zu einer Mahlzeit oder Leder verarbeiten, nichts mit Himmel oder Regenbogen. Denke viele dieser Problem kommen daher, dass heutige Kinder oder auch Menschen kaum mehr mit dem Tod in Berührung kommen und dann umso mehr Probleme haben damit klar zu kommen. Auch wenn ich als Kind es nicht gut fand mein eigenes Haustier aufzuessen, getan habe ich es dann doch (wäre heute wohl undenkbar). Ob eine solche „Verrohung“ oder eine völlige „Abschottung“ mit Regenbogen-Himmel besser ist, will ich jedoch nicht beurteilen.

  3. Einfühlsam
    Danke für diesen einfühlsamen Text, der ein ganz alltägliches Problem beschreibt – denn wer hätte nicht selbst entweder schon als Kind ein totes Haustier verabschieden müssen oder es eben bei eigenen Kindern handhaben müssen, vom Meerschweinchen angefangen bis eben zum Hund als langjährigem Begleiter? Und die Hilflosigkeit, einem Kleinkind den Tod irgendwie begreifbar machen zu müssen, rührt von unserer aller Unfähigkeit her, den Tod überhaupt begreifen zu können – dieses „Skandalon“ unserer Existenz.

  4. "Tschüs Wawa" - Abschied eines Zweijährigen vom Hund
    Meine Frau und ich haben vor einiger Zeit unseren Hund (Westie) mit sieben Jahren plötzlich und von heute auf morgen wegen einer bis dahin unbemerkt starken Verkrebsung bis ins Gehirn in einer Uni-Veterinärklinik eigenhändig eingeschläfert.
    Meine Frau war vor Trauer und Entsetzen nicht mehr ansprechbar und ich hatte noch nie in meinem Leben derart geheult.
    Ich habe dann am nächsten Tag bei einem Züchter einen Hund gleicher Rasse als Welpe erworben.
    Das hat meiner Frau und mir über den Schmerz über den plötzlich Verlust unseres ersten Hundes hinweggeholfen und er hilft uns heute mit seiner freundlichen Art jeden Tag.
    Vielleicht würde auch dem kleinen Max ein neuer Hund zu verstehen helfen?

  5. Kinderbuch zum Thema „Tod“
    Ente, Tod und Tulpe von Wolf Erlbruch ist ein wunderbares Bilderbuch zum Thema „Tod“ und „Sterben“

  6. Tod und Religion
    Vom ganzen Text stach mir dieser Satz vor dem Hintergrund der Meldung der Austrittswelle aus den Kirchen in die Augen:
    „Wir erziehen Max nicht religiös und haben noch nie von Gott gesprochen. In einem Moment der Trauer zum ersten Mal damit anzufangen, erschien uns irgendwie zu spät.“
    Diese Haltung, dass Religion nur dann notwendig erscheint, wenn man sie braucht, ist nicht zu lösen von der Austrittswelle. Aber am Eindrücklichsten fand ich dann, dass trotz Weigerung, das Kind zu erziehen, die Eltern keine anderen Ausweg sahen, um der Angst des Kindes zu begegnen als sich in religiöse Symbolik zu flüchten und ganz volkskirchlich den Hund im Himmel zu verorten.
    Insofern ist der Austritt aus den Kirchen, wie sich hier zeigt, nur Ausdruck einer Weigerung, sich verbindlich auf eine Institution einzulassen, die und deren Symbole man nur in wenigen Situationen benötigt. Der Deutung der Welt durch religiöse Symbole tut dieser Kult der Unverbindlichkeit offensichtlich keinen Abbruch.

  7. Die Trauer beim Tod von Haustieren trifft gerade Erwachsene stärker, als der Tod manches Menschen.
    Könnte es sein, dass eher Erwachsene hier Hilfe brauchen?

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